Der paläs­ti­nen­si­che ipso facto-Flüchtling

Einem Staa­ten­lo­sen paläs­ti­nen­si­scher Her­kunft wird im Sin­ne des § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG Schutz oder Bei­stand im Sin­ne des § 3 Abs. 3 Satz 1 AsylG nicht län­ger gewährt, wenn sich auf der Grund­la­ge einer indi­vi­du­el­len Beur­tei­lung aller maß­geb­li­chen Umstän­de her­aus­stellt, dass er sich in einer sehr unsi­che­ren per­sön­li­chen Lage befin­det und es dem UNRWA, um des­sen Bei­stand er ersucht hat, unmög­lich ist, ihm Lebens­ver­hält­nis­se zu gewähr­leis­ten, die mit der Auf­ga­be des UNRWA im Ein­klang ste­hen, so dass er sich auf­grund von Umstän­den, die von sei­nem Wil­len unab­hän­gig sind, dazu gezwun­gen sieht, das Ein­satz­ge­biet des UNRWA zu verlassen. 

Der paläs­ti­nen­si­che ipso facto-Flüchtling

Bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob das Ver­las­sen des Ein­satz­ge­biets des UNRWA unfrei­wil­lig erfolgt ist, ist in räum­li­cher Hin­sicht auf das gesam­te – die fünf Ope­ra­ti­ons­ge­bie­te Gaza­strei­fen, West­jor­dan­land (ein­schließ­lich Ost-Jeru­sa­lem), Jor­da­ni­en, Liba­non und Syri­en umfas­sen­de – Ein­satz­ge­biet des UNRWA abzustellen. 

Einem frei­wil­li­gen Ver­zicht auf den von dem UNRWA gewähr­ten Bei­stand kommt die Ent­schei­dung eines Staa­ten­lo­sen paläs­ti­nen­si­scher Her­kunft gleich, ein Ope­ra­ti­ons­ge­biet des UNRWA, in dem er sich nicht in einer sehr unsi­che­ren Lage befin­det und in dem er den Schutz oder Bei­stand des Hilfs­werks in Anspruch neh­men könn­te, zu ver­las­sen, um sich in ein ande­res Ope­ra­ti­ons­ge­biet des Ein­satz­ge­biets zu bege­ben, in dem er auf der Grund­la­ge kon­kre­ter Infor­ma­tio­nen, über die er hin­sicht­lich die­ses Ope­ra­ti­ons­ge­biets ver­fügt, ver­nünf­ti­ger­wei­se weder damit rech­nen kann, durch das UNRWA Schutz oder Bei­stand zu erfah­ren, noch in abseh­ba­rer Zeit in das Ope­ra­ti­ons­ge­biet, aus dem er aus­ge­reist ist, zurück­keh­ren zu können. 

Die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft auf der Grund­la­ge von § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG setzt – jeden­falls nach natio­na­lem Asyl­ver­fah­rens­recht – vor­aus, dass es dem Betrof­fe­nen auch noch im Zeit­punkt der Ent­schei­dung nicht mög­lich oder zumut­bar ist, sich dem Schutz oder Bei­stand des UNRWA durch Rück­kehr in eines der fünf Ope­ra­ti­ons­ge­bie­te des Ein­satz­ge­biets die­ser Orga­ni­sa­ti­on erneut zu unterstellen. 

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Streit­fall begehrt ein den eige­nen Anga­ben zufol­ge im Okto­ber 1991 in Damas­kus gebo­re­ner staa­ten­lo­ser Paläs­ti­nen­ser die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft, hier ins­be­son­de­re als ipso fac­to ‑Flücht­ling gemäß § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG. Nach sei­nem Bekun­den reis­te er im Dezem­ber 2015 auf dem Land­weg in das Bun­des­ge­biet ein. Anfang Febru­ar 2016 stell­te er einen Asyl­an­trag. Im Rah­men sei­ner Anhö­rung führ­te er unter ande­rem aus, er habe sich im Okto­ber 2013 aus der Syri­schen Ara­bi­schen Repu­blik in die Liba­ne­si­sche Repu­blik bege­ben und dort bis zum 20.11.2015 Gele­gen­heits­ar­bei­ten ver­rich­tet. Da er dort kei­ne Auf­ent­halts­be­rech­ti­gung erhal­ten habe und die liba­ne­si­schen Sicher­heits­kräf­te begon­nen hät­ten, „sie“ nach Syri­en zurück­zu­schie­ben, sei er dort­hin zurück­ge­kehrt. Er habe Syri­en auf­grund des Krie­ges ver­las­sen; die dor­ti­gen Lebens­ver­hält­nis­se sei­en sehr schlecht. Für den Fall einer Rück­kehr nach Syri­en befürch­te er, ver­haf­tet zu wer­den. Im August 2016 erkann­te das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) dem Flücht­ling den sub­si­diä­ren Schutz­sta­tus zu; im Übri­gen lehn­te es des­sen Asyl­an­trag ab. 

