Der erle­dig­te Rechts­streit – und die Fra­ge nach der Begründ­etheit der Klage

Im Erle­di­gungs­fest­stel­lungs­streit ist grund­sätz­lich die Zuläs­sig­keit und Begründ­etheit der ursprüng­lich erho­be­nen Kla­ge nicht zu prü­fen, es sei denn, der Beklag­te hat hier­an ein beacht­li­ches und schutz­wür­di­ges Inter­es­se, um die „Früch­te des Rechts­streits“ zu erhal­ten (hier bejaht zur Klä­rung der Dau­er von Miet­bin­dun­gen gemäß § 19 Abs. 1 HmbWoFG).

Der erle­dig­te Rechts­streit – und die Fra­ge nach der Begründ­etheit der Klage

So auch in dem hier vom Ham­bur­gi­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall: Soweit die Klä­ge­rin die Kla­ge im Hin­blick auf das gewähr­te Bau­dar­le­hen teil­wei­se für erle­digt erklärt hat, führt die ein­sei­tig geblie­be­ne Erle­di­gungs­er­klä­rung inso­weit nicht zur Fest­stel­lung der Erle­di­gung des Rechts­streits. Es han­delt sich um eine zuläs­si­ge Umstel­lung des Kla­ge­be­geh­rens. Durch die voll­stän­di­ge Rück­zah­lung des Dar­le­hens ist auch ein erle­di­gen­des Ereig­nis ein­ge­tre­ten. Auf­grund eines schutz­wür­di­gen Inter­es­ses der Beklag­ten bedarf die Fest­stel­lung der teil­wei­sen Erle­di­gung des Rechts­streits jedoch aus­nahms­wei­se wei­te­rer Vor­aus­set­zun­gen, die nicht gege­ben sind.

Das hin­sicht­lich des Bau­dar­le­hens nun­mehr auf die Fest­stel­lung der Erle­di­gung des Rechts­streits gerich­te­te Kla­ge­be­geh­ren ist eine zuläs­si­ge, von den Vor­ga­ben des § 91 VwGO frei­ge­stell­te Kla­ge­än­de­rung des ursprüng­li­chen Anfech­tungs­be­geh­rens1. Die Mög­lich­keit der Erle­di­gungs­er­klä­rung ist einem Klä­ger ein­ge­räumt, um ihn für den Fall, dass sich der Rechts­streit außer­pro­zes­su­al erle­digt, nicht zur Kla­ge­rück­nah­me mit der Kos­ten­fol­ge aus § 155 Abs. 2 VwGO zu nöti­gen. Statt­des­sen kann er eine Erle­di­gungs­er­klä­rung abge­ben mit der Fol­ge, dass über die Kos­ten gemäß § 161 Abs. 2 VwGO nach bil­li­gem Ermes­sen ent­schie­den wird, wenn beid­sei­tig über­ein­stim­men­de Erle­di­gungs­er­klä­run­gen vor­lie­gen. Wider­setzt sich – wie hier – die Beklag­te einer über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­rung, so kann die Klä­ge­rin bean­tra­gen, die Erle­di­gung fest­stel­len las­sen, um auf die­se Wei­se die Kos­ten­tra­gungs­pflicht zu ver­mei­den2.

Weiterlesen:
Zwangsheirat, Scheinehe und sonstiges Ausländerrecht

Im Hin­blick auf den Wider­ruf des Bau­dar­le­hens hat sich der Wider­rufs- und Leis­tungs­be­scheid teil­wei­se durch die voll­stän­di­ge Rück­zah­lung des Dar­le­hens­be­tra­ges an die Beklag­te „auf ande­re Wei­se“ im Sin­ne von § 43 Abs. 2 HmbV­wVfG erle­digt. Die­se – vor dem Hin­ter­grund der aus­drück­lich in der Norm gere­gel­ten Erle­di­gungs­tat­be­stän­de eng aus­zu­le­gen­de – Erle­di­gungs­va­ri­an­te kommt ins­be­son­de­re dann in Betracht, wenn der Ver­wal­tungs­akt nicht mehr geeig­net ist, recht­li­che Wir­kun­gen zu erzeu­gen und die Steue­rungs­funk­ti­on, die ihm ursprüng­lich inne­wohn­te, nach­träg­lich ent­fal­len ist3. Eine der­ar­ti­ge Situa­ti­on liegt vor, da die Klä­ge­rin das Bau­dar­le­hen voll­stän­dig an die Beklag­te zurück­ge­zahlt hat. Der Wider­rufs­be­scheid geht inso­weit „ins Lee­re“. Der Annah­me eines erle­di­gen­den Ereig­nis­ses steht auch nicht ent­ge­gen, dass der Wider­rufs­be­scheid aus klar­stel­len­den Grün­den Bestand haben müss­te. Die Klä­ge­rin hat auf das Dar­le­hen ver­zich­tet, da sie aus­drück­lich erklärt hat, das Dar­le­hen weder für die Zukunft noch für die zu begeh­ren. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es hin­rei­chend deut­lich, dass die Klä­ge­rin nicht mehr berech­tigt ist, Ansprü­che aus der För­der­zu­sa­ge herzuleiten.

