Der Orts­ter­min – und der Grund­satz der Par­tei­öf­fent­lich­keit

Der Grund­satz der Par­tei­öf­fent­lich­keit (§ 97 Satz 1 VwGO) gilt auch für Orts­ter­mi­ne eines Sach­ver­stän­di­gen, die nicht der Auf­nah­me von Sin­nes­ein­drü­cken durch Ein­nah­me des Augen­scheins, son­dern der Durch­füh­rung tech­ni­scher Unter­su­chun­gen (Mes­sun­gen, Ent­nah­me von Boden­pro­ben) die­nen.

Der Orts­ter­min – und der Grund­satz der Par­tei­öf­fent­lich­keit

Hat ein Sach­ver­stän­di­ger die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten unter Ver­stoß gegen § 97 Satz 1 VwGO nicht über bevor­ste­hen­de Orts­ter­mi­ne zur Ermitt­lung der tat­säch­li­chen Grund­la­gen für das zu erstel­len­de Gut­ach­ten unter­rich­tet, so kann die­ser zur Unver­wert­bar­keit des Gut­ach­tens füh­ren­de Man­gel regel­mä­ßig dadurch geheilt wer­den, dass die unter­blie­be­ne Betei­li­gung nach­ge­holt und ein ergän­zen­des Gut­ach­ten erstellt wird 1.

Die in § 97 Satz 1 VwGO gere­gel­te Par­tei­öf­fent­lich­keit der Beweis­erhe­bung räumt den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten einen Anspruch dar­auf ein, über bevor­ste­hen­de Beweis­erhe­bun­gen unter­rich­tet zu wer­den und dar­an teil­zu­neh­men. Dies bezieht sich nicht nur auf Beweis­auf­nah­men durch das Gericht, son­dern in ent­spre­chen­der Anwen­dung auch auf die Ermitt­lung von Tat­sa­chen durch Sach­ver­stän­di­ge zur Vor­be­rei­tung des Gut­ach­tens 2. Der Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens und der Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs gebie­ten es, den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten die Mög­lich­keit zu geben, der Ermitt­lung der tat­säch­li­chen Grund­la­gen eines Gut­ach­tens durch den Sach­ver­stän­di­gen bei­zu­woh­nen und Stel­lung­nah­men abzu­ge­ben, soweit nicht zwin­gen­de recht­li­che oder tat­säch­li­che Hin­der­nis­se ent­ge­gen­ste­hen 3. Denn die Voll­stän­dig­keit und Rich­tig­keit der in die­ser Pha­se einer Begut­ach­tung fest­ge­stell­ten Grund­la­ge für die sach­kun­di­ge Arbeit des Sach­ver­stän­di­gen ist für die Aus­sa­ge­kraft des Gut­ach­tens von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung.

Die Klä­ger sind auch nicht gehin­dert, sich auf den Ver­stoß gegen § 97 VwGO zu beru­fen. Einem Rüge­ver­lust zu Las­ten der Klä­ger steht schon der Umstand ent­ge­gen, dass es Sache des Gerichts gewe­sen wäre, die durch sei­ne feh­ler­haf­te Hand­ha­bung des § 404 a ZPO mit­ver­ur­sach­te Unver­wert­bar­keit des Gut­ach­tens durch geeig­ne­te Maß­nah­men von Amts wegen zu behe­ben. Eine blo­ße Anfra­ge bei einem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten nach sei­ner Bereit­schaft zur Teil­nah­me an einem Orts­ter­min stellt kei­ne geeig­ne­te Maß­nah­me zur Hei­lung des Ver­fah­rens­feh­lers dar. Viel­mehr war die – bereits ein­ge­tre­te­ne – Unver­wert­bar­keit des Gut­ach­tens ent­we­der durch eine voll­stän­dig neue Begut­ach­tung oder dadurch zu behe­ben, den Betei­lig­ten in einem gericht­li­chen oder von der Gut­ach­te­rin anbe­raum­ten Ter­min auf dem Vor­ha­ben­grund­stück die Gele­gen­heit ein­zu­räu­men, Beden­ken und Anre­gun­gen vor­zu­tra­gen, die im Rah­men eines ergän­zen­den Gut­ach­tens zu ver­ar­bei­ten gewe­sen wäre 4.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 18. März 2014 – 10 B 11.2014 -

  1. im Anschluss an BVerwG, Beschluss vom 12.04.2006 – 8 B 91.05, Buch­holz 310 § 97 VwGO Nr. 5[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 12.04.2006 – 8 B 91.05, Buch­holz 310 § 97 VwGO Nr. 5 = NJW 2006, 2058 m.w.N.; BayVGH, Beschluss vom 15.01.2014 – 15 C 12.2250 11[]
  3. vgl. Schnapp, Par­tei­öf­fent­lich­keit bei Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen durch den Sach­ver­stän­di­gen?, in: Sys­tem des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Rechts­schut­zes, Fest­schrift Men­ger, 1985, S. 557, 567 f.; Höff­mann, Die Gren­zen der Par­tei­öf­fent­lich­keit, ins­be­son­de­re beim Sach­ver­stän­di­gen­be­weis, Diss. jur.1989, S. 104 ff.[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 12.04.2006, a.a.O. Rn. 11[]