Der rechts­wid­ri­ge Auf­nah­me­stopp der Heim­auf­sicht – und die Amtshaftung

Mit dem Ver­schul­den der Bediens­te­ten der staat­li­chen Heim­auf­sicht bei Anord­nung eines im nach­fol­gen­den ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren als rechts­wid­rig bewer­te­ten Auf­nah­me­stopps gegen­über einem Pfle­ge­heim wegen unzu­rei­chen­der per­so­nel­ler Aus­stat­tung hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof in einem Amts­haf­tungs­pro­zess zu befassen.

Der rechts­wid­ri­ge Auf­nah­me­stopp der Heim­auf­sicht – und die Amtshaftung

Der Aus­gangs­sach­ver­halt

In dem hier ent­schie­de­nen Streit­fall nimmt nimmt die Trä­ge­rin eines Pfle­ge­heims den Frei­staat Thü­rin­gen wegen Umsatz­aus­falls und Per­so­nal­mehr­kos­ten im Zusam­men­hang mit Ord­nungs­ver­fü­gun­gen der Heim­auf­sicht auf Scha­dens­er­satz in Anspruch. Hier­bei ging es um das A. Senio­ren­zen­trum in Erfurt mit 147 Pfle­ge­plät­zen, wobei vom 01.06.2011 bis zum 30.04.2012 vor­über­ge­hend ledig­lich 113 Plät­ze zur Ver­fü­gung stan­den, da ein Wohn­be­reich ander­wei­tig ver­mie­tet war. Für den Zeit­raum vom 01.11.2011 bis zum 31.12.2012 schloss sie mit den sozi­al­recht­li­chen Kos­ten­trä­gern eine Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung ab („Ver­ein­ba­rung gemäß §§ 84, 85 und 87 SGB XI zur Ver­gü­tung von Leis­tun­gen der voll­sta­tio­nä­ren Pfle­ge“). Bestand­teil der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung ist der dort in Bezug genom­me­ne und als Anla­ge 1 bei­gefüg­te „Struk­tur­bo­gen über die Leis­tungs- und Qua­li­täts­merk­ma­le gemäß § 84 Absatz 5 SGB XI“ („LQM“). Danach waren bei einer Gesamt­zahl von 113 Heim­plät­zen neben einer Pfle­ge­dienst­lei­tung 17,64 Pfle­ge­fach­kräf­te, 17,59 Pfle­ge­hilfs­kräf­te und zwei Betreu­ungs­fach­kräf­te zu beschäf­ti­gen, wobei pro­spek­tiv für zwölf Mona­te (01.10.2011 bis 30.09.2012) davon aus­ge­gan­gen wur­de, dass 44,22 % der zu betreu­en­den Bewoh­ner der Pfle­ge­stu­fe I, 46,05 % der Pfle­ge­stu­fe II und 9,73 % der Pfle­ge­stu­fe III angehören.

Mit Bescheid vom 19.06.2012 ord­ne­te der beklag­te Frei­staat Thü­rin­gen, ver­tre­ten durch das Lan­des­ver­wal­tungs­amt (Heim­auf­sicht), für das Pfle­ge­heim „bis zur Sicher­stel­lung einer aus­rei­chen­den per­so­nel­len Beset­zung ent­spre­chend des Ver­hand­lungs­er­geb­nis­ses mit den Pfle­ge­kas­sen (LQM)“ einen sofor­ti­gen Auf­nah­me­stopp gemäß § 17 Abs. 1 Satz 1 HeimG an und unter­sag­te, neue Heim­be­woh­ner über eine Kapa­zi­tät von 77 Plät­zen hin­aus auf­zu­neh­men. Zur Begrün­dung wur­de im Wesent­li­chen aus­ge­führt: Zum 5.06.2012 sei­en bei einer Aus­las­tung von 92,92 % (105 Bewoh­ner) nur 12 Pfle­ge­fach­kräf­te statt einem Soll von 16,39 beschäf­tigt gewe­sen. Die per­so­nel­le Beset­zung sei für die Pfle­ge und Betreu­ung von 105 Bewoh­nern unzu­rei­chend. Mit dem in der Ein­rich­tung ein­ge­setz­ten Pfle­ge­fach­kraft­per­so­nal kön­ne nur eine ange­mes­se­ne Pfle­ge und Betreu­ung von 77 Bewoh­nern gewähr­leis­tet wer­den (12 Pfle­ge­fach­kräf­te x Kapa­zi­tät 113 /​17,64 Pfle­ge­fach­kräf­te nach LQM = 77 Plät­ze). Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Anord­nung nach § 17 Abs. 1 HeimG sei­en gege­ben, da trotz Bera­tung durch die Heim­auf­sicht das Per­so­nal nicht ent­spre­chend den LQM-Fest­le­gun­gen aus dem Jahr 2011 vor­ge­hal­ten und die in § 5 Abs. 1 Satz 2 der Heim­per­so­nal­ver­ord­nung (Heim­PersV) gesetz­lich nor­mier­te Fach­kraft­quo­te von 50 % nicht erfüllt werde.

