Der Chi­ro­prak­ti­ker – und die sek­to­ral Heilpraktikererlaubnis

Die für die Ertei­lung einer sek­to­ra­len Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis erfor­der­li­che Abgrenz­bar­keit des betref­fen­den Bereichs der Heil­kun­de setzt einen vom Gesetz­ge­ber geschaf­fe­nen nor­ma­ti­ven Rah­men des Berufs­bilds nicht voraus. 

Der Chi­ro­prak­ti­ker – und die sek­to­ral Heilpraktikererlaubnis

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts begrün­den § 1 Abs. 1 und § 2 Abs. 1 des Geset­zes über die berufs­mä­ßi­ge Aus­übung der Heil­kun­de ohne Bestal­lung (Heil­prak­ti­ker­ge­setz – Heil­prG) vom 17.02.19391, in Ver­bin­dung mit der Ers­ten Durch­füh­rungs­ver­ord­nung zum Heil­prak­ti­ker­ge­setz (1. DVO-Heil­prG) vom 18.02.19392, jeweils zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 23.12.20163, einen Anspruch auf Ertei­lung einer sek­to­ra­len Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis4. Vor­aus­set­zung hier­für ist, dass die beab­sich­tig­ten Behand­lungs­me­tho­den ohne ärzt­li­che Ver­ord­nung heil­kund­li­che Tätig­kei­ten sind, die ohne Erlaub­nis nicht aus­ge­übt wer­den dür­fen, und dass die Heil­kun­de nur auf einem abgrenz­ba­ren Gebiet aus­ge­übt wer­den soll, des­sen Tätig­keits­um­fang hin­rei­chend aus­dif­fe­ren­ziert ist.

Aus­übung der Heil­kun­de nach § 1 Abs. 2 Heil­prG ist jede berufs- oder gewerbs­mä­ßig vor­ge­nom­me­ne Tätig­keit zur Fest­stel­lung, Hei­lung oder Lin­de­rung von Krank­hei­ten, Lei­den oder Kör­per­schä­den beim Men­schen. Wegen der mit dem Erlaub­nis­zwang ver­bun­de­nen Beschrän­kung der Berufs­frei­heit des Art. 12 Abs. 1 GG fal­len dar­un­ter nur sol­che Heil­be­hand­lun­gen, die heil­kund­li­che Fach­kennt­nis­se erfor­dern und gesund­heit­li­che Schä­den ver­ur­sa­chen kön­nen, wobei ein nur gering­fü­gi­ges Gefähr­dungs­po­ten­ti­al nicht aus­reicht5

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg6 hat im vor­lie­gen­den Fall zur Annah­me der Gefahr­ge­neigt­heit chi­ro­prak­ti­scher Behand­lungs­me­tho­den zwar kein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ein­ge­holt7. Dass es sich bei den chi­ro­prak­ti­schen Behand­lungs­me­tho­den, die der Chi­ro­prak­ti­ker aus­üben möch­te, um gefahr­ge­neig­te Tätig­kei­ten und damit um die Aus­übung von Heil­kun­de han­delt, wird auch von der Revi­si­on nicht bestrit­ten. Die Auf­fas­sung ent­spricht der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts8 und ist – soweit ersicht­lich – ein­hel­li­ge Mei­nung in der Judi­ka­tur9. Auch die zivil­ge­richt­li­che Recht­spre­chung zu Scha­dens­er­satz- oder Schmer­zens­geld­an­sprü­chen geht davon aus, dass mit chi­ro­prak­ti­schen Behand­lun­gen die unmit­tel­ba­re Gefahr schwer­wie­gen­der Gesund­heits­be­ein­träch­ti­gun­gen ver­bun­den sein kann10. Schließ­lich benen­nen die von der World Health Orga­niz­a­ti­on im Jahr 2006 her­aus­ge­ge­be­nen Richt­li­ni­en zu Min­dest­an­for­de­run­gen an das Stu­di­um und zur Sicher­heit in der Chi­ro­prak­tik (WHO-Richt­li­ni­en) Risi­ken, die bei Vor­lie­gen einer Kon­tra­in­di­ka­ti­on lebens­be­droh­lich sein können. 

