Der BND und die Eich­mann-Akten

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat jetzt über die Wei­ge­rung des Bun­des­kanz­ler­am­tes ent­schie­den, Akten des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes über Adolf Eich­mann in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren offen­zu­le­gen und dabei das Zurück­hal­ten der Akten als rechts­wid­rig beur­teilt.

Der BND und die Eich­mann-Akten

Die Antrag­stel­le­rin ist Jour­na­lis­tin und arbei­tet als freie Kor­re­spon­den­tin in Argen­ti­ni­en. Sie begehrt vom BND Ein­sicht in Archiv­un­ter­la­gen, die im Wesent­li­chen aus den 50er und 60er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts stam­men und Infor­ma­tio­nen zur Per­son Adolf Eich­mann ent­hal­ten. Der BND hat die Ver­wei­ge­rung der Offen­le­gung auf ver­schie­de­ne Geheim­hal­tungs­grün­de des Bun­des­ar­chiv­ge­set­zes gestützt. Dage­gen hat die Antrag­stel­le­rin Kla­ge vor dem zustän­di­gen Senat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts erho­ben. Das Bun­des­kanz­ler­amt als obers­te Auf­sichts­be­hör­de des BND hat in einer Sper­r­erklä­rung die Vor­la­ge der Akten in dem gericht­li­chen Ver­fah­ren ver­wei­gert, weil eine Offen­le­gung dem Wohl des Bun­des Nach­tei­le berei­ten könn­te. Die Akten beträ­fen unter ande­rem Doku­men­te, die von einem aus­län­di­schen Nach­rich­ten­dienst stamm­ten, der einer Ver­öf­fent­li­chung nicht zuge­stimmt habe. Eine Geheim­hal­tung sei aus außen­po­li­ti­schen Grün­den, ins­be­son­de­re der Nah­ost-Poli­tik, erfor­der­lich. Dane­ben beträ­fen die Akten eine bestimm­te nach­rich­ten­dienst­li­che Ope­ra­ti­on, die zum Schutz dama­li­ger Infor­man­ten wei­ter geheim gehal­ten wer­den müs­se. Außer­dem ent­hiel­ten sie per­sön­li­che Daten einer Viel­zahl von Per­so­nen, die eben­falls geschützt wer­den müss­ten. Eine auch nur teil­wei­se Offen­le­gung durch Schwärzung der betref­fen­den Pas­sa­gen kom­me des­halb nicht in Betracht; sie ver­stie­ße zudem gegen archi­va­ri­sche Grund­sät­ze und bedeu­te­te ange­sichts eines Akten­um­fangs von ca. 3 400 Sei­ten einen unver­hält­nis­mä­ßi­gen Ver­wal­tungs­auf­wand. Die Antrag­stel­le­rin hat dar­auf­hin bean­tragt, die Recht­mä­ßig­keit der Sper­r­erklä­rung zu über­prü­fen. Für die­se Über­prü­fung ist nach § 99 Abs. 2 VwGO der Fach­se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zustän­dig, dem in einem geson­der­ten sog. in-came­ra-Ver­fah­ren Ein­sicht in die Akten zu gewäh­ren ist.

Der Fach­se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts hat nach Über­prü­fung der Akten ent­schie­den, dass die Sper­r­erklä­rung des Bun­des­kanz­ler­am­tes rechts­wid­rig ist. Die gel­tend gemach­ten Geheim­hal­tungs­grün­de sei­en nach dem Akten­in­halt nur teil­wei­se berech­tigt und erlaub­ten außer­dem kei­ne voll­stän­di­ge Zurück­hal­tung.