Das Ver­wal­tungs­ge­richt des Saar­lan­des hat das BAMF ver­pflich­tet, dem Flücht­ling die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuzu­er­ken­nen1. Im Beru­fungs­ver­fah­ren hat die­ser neu­er­lich die bereits anläss­lich sei­ner Anhö­rung bei dem Bun­des­amt vor­ge­leg­te Ablich­tung eines Regis­trie­rungs­nach­wei­ses des Hilfs­werks der Ver­ein­ten Natio­nen für Paläs­ti­na-Flücht­lin­ge im Nahen Osten (United Nati­ons Reli­ef and Works Agen­cy for Pales­ti­ne Refu­gees in the Near East, im Fol­gen­den: UNRWA) ein­ge­reicht. Aus­weis­lich der „Fami­ly Regis­tra­ti­on Card“ wur­de er als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger für (das im süd­li­chen Teil von Damas­kus bele­ge­ne Lager) Jar­muk regis­triert. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Beru­fung der Bun­des­re­pu­blik gegen das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts zurück­ge­wie­sen2.

Auf die Revi­si­on des Paläs­ti­nen­sers hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zunächst den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung von Art. 12 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU Rechts­fra­gen ange­ru­fen Hier­auf hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on mit Urteil vom 13.01.20213 ent­schie­den, das Art. 12 Abs. 1 Buchst. a Satz 2 RL 2011/​95/​EU dahin aus­zu­le­gen ist, dass

  1. zur Fest­stel­lung, ob der Schutz oder Bei­stand des UNRWA nicht län­ger gewährt wird, im Rah­men einer indi­vi­du­el­len Beur­tei­lung aller maß­geb­li­chen Umstän­de des frag­li­chen Sach­ver­halts alle Ope­ra­ti­ons­ge­bie­te des Ein­satz­ge­biets des UNRWA zu berück­sich­ti­gen sind, in deren Gebie­te ein Staa­ten­lo­ser paläs­ti­nen­si­scher Her­kunft, der die­ses Ein­satz­ge­biet ver­las­sen hat, eine kon­kre­te Mög­lich­keit hat, ein­zu­rei­sen und sich dort in Sicher­heit auf­zu­hal­ten, und
  2. nicht ange­nom­men wer­den kann, dass der Schutz oder Bei­stand des UNRWA nicht län­ger gewährt wird, wenn ein Staa­ten­lo­ser paläs­ti­nen­si­scher Her­kunft das Ein­satz­ge­biet des UNRWA aus­ge­hend von einem Ope­ra­ti­ons­ge­biet die­ses Ein­satz­ge­biets, in dem er sich in einer sehr unsi­che­ren per­sön­li­chen Lage befun­den hat und in dem das UNRWA nicht imstan­de war, ihm sei­nen Schutz oder Bei­stand zu gewäh­ren, ver­las­sen hat, sofern er sich zum einen aus einem ande­ren Ope­ra­ti­ons­ge­biet die­ses Ein­satz­ge­biets, in dem er sich nicht in einer sehr unsi­che­ren per­sön­li­chen Lage befun­den hat­te und in dem er den Schutz oder Bei­stand des UNRWA hat­te in Anspruch neh­men kön­nen, frei­wil­lig in die­ses Ope­ra­ti­ons­ge­biet bege­ben hat und sofern er zum ande­ren auf der Grund­la­ge ihm vor­lie­gen­der kon­kre­ter Infor­ma­tio­nen ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht damit rech­nen konn­te, in dem Ope­ra­ti­ons­ge­biet, in das er ein­ge­reist ist, durch das UNRWA Schutz oder Bei­stand zu erfah­ren oder in abseh­ba­rer Zeit in das Ope­ra­ti­ons­ge­biet, aus dem er aus­ge­reist ist, zurück­keh­ren zu kön­nen, was zu prü­fen Sache des vor­le­gen­den Gerichts ist. 
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Dar­auf­hin hat­te nun die Revi­si­on des Palas­ti­nen­sers, in dem allein die Ent­schei­dung zur Stel­lung als ipso fac­to-Flücht­ling zu über­prü­fen war, vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Erfolg:

Das Beru­fungs­ge­richt hat hier zwar zutref­fend auf das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen der Aus­schluss­klau­sel des § 3 Abs. 3 Satz 1 AsylG erkannt mit der Fol­ge, dass er von der Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft (unmit­tel­bar) nach § 3 Abs. 1 AsylG aus­ge­schlos­sen ist und sein Begeh­ren nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG Erfolg haben könn­te. Nicht im Ein­klang mit Bun­des­recht steht indes die Beja­hung der Vor­aus­set­zun­gen auch der Ein­schluss­klau­sel des § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kann über den Rechts­streit in Erman­ge­lung hin­rei­chen­der tat­säch­li­cher Fest­stel­lun­gen der Vor­in­stanz nicht abschlie­ßend ent­schei­den (§ 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 VwGO), wes­halb das ange­foch­te­ne Urteil auf­zu­he­ben und die Sache zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen ist (§ 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 VwGO). 