Die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zur Beur­tei­lung der Gefahr­ge­neigt­heit der beab­sich­tig­ten chi­ro­prak­ti­schen Behand­lungs­me­tho­den muss­te sich dem Beru­fungs­ge­richt bei die­ser Sach­la­ge nicht auf­drän­gen11. Die Annah­me, dass es sich bei den beab­sich­tig­ten chi­ro­prak­ti­schen Behand­lungs­me­tho­den um die Aus­übung von Heil­kun­de han­delt, die ohne Erlaub­nis nicht aus­ge­übt wer­den darf, ist revi­si­ons­recht­lich nicht zu beanstanden. 

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist geklärt, dass die Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis teil­bar ist. Das Heil­prak­ti­ker­ge­setz ent­hält weder dem Wort­laut nach noch nach sei­nem Sinn und Zweck ein Ver­bot der Ertei­lung einer inhalt­lich beschränk­ten Erlaub­nis. Seit Inkraft­tre­ten des vor­kon­sti­tu­tio­nel­len Geset­zes haben sich die Berufs­bil­der auf dem Sek­tor der Gesund­heits­be­ru­fe in damals nicht vor­her­seh­ba­rer Wei­se aus­dif­fe­ren­ziert. Die Vor­schrif­ten des Heil­prak­ti­ker­ge­set­zes müs­sen daher im Lich­te der Frei­heit der Berufs­wahl aus Art. 12 Abs. 1 GG durch Aus­le­gung an die gegen­wär­ti­gen Gege­ben­hei­ten ange­passt wer­den. Danach ist eine unein­ge­schränk­te Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis mit der Fol­ge einer umfas­sen­den Kennt­nis­über­prü­fung nach § 2 Abs. 1 Satz 1 Buchst. i der 1. DVO-Heil­prG zum Schutz der Gesund­heit der Bevöl­ke­rung und der Pati­en­ten nicht erfor­der­lich und des­halb nicht gerecht­fer­tigt, wenn ein Antrag­stel­ler die Heil­kun­de nur auf einem abgrenz­ba­ren Gebiet aus­üben will, des­sen Tätig­keits­um­fang hin­rei­chend aus­dif­fe­ren­ziert ist. In einem sol­chen Fall reicht es aus, eine auf die­ses Gebiet beschränk­te Erlaub­nis zuzu­spre­chen, solan­ge sicher­ge­stellt ist, dass der Antrag­stel­ler die Gren­zen sei­nes Kön­nens kennt und beach­tet12

Ein Gebiet ist hin­rei­chend aus­dif­fe­ren­ziert und abgrenz­bar, wenn sich der Umfang der erlaub­ten Heil­tä­tig­keit klar bestim­men und von ande­ren Berei­chen der Heil­kun­de­aus­übung abgren­zen lässt. In der Pra­xis dür­fen kei­ne Unklar­hei­ten dar­über bestehen, ob eine kon­kre­te Behand­lungs­maß­nah­me zu dem betref­fen­den Tätig­keits­ge­biet zählt oder nicht13. Es muss ein­deu­tig sein, wel­che Behand­lungs­me­tho­den und The­ra­pie­for­men von dem Gebiet umfasst wer­den und zur Behand­lung wel­cher Krank­hei­ten, Lei­den und Beschwer­den sie ein­ge­setzt wer­den. Die Zuer­ken­nung einer sek­to­ra­len Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis ist daher nur mög­lich, soweit sich auf dem Gebiet der Heil­kun­de ein eigen­stän­di­ges und abgrenz­ba­res Berufs­bild her­aus­ge­bil­det hat14

Zur Annah­me eines hin­rei­chend abgrenz­ba­ren Bereichs der Heil­kun­de ist ein vom natio­na­len Gesetz­ge­ber geschaf­fe­ner nor­ma­ti­ver Rah­men, der ein­deu­tig abgrenzt, ob eine bestimm­te Maß­nah­me zum betref­fen­den Bereich zählt, nicht zwin­gend erfor­der­lich. Der ent­ge­gen­ste­hen­de Rechts­satz des Beru­fungs­ge­richts ver­letzt Bundesrecht. 

Dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg ist aller­dings zuzu­ge­ben, dass das Feh­len eines gesetz­lich fixier­ten Berufs­bil­des die Abgren­zung eines Teil­ge­biets der Heil­kun­de erschwert. 

Dies gilt ins­be­son­de­re in Anbe­tracht des Umstands, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dem Gesetz­ge­ber die Befug­nis zur Fixie­rung von Berufs­bil­dern zukommt, der dabei auch „gestal­tend“ berufs- und gesell­schafts­po­li­ti­sche Ziel­vor­stel­lun­gen und Leit­bil­der durch­set­zen darf15

Hin­zu kommt, dass die Aner­ken­nung sek­to­ra­ler Beschrän­kun­gen der Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis in der Recht­spre­chung maß­geb­lich auf die sys­te­ma­ti­sche Unstim­mig­keit gestützt wird, die ent­stan­den ist, weil der Gesetz­ge­ber im Bereich der Gesund­heits­be­ru­fe neue Berufs­bil­der fest­ge­legt hat, deren Ange­hö­ri­ge trotz erheb­li­cher berufs­recht­li­cher Qua­li­fi­ka­ti­on nicht zur eigen­ver­ant­wort­li­chen Heil­be­hand­lung befugt sind, Heil­prak­ti­kern aber auch in die­sen Berei­chen eine ent­spre­chen­de Berech­ti­gung zukommt, obwohl sie nur einer am Ziel der Gefah­ren­ab­wehr aus­ge­rich­te­ten Kennt­nis­über­prü­fung durch das Gesund­heits­amt unter­zo­gen wer­den16

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist die Fra­ge, ob die für die Ertei­lung einer sek­to­ra­len Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis erfor­der­li­che Aus­dif­fe­ren­ziert­heit und Abgrenz­bar­keit des betref­fen­den Gebiets der Heil­kun­de­aus­übung auch ohne ein gesetz­lich fixier­tes Berufs­bild gege­ben sein kann, daher bis­lang offen­ge­las­sen wor­den17

Für die Schutz­ge­wäh­rung aus Art. 12 Abs. 1 GG kommt es auf eine nor­ma­ti­ve Abgren­zung durch den Gesetz­ge­ber aber nicht an. Auch die gesetz­ge­be­ri­sche Gestal­tung bei der Fixie­rung und Aus­ge­stal­tung von Berufs­bil­dern muss viel­mehr den Anfor­de­run­gen an grund­rechts­be­schrän­ken­de Geset­ze genü­gen18

Für die Aner­ken­nung einer auf Dau­er ange­leg­ten und auf die Schaf­fung und Erhal­tung der Lebens­grund­la­ge aus­ge­rich­te­ten Tätig­keit als Beruf ist nicht aus­schlag­ge­bend, ob der Gesetz­ge­ber bereits ein ent­spre­chen­des Berufs­bild vor­ge­se­hen hat19. Der Gesetz­ge­ber ist nicht befugt, die ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be – und damit den Gewähr­leis­tungs­be­reich der Berufs­frei­heit – vor­zu­ge­ben. Beruf im Sin­ne des Art. 12 Abs. 1 GG kön­nen daher auch Tätig­kei­ten sein, die von tra­di­tio­nel­len oder gesetz­lich fixier­ten Berufs­bil­dern abweichen. 

Neue Beru­fe ent­ste­hen regel­mä­ßig auf­grund der fort­schrei­ten­den tech­ni­schen, sozia­len oder wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung20. Viel­fach wer­den sich neue Berufs­bil­der dadurch erge­ben, dass sich eine im Aus­land ent­wi­ckel­te Aus­dif­fe­ren­zie­rung auch in Deutsch­land eta­bliert21. Das Recht muss den Ver­än­de­run­gen der Lebens­wirk­lich­keit Rech­nung tra­gen22

Die Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Gesund­heits­be­ru­fe in Deutsch­land beruht nicht in ers­ter Linie auf den nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben des Gesetz­ge­bers, son­dern auf tat­säch­li­chen Ent­wick­lun­gen. Die Spe­zia­li­sie­rung fin­det in der Pra­xis – wie im vor­lie­gen­den Fall der chi­ro­prak­ti­schen Behand­lung – auch dort statt, wo der Gesetz­ge­ber ent­spre­chen­de Rege­lun­gen (noch) nicht getrof­fen hat. Die Her­aus­bil­dung eigen­stän­di­ger Beru­fe kann dabei auch auf dem Ent­ste­hen pri­va­ter Aus­bil­dungs­ein­rich­tun­gen mit eige­nen Lehr- und Prü­fungs­stan­dards beru­hen23