Nach­dem sich die Per­so­nal­aus­stat­tung zum 3.07.2012 ver­bes­sert hat­te (14,92 Pfle­ge­fach­kräf­te bei 106 Bewoh­nern), wider­rief die Thü­rin­ger Heim­auf­sicht den Bescheid vom 19.06.2012 durch Bescheid vom 12.07.2012 für die Zukunft und unter­sag­te die Auf­nah­me neu­er Heim­be­woh­ner ober­halb einer Kapa­zi­täts­gren­ze von 95 Bewoh­nern. Mit Ände­rungs­be­schei­den vom 19.09.2012, 25.10.2012 und 14.11.2012 wur­de die Kapa­zi­täts­gren­ze ent­spre­chend der jeweils aktu­el­len Per­so­nal­aus­stat­tung (zum 17.09.2012: 15,88 Pfle­ge­fach­kräf­te; zum 1./15.11.2012: 18,5 Pfle­ge­fach­kräf­te; bei jeweils 113 Bewoh­nern)) auf 102,110 und 118 Bewoh­ner ange­ho­ben. Mit Bescheid vom 22.03.2013 wider­rief die Heim­auf­sicht den Auf­nah­me­stopp für die Zukunft, da das inzwi­schen ein­ge­setz­te Pfle­ge­per­so­nal (zum 1.03.2013: 21 Pfle­ge­fach­kräf­te) die ange­mes­se­ne Pfle­ge und Betreu­ung von 135 Bewoh­nern gewähr­leis­te. Für den Fall der Auf­nah­me von mehr als 135 Bewoh­nern wur­de die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin ver­pflich­tet, dies der Heim­auf­sicht vor­ab anzu­zei­gen und die Sicher­stel­lung der ange­mes­se­nen Pfle­ge und Betreu­ung der Heim­be­woh­ner nachzuweisen.

Die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin erhob gegen die Beschei­de vom 12. Juli, 19. Sep­tem­ber, 25.10.und 14.11.2012 sowie vom 22.03.2013 Kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt W. . Die­ses stell­te durch rechts­kräf­ti­ges Urteil vom 21.01.2015 die Rechts­wid­rig­keit der Beschei­de vom 12. Juli, 19. Sep­tem­ber, 25.10.und 14.11.2012 fest und hob den Bescheid vom 22.03.2013 auf. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hielt die Berech­nung des not­wen­di­gen Per­so­nal­be­darfs durch die Heim­auf­sicht für rechts­wid­rig. Die­se habe in dem Zeit­raum zwi­schen dem Abschluss der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung und dem jeweils zugrun­de geleg­ten Stich­tag feh­ler­haft nur eine Ver­än­de­rung der Anzahl der Bewoh­ner berück­sich­tigt, nicht jedoch, ob und wie sich die Struk­tur der Bewoh­ner – gemes­sen an den Pfle­ge­stu­fen – ver­än­dert habe. Es lie­ge auf der Hand, dass sich der erfor­der­li­che Per­so­nal­be­darf nicht nur mit der abso­lu­ten Zahl der Bewoh­ner­schaft, son­dern auch mit deren Zusam­men­set­zung verändere.

Mit der vor­lie­gen­den Kla­ge begehrt die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin aus Amts­haf­tung (§ 839 Abs. 1 Satz 1 BGB i.V.m. Art. 34 Satz 1 GG) sowie aus Ord­nungs­be­hör­den­haf­tung (§ 52 des Thü­rin­ger Ord­nungs­be­hör­den­ge­set­zes – Thü­rO­BG) Scha­dens­er­satz in Höhe von 201.785, 20 € nebst Zin­sen. Sie hat gel­tend gemacht, ihr sei in dem Zeit­raum von Juli 2012 bis Febru­ar 2015 ein Umsatz­aus­fall (ent­gan­ge­ne, geson­dert zu berech­nen­de inves­ti­ve Kos­ten) von ins­ge­samt 441.883, 30 € ent­stan­den. Davon ver­lan­ge sie im Kos­ten­in­ter­es­se zunächst ledig­lich 44.200 €. Per­so­nal­mehr­kos­ten in Höhe von 157.585, 20 € ergä­ben sich aus einem Abgleich zwi­schen dem vom Frei­staat Thü­rin­gen für erfor­der­lich gehal­te­nen und von der Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin tat­säch­lich auch ein­ge­stell­ten Per­so­nal auf der einen Sei­te und dem laut Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung als aus­rei­chend anzu­se­hen­den Per­so­nal auf der ande­ren Seite.

Der Frei­staat Thü­rin­gen hat sich unter ande­rem damit ver­tei­digt, die mit der Pfle­ge­kas­se abge­spro­che­ne Berech­nungs­me­tho­de der Heim­auf­sicht sei jeden­falls recht­lich ver­tret­bar gewe­sen. Es habe zum dama­li­gen Zeit­punkt weder ein fest­ge­leg­ter Per­so­nal­schlüs­sel exis­tiert noch hät­ten ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung bezie­hungs­wei­se Lite­ra­tur vor­ge­le­gen, wes­halb die indi­vi­du­ell mit der Ein­rich­tung ver­han­del­ten LQM als ein­zi­ge Ori­en­tie­rungs­hil­fe zur Ver­fü­gung gestan­den hätten.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Erfurt hat den Kla­ge­an­spruch dem Grun­de nach für gerecht­fer­tigt erklärt [1]. Die Beru­fung des Frei­staats Thü­rin­gen hat vor dem Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt kei­nen Erfolg gehabt [2]. Mit der vom Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt er sei­nen Antrag auf Kla­ge­ab­wei­sung wei­ter und hat­te nun Erfolg; der Bun­des­ge­richts­hof hob das Beru­fungs­ur­teil des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts auf und wies die Kla­ge ab.