Maß­geb­lich für die recht­li­che Beur­tei­lung des Kla­ge­be­geh­rens ist das Asyl­ge­setz (AsylG) in sei­ner aktu­el­len Fas­sung4. Rechts­än­de­run­gen, die nach der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung oder Ent­schei­dung in der Tat­sa­chen­in­stanz ein­tre­ten, sind im Revi­si­ons­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen, wenn das Tat­sa­chen­ge­richt – ent­schie­de es anstel­le des Revi­si­ons­ge­richts – sie sei­ner­seits zu berück­sich­ti­gen hät­te5. Da es sich vor­lie­gend um eine asyl­recht­li­che Strei­tig­keit han­delt, bei der das Tat­sa­chen­ge­richt nach § 77 Abs. 1 AsylG regel­mä­ßig auf die Sach- und Rechts­la­ge im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung oder Ent­schei­dung abzu­stel­len hat, müss­te es sei­ner Ent­schei­dung, wenn es die­se nun­mehr trä­fe, die aktu­el­le Fas­sung des Asyl­ge­set­zes zugrun­de legen, soweit nicht hier­von eine Abwei­chung aus Grün­den des mate­ri­el­len Rechts oder vor­ran­gi­gen Uni­ons­rechts gebo­ten ist6.

Nach § 3 Abs. 3 Satz 1 AsylG ist ein Aus­län­der nicht Flücht­ling nach § 3 Abs. 1 AsylG, wenn er den Schutz oder Bei­stand einer Orga­ni­sa­ti­on oder einer Ein­rich­tung der Ver­ein­ten Natio­nen mit Aus­nah­me des Hohen Kom­mis­sars der Ver­ein­ten Natio­nen für Flücht­lin­ge nach Art. 1 Abschn. D des Abkom­mens über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge vom 28.07.1951 (im Fol­gen­den: GK) genießt. Wird ein sol­cher Schutz oder Bei­stand nicht län­ger gewährt, ohne dass die Lage des Betrof­fe­nen gemäß den ein­schlä­gi­gen Reso­lu­tio­nen der Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen end­gül­tig geklärt wor­den ist, ist § 3 Abs. 1 und 2 AsylG gemäß § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG anwend­bar. Das Hilfs­werk der Ver­ein­ten Natio­nen für Paläs­ti­na-Flücht­lin­ge im Nahen Osten (UNRWA) fällt der­zeit als ein­zi­ge Orga­ni­sa­ti­on in den Anwen­dungs­be­reich die­ser Bestim­mun­gen, die Art. 1 Abschn. D GK sowie Art. 12 Abs. 1 Buchst. a RL 2011/​95/​EU auf­grei­fen bzw. umset­zen und die gera­de im Hin­blick auf die beson­de­re Lage der – regel­mä­ßig staa­ten­lo­sen – Paläs­ti­naf­lücht­lin­ge geschaf­fen wor­den sind, die den Bei­stand oder Schutz des UNRWA genie­ßen7. Sein gegen­wär­ti­ges Man­dat endet am 30.06.2023 (Ziff. 7 der Reso­lu­ti­on der Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen vom 13.12.2019 – A/​RES/​74/​83 S. 3). Die Anwen­dung des § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG, der an Satz 1 der Vor­schrift anknüpft und mit die­sem eine Ein­heit bil­det, setzt nicht die Erfül­lung der all­ge­mei­nen Flücht­lings­merk­ma­le (§ 3 Abs. 1 AsylG, Art. 1 Abschn. A GK, Art. 2 Buchst. d Richt­li­nie 2011/​95/​EU) vor­aus; er ent­hält viel­mehr eine gegen­über § 3 Abs. 1 AsylG/​Art. 1 Abschn. A Nr. 2 GK selbst­stän­di­ge Umschrei­bung der Flücht­lings­ei­gen­schaft8. Lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Rege­lung vor, ist einem Antrag­stel­ler auf sei­nen Antrag ipso fac­to die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuzu­er­ken­nen, ohne dass die­ser nach­wei­sen muss, dass er in Bezug auf das Gebiet, in dem er sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat­te, eine begrün­de­te Furcht vor Ver­fol­gung hat9.

Im Ein­klang mit § 3 Abs. 3 Satz 1 AsylG hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ange­nom­men, dass der Flücht­ling die Vor­aus­set­zun­gen der Aus­schluss­klau­sel des § 3 Abs. 3 Satz 1 AsylG erfüllt. Er genoss Schutz und Bei­stand des UNRWA.