Die­ses Ergeb­nis – teil­wei­se Erle­di­gung des Wider­rufs- und Leis­tungs­be­schei­des – begrün­det aus­nahms­wei­se nicht den Erfolg der Fest­stel­lungs­kla­ge. Die ein­sei­tig geblie­be­ne Erle­di­gungs­er­klä­rung führt grund­sätz­lich zur Erle­di­gungs­fest­stel­lung, wenn aus­ge­hend von dem ursprüng­li­chen Antrag objek­tiv ein erle­di­gen­des Ereig­nis ein­ge­tre­ten ist. Anders als im Zivil­pro­zess­recht ist die Zuläs­sig­keit und Begründ­etheit der ursprüng­lich erho­be­nen Kla­ge nicht zusätz­lich zu prü­fen. Von die­sem Grund­satz ist eine Aus­nah­me für den Fall zu machen, dass der Beklag­te ein beacht­li­ches, schutz­wür­di­ges Inter­es­se an der Klä­rung der Begründ­etheit des ursprüng­li­chen Antrags hat, um die „Früch­te des Rechts­streits“ zu erhal­ten4.

Weiterlesen:
Kein Bismarck in der Nazizeit

Die Beklag­te kann sich auf ein der­ar­ti­ges schutz­wür­di­ges Inter­es­se beru­fen. Die­ses ergibt sich aus dem Bedürf­nis, Klar­heit über die Dau­er der Miet­bin­dun­gen nach Rück­zah­lung des Bau­dar­le­hens zu erhalten.

Nach Abschnitt XII. Nr. 2 der För­der­zu­sa­ge begin­nen im Regel­fall einer fort­be­stehen­den För­de­rung die Bele­gungs- und Miet­bin­dun­gen mit dem Erst­be­zug und enden mit Ablauf von 15 Jah­ren nach dem Monats­ers­ten des Quar­tals, das auf die mitt­le­re Bezugs­fer­tig­keit folgt. Die mitt­le­re Bezugs­fer­tig­keit wur­de für das streit­ge­gen­ständ­li­che För­der­ob­jekt durch rechts­kräf­ti­ges Urteil5 auf den 25.09.2012 fest­ge­legt. Da der Erst­be­zug im Jahr 2012 statt­fand, enden die Miet­bin­dun­gen mit Ablauf des 1.10.2027. Nach Abschnitt XII. Nr. 3 der För­der­zu­sa­ge ver­kürzt sich die Dau­er der Miet­bin­dung bei einer vor­zei­ti­gen voll­stän­di­gen Rück­zah­lung des Bau­dar­le­hens ohne hier­zu bestehen­de recht­li­che Ver­pflich­tung auf den Ablauf des 10. Kalen­der­jah­res nach dem Jahr der Rück­zah­lung, sofern die ver­ein­bar­te Bin­dungs­dau­er den letzt­ge­nann­ten Zeit­punkt über­schrei­tet. Da die Rück­zah­lung des Dar­le­hens im Dezem­ber 2016 erfolg­te, wür­de hier­nach die Miet­bin­dung schon neun Mona­te frü­her mit Ablauf des 31.12.2026 entfallen.

Für den Fall des Ver­sto­ßes gegen die Bestim­mun­gen der För­der­zu­sa­ge blei­ben gemäß § 19 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 HmbWoFG die Bin­dun­gen bei Dar­le­hen nach deren Kün­di­gung bis zu dem in der För­der­zu­sa­ge bestimm­ten Ende der Bin­dungs­dau­er bestehen, längs­tens jedoch bis zum Ablauf des zwölf­ten Kalen­der­jah­res nach dem Jahr der Rück­zah­lung. Hier­nach ver­blie­be es bei einem Ende der Miet­bin­dung gemäß Abschnitt XII. Nr. 2 der För­der­zu­sa­ge mit Ablauf des 1.10.2027.

Weiterlesen:
Der Verfahrenspfleger in Zurückschiebungshaftsachen

Vor die­sem Hin­ter­grund hat die Beklag­te ein schüt­zens­wer­tes, aus den Zie­len der sozia­len Wohn­raum­för­de­rung abzu­lei­ten­des Inter­es­se, dass im Rah­men des Erle­di­gungs­fest­stel­lungs­streits die Begründ­etheit der ursprüng­li­chen Kla­ge geprüft wird. Auf die­se Wei­se kann sie die gericht­li­che Fest­stel­lung errei­chen, dass im Sin­ne von § 19 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 HmbWoFG Ver­stö­ße gegen die För­der­zu­sa­ge vor­lie­gen, die zu der vor­ste­hend beschrie­be­nen Siche­rung der Miet­bin­dun­gen bis zum Ablauf des 1.10.2027 führen.

Die somit zusätz­lich im zu prü­fen­de Begründ­etheit der ursprüng­li­chen Kla­ge führt zur Abwei­sung der Fest­stel­lungs­kla­ge, da die Anfech­tungs­kla­ge gegen den Wider­ruf des Bau­dar­le­hens kei­nen Erfolg gehabt hät­te. Der Wider­ruf ist inso­weit sowohl für die Zukunft als auch für die zu Recht erfolgt.

Ham­bur­gi­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 19. April 2021 – 4 Bf 227/​16

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 31.10.1990, 4 C 7/​8819[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 29.06.2001, 6 CN 1/​01 7[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 8.12.2014, 6 B 26/​14 3; Urteil vom 25.09.2008, 7 C 5/​08 13[]
  4. BVerwG, Urteil vom 29.06.2001, 6 CN 1/​01 7, 11; Urteil vom 31.10.1990, 4 C 7/​8820; Wysk, VwGO, 3. Aufl.2020, § 161 Rn. 45 ff.[]
  5. VG Ham­burg, Urteil vom 4.07.2016, 11 K 109/​14[]

Bild­nach­weis:

  • Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Leip­zig: Robert Windisch