Amts­haf­tung für Maß­nah­men der Heimaufsicht

Im Aus­gangs­punkt zutref­fend hat das Beru­fungs­ge­richt aller­dings ange­nom­men, dass auf Grund des rechts­kräf­ti­gen Urteils des Ver­wal­tungs­ge­richts mit Bin­dungs­wir­kung auch für den nach­fol­gen­den Amts­haf­tungs­pro­zess fest­steht, dass die Beschei­de der Thü­rin­ger Heim­auf­sicht vom 12. Juli, 19. Sep­tem­ber, 25.10.und 14.11.2012 sowie vom 22.03.2013 rechts­wid­rig waren. Nach stän­di­ger, seit lan­gem bestehen­der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sind die Zivil­ge­rich­te im Amts­haf­tungs­pro­zess an rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dun­gen von Ver­wal­tungs­ge­rich­ten im Rah­men ihrer Rechts­kraft­wir­kung (§ 121 VwGO) gebun­den. Die Bin­dungs­wir­kung erfasst in per­sön­li­cher Hin­sicht die Betei­lig­ten des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens (§ 63 VwGO) und ihre Rechts­nach­fol­ger und ist sach­lich auf des­sen Streit­ge­gen­stand (hier: Anfech­tungs­kla­ge bezie­hungs­wei­se Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge hin­sicht­lich der vor­ge­nann­ten Beschei­de) beschränkt. In die­sem Rah­men folgt die Bin­dung der Zivil­ge­rich­te aus der grund­sätz­li­chen Gleich­wer­tig­keit der Gerichts­zwei­ge [3].

Die Bediens­te­ten des Frei­staats Thü­rin­gen han­del­ten aber nicht schuld­haft. Zwar muss jeder Amts­trä­ger die zur Füh­rung sei­nes Amtes not­wen­di­gen Rechts- und Ver­wal­tungs­kennt­nis­se besit­zen oder sich ver­schaf­fen. Er ist bei der Geset­zes­aus­le­gung und Rechts­an­wen­dung ver­pflich­tet, die Rechts­la­ge unter Zuhil­fe­nah­me der ihm zu Gebo­te ste­hen­den Hilfs­mit­tel sorg­fäl­tig und gewis­sen­haft zu prü­fen und danach auf Grund ver­nünf­ti­ger Über­le­gun­gen sich eine Rechts­mei­nung zu bil­den. Nicht jeder objek­ti­ve Rechts­irr­tum begrün­det jedoch ohne wei­te­res einen Schuld­vor­wurf. Wenn die nach sorg­fäl­ti­ger Prü­fung gewon­ne­ne Rechts­an­sicht des Amts­trä­gers als recht­lich ver­tret­bar ange­se­hen wer­den kann, dann kann aus der spä­te­ren Miss­bil­li­gung die­ser Rechts­auf­fas­sung durch die Gerich­te ein Schuld­vor­wurf nicht her­ge­lei­tet wer­den [4]. Das gilt ins­be­son­de­re in Fäl­len, in denen die objek­tiv unrich­ti­ge Rechts­an­wen­dung eine Vor­schrift betrifft, deren Inhalt – bezo­gen auf den zur Ent­schei­dung ste­hen­den Ein­zel­fall – zwei­fel­haft sein kann und noch nicht durch eine höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung klar­ge­stellt ist [5].

Ver­tret­bar­keit der rechts­wid­ri­gen Maßnahmen

Auf der Grund­la­ge die­ser recht­li­chen Maß­ga­ben waren die Anord­nun­gen der Heim­auf­sicht jeden­falls vertretbar.

Dies folgt aller­dings nicht bereits aus der Kol­le­gi­al­ge­richts-Richt­li­nie, die besagt, dass einen Beam­ten in der Regel kein Ver­schul­den trifft, wenn ein mit meh­re­ren Rechts­kun­di­gen besetz­tes Kol­le­gi­al­ge­richt die Amts­tä­tig­keit als objek­tiv recht­mä­ßig ange­se­hen hat [6]. Zwar hat das Ver­wal­tungs­ge­richt W. im Ver­fah­ren nach § 80 Abs. 5 VwGO mit Beschluss vom 04.12.2012 – in Kam­mer­be­set­zung – die Wie­der­her­stel­lung der auf­schie­ben­den Wir­kung der Kla­ge gegen die Maß­nah­men der Heim­auf­sicht mit der Begrün­dung abge­lehnt, die Erfolgs­aus­sich­ten der Kla­ge sei­en gering, weil die Anord­nun­gen der Heim­auf­sicht for­mell und mate­ri­ell recht­mä­ßig sei­en. Die Kol­le­gi­al­ge­richts-Richt­li­nie ist aber bei Ent­schei­dun­gen im einst­wei­li­gen Rechts­schutz wegen der nur sum­ma­ri­schen Prü­fung der Sach- und Rechts­la­ge nicht anwend­bar [7].

Die recht­li­che Ver­tret­bar­keit der Anord­nun­gen der Heim­auf­sicht ergibt sich jedoch aus den nach­fol­gen­den Erwägungen.