Die kon­kre­te Bedeu­tung der alter­na­ti­ven Betreu­ungs­for­men „Schutz“ und „Bei­stand“ bestimmt sich nach der im Rah­men sei­nes Auf­trags wahr­ge­nom­me­nen Tätig­keit des UNRWA. Maß­ge­bend ist, ob der Betrof­fe­ne der Per­so­nen­grup­pe ange­hört, deren Betreu­ung das UNRWA ent­spre­chend sei­nem Man­dat über­nom­men hat. Das ist jeden­falls bei den­je­ni­gen Per­so­nen der Fall, die – wie hier der Flücht­ling – als Paläs­ti­na-Flücht­lin­ge bei dem UNRWA (wei­ter­hin) regis­triert sind. Die­ses Ver­ständ­nis ent­spricht Sinn und Zweck der Aus­schluss­klau­sel, die gewähr­leis­ten soll, dass sich in ers­ter Linie das UNRWA und nicht die Ver­trags­staa­ten, ins­be­son­de­re nicht die ara­bi­schen Staa­ten, der paläs­ti­nen­si­schen Flücht­lin­ge anneh­men. Die paläs­ti­nen­si­schen Flücht­lin­ge, deren Lage bis­lang nicht end­gül­tig geklärt wor­den ist, wie ins­be­son­de­re aus den Ziff. 1 und 3 der Reso­lu­ti­on Nr. 66/​72 der Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen vom 09.12.2011 her­vor­geht10, sind danach gehal­ten, vor­ran­gig den Schutz oder Bei­stand des UNRWA in Anspruch zu neh­men11. Von der Aus­schluss­klau­sel sind indes nur die­je­ni­gen Per­so­nen erfasst, die die Hil­fe des UNRWA tat­säch­lich in Anspruch neh­men. Die betref­fen­den Bestim­mun­gen sind eng aus­zu­le­gen und erfas­sen daher nicht auch Per­so­nen, die ledig­lich berech­tigt sind oder waren, den Schutz oder Bei­stand die­ses Hilfs­werks in Anspruch zu neh­men, ohne jedoch von die­sem Recht Gebrauch zu machen. Als aus­rei­chen­der Nach­weis der tat­säch­li­chen Inan­spruch­nah­me des Schut­zes oder Bei­stands ist die Regis­trie­rung bei dem UNRWA anzu­se­hen12. Der Grund für den Aus­schluss von der Aner­ken­nung als Flücht­ling liegt nicht nur bei Per­so­nen vor, die zur­zeit den Bei­stand des UNRWA genie­ßen, son­dern auch bei sol­chen, die die­sen Bei­stand kurz vor Ein­rei­chung eines Asyl­an­trags in einem Mit­glied­staat tat­säch­lich in Anspruch genom­men haben13.

Nach die­sen Maß­stä­ben ist das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass der Flücht­ling den Schutz oder Bei­stand des UNRWA kurz vor Ein­rei­chung sei­nes Asyl­an­trags grund­sätz­lich genoss, da er sich nach den beru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen im Ein­satz­ge­biet des UNRWA auf­hielt und als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger für das Lager Jar­muk regis­triert war.

Bun­des­recht ver­letzt der die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung tra­gen­de Rechts­satz des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, staa­ten­lo­se Paläs­ti­nen­ser aus Syri­en, die von dem UNRWA als Flücht­lin­ge regis­triert sei­en, sei­en schon dann als Flücht­lin­ge nach § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG anzu­er­ken­nen, wenn sie Syri­en infol­ge des Bür­ger­kriegs­ge­sche­hens ver­las­sen muss­ten und ihnen im Zeit­punkt ihrer Aus­rei­se kei­ne Mög­lich­keit offen­stand, in ande­ren Tei­len des Man­dats­ge­biets des UNRWA Schutz zu fin­den. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on14 kann der Fest­stel­lung eines unfrei­wil­li­gen Ver­las­sens des Ein­satz­ge­biets auch eine kurz vor dem end­gül­ti­gen Ver­las­sen die­ses Gebiets erfolg­te Auf­ent­halts­ver­la­ge­rung von einem Ope­ra­ti­ons­ge­biet in ein ande­res ent­ge­gen­ste­hen, wenn und soweit dies als frei­wil­li­ge Auf­ga­be des bis­lang durch den UNRWA gewähr­ten Schut­zes oder Bei­stands zu wer­ten ist. Zudem genügt – jeden­falls nach natio­na­lem Asyl­ver­fah­rens­recht – für die Erfül­lung der Vor­aus­set­zun­gen der Ein­schluss­klau­sel des § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG nicht bereits der Umstand, dass dem Betrof­fe­nen im Zeit­punkt des Ver­las­sens des Ein­satz­ge­biets kei­ne zumut­ba­re Mög­lich­keit offen­stand, im Ein­satz­ge­biet des UNRWA Schutz oder Bei­stand zu fin­den; viel­mehr darf eine Mög­lich­keit, sich dem Schutz oder Bei­stand des UNRWA durch Rück­kehr in des­sen Ein­satz­ge­biet erneut zu unter­stel­len, auch im Zeit­punkt der Ent­schei­dung (vgl. § 77 AsylG) nicht bestehen.

Einem Staa­ten­lo­sen paläs­ti­nen­si­scher Her­kunft wird im Sin­ne des § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG Schutz oder Bei­stand im Sin­ne des § 3 Abs. 3 Satz 1 AsylG nicht län­ger gewährt, wenn sich auf der Grund­la­ge einer indi­vi­du­el­len Beur­tei­lung aller maß­geb­li­chen Umstän­de her­aus­stellt, dass er sich in einer sehr unsi­che­ren per­sön­li­chen Lage befin­det und es dem UNRWA, um des­sen Bei­stand er ersucht hat, unmög­lich ist, ihm Lebens­ver­hält­nis­se zu gewähr­leis­ten, die mit der Auf­ga­be des UNRWA im Ein­klang ste­hen, sodass er sich auf­grund von Umstän­den, die von sei­nem Wil­len unab­hän­gig sind, dazu gezwun­gen sieht, das Ein­satz­ge­biet des UNRWA zu verlassen.