Ein vom Gesetz­ge­ber geschaf­fe­ner nor­ma­ti­ver Rah­men – etwa in Gestalt von Aus­bil­dungs- und Prü­fungs­ord­nun­gen – oder eine Aner­ken­nung als durch Richt­li­ni­en des Gemein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses vor­ge­ge­be­nes Heil­mit­tel sind daher nicht zwin­gend erfor­der­lich, um einen hin­rei­chend abgrenz­ba­ren Bereich der Heil­kun­de zu definieren. 

Die­se Ein­ord­nung dürf­te sich auch aus den Vor­ga­ben des euro­päi­schen Uni­ons­rechts ergeben. 

Da die Bedin­gun­gen für den Zugang zum Beruf des Chi­ro­prak­tors und/​oder Chi­ro­prak­ti­kers bis­her nicht auf Uni­ons­ebe­ne har­mo­ni­siert wor­den sind, blei­ben die Mit­glied­staa­ten zwar grund­sätz­lich befugt, die­se Bedin­gun­gen selbst fest­zu­le­gen24. Die Richt­li­nie 2005/​36/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 07.09.2005 über die Aner­ken­nung von Berufs­qua­li­fi­ka­tio­nen25, zuletzt geän­dert durch den Dele­gier­ten Beschluss (EU) 2020/​548 der Kom­mis­si­on vom 23.01.202026, ent­hält für den Bereich der Chi­ro­prak­tik kei­ne Rege­lun­gen. Nach Art. 49 Abs. 2 des Ver­trags über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on – AEUV – wird die Nie­der­las­sungs­frei­heit des­halb nach den Bestim­mun­gen des Auf­nah­me­staats für sei­ne eige­nen Ange­hö­ri­gen gewährt. 

Ein­schrän­kun­gen die­ser mit­glied­staat­li­chen Rege­lungs­be­fug­nis kön­nen sich aber im Hin­blick auf die Grund­frei­hei­ten erge­ben, wenn der natio­na­len Rege­lung eine die Nie­der­las­sungs­frei­heit poten­ti­ell behin­dern­de Wir­kung zukommt. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on muss eine den par­ti­el­len Zugang zu einem regle­men­tier­ten Beruf aus­schlie­ßen­de Rege­lung in die­sem Fall durch zwin­gen­de Grün­de des All­ge­mein­wohls gerecht­fer­tigt sein und darf nicht über das zur Errei­chung des ver­folg­ten Ziels Erfor­der­li­che hin­aus­ge­hen27. Es sind daher durch­aus Fäl­le denk­bar, in denen die in einem ande­ren EU-Mit­glied­staat erwor­be­ne Berufs­qua­li­fi­ka­ti­on die Zulas­sung ent­spre­chen­der Tätig­kei­ten in Deutsch­land auch dann erfor­der­lich macht, wenn ent­spre­chen­de natio­na­le Vor­schrif­ten nicht bestehen. 