Die staat­li­che Heim­auf­sicht, die im Land Thü­rin­gen bis zum Inkraft­tre­ten des Lan­des­ge­set­zes über Wohn­for­men und Teil­ha­be vom 10.06.2014 (ThürWTG) gemäß der Über­gangs­vor­schrift des Art. 125a Abs. 1 GG auf der Grund­la­ge des Heim­ge­set­zes des Bun­des vom 05.11.2001 [8] aus­ge­übt wur­de [9], ist nicht auf die ver­wal­tungs­recht­li­chen Rege­lun­gen des Heim­ge­set­zes beschränkt, son­dern erstreckt sich auch auf die spe­zi­fisch sozi­al­recht­li­chen Bestim­mun­gen des Elf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch. Gemäß § 2 Abs. 1 Nr. 3 HeimG dient die staat­li­che Heim­auf­sicht unter ande­rem dem Zweck, die Ein­hal­tung der dem Heim­trä­ger gegen­über den Bewoh­nern oblie­gen­den Pflich­ten zu sichern [10]. Nach § 117 Abs. 1 SGB XI arbei­ten die Lan­des­ver­bän­de der Pfle­ge­kas­sen bei der Über­prü­fung der Pfle­ge­ein­rich­tun­gen mit den nach den heim­recht­li­chen Vor­schrif­ten zustän­di­gen Auf­sichts­be­hör­den eng zusam­men. Die Erstre­ckung der Heim­auf­sicht auf die Siche­rung von Pflich­ten, die dem Heim­trä­ger gegen­über den Heim­be­woh­nern nach dem Elf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch oblie­gen, beruht auf der Erwä­gung, die Posi­ti­on der oft unter alters­be­ding­ten Ein­schrän­kun­gen oder Behin­de­run­gen lei­den­den Heim­be­woh­ner ange­sichts ihrer wirt­schaft­li­chen Unter­le­gen­heit und ihrer struk­tu­rel­len Abhän­gig­keit vom Heim­trä­ger zu stär­ken und sie nicht auf eige­ne Rechts­ver­fol­gung und ‑ver­tei­di­gung zu ver­wei­sen [11].

Der durch die Heim­auf­sicht zu gewähr­leis­ten­de Stan­dard der Pfle­ge nach dem Heim­ge­setz ist dem sozi­al­recht­lich fest­ge­leg­ten Pfle­ge­stan­dard nach dem Elf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch grund­sätz­lich gleich­zu­stel­len [12]. Die Fest­le­gun­gen in Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­run­gen bil­den des­halb einen aus­sa­ge­kräf­ti­gen Maß­stab für die Beur­tei­lung der Per­so­nal­aus­stat­tung in einem bestimm­ten Heim. Der Ein­hal­tung der per­so­nel­len Vor­ga­ben der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung kommt eine indi­zi­el­le Bedeu­tung für eine aus­rei­chen­de per­so­nel­le Beset­zung eines Pfle­ge­heims zu [13]. Zur Sicher­stel­lung der leis­tungs­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen des Heim­trä­gers aus den Fest­le­gun­gen der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung ist die Heim­auf­sicht befugt, auf der Grund­la­ge von § 17 Abs. 1 Satz 1 HeimG Anord­nun­gen zu tref­fen, ins­be­son­de­re auch Anfor­de­run­gen an die per­so­nel­le Aus­stat­tung des Hei­mes zu stel­len. Anders als eine Ver­gü­tungs­kür­zung nach § 115 Abs. 3 Satz 1 SGB XI, die nur in Betracht kommt, wenn eine zu gerin­ge Per­so­nal­aus­stat­tung eines Heims zu kon­kre­ten Qua­li­täts­män­geln führt [14], sind die Maß­nah­men der Heim-auf­sicht auf der Grund­la­ge von § 17 Abs. 1 Satz 1 HeimG nicht vom Nach­weis einer kon­kre­ten Beein­träch­ti­gung abhän­gig. Aus­rei­chend ist, dass objek­ti­ve Anhalts­punk­te für eine unzu­rei­chen­de per­so­nel­le Aus­stat­tung bestehen [15]. Denn die Maß­nah­men der Heim­auf­sicht die­nen öffent­li­chen Zwe­cken, zu denen nicht nur die Abwen­dung kon­kre­ter Beein­träch­ti­gun­gen des Pfle­ge­stan­dards, son­dern nach § 2 Abs. 1 Nr. 3, § 17 Abs. 1 Satz 1 HeimG auch die Ein­hal­tung der Pflich­ten gegen­über den Heim­be­woh­nern zählt. Die­ser Zweck wür­de ver­fehlt, wenn sich der Heim­trä­ger der Ein­hal­tung bestehen­der Pflich­ten ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Per­so­nal­aus­stat­tung mit der Begrün­dung ent­zie­hen könn­te, ein gegen­über den Fest­le­gun­gen in der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung zu gerin­ger Per­so­nal­be­stand füh­re nicht zu kon­kre­ten Beeinträchtigungen.

Für die Ent­schei­dung über den Auf­nah­me­stopp muss­te die Heim­auf­sicht fest­stel­len, wel­che per­so­nel­le „Soll-Aus­stat­tung“ die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin zu gewähr­leis­ten hat­te. Hier­für waren die Fest­le­gun­gen in den Leis­tungs- und Qua­li­täts­merk­ma­len der Anla­ge 1 zur Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung („Struk­tur­bo­gen“) grund­sätz­lich maß­ge­bend. Die­se sahen eine Aus­stat­tung mit 17, 64 Pfle­ge­fach­kräf­ten bei 113 Heim­be­woh­nern vor. Dahin­ter blieb der tat­säch­li­che Bestand an Pfle­ge­fach­kräf­ten zurück. Um die Höchst­zahl der Heim­be­woh­ner für einen Auf­nah­me­stopp fest­zu­le­gen, muss­te die Heim­auf­sicht errech­nen, wie vie­le Heim­be­woh­ner mit dem tat­säch­lich vor­han­de­nen Per­so­nal im Rah­men der Vor­ga­ben der Leis­tungs- und Qua­li­täts­merk­ma­le betreut wer­den konn­ten. Sie setz­te daher in dem Aus­gangs­be­scheid vom 19.06.2012 die Kapa­zi­tät von 113 Heim­plät­zen ins Ver­hält­nis zur Per­so­nal­vor­ga­be von 17, 64 Pfle­ge­fach­kräf­ten und errech­ne­te dar­aus bei zwölf vor­han­de­nen Pfle­ge­fach­kräf­ten eine Höchst­zahl von 77 Bewoh­nern. Die­se Berech­nungs­me­tho­de, die auch bei den Fol­ge­be­schei­den ange­wen­det wur­de, beruh­te auf sach­li­chen Erwä­gun­gen und war jeden­falls vertretbar.