Die Fest­stel­lung eines Schutz­weg­falls im Sin­ne von § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG setzt vor­aus, dass sich der Staa­ten­lo­se bei Ver­las­sen des Ein­satz­ge­biets in einer sehr unsi­che­ren per­sön­li­chen Lage befin­det und es dem UNRWA unmög­lich ist, ihm Lebens­ver­hält­nis­se zu gewähr­leis­ten, die mit der Auf­ga­be des UNRWA in Ein­klang ste­hen. Die Aus­schluss­klau­sel des § 3 Abs. 3 Satz 1 AsylG ver­folgt im Ein­klang mit Art. 12 Abs. 1 Buchst. a Satz 1 RL 2011/​95/​EU und Art. 1 Abschn. D Satz 1 GK das Ziel, alle die­je­ni­gen von der Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft aus­zu­schlie­ßen, die den Bei­stand des UNRWA genie­ßen. Im Lich­te die­ser Ziel­set­zung genü­gen weder die blo­ße Abwe­sen­heit von dem Ein­satz­ge­biet des UNRWA noch das frei­wil­li­ge Ver­las­sen die­ses Ein­satz­ge­biets oder der frei­wil­li­ge Ver­zicht auf Schutz und Bei­stand des Hilfs­werks, um den in § 3 Abs. 3 Satz 1 AsylG vor­ge­se­he­nen Aus­schluss von der Aner­ken­nung als Flücht­ling gemäß Satz 2 der Vor­schrift zu been­den15. Die Ent­schei­dung, das Ein­satz­ge­biet zu ver­las­sen, muss viel­mehr durch Zwän­ge begrün­det sein, die von dem Wil­len des Betrof­fe­nen unab­hän­gig sind16.

Bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob das Ver­las­sen in die­sem Sin­ne unfrei­wil­lig erfolgt ist, ist in räum­li­cher Hin­sicht auf das gesam­te – die fünf Ope­ra­ti­ons­ge­bie­te Gaza­strei­fen, West­jor­dan­land (ein­schließ­lich Ost-Jeru­sa­lem), Jor­da­ni­en, Liba­non und Syri­en umfas­sen­de – Ein­satz­ge­biet des UNRWA abzu­stel­len. Dies hat der Gerichts­hof durch sei­ne im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ergan­ge­ne Vor­ab­ent­schei­dung geklärt17. Hier­von ist auch das Beru­fungs­ge­richt bereits im Ansatz zutref­fend aus­ge­gan­gen. Die Fest­stel­lung, Schutz oder Bei­stand des UNRWA wür­den im Sin­ne des § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG nicht län­ger gewährt, ist daher nicht schon dann gerecht­fer­tigt, wenn sich der Staa­ten­lo­se paläs­ti­nen­si­scher Her­kunft auf­grund von Umstän­den, die von sei­nem Wil­len unab­hän­gig sind, gezwun­gen sieht, ein bestimm­tes Ope­ra­ti­ons­ge­biet des UNRWA zu ver­las­sen. In die­sem Fall bedarf es viel­mehr zusätz­lich der Fest­stel­lung, dass der Staa­ten­lo­se auch in kein ande­res Ope­ra­ti­ons­ge­biet ein­rei­sen kann, um den Schutz oder Bei­stand des UNRWA kon­kret in Anspruch zu neh­men; andern­falls ist sei­ne Ent­schei­dung, das Ein­satz­ge­biet (ins­ge­samt) zu ver­las­sen, nicht unfrei­wil­lig18. Die­se Fest­stel­lung ist auf der Grund­la­ge einer indi­vi­du­el­len Beur­tei­lung sämt­li­cher Umstän­de des kon­kre­ten Ein­zel­fal­les zu tref­fen19.

Ob ein Staa­ten­lo­ser paläs­ti­nen­si­scher Her­kunft Zugang zu Schutz oder Bei­stand des UNRWA hat, hängt zum einen von der kon­kre­ten Mög­lich­keit die­ses Staa­ten­lo­sen ab, in ein Ope­ra­ti­ons­ge­biet des UNRWA ein­zu­rei­sen. Allein der Sta­tus „Paläs­ti­na-Flücht­ling im Nahen Osten“ berech­tigt die Inha­ber nicht zur Ein­rei­se in ande­re Ope­ra­ti­ons­ge­bie­te ohne vor­he­ri­ge Ein­rei­se­er­laub­nis des betref­fen­den Ziel­staa­tes. Schutz und Bei­stand des UNRWA set­zen viel­mehr not­wen­dig vor­aus, dass die Auf­nah­me­ge­biets­kör­per­schaft nicht nur die Tätig­keit des UNRWA zulässt, son­dern auch den von die­sem betreu­ten Per­so­nen die Ein­rei­se und den Auf­ent­halt auf ihrem Ter­ri­to­ri­um gestat­tet20. Dies ist jeden­falls dann der Fall, wenn der betrof­fe­ne Staa­ten­lo­se in einem Staat oder auto­no­men Gebiet, zu dem ein Ope­ra­ti­ons­ge­biet des UNRWA gehört, Anspruch auf Ertei­lung eines Auf­ent­halts­ti­tels hat. Besteht ein sol­cher Anspruch nicht, so kön­nen das Unter­hal­ten fami­liä­rer Bezie­hun­gen oder das vor­ma­li­ge Bestehen eines tat­säch­li­chen oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halts in einem bestimm­ten Ope­ra­ti­ons­ge­biet des Ein­satz­ge­biets des UNRWA eine ent­spre­chen­de Ein­rei­se­mög­lich­keit nahe­le­gen21. Zu berück­sich­ti­gen sind im Übri­gen sämt­li­che Umstän­de, die – wie Erklä­run­gen oder Prak­ti­ken der Behör­den der genann­ten Staa­ten oder Gebie­te – Auf­schluss über die Hal­tung gegen­über Staa­ten­lo­sen paläs­ti­nen­si­scher Her­kunft geben, ins­be­son­de­re, wenn durch die­se Erklä­run­gen und Prak­ti­ken die Absicht zum Aus­druck gebracht wird, die Anwe­sen­heit die­ser Staa­ten­lo­sen in ihrem Gebiet nicht län­ger zu dul­den, sofern die­se über kein Auf­ent­halts­recht ver­fü­gen22.