Dies dürf­te im vor­lie­gen­den Fall indes nicht gel­ten. Wel­che Behand­lungs­me­tho­den der Chi­ro­prak­ti­ker auf­grund sei­ner in einem EU-Mit­glied­staat (hier: Öster­reich) erwor­be­nen Aus­bil­dung dort aus­üben darf, ob die­se Berech­ti­gung nur auf­grund ärzt­li­cher Ver­ord­nung besteht und inwie­weit die chi­ro­prak­ti­sche Tätig­keit nur im Rah­men der Zulas­sung als Phy­sio­the­ra­peut erlaubt ist oder eine eigen­stän­di­ge, unab­hän­gig von all­ge­mein berufs­bil­den­den Abschlüs­sen bestehen­de Berech­ti­gung dar­stellt, ist im Beru­fungs­ur­teil nicht fest­ge­stellt. Nach eige­nen Anga­ben darf der Chi­ro­prak­ti­ker auf­grund sei­ner in Öster­reich erwor­be­nen Aus­bil­dung zwar dort als Phy­sio­the­ra­peut auf ärzt­li­che Ver­ord­nung auch ortho­pä­di­sche manu­el­le The­ra­pie und Chi­ro­prak­tik betrei­ben. Dass er dort eine von ärzt­li­cher Ver­ord­nung unab­hän­gi­ge Behand­lungs­be­fug­nis erwor­ben hat, wie sie aus der Ertei­lung einer sek­to­ra­len Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis in Deutsch­land fol­gen wür­de, hat er dage­gen nicht vor­ge­tra­gen. Die Vor­aus­set­zun­gen eines uni­ons­recht­lich begrün­de­ten par­ti­el­len Berufs­zu­gangs wür­den daher – unbe­scha­det der Fra­ge, ob die sons­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen hier­für erfüllt wären – bereits an Art. 4f Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2005/​36/​EG schei­tern. Eben­so­we­nig kann dem Vor­brin­gen des Chi­ro­prak­ti­kers ent­nom­men wer­den, dass und gege­be­nen­falls wel­che ihm in Öster­reich erlaub­ten Behand­lun­gen im Bun­des­ge­biet trotz der in Deutsch­land absol­vier­ten Berufs­aus­bil­dung zum Phy­sio­the­ra­peu­ten und der hier erteil­ten Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis auf dem Gebiet der Phy­sio­the­ra­pie unter­sagt sein sollten. 

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg hat eine hin­rei­chen­de Abgrenz­bar­keit und Aus­dif­fe­ren­ziert­heit der Chi­ro­prak­tik auch für den Fall ver­neint, dass das Vor­han­den­sein oder Feh­len eines ent­spre­chen­den nor­ma­ti­ven Rah­mens hier­für nicht allein aus­schlag­ge­bend sein soll­te. Sei­ne Prü­fung genügt aber nicht den bun­des­recht­li­chen Anfor­de­run­gen. Ob der Bereich der Chi­ro­prak­tik auch ohne nor­ma­ti­ven Rah­men hin­rei­chend abgrenz­bar und aus­dif­fe­ren­ziert ist, kann anhand der tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen im Beru­fungs­ur­teil nicht abschlie­ßend beur­teilt werden. 

Auch wenn die Zuer­ken­nung einer sek­to­ra­len Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis kein gesetz­lich fixier­tes Berufs­bild vor­aus­setzt, erfor­dert die Aner­ken­nung eines abgrenz­ba­ren Bereichs der Heil­kun­de, dass sich der Umfang der erlaub­ten Tätig­keit anhand eines in ver­gleich­ba­rer Wei­se fest umris­se­nen, abgrenz­ba­ren Berufs­bilds bestim­men lässt28. Wie bereits dar­ge­legt, dür­fen in der Pra­xis kei­ne Unklar­hei­ten dar­über bestehen, ob eine kon­kre­te Behand­lungs­maß­nah­me zu dem betref­fen­den Tätig­keits­ge­biet zählt oder nicht; es muss ein­deu­tig sein, wel­che Behand­lungs­me­tho­den und The­ra­pie­for­men von dem Gebiet umfasst wer­den und zur Behand­lung wel­cher Krank­hei­ten, Lei­den und Beschwer­den sie ein­ge­setzt wer­den29. Nur dann ist die Befrei­ung von der in § 2 Abs. 1 und § 7 Heil­prG i.V.m. § 2 Abs. 1 Buchst. i der 1. DVO-Heil­prG vor­ge­se­he­nen all­ge­mei­nen Über­prü­fung der Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten gerechtfertigt. 

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg hat sich in sei­ner Hilfs­er­wä­gung damit begnügt, die „vom Ver­wal­tungs­ge­richt her­an­ge­zo­ge­nen Kri­te­ri­en“ zu wür­di­gen. Wel­che Krank­heits­bil­der und The­ra­pie­for­men zum Behand­lungs­be­reich der Chi­ro­prak­tik oder zur Tätig­keit eines Chi­ro­prak­tors mit aka­de­mi­scher Aus­bil­dung im Sin­ne der Kate­go­rie I der WHO-Richt­li­ni­en gehö­ren und inwie­weit die­se Tätig­kei­ten einem selb­stän­di­gen Berufs­bild zuge­ord­net wer­den kön­nen oder als Teil­ge­biet ande­rer Berei­che – wie etwa der Phy­sio­the­ra­pie oder der manu­el­len The­ra­pie – erschei­nen und so auch von Ange­hö­ri­gen ande­rer Gesund­heits­be­ru­fe aus­ge­übt wer­den kön­nen, hat das Beru­fungs­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Aus eige­ner Sach­kun­de dürf­te dies auch nicht mög­lich sein. 