Nach § 84 Abs. 5 Satz 1 SGB XI sind die wesent­li­chen Leis­tungs­und Qua­li­täts­merk­ma­le einer sta­tio­nä­ren Pfle­ge­ein­rich­tung (Pfle­ge­heim) in der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung fest­zu­le­gen. Hier­zu gehö­ren gemäß § 84 Abs. 5 Satz 2 Nr. 1 und 2 SGB XI ins­be­son­de­re die Zuord­nung des vor­aus­sicht­lich zu ver­sor­gen­den Per­so­nen­krei­ses, Art, Inhalt und Umfang der Leis­tun­gen, die von der Ein­rich­tung wäh­rend des Pfle­ge­zeit­raums erwar­tet wer­den, sowie die von der Ein­rich­tung für den vor­aus­sicht­lich zu ver­sor­gen­den Per­so­nen­kreis indi­vi­du­ell vor­zu­hal­ten­de und nach Berufs­grup­pen geglie­der­te per­so­nel­le Aus­stat­tung. § 84 Abs. 6 Satz 1 SGB XI ver­pflich­tet den Heim­trä­ger, mit der ver­ein­bar­ten per­so­nel­len Aus­stat­tung die Ver­sor­gung der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen jeder­zeit sicher­zu­stel­len. Dem ent­spricht die Rege­lung in § 4 Abs. 2 der zwi­schen der Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin und den Kos­ten­trä­gern geschlos­se­nen Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung. Nach § 85 Abs. 6 Satz 1 Halb­satz 2 SGB XI sind Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­run­gen für das Pfle­ge­heim sowie für die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen und deren Kos­ten­trä­ger unmit­tel­bar ver­bind­lich. Da die Leis­tungs- und Qua­li­täts­merk­ma­le und die dar­in ent­hal­te­nen Fest­le­gun­gen zur Per­so­nal­aus­stat­tung (hier: LQM-Struk­tur­bo­gen als Anla­ge 1 zur Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung) als inhalt­lich unver­zicht­ba­re Ele­men­te einer qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Pfle­ge und Betreu­ung gemäß § 84 Abs. 5 SGB XI Bestand­tei­le der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung sind, gilt die unmit­tel­ba­re Ver­bind­lich­keit auch hierfür.

Es war zumin­dest ver­tret­bar, dass die Bediens­te­ten des Frei­staats Thü­rin­gen in den Beschei­den bei der Berech­nung der höchst­zu­läs­si­gen Bewoh­ner­zahl anhand der LQM-Fest­le­gun­gen etwai­ge Ver­än­de­run­gen der Bewoh­ner­struk­tur nach Pfle­ge­stu­fen nicht berück­sich­tig­ten. Nach § 85 Abs. 7 SGB XI in der bis zum 31.12.2016 gel­ten­den Fas­sung (ent­spricht § 85 Abs. 7 Satz 1 SGB XI nF) erfolgt eine Neu­ver­hand­lung der Pfle­ge­sät­ze (wäh­rend des lau­fen­den Pfle­ge­satz­zeit­raums) nur bei „unvor­her­seh­ba­ren wesent­li­chen Ver­än­de­run­gen“ der Annah­men, die der Ver­ein­ba­rung oder Fest­set­zung der Pfle­ge­sät­ze zugrun­de lagen, und setzt das Ver­lan­gen einer Ver­trags­par­tei vor­aus. Nach § 85 Abs. 7 Satz 2 SGB XI, der durch das Zwei­te Gesetz zur Stär­kung der pfle­ge­ri­schen Ver­sor­gung und wei­te­rer Vor­schrif­ten vom 21.12.2015 [16] mit Wir­kung vom 01.01.2017 ein­ge­führt wur­de, gilt dies ins­be­son­de­re bei einer erheb­li­chen Abwei­chung der tat­säch­li­chen Bewoh­ner­struk­tur, was durch die Geset­zes­än­de­rung ledig­lich klar­ge­stellt wer­den soll­te. Schon nach der alten Fas­sung des § 85 Abs. 7 SGB XI konn­te die erheb­li­che Ände­rung der Bewoh­ner­struk­tur eine wesent­li­che Ver­än­de­rung der der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung zugrun­de lie­gen­den Annah­men dar­stel­len [17]. Aus der Rege­lung in § 85 Abs. 6 Satz 1 Halb­satz 2 und Abs. 7 SGB XI folgt somit, dass bei einer erheb­li­chen Abwei­chung der tat­säch­li­chen Bewoh­ner­struk­tur die Bin­dungs­wir­kung der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung und der dar­in fest­ge­leg­ten Pfle­ge­sät­ze erst dann ent­fällt, wenn es auf Ver­lan­gen einer Ver­trags­par­tei zu einer Neu­ver­hand­lung der Pfle­ge­sät­ze kommt. Im Übri­gen blei­ben die Pfle­ge­sät­ze auch bei Ver­än­de­run­gen der Bewoh­ner­struk­tur ver­bind­lich. Zwar bezieht sich § 85 Abs. 7 SGB XI sei­nem Wort­laut nach nur auf die Pfle­ge­sät­ze. Im Hin­blick auf den Rege­lungs­zu­sam­men­hang von § 84 Abs. 6 Satz 1 und § 85 Abs. 6 Satz 1 Halb­satz 2, Abs. 7 SGB XI ist aber die den Anord­nun­gen der Heim­auf­sicht zugrun­de lie­gen­de Annah­me, dass auch die Fest­le­gun­gen über die Per­so­nal­aus­stat­tung wäh­rend der Pfle­ge­satz­lauf­zeit grund­sätz­lich ver­bind­lich sei­en und nicht (fort­lau­fend) aktua­li­siert wer­den müss­ten, recht­lich zumin­dest ver­tret­bar. In die­sem Sin­ne kann auch der der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung als Anla­ge bei­gefüg­te Berech­nungs­bo­gen ver­stan­den wer­den. Dar­in wird der kon­kre­te Per­so­nal­be­darf abhän­gig von der Zahl der Heim­be­woh­ner, aber ohne Berück­sich­ti­gung etwai­ger Ver­än­de­run­gen der Bewoh­ner­struk­tur nach Pfle­ge­stu­fen dar­ge­stellt (zB Per­so­nal­soll bei Bele­gung mit 113 Bewoh­nern: 17,64 Fach­kräf­te, 17,59 Hilfs­kräf­te und zwei Betreuungsfachkräfte).