Zum ande­ren muss es dem Staa­ten­lo­sen mög­lich sein, sich in dem betref­fen­den Gebiet in Sicher­heit und unter men­schen­wür­di­gen Lebens­be­din­gun­gen auf­zu­hal­ten23.

Für die Frei­wil­lig­keit des Ver­las­sens ist nicht allein auf die Umstän­de im Ope­ra­ti­ons­ge­biet des letz­ten Auf­ent­halts abzu­stel­len. Das Ver­las­sen des Ein­satz­ge­biets erfolgt auch dann nicht unfrei­wil­lig, wenn sich der Betrof­fe­ne durch eine kurz zuvor erfolg­te Ver­la­ge­rung sei­nes Auf­ent­halts von einem Ope­ra­ti­ons­ge­biet in ein ande­res der Sache nach frei­wil­lig und vor­her­seh­bar des Schut­zes und Bei­stands durch das UNRWA bege­ben hat. Die­sen – erst durch die Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs geklär­ten – Gesichts­punkt hat das Beru­fungs­ge­richt unter Ver­let­zung von Bun­des­recht nicht berück­sich­tigt und fol­ge­rich­tig nicht die zur Beur­tei­lung erfor­der­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen getroffen.

Einem frei­wil­li­gen Ver­zicht auf den von dem UNRWA gewähr­ten Bei­stand kommt die Ent­schei­dung eines Staa­ten­lo­sen paläs­ti­nen­si­scher Her­kunft gleich, ein Ope­ra­ti­ons­ge­biet des UNRWA, in dem er sich nicht in einer sehr unsi­che­ren Lage befin­det und in dem er den Schutz oder Bei­stand des Hilfs­werks in Anspruch neh­men könn­te, zu ver­las­sen, um sich in ein ande­res Ope­ra­ti­ons­ge­biet des Ein­satz­ge­biets zu bege­ben, in dem er auf der Grund­la­ge kon­kre­ter Infor­ma­tio­nen, über die er hin­sicht­lich die­ses Ope­ra­ti­ons­ge­biets ver­fügt, ver­nünf­ti­ger­wei­se weder damit rech­nen kann, durch das UNRWA Schutz oder Bei­stand zu erfah­ren, noch in abseh­ba­rer Zeit in das Ope­ra­ti­ons­ge­biet, aus dem er aus­ge­reist ist, zurück­keh­ren zu kön­nen. Eine sol­che frei­wil­li­ge Aus­rei­se aus dem ers­ten Ope­ra­ti­ons­ge­biet in das zwei­te Ope­ra­ti­ons­ge­biet lässt nicht die Annah­me zu, dass die­ser Staa­ten­lo­se, wenn er spä­ter das zwei­te Ope­ra­ti­ons­ge­biet ver­lässt, um in das Uni­ons­ge­biet ein­zu­rei­sen, gezwun­gen war, das gesam­te Ein­satz­ge­biet des UNRWA zu ver­las­sen24. Über das Vor­lie­gen der vor­ste­hen­den Vor­aus­set­zun­gen ist im Rah­men einer indi­vi­du­el­len Beur­tei­lung sämt­li­cher maß­geb­li­cher Umstän­de des Ein­zel­fal­les zu befin­den. Zu Letz­te­ren zäh­len ins­be­son­de­re in objek­ti­ver Hin­sicht die schutz- und abschie­bungs­re­le­van­te Lage in dem ers­ten wie auch in dem zwei­ten Ope­ra­ti­ons­ge­biet und in sub­jek­ti­ver Hin­sicht die posi­ti­ve Kennt­nis oder das Ken­nen­müs­sen von der schutz- und abschie­bungs­re­le­van­ten Lage in dem zwei­ten Ope­ra­ti­ons­ge­biet25.