Ob die Offen­le­gung von Archiv­un­ter­la­gen über abge­schlos­se­ne Vor­gän­ge der Zeit­ge­schich­te dem Wohl des Bun­des Nach­tei­le berei­ten wür­de und des­halb in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren gemäß § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO ver­wei­gert wer­den dür­fe, erfor­de­re unter Berück­sich­ti­gung rechts­staat­li­cher Belan­ge einer nach­voll­zieh­ba­ren und ver­ständ­li­chen Dar­le­gung, die auch die seit den Vor­gän­gen ver­stri­che­ne Zeit in den Blick neh­men müs­se. Die vom Bun­des­kanz­ler­amt zurück­ge­hal­te­nen Akten beträ­fen in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Vor­gän­ge, die in ers­ter Linie von ledig­lich zeit­ge­schicht­li­chem Inter­es­se sei­en. Die Akten bezö­gen sich zudem nicht auf Umstän­de, die bis­lang ins­ge­samt geheim gehal­ten wor­den sei­en und durch eine Ver­öf­fent­li­chung erst­mals offen­bar wür­den, son­dern im Wesent­li­chen auf die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Gewalt­herr­schaft, die Ver­fol­gung und sys­te­ma­ti­sche Ermor­dung der euro­päi­schen Juden, die Rol­le ver­schie­de­ner Mit­glie­der des NS-Regimes, nament­lich Adolf Eich­manns, sowie mit die­sen Per­so­nen in Zusam­men­hang ste­hen­de Vor­gän­ge der Nach­kriegs­zeit. Die ohne­hin bekann­ten Gescheh­nis­se wür­den durch eine Ver­öf­fent­li­chung der in Rede ste­hen­den Archiv­un­ter­la­gen nur um Facet­ten ergänzt. Vor die­sem Hin­ter­grund reich­ten all­ge­mei­ne Hin­wei­se auf außen­po­li­ti­sche Impli­ka­tio­nen und die Nah­ost-Poli­tik nicht aus, um gegen­wär­ti­ge Nach­tei­le für das Wohl des Bun­des im Fal­le einer Ver­öf­fent­li­chung zu begrün­den. Glei­ches gel­te für die ange­führ­te Gefähr­dung der wei­te­ren Zusam­men­ar­beit mit aus­län­di­schen Nach­rich­ten­diens­ten.

Der vom Bun­des­kanz­ler­amt außer­dem gel­tend gemach­te Schutz von Infor­man­ten sei zwar ein berech­tig­ter Geheim­hal­tungs­grund nach § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO. Aller­dings erlau­be er nur eine Zurück­hal­tung sol­cher Akten­tei­le, die Rück­schlüs­se auf Quel­len des BND zulie­ßen. Das betref­fe nicht die gesam­ten Archiv­un­ter­la­gen. Ähn­li­ches gel­te für die per­sön­li­chen Daten Drit­ter. Sie sei­en schutz­wür­dig, soweit kei­ne Per­so­nen der Zeit­ge­schich­te oder ohne­hin bekann­te Zusam­men­hän­ge in Rede stün­den. Auch die­ser Geheim­hal­tungs­grund kön­ne aber kei­ne voll­stän­di­ge Sper­rung der Akten recht­fer­ti­gen.

Die Ver­wei­ge­rung der Vor­la­ge von Akten in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren erfor­de­re, zumal bei umfang­rei­che­ren Unter­la­gen, für die unter­schied­li­che Geheim­hal­tungs­grün­de gel­tend gemacht wür­den, eine kon­kre­te Zuord­nung der Geheim­hal­tungs­grün­de zu den jewei­li­gen Akten­be­stand­tei­len. Die vom Bun­des­kanz­ler­amt ange­führ­ten archi­va­ri­schen Grund­sät­ze recht­fer­tig­ten es eben­so wenig wie ein hoher Ver­wal­tungs­auf­wand, Archiv­un­ter­la­gen ins­ge­samt zurück­zu­hal­ten, wenn sie nur in Tei­len geheim­hal­tungs­be­dürf­tig sei­en. Da § 99 Abs. 1 Satz 2 VwGO der obers­ten Dienst­be­hör­de Ermes­sen ein­räu­me, im Inter­es­se der Wahr­heits­fin­dung und im Inter­es­se des Betrof­fe­nen an effek­ti­vem Rechts­schutz in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren auch als geheim ein­ge­stuf­te Akten offen­zu­le­gen, kön­ne der Fach­se­nat nicht an Stel­le der Behör­de ent­schei­den, son­dern nur fest­stel­len, dass die vor­lie­gen­de Sper­r­erklä­rung ins­ge­samt rechts­wid­rig sei. Die­se Fest­stel­lung hin­de­re das Bun­des­kanz­ler­amt nicht, eine erneu­te Sper­r­erklä­rung abzu­ge­ben und dann bei der Ein­stu­fung der Archiv­un­ter­la­gen als geheim­hal­tungs­be­dürf­tig und bei der Ermes­sens­aus­übung anhand der auf­ge­zeig­ten Maß­stä­be zwi­schen den ein­zel­nen Akten­tei­len unter Berück­sich­ti­gung des Inter­es­ses der Antrag­stel­le­rin an effek­ti­vem Rechts­schutz zu dif­fe­ren­zie­ren.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 19. April 2010 – 20 F 13.09