In sei­ner frü­he­ren Recht­spre­chung hat­te der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg noch kei­nen Grund dafür gese­hen, an der Abgrenz­bar­keit eines auf das Gebiet der ortho­pä­di­schen Medizin/​manuellen The­ra­pie bezo­ge­nen Bereichs zu zwei­feln30. Dabei ging es von einer durch amt­li­che Aus­kunft des Lan­des­ge­sund­heits­amts gewon­ne­nen Defi­ni­ti­on des Tätig­keits­be­reichs „als The­ra­pie zur Behand­lung von Gelenk­blo­ckie­run­gen und ihrer mus­ku­lä­ren, reflek­to­ri­schen Fixie­rung durch geziel­te impuls­lo­se Mobi­li­sa­ti­on oder durch Anwen­dung von Weich­teil­tech­ni­ken“ aus. Die­ses Begriffs­ver­ständ­nis weist so gro­ße Über­ein­stim­mun­gen mit der im Beru­fungs­ur­teil zugrun­de geleg­ten Defi­ni­ti­on der Chi­ro­prak­tik als The­ra­pie­me­tho­de zur Behand­lung von schmerz­haf­ten Funk­ti­ons­stö­run­gen der Wir­bel- und Extre­mi­tä­ten­ge­len­ke durch manu­el­le Lösung von Blo­ckie­run­gen und Sub­lu­xa­tio­nen auf, dass die unter­schied­li­che Ein­schät­zung der Begrün­dung bedarf. 

Die Annah­me eines eigen­stän­di­gen Heil­kun­de­be­reichs schei­tert nicht bereits dar­an, dass die WHO-Richt­li­ni­en unter­schied­li­che Model­le zum Erwerb der für chi­ro­prak­ti­sche Behand­lun­gen erfor­der­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on vor­sieht. Das Begeh­ren des Chi­ro­prak­ti­kers war und ist erkenn­bar dar­auf gerich­tet, eine Erlaub­nis für die selb­stän­di­ge Tätig­keit eines Chi­ro­prak­tors mit einer aka­de­mi­schen Aus­bil­dung im Sin­ne der Kate­go­rie I der WHO-Richt­li­ni­en zu erhal­ten. Auf eben­je­ne Qua­li­fi­ka­ti­on und das hier­mit ver­bun­de­ne Berufs­bild hat der Chi­ro­prak­ti­ker stets Bezug genom­men. Ob er die hier­für erfor­der­li­chen Vor­aus­set­zun­gen bereits ohne Kennt­nis­über­prü­fung erfüllt, ist dabei ohne Belang. Die­se Fra­ge ist der Ent­schei­dung nach­ge­la­gert, ob es für das Berufs­bild eines „Chi­ro­prak­tors“ einen aus­dif­fe­ren­zier­ten und abgrenz­ba­ren Bereich der Heil­kun­de über­haupt gibt.

Dass die WHO-Richt­li­ni­en auch ande­re Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten auf dem Gebiet der Chi­ro­prak­tik vor­se­hen, bedeu­tet daher nicht, dass dem Chi­ro­prak­tor der Kate­go­rie I die Qua­li­tät eines eigen­stän­di­gen Berufs­bilds abge­spro­chen wer­den müss­te. Die ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung ist in Wür­di­gung der WHO-Richt­li­ni­en – soweit ersicht­lich durch­ge­hend – viel­mehr zu dem Ergeb­nis gelangt, dass es sich bei der Tätig­keit eines Chi­ro­prak­tors um ein abgrenz­ba­res Gebiet der Heil­kun­de han­de­le31

Die­ser Ein­ord­nung ent­spricht, dass die Chi­ro­prak­tik inter­na­tio­nal viel­fach als eigen­stän­di­ger Berufs­zweig Aner­ken­nung gefun­den hat und in vie­len Län­dern, auch EU-Mit­glied­staa­ten, staat­li­che Regu­lie­run­gen zu Aus­bil­dung und Berufs­aus­übung erlas­sen wor­den sind. Auch in Deutsch­land gibt es nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ur­teils einen vom Frei­staat Sach­sen aner­kann­ten Stu­di­en­gang an der „Chi­ro­prak­tik Aka­de­mie CPA“. 