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts [18] blie­ben der Grad der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit der Heim­be­woh­ner und damit der Arbeits­in­ten­si­tät der per­so­nel­len Leis­tun­gen in der Berech­nung der Heim­auf­sicht auch nicht gänz­lich außer Betracht. Denn dem in den Leis­tungs- und Qua­li­täts­merk­ma­len fest­ge­leg­ten Per­so­nal­be­darf lag eine kon­kre­te Pro­gno­se der Ver­tei­lung der Heim­be­woh­ner auf die ein­zel­nen Pfle­ge­stu­fen für den Zeit­raum vom 01.10.2011 bis 30.09.2012 zugrun­de. Unbe­rück­sich­tigt blie­ben nur von die­ser Pro­gno­se abwei­chen­de Ver­än­de­run­gen der Bewoh­ner­struk­tur. Solan­ge jedoch kon­kre­te Anhalts­punk­te für eine rele­van­te Ver­än­de­rung der Bewoh­ner­struk­tur von der Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin nicht gel­tend gemacht wur­den und auch sonst nicht ersicht­lich waren, durf­te die Heim­auf­sicht die der Pfle­ge­satz­ver­hand­lung zugrun­de lie­gen­de Pro­gno­se wei­ter­hin für maß­ge­bend erach­ten. Es kommt hin­zu, dass auch die Rege­lung in § 4 Abs. 3 der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung, nach der Abwei­chun­gen von der ver­ein­bar­ten Per­so­nal­aus­stat­tung unter ande­rem durch Ver­än­de­run­gen der Bele­gungs­struk­tur gerecht­fer­tigt sein kön­nen, vor­aus­setzt, dass der Heim­trä­ger sol­che Ver­än­de­run­gen kon­kret nach­zu­wei­sen und die Heim­auf­sicht sie nicht von Amts wegen zu ermit­teln hat. Aus der von der Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin vor­ge­leg­ten Auf­stel­lung ergibt sich zudem, dass die Par­tei­en der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­run­gen in den Fol­ge­jah­ren (2013 bis 2015) bei den Ver­gü­tungs­ver­hand­lun­gen von einer Pfle­ge­quo­te von 1,25 (Bewer­tung der pro­zen­tua­len Antei­le der Pfle­ge­stu­fen mit einer Äqui­va­lenz­zif­fer) aus­ge­gan­gen sind, die sich nur unwe­sent­lich von der­je­ni­gen für den vor­lie­gend maß­geb­li­chen Zeit­raum von 1,27 unter­schied, und zugleich sogar ein höhe­rer Anteil schwer pfle­ge­be­dürf­ti­ger Bewoh­ner ange­nom­men wurde.

Für eine über die eige­ne Rechts­an­wen­dung durch die Heim­auf­sicht hin­aus­ge­hen­de Prü­fung der Rechts­la­ge durch Ein­ho­lung exter­nen Rechts­rats etwa in Form eines Rechts­gut­ach­tens, was das Land­ge­richt expli­zit gefor­dert und wor­auf das Beru­fungs­ge­richt Bezug genom­men hat, bestand kein Anlass. Die heim­auf­sichts­recht­li­chen Anord­nun­gen beruh­ten, wie die jeweils aus­führ­lich begrün­de­ten Beschei­de bele­gen, auf einer sorg­fäl­ti­gen recht­li­chen und tat­säch­li­chen Prü­fung [19]. Zur Berech­nung des Per­so­nal­be­darfs gab es bis dahin, soweit ersicht­lich, weder Recht­spre­chung noch Schrift­tum. Die von der Heim­auf­sicht ver­tre­te­ne und mit der Pfle­ge­kas­se zusätz­lich abge­stimm­te Rechts­auf­fas­sung beruh­te auf sach­li­chen, ver­nünf­ti­gen Erwä­gun­gen und war ins­ge­samt pra­xis­ge­rech­ter als die dem Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts W. vom 21.01.2015 zugrun­de lie­gen­de Ansicht.

Ent­schä­di­gung nach dem Thü­rin­ger Polizeiaufgabengesetz?

