Der neu­ge­stal­te­te Stimm­zet­tel: "Män­ner und Frau­en sind gleich­be­rech­tigt"

Es spre­chen erheb­li­che Grün­de dafür, dass die Vor­schrif­ten über die Gestal­tung der Stimm­zet­tel für die anste­hen­den Kom­mu­nal­wah­len in Rhein­land-Pfalz ver­fas­sungs­wid­rig sind, weil sie den Grund­satz der Frei­heit der Wahl ver­let­zen.

Der neu­ge­stal­te­te Stimm­zet­tel:

So hat der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof Rhein­land-Pfalz in dem hier vor­lie­gen­den Eil­ver­fah­ren ent­schie­den, mit dem im Hin­blick auf die am 25. Mai 2014 anste­hen­den Kom­mu­nal­wah­len der Voll­zug von Vor­schrif­ten des Kom­mu­nal­wahl­ge­set­zes aus­ge­setzt wer­den soll­te, die den Auf­druck geschlech­ter­pa­ri­täts­be­zo­ge­ner Anga­ben auf den amt­li­chen Stimm­zet­teln betref­fen. Im Ein­zel­nen han­delt es sich um den – text­lich der For­mu­lie­rung des Grund­ge­set­zes ent­nom­me­nen – Auf­druck "Män­ner und Frau­en sind gleich­be­rech­tigt" sowie die Anga­be des gegen­wär­ti­gen Geschlech­ter­an­teils in der Ver­tre­tungs­kör­per­schaft, fer­ner die Anga­be des Geschlechts der Bewer­ber jedes Wahl­vor­schlags und Anga­ben zum Geschlech­ter­an­teil auf dem Wahl­vor­schlag. Die­se Vor­schrif­ten sol­len der gleich­mä­ßi­gen Reprä­sen­ta­ti­on von Frau­en und Män­nern in kom­mu­na­len Ver­tre­tungs­kör­per­schaf­ten die­nen, nach­dem bei den letz­ten Kom­mu­nal­wah­len im Jahr 2009 lan­des­weit ledig­lich 16,8 % der Man­da­te von Frau­en besetzt wur­den. Die Eil­an­trä­gen sind von den Land­tags­frak­tio­nen der SPD und BÜNDNIS 90/​Die Grü­nen und von meh­re­ren Ver­fas­sungs­be­schwer­de­füh­rern gestellt wor­den, die als Mit­glie­der der Pira­ten­par­tei teil­wei­se für Kom­mu­nal­ver­tre­tun­gen kan­di­die­ren.

Nach Auf­fas­sung des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs Rhein­land-Pfalz sei­en die Eil­an­trä­ge zuläs­sig. Das gel­te ins­be­son­de­re auch für den Antrag der Land­tags­frak­tio­nen von SPD und BÜNDNIS 90/​Die Grü­nen, die im Haupt­sa­che­ver­fah­ren in zuläs­si­ger Wei­se einen soge­nann­ten Norm­be­stä­ti­gungs­an­trag gestellt hät­ten, mit dem sie begehr­ten, die Ver­ein­bar­keit der betref­fen­den Rege­lun­gen mit der Lan­des­ver­fas­sung fest­zu­stel­len.

Die Anträ­ge auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung sei­en im Hin­blick auf die genann­ten Vor­schrif­ten über die Gestal­tung der Stimm­zet­tel auch begrün­det. Es sprä­chen – vor­be­halt­lich einer abschlie­ßen­den Prü­fung im Haupt­sa­che­ver­fah­ren – erheb­li­che Grün­de dafür, dass die Vor­schrif­ten ver­fas­sungs­wid­rig sei­en, weil sie den Grund­satz der Frei­heit der Wahl ver­letz­ten. Die­ser Grund­satz gewähr­leis­te einen unbe­ding­ten Schutz vor staat­li­cher Ein­wir­kung auf den Inhalt der Ent­schei­dung des Wäh­lers im Zeit­punkt der Stimm­ab­ga­be durch die Gestal­tung des Stimm­zet­tels. Der Wäh­ler müs­se zwar Ein­schrän­kun­gen der Wahl­frei­heit durch eine Gestal­tung des Stimm­zet­tels hin­neh­men, wenn die­se Ein­schrän­kun­gen aus for­ma­len Grün­den zur Ord­nung des Wahl­ver­fah­rens statt­fän­den. Das kön­ne bei­spiels­wei­se bei der Fal­tung der Stimm­zet­tel und der Not­wen­dig­keit einer Rei­hen­fol­ge der Wahl­be­wer­ber auf dem Stimm­zet­tel der Fall sein.