Aus­ge­hend von der ange­streb­ten Behand­lungs­tä­tig­keit eines Chi­ro­prak­tors geht schließ­lich der Ein­wand ins Lee­re, dass es im Bun­des­ge­biet neben der Deut­schen Chi­ro­prak­to­ren-Gesell­schaft e.V. (DCG) auch ande­re Berufs­ver­bän­de für „Chi­ro­prak­ti­ker“ mit abwei­chen­den und weni­ger anspruchs­vol­len Anfor­de­run­gen an Aus­bil­dung, Prü­fung und Qua­li­fi­ka­ti­on gebe. Aus dem Vor­han­den­sein der­ar­ti­ger Berufs­ver­bän­de und Aus­bil­dun­gen folgt nicht zwangs­läu­fig, dass es für das Tätig­keits­feld des aka­de­misch aus­ge­bil­de­ten Chi­ro­prak­tors im Sin­ne der Kate­go­rie I der WHO-Richt­li­ni­en kein eige­nes Berufs­bild geben könn­te. Im Übri­gen kann dem Aus­bil­dungs­ni­veau als sol­chem kei­ne unmit­tel­ba­re Aus­sa­ge über die Abgrenz­bar­keit des betref­fen­den Heil­kun­de­be­reichs ent­nom­men wer­den. Viel­mehr las­sen der­ar­ti­ge Betrach­tun­gen von Aus­bil­dungs­in­hal­ten und Qua­li­fi­ka­ti­ons­an­for­de­run­gen nur mit­tel­ba­re Rück­schlüs­se zu, weil sich aus ihnen die not­wen­di­gen Kennt­nis­se für die ver­mit­tel­ten Behand­lungs­me­tho­den ergeben. 

Die Sache war daher vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt gemäß § 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 VwGO zur wei­te­ren Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg zurückzuverweisen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 25. Febru­ar 2021 – 3 C 17.19