Das Beru­fungs­ur­teil des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts stellt sich auch nicht aus ande­ren Grün­den als rich­tig dar (§ 561 ZPO). Ins­be­son­de­re kann der Kla­ge­an­spruch nicht auf § 52 Thü­rO­BG in Ver­bin­dung mit § 68 Abs. 1 Satz 2 Thür­PAG gestützt wer­den. Aus dem Kla­ge­vor­brin­gen und den hier­zu vor­ge­leg­ten Kos­ten­über­sich­ten ergibt sich nicht, dass die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin ohne den gel­tend gemach­ten zusätz­li­chen Per­so­nal­ein­satz in der Lage war, die im Zeit­punkt des Wirk­sam­wer­dens der Anord­nun­gen der Heim­auf­sicht jeweils tat­säch­lich vor­han­de­nen Bewoh­ner bedarfs­ge­recht zu pfle­gen und zu betreu­en sowie dar­über hin­aus – wie behaup­tet – noch bis zu 23 wei­te­re Bewoh­ner im Juli und August 2012 auf­zu­neh­men. Es ist ins­be­son­de­re nicht ersicht­lich, dass die Zusam­men­set­zung der Bewoh­ner­struk­tur nach Pfle­ge­stu­fen zuguns­ten der Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin rele­vant von den Annah­men abwich, die der Pro­gno­se in der gül­ti­gen Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung zugrun­de lagen. Es hät­te des­halb kein Grund­ur­teil (§ 304 Abs. 1 ZPO) erlas­sen wer­den dür­fen, weil es an der Wahr­schein­lich­keit fehlt, dass irgend­ein Scha­den ent­stan­den ist, der ohne die bean­stan­de­ten Beschei­de nicht ein­ge­tre­ten wäre [20].

§ 68 Abs. 1 Satz 2 Thür­PAG nor­miert einen ver­schul­dens­un­ab­hän­gigen Ent­schä­di­gungs­an­spruch zuguns­ten des­je­ni­gen, der auf Grund einer rechts­wid­ri­gen Maß­nah­me der Poli­zei oder, kraft der Ver­wei­sung in § 52 Thü­rO­BG, der Sicher­heits­be­hör­den einen Scha­den erlei­det. Der Anspruch steht schon auf Grund des ein­deu­ti­gen Geset­zes­wort­lauts nicht nur Per­so­nen zu, die als Unbe­tei­lig­te in Anspruch genom­men wer­den, son­dern jedem Adres­sa­ten einer rechts­wid­ri­gen Maß­nah­me [21]. Er unter­schei­det sich in der Rechts­fol­ge von einem Amts­haf­tungs­an­spruch nach § 839 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 34 GG, weil er nicht auf Scha­dens­er­satz gerich­tet ist, son­dern einen ange­mes­se­nen Scha­dens­aus­gleich gewährt, des­sen Höhe sich nach den Umstän­den des Ein­zel­falls rich­tet und der hin­ter dem vol­len Scha­dens­er­satz zurück­blei­ben kann [22].

Geht man davon aus, dass durch das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts die Rechts­wid­rig­keit der heim­auf­sichts­recht­li­chen Anord­nun­gen vom 12. Juli, 19. Sep­tem­ber, 25.10.und 14.11.2012 sowie vom 22.03.2013 auch für den Ent­schä­di­gungs­an­spruch nach § 52 Thü­rO­BG bin­dend fest­ge­stellt wur­de, muss zusätz­lich die Ent­ste­hung irgend­ei­nes Scha­dens fest­ste­hen. Dar­an fehlt es hier.

Allein aus der Rechts­wid­rig­keit des jewei­li­gen Auf­nah­me­stopps folgt nicht, dass die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin – unter Beach­tung ihrer Pflicht zu einer qua­li­täts­ge­rech­ten Leis­tungs­er­brin­gung (vgl. § 84 Abs. 6 Satz 1, § 115 Abs. 3 SGB XI) – im Juli und August 2012 neben der Pfle­ge und Betreu­ung der bereits vor­han­de­nen 106 Bewoh­ner wei­te­re 23 pfle­ge­be­dürf­ti­ge Per­so­nen hät­te auf­neh­men kön­nen und dar­über hin­aus in der Fol­ge­zeit in ihrer Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät unzu­läs­sig beschränkt wor­den ist. Denn die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin war – wie aus­ge­führt – an die Vor­ga­ben der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung und der Leis­tungs- und Qua­li­täts­merk­ma­le gebun­den. Die­se waren für sie nach § 85 Abs. 6 Satz 1 Halb­satz 2 SGB XI unab­hän­gig von den Anord­nun­gen der Heim­auf­sicht unmit­tel­bar verbindlich.

Dem­entspre­chend muss­te die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin auch ohne Anord­nun­gen der Heim­auf­sicht ihre aus der Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­rung fol­gen­de Ver­pflich­tung, im Ver­hält­nis zur Zahl der Heim­be­woh­ner eine bestimm­te Per­so­nal­aus­stat­tung zu gewähr­leis­ten, ein­hal­ten. Fest­ge­legt war eine Beset­zung mit einer Pfle­ge­dienst­lei­tung, 17, 64 Pfle­ge­fach­kräf­ten, 17, 59 Pfle­ge­hilfs­kräf­ten und zwei Betreu­ungs­fach­kräf­ten bei 113 Heim­plät­zen bei einer pro­gnos­ti­zier­ten Bele­gung mit 48, 97 Per­so­nen in Pfle­ge­stu­fe I (44,22 %), 50,99 in Pfle­ge­stu­fe II (46,05 %) und 10, 78 in Pfle­ge­stu­fe III (9,73 %). Auf der Grund­la­ge die­ser per­so­nel­len Vor­ga­ben, einer unver­än­der­ten Struk­tur der Bewoh­ner­schaft in den Pfle­ge­stu­fen und der jewei­li­gen tat­säch­li­chen Per­so­nal­aus­stat­tung war ab einer bestimm­ten Anzahl an Heim­be­woh­nern der in den Leis­tungs- und Qua­li­täts­merk­ma­len fest­ge­leg­te Per­so­nal­stan­dard nicht mehr gewähr­leis­tet. Die von der Heim­auf­sicht in den dem Rechts­streit zugrun­de lie­gen­den Beschei­den bestimm­ten Maxi­mal­be­le­gun­gen sind nach die­sen Maß­ga­ben zutref­fend errech­net wor­den. Mehr Bewoh­ner als von der Heim­auf­sicht ermit­telt durf­te die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin nur dann auf­neh­men und betreu­en, wenn sich die Bewoh­ner­struk­tur nach Pfle­ge­stu­fen im Ver­gleich zur Pro­gno­se der Leis­tungs- und Qua­li­täts­merk­ma­le zu einem höhe­ren Anteil von Per­so­nen mit nied­ri­ger Pfle­ge­stu­fe rele­vant ver­scho­ben hat­te. Nur in die­sem Fall konn­te sich der durch die Heim­auf­sicht ver­häng­te Auf­nah­me­stopp für die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin nach­tei­lig aus­wir­ken, weil er sie ohne eine sol­che Ver­än­de­rung der Bewoh­ner­struk­tur nur zu einem Ver­hal­ten anhielt, zu dem sie auf Grund der unmit­tel­bar ver­bind­li­chen Vor­ga­ben der Leis­tungs- und Qua­li­täts­merk­ma­le ohne­hin ver­pflich­tet war.

