Der Hin­du-Tem­pel­ver­ein in Hamm

Für die Aner­ken­nung eines Ver­eins bzw. einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts ist die Zahl der Mit­glie­der für die Pro­gno­se des dau­ern­den Bestan­des der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft nur zusam­men mit wei­te­ren Bewer­tungs­fak­to­ren aus­sa­ge­kräf­tig. Dabei ist u.a. von Bedeu­tung, wie lan­ge die Gemein­schaft bereits besteht, wie sich der Mit­glie­der­be­stand ent­wi­ckelt hat und ob die Reli­gi­ons­ge­mein­schaft in eine grö­ße­re, gar welt­weit ver­brei­te­te Gemein­schaft ein­ge­bun­den ist.

Der Hin­du-Tem­pel­ver­ein in Hamm

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Arns­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall das Land Nord­rhein-West­fa­len dazu ver­pflich­tet, den Trä­ger­ver­ein des Hin­du-Tem­pels in Hamm-Uetrop als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts anzu­er­ken­nen. Im Lau­fe des Aner­ken­nungs­ver­fah­rens hat­te der kla­gen­de Ver­ein u.a. ein Gut­ach­ten der Frau Prof. Dr. Wil­ke von der Katho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Müns­ter vor­ge­legt, in dem sein Anlie­gen befür­wor­tet wur­de. Das beklag­te Land hat­te die Aner­ken­nung mit der Begrün­dung abge­lehnt, der Ver­ein bie­te weder nach sei­ner Ver­fas­sung noch nach der Anzahl sei­ner Mit­glie­der die Gewähr der Dau­er.

2002 wur­de in Hamm der ers­te in Deutsch­land in tra­di­tio­nel­ler hin­du­is­ti­scher Tem­pel­ar­chi­tek­tur errich­te­te Tem­pel ein­ge­weiht. Die Bau­kos­ten von rund 1,5 Mil­lio­nen Euro wur­den aus Mit­teln der Gläu­bi­gen und Spen­den finan­ziert. Eine ers­te Vor­form des Tem­pels bestand seit 1989. Die Tem­pel­ge­mein­schaft führt seit 1993 gro­ße hin­du­is­ti­sche Pro­zes­sio­nen durch. An der wäh­rend des Tem­pel­fes­tes im Mai/​Juni jähr­lich statt­fin­den­den Pro­zes­si­on neh­men inzwi­schen zwi­schen 10.000 und 20.000 Besu­cher teil. Der Ein­zugs­be­reich erstreckt sich auf das gesam­te Bun­des­ge­biet und weit dar­über hin­aus. Neben den täg­li­chen Ver­eh­rungs­ze­re­mo­ni­en für hin­du­is­ti­sche Göt­ter wer­den tami­li­sche Hoch­zei­ten und zahl­rei­che hin­du­is­ti­sche Fest­ta­ge began­gen. Der Tem­pel­ver­ein hat ein viel­fäl­ti­ges reli­giö­ses und sozia­les Ange­bot, er betreibt Seel­sor­ge, enga­giert sich in der Betreu­ung von Kran­ken, Schu­len, Migran­ten und Gefan­ge­nen und ist Ansprech­part­ner für inter­re­li­giö­se Ver­an­stal­tun­gen. Gegen die Ableh­nung der Aner­ken­nung als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts hat der Trä­ger­ver­ein Kla­ge erho­ben.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Arns­berg sei der Klä­ger eine Reli­gi­ons­ge­sell­schaft im Sin­ne der maß­geb­li­chen Bestim­mun­gen. Die Tem­pel­ge­mein­schaft bie­te auch durch ihre Ver­fas­sung und die Zahl ihrer Mit­glie­der die Gewähr der Dau­er. In dem Gut­ach­ten der Frau Prof. Dr. Wil­ke wer­de über­zeu­gend dar­ge­legt, dass der vom Klä­ger betrie­be­ne Tem­pel mitt­ler­wei­le eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung unter den tami­li­schen Hin­du-Tem­peln ein­neh­me und sich zu einem wich­ti­gen Pil­ger­ort mit einem bun­des­wei­ten und sich dar­über hin­aus auf Euro­pa und sogar auf Über­see erstre­cken­den Ein­zugs­be­reich ent­wi­ckelt habe. Er sei zum wich­tigs­ten öffent­li­chen Raum der reli­giö­sen Tra­die­rung der Hin­dus hier­zu­lan­de gewor­den. Sei­ne Anzie­hungs­kraft beschrän­ke sich nicht allein auf die hin­du-tami­li­sche Glau­bens­aus­übung. Die Tem­pel­ge­mein­schaft gel­te mitt­ler­wei­le in Deutsch­land und Euro­pa als Reprä­sen­tant des Hin­du­is­mus ins­ge­samt. Bei einer Gesamt­schau aller von ihr aus­ge­hen­der Akti­vi­tä­ten sei die Erwar­tung gerecht­fer­tigt, dass der Tem­pel und die ihn betrei­ben­de Gemein­schaft dau­er­haft, auch unab­hän­gig von der Per­son des heu­ti­gen Haupt­pries­ters, Bestand haben wer­de.

Die im Ableh­nungs­be­scheid ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, die Zahl von rund 1200 voll­jäh­ri­gen Mit­glie­dern in Nord­rhein-West­fa­len lie­ge evi­dent unter der ver­fas­sungs­recht­lich noch zu akzep­tie­ren­den Mit­glie­der­zahl, sei nicht trag­fä­hig. Zu berück­sich­ti­gen sei­en auch die Mit­glie­der aus dem gesam­ten Bun­des­ge­biet und dar­über hin­aus. Nach den aktu­el­len Lis­ten habe der Ver­ein inzwi­schen ins­ge­samt mehr als 4000 Mit­glie­der. Deren Zahl sei im Übri­gen für die Pro­gno­se des dau­ern­den Bestan­des der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft nur zusam­men mit wei­te­ren Bewer­tungs­fak­to­ren aus­sa­ge­kräf­tig. Dabei sei u.a. von Bedeu­tung, wie lan­ge die Gemein­schaft bereits bestehe, wie sich der Mit­glie­der­be­stand ent­wi­ckelt habe und ob die Reli­gi­ons­ge­mein­schaft in eine grö­ße­re, gar welt­weit ver­brei­te­te Gemein­schaft ein­ge­bun­den sei. Vor die­sem Hin­ter­grund ste­he die Mit­glie­der­zahl der Aner­ken­nung nicht ent­ge­gen. Ange­sichts der Bedeu­tung des Hin­du­is­mus als Welt­re­li­gi­on und der Ent­wick­lung der Akti­vi­tä­ten der Gemein­schaft in Hamm wer­de deut­lich, dass ein erheb­li­cher "reli­giö­ser Bedarf" nach dem Tem­pel und dem ihn tra­gen­den Klä­ger bestehe. Auch die wei­te­ren gegen die Aner­ken­nung vor­ge­brach­ten Gesichts­punk­te grif­fen nicht durch.

Ver­wal­tungs­ge­richt Arns­berg, Urteil vom 7. Juni 2013 – 12 K 2195/​12