  1. in der im Bun­des­ge­setz­blatt Teil III, Glie­de­rungs­num­mer 2122–2, ver­öf­fent­lich­ten berei­nig­ten Fas­sung[]
  2. in der im Bun­des­ge­setz­blatt Teil III, Glie­de­rungs­num­mer 2122–2‑1, ver­öf­fent­lich­ten berei­nig­ten Fas­sung[]
  3. BGBl. I S. 3191 <3219>[]
  4. BVerwG, Urteil vom 10.10.2019 – 3 C 8.17, BVerw­GE 166, 354 Rn. 8 und 21 ff.[]
  5. stRspr, vgl. zuletzt BVerwG, Urteil vom 10.10.2019 – 3 C 8.17, BVerw­GE 166, 354 Rn. 10 m.w.N.[]
  6. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 24.07.2019 – VGH 9 S 1460/​18[]
  7. vgl. zur Erfor­der­lich­keit einer ent­spre­chen­den Sach­ver­halts­auf­klä­rung BVerwG, Urteil vom 10.10.2019 – 3 C 10.17, Buch­holz 418.04 Heil­prak­ti­ker Nr. 28 Rn. 18 ff.[]
  8. BVerwG, Urteil vom 25.06.1970 – 1 C 53.66, BVerw­GE 35, 308[]
  9. vgl. etwa OVG NRW, Urteil vom 24.08.2000 – 13 A 4790/​97 13; hier­zu auch BGH, Urteil vom 03.04.1981 – I ZR 41/​80 – NJW 1981, 2008 Rn. 14 sowie EuGH, Urteil vom 27.06.2019 – C‑597/​17 [ECLI:?EU:?C:?2019:?544] 20 f.[]
  10. vgl. etwa OLG Frank­furt, Urteil vom 13.01.2015 – 8 U 141/​13, OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 16.03.2005 – 1 U 123/​04 – und OLG Stutt­gart, Urteil vom 20.02.1997 – 14 U 44/​96 – für Band­schei­ben­vor­fäl­le; OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 28.06.2001 – 8 U 110/​00 – sowie OLG Olden­burg, Urteil vom 26.01.2015 – 5 U 71/​13 – GesR 2015, 500 für die Ver­ur­sa­chung eines Schlag­an­falls oder OLG Frank­furt, Urteil vom 22.11.2005 – 8 U 32/​03 – für Rücken­marks­ein­blu­tun­gen[]
  11. zur Berück­sich­ti­gung all­ge­mein­kun­di­ger und offen­kun­di­ger Tat­sa­chen BVerwG, Urteil vom 10.10.2019 – 3 C 8.17, BVerw­GE 166, 354 Rn. 17[]
  12. BVerwG, Urteil vom 10.10.2019 – 3 C 8.17, BVerw­GE 166, 354 Rn. 22 m.w.N.[]
  13. BVerwG, Urteil vom 26.08.2009 – 3 C 19.08, BVerw­GE 134, 345 Rn.19[]
  14. BVerwG, Urtei­le vom 28.04.2010 – 3 C 22.09, BVerw­GE 137, 1 Rn. 14; und vom 10.10.2019 – 3 C 8.17, BVerw­GE 166, 354 Rn. 25[]
  15. BVerfG, Beschluss vom 05.05.1987 – 1 BvR 724/​81 u.a., BVerfGE 75, 246 <265>[]
  16. vgl. BVerwG, Urteil vom 26.08.2009 – 3 C 19.08, BVerw­GE 134, 345 Rn.20 sowie zuletzt Urteil vom 10.10.2019 – 3 C 8.17, BVerw­GE 166, 354 Rn. 23[]
  17. BVerwG, Urteil vom 10.10.2019 – 3 C 17.17 20[]
  18. BVerfG, Beschluss vom 03.07.2007 – 1 BvR 2186/​06, BVerfGE 119, 59 <79 f.>[]
  19. BVerfG, Beschluss vom 03.07.2007 – 1 BvR 2186/​06, BVerfGE 119, 59 <78> m.w.N.; BVerwG, Urteil vom 27.10.2004 – 6 C 30.03, BVerw­GE 122, 130 Rn. 24[]
  20. vgl. BVerfG, Beschluss vom 03.07.2007 – 1 BvR 2186/​06, BVerfGE 119, 59 <78>[]
  21. vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.10.1997 – 1 BvR 780/​87, BVerfGE 97, 12 <25>[]
  22. vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.10.1997 – 1 BvR 780/​87, BVerfGE 97, 12 <28>[]
  23. vgl. BVerfG, Beschluss vom 03.07.2007 – 1 BvR 2186/​06, BVerfGE 119, 59 <78 f.>[]
  24. vgl. Vil­lot­ti, EuR 2019, 5 <13 f.>[]
  25. ABl. L 255 S. 22[]
  26. ABl. L 131 S. 1[]
  27. EuGH, Urteil vom 27.06.2013 – C‑575/​11 [ECLI:?EU:?C:?2013:?430], NVwZ-RR 2013, 757 Rn. 21[]
  28. BVerwG, Urteil vom 10.10.2019 – 3 C 15.17 23[]
  29. BVerwG, Urteil vom 10.10.2019 – 3 C 8.17, BVerw­GE 166, 354 Rn. 25[]
  30. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 25.07.1997 – 9 S 558/​97 – MedR 1997, 555[]
  31. vgl. etwa VG Frank­furt, Urteil vom 27.05.2014 – 4 K 2714/12.F 27 ff.; VG Frei­burg, Urteil vom 15.05.2018 – 5 K 1027/​16 21; VG Leip­zig, Urteil vom 11.07.2013 – 5 K 1161/​11 32 ff.; VG Mün­chen, Urteil vom 18.01.2018 – M 27 K 17.693 29 ff.; en pas­sant auch VG Aachen, Urteil vom 03.03.2016 – 5 K 1114/​14 49 ff.[]

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