Zusätz­lich setzt die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft auf der Grund­la­ge von § 3 Abs. 3 Satz 2 AsylG – jeden­falls nach natio­na­lem Asyl­ver­fah­rens­recht – vor­aus, dass es dem Betrof­fe­nen auch noch im Zeit­punkt der Ent­schei­dung nicht mög­lich oder zumut­bar ist, sich dem Schutz oder Bei­stand des UNRWA durch Rück­kehr in eines der fünf Ope­ra­ti­ons­ge­bie­te des Ein­satz­ge­biets die­ser Orga­ni­sa­ti­on erneut zu unter­stel­len. Die Ein­be­zie­hung des in § 77 Abs. 1 Satz 1 AsylG bezeich­ne­ten Zeit­punkts trägt dem Umstand Rech­nung, dass die Flücht­lings­ei­gen­schaft des Betrof­fe­nen nach Art. 11 Abs. 1 Buchst. f i.V.m. Art. 14 Abs. 1 RL 2011/​95/​EU erlischt und abzu­er­ken­nen ist, wenn die­ser – nach Weg­fall der Umstän­de, auf­grund deren er als Flücht­ling aner­kannt wor­den ist, – in der Lage ist, in das Ein­satz­ge­biet des UNRWA zurück­zu­keh­ren26.

Die­se Rege­lun­gen sind in der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on zwar nicht unmit­tel­bar anwend­bar, da sie eine bereits erfolg­te Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft vor­aus­set­zen27. Es mach­te aber kei­nen Sinn, den Flücht­lings­sta­tus zuzu­er­ken­nen, um ihn sogleich wie­der abzu­er­ken­nen28. Dies spricht dafür, dem Betrof­fe­nen nach­tei­li­ge Ver­än­de­run­gen der tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der ipso fac­to-* Flücht­lings­ei­gen­schaft, die zwi­schen dem Ver­las­sen des Ein­satz­ge­biets und dem Zeit­punkt der Ent­schei­dung ein­tre­ten, in Anwen­dung der all­ge­mei­nen Rege­lung des § 77 Abs. 1 Satz 1 AsylG bereits bei der Ent­schei­dung über die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft zu berück­sich­ti­gen29

Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs ist dies auch uni­ons­recht­lich jeden­falls zuläs­sig. Denn Art. 46 Abs. 3 RL 2013/​32/​EU eröff­net dem natio­na­len Gericht zumin­dest die Befug­nis, die – wie­der­her­ge­stell­te – Mög­lich­keit, Schutz oder Bei­stand vom UNRWA gewährt zu bekom­men, bereits im Rah­men der dort erwähn­ten umfas­sen­den ex-nunc ‑Prü­fung zum Zeit­punkt des Erlas­ses einer Ent­schei­dung über die Zuer­ken­nung die­ser Eigen­schaft zu beur­tei­len30. Ob dies uni­ons­recht­lich auch gebo­ten ist, bedarf hier kei­ner Ent­schei­dung. Die Prü­fung der Fra­ge, ob der Schutz oder Bei­stand des UNRWA gemäß Art. 12 Abs. 1 Buchst. a Satz 2 RL 2011/​95/​EU auch in dem Zeit­punkt der gericht­li­chen (oder behörd­li­chen) Ent­schei­dung aus­ge­schlos­sen ist, ist dabei nach den­sel­ben Kri­te­ri­en vor­zu­neh­men wie die auf den Ver­las­sens­zeit­punkt bezo­ge­ne Prü­fung31.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kann über den Rechts­streit in Erman­ge­lung hin­rei­chen­der tat­säch­li­cher Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts nicht abschlie­ßend ent­schei­den (§ 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 VwGO), wes­halb das ange­foch­te­ne Urteil auf­zu­he­ben und die Sache zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen ist (§ 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 VwGO).

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat bis­lang kei­ne tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen zu der Fra­ge getrof­fen, ob der Vor­auf­ent­halt des Flücht­lings von Okto­ber 2013 bis Novem­ber 2015 im Liba­non nach den von dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on kon­kre­ti­sier­ten Maß­stä­ben einem unfrei­wil­li­gen Ver­las­sen des Ein­satz­ge­biets des UNRWA ent­ge­gen­steht. Dies wäre der Fall, wenn sich der Flücht­ling – ers­tens – im Liba­non zuvor nicht in einer sehr unsi­che­ren per­sön­li­chen Lage befun­den hät­te und dort den Schutz oder Bei­stand des UNRWA hät­te in Anspruch neh­men kön­nen, und es – zwei­tens – für den Flücht­ling bei der Ver­le­gung sei­nes Auf­ent­halts vom Liba­non nach Syri­en ver­nünf­ti­ger­wei­se vor­her­seh­bar gewe­sen wäre, dass er weder den Schutz oder Bei­stand des UNRWA in Syri­en wür­de in Anspruch neh­men kön­nen noch in abseh­ba­rer Zeit in den Liba­non wür­de zurück­keh­ren kön­nen. Die­se Fra­gen wird das Beru­fungs­ge­richt nach Zurück­ver­wei­sung unter Nach­ho­lung der erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen zu prü­fen haben. Dabei wer­den gege­be­nen­falls auch die vom Gerichts­hof kon­kre­ti­sier­ten Kri­te­ri­en zur Beur­tei­lung der Vor­her­seh­bar­keit zu berück­sich­ti­gen sein32.