Aber bezüg­lich des Inhalts der Wahl­ent­schei­dung ver­lei­he der Grund­satz der Frei­heit der Wahl dem Wäh­ler das Recht, im Zeit­punkt der Stimm­ab­ga­be in der Wahl­ka­bi­ne "in Ruhe gelas­sen zu wer­den". Die sonst übli­che und nach dem Demo­kra­tie­prin­zip sogar not­wen­di­ge wech­sel­sei­ti­ge Ver­schrän­kung des staat­li­chen und des gesell­schaft­li­chen poli­ti­schen Wil­lens­bil­dungs­pro­zes­ses gel­te für den Moment der Stimm­ab­ga­be in der Wahl­ka­bi­ne nicht. Der Wahl­akt als Akt der Betä­ti­gung des Wil­lens des Vol­kes ver­lau­fe nur in eine Rich­tung: In ihm müs­se sich die Wil­lens­bil­dung vom Volk zu den Staats­or­ga­nen hin voll­zie­hen, nicht umge­kehrt von den Staats­or­ga­nen zum Volk hin. Der Grund­satz der Frei­heit der Wahl schüt­ze des­halb auch die räum­li­che Sphä­re, in der sich der indi­vi­du­el­le poli­ti­sche Wil­le des ein­zel­nen Wäh­lers im Zeit­punkt der Wahl unge­stört ent­fal­ten kön­ne.

Der Ver­fas­sungs­auf­trag, wonach der Staat Maß­nah­men zur Gleich­stel­lung von Frau­en und Män­nern ergreift, gebe dem Lan­des­ge­setz­ge­ber kein Recht, durch die Gestal­tung der amt­li­chen Stimm­zet­tel auf die unbe­dingt zu schüt­zen­de Frei­heit der Wil­lens­be­tä­ti­gung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger im Zeit­punkt des eigent­li­chen Wahl­ak­tes ein­zu­wir­ken. Die Wäh­ler sei­en im frei­heit­li­chen Ver­fas­sungs­staat bei der Aus­übung ihres Wahl­rechts unge­bun­den.

Aus die­sen Grün­den hat der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof Rhein­land-Pfalz im Hin­blick auf die anste­hen­den Kom­mu­nal­wah­len den Voll­zug von Vor­schrif­ten des Kom­mu­nal­wahl­ge­set­zes aus­ge­setzt, die den Auf­druck geschlech­ter­pa­ri­täts­be­zo­ge­ner Anga­ben auf den amt­li­chen Stimm­zet­teln betref­fen. Damit dür­fen die neu­ge­stal­te­ten Stimm­zet­tel nicht ein­ge­setzt wer­den.

Die wei­ter­ge­hen­den Anträ­ge der Ver­fas­sungs­be­schwer­de­füh­rer lehn­te der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof als unzu­läs­sig ab. Die­se betra­fen das eben­falls neu im Kom­mu­nal­wahl­ge­setz gere­gel­te Füh­ren einer Pari­täts­sta­tis­tik durch das Sta­tis­ti­sche Lan­des­amt und die gesetz­li­che Auf­for­de­rung an die Par­tei­en und Wäh­ler­grup­pen, bei der Auf­stel­lung der Wahl­vor­schlä­ge Geschlech­ter­pa­ri­tät anzu­stre­ben. In Bezug auf die­se Vor­schrif­ten hat­ten die Beschwer­de­füh­rer die Mög­lich­keit einer eige­nen, unmit­tel­ba­ren Ver­let­zung ihrer Rech­te aus der Lan­des­ver­fas­sung nicht dar­ge­tan. Ein eben­falls gestell­ter Eil­an­trag des Lan­des­ver­ban­des der Pira­ten­par­tei blieb in vol­lem Umfang erfolg­los, weil die­se eine Ver­let­zung ihres ver­fas­sungs­recht­li­chen Sta­tus als Par­tei nicht in dem von ihr gewähl­ten Weg der Ver­fas­sungs­be­schwer­de gel­tend machen kann.

Ver­fas­sungs­ge­richts­hof Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 4. April 2014 – VGH A 15/​14 und VGH A 17/​14