Tatrich­ter­li­che Fest­stel­lun­gen feh­len zudem zu der Fra­ge, ob der Flücht­ling in dem nach § 77 Abs. 1 AsylG maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Beru­fungs­ver­hand­lung in eines der fünf Ope­ra­ti­ons­ge­bie­te des UNRWA hät­te ein­rei­sen, sich dort in Sicher­heit und unter men­schen­wür­di­gen Lebens­be­din­gun­gen auf­hal­ten sowie dort Schutz oder Bei­stand des UNRWA hät­te in Anspruch neh­men kön­nen. Die­se Fest­stel­lun­gen wer­den nach Zurück­ver­wei­sung in Bezug auf den dann maß­geb­li­chen Zeit­punkt zu tref­fen sein.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. April 2021 – 1 C 2.21

  1. VG Saar­land, Urteil vom 24.11.2016 – VG 3 K 1529/​16[]
  2. OVG Saar­land – 18.12.2017 – AZ: OVG 2 A 541/​17[]
  3. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19[]
  4. der­zeit: in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 02.09.2008 , zuletzt geän­dert durch Art. 3 Abs. 1 des am 1.01.2021 in Kraft getre­te­nen Neun­und­fünf­zigs­ten Geset­zes zur Ände­rung des Straf­ge­setz­bu­ches – Ver­bes­se­rung des Per­sön­lich­keits­schut­zes bei Bild­auf­nah­men – vom 09.10.2020[]
  5. BVerwG, Urteil vom 11.09.2007 – 10 C 8.07, BVerw­GE 129, 251 Rn.19[]
  6. stRspr, vgl. BVerwG, Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23.12, BVerw­GE 146, 67 Rn. 12[]
  7. vgl. EuGH, Urtei­le vom 17.06.2010 – C‑31/​09 [ECLI:?EU:?C:?2010:?351], Bol­bol, Rn. 44; und vom 19.12.2012 – C‑364/​11 [ECLI:?EU:?C:?2012:?826], El Kott u.a., Rn. 48[]
  8. BVerwG, Urteil vom 04.06.1991 – 1 C 42.88, BVerw­GE 88, 254 <258 f.>[]
  9. vgl. EuGH, Urtei­le vom 19.12.2012 – C‑364/​11, Rn. 67, 70 ff., 76; und vom 25.07.2018 – C‑585/​16 [ECLI:?EU:?C:?2018:?584], Alhe­to, Rn. 86[]
  10. EuGH, Urteil vom 19.12.2012 – C‑364/​11, Rn. 54[]
  11. BVerwG, Urtei­le vom 04.06.1991 – 1 C 42.88, BVerw­GE 88, 254 <261> und vom 21.01.1992 – 1 C 21.87, BVerw­GE 89, 296 <305>[]
  12. EuGH, Urtei­le vom 17.06.2010 – C‑31/​09, Rn. 51 f.; und vom 13.01.2021 – C‑507/​19 [ECLI:?EU:?C:?2021:?3], XT, Rn. 48[]
  13. EuGH, Urteil vom 19.12.2012 – C‑364/​11, Rn. 52[]
  14. BVerwG, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19[]
  15. EuGH, Urtei­le vom 19.12.2012 – C‑364/​11, Rn. 49 ff.; und vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 69 ff.[]
  16. vgl. EuGH, Urtei­le vom 19.12.2012 – C‑364/​11, Rn. 59; und vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 51, 69 ff.[]
  17. vgl. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 47, 53 f., 64–67[]
  18. vgl. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 72[]
  19. EuGH, Urtei­le vom 25.07.2018 – C‑585/​16, Rn. 134 f.; und vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 63 und 67[]
  20. BVerwG, Urteil vom 21.01.1992 – 1 C 21.87, BVerw­GE 89, 296 <304>[]
  21. vgl. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 60 f.[]
  22. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 62[]
  23. vgl. EuGH, Urtei­le vom 25.07.2018 – C‑585/​16, Rn. 134, 140; und vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 54 ff., 67; BVerwG, Urteil vom 25.04.2019 – 1 C 28.18 [ECLI:?DE:?BVerwG:?2019:?250419U1C28.18.0], Buch­holz 402.251 § 29 AsylG Nr. 7 Rn. 28[]
  24. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 74[]
  25. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 76 ff.[]
  26. EuGH, Urteil vom 19.12.2012 – C‑364/​11, Rn. 77[]
  27. sie­he auch EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 42[]
  28. EuGH, Urteil vom 19.12.2012 – C‑364/​11, Rn. 77; Kraft, in: Hailbronner/​Thym, EU Immi­gra­ti­on and Asyl­um Law, Second Edi­ti­on 2016, Part D III, Art. 12 Rn. 24[]
  29. so bereits BVerwG, Urteil vom 25.04.2019 – 1 C 28.18, Buch­holz 402.251 § 29 AsylG Nr. 7 Rn. 26[]
  30. vgl. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 40, 42 und 65[]
  31. vgl. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 66[]
  32. vgl. EuGH, Urteil vom 13.01.2021 – C‑507/​19, Rn. 78[]

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