Eine für sie güns­ti­ge rele­van­te Ver­än­de­rung der Bewoh­ner­struk­tur nach Pfle­ge­stu­fen hat die Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin indes nicht dar­ge­legt; auf die dies­be­züg­li­che Rüge des beklag­ten Frei­staats in der Beru­fungs­be­grün­dung hat sie ledig­lich ihre Behaup­tun­gen wie­der­holt, dass auf Grund der Ver­fü­gun­gen der Heim­auf­sicht eine Bele­gung mit neu­en Bewoh­nern im Juli und August 2012 nicht mög­lich gewe­sen sei und „Über­per­so­nal“ habe ein­ge­setzt wer­den müs­sen. Uner­heb­lich ist, dass die Rüge des Frei­staats Thü­rin­gen sich in ers­ter Linie auf die Scha­dens­ent­ste­hung im Rah­men des vor­ran­gig gel­tend gemach­ten Amts­haf­tungs­an­spruchs bezog. Denn die Kau­sa­li­täts­fra­ge stellt sich hin­sicht­lich des Ent­schä­di­gungs­an­spruchs nach § 52 Thü­rO­BG in glei­cher Weise.

Aus der von der Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin vor­ge­leg­ten Auf­stel­lung der Bewoh­ner­struk­tur für Dezem­ber 2012 ergibt sich zwar ein höhe­rer Anteil von Bewoh­nern in Pfle­ge­stu­fe I (bei einer Pfle­ge­quo­te von 1,21 gegen­über einem pro­gnos­ti­zier­ten Wert von 1,27). Die­se Auf­stel­lung bezieht sich aber nicht auf die Bewoh­ner­struk­tur zu den für die Anord­nun­gen der Heim­auf­sicht maß­geb­li­chen Zeit­punk­ten. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin ver­steht der Bun­des­ge­richts­hof das Beru­fungs­ur­teil auch nicht dahin, dass der Frei­staat Thü­rin­gen die adäquat-kau­sa­le Ent­ste­hung eines Scha­dens „ein­ge­räumt“ hat. Den dies­be­züg­li­chen Urteil­spas­sa­gen ist ledig­lich zu ent­neh­men, dass der Frei­staat Thü­rin­gen gel­tend gemacht hat, selbst bei Zugrun­de­le­gung der klä­ge­ri­schen Berech­nun­gen ergä­ben sich bedeu­tend nied­ri­ge­re Beträge.

Die Behaup­tung der Pfle­ge­heim­be­trei­be­rin, die Fach­kraft­quo­te im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Satz 2 Heim­PersV sei jeder­zeit ein­ge­hal­ten gewe­sen, ist irrele­vant, weil die Fach­kraft­quo­te nicht die Per­so­nal­aus­stat­tung ins­ge­samt, son­dern nur den Anteil der Fach­kräf­te am Pfle­ge­per­so­nal betrifft.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juli 2020 – III ZR 66/​19

  1. LG Erfurt, Grund­ur­teil vom 23.02.2018 – 2 O 1349/​16[]
  2. Thü­rO­LG, Urteil vom 04.04.2019 – 4 U 202/​18[]
  3. zB BGH, Urteil vom 07.02.2008 – III ZR 76/​07, BGHZ 175, 221 Rn. 10; BeckOGK/​Dörr, BGB, § 839 Rn. 848, 851 [Stand: 15.04.2020]; jeweils m. zahlr. wN; sie­he auch BGH, Urteil vom 18.04.2019 – III ZR 67/​18, NJW 2019, 2400 Rn. 17[]
  4. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urtei­le vom 09.12.2004 – III ZR 263/​04, BGHZ 161, 305, 309; und vom 10.02.2011 – III ZR 37/​10, BGHZ 188, 302 Rn. 13; jeweils mwN[]
  5. zB BGH, Beschluss vom 19.12.1991 – III ZR 9/​91, NJW-RR 1992, 919 und Urteil vom 09.12.2004 aaO S. 309 f[]
  6. zB BGH, Urteil vom 09.07.2020 – III ZR 245/​18; BGH, Bun­des­ge­richts­hof für Notar­sa­chen, Beschluss vom 20.07.2020 – NotZ(Brfg) 3/​19; jew. m. umfangr. wN, bei­de zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt; BeckOGK/​Dörr aaO Rn. 465 mwN[]
  7. BGH, Urtei­le vom 20.02.1992 – III ZR 188/​90, BGHZ 117, 240, 250; und vom 14.03.2002 – III ZR 302/​00, BGHZ 150, 172, 184; BeckOGK/​Dörr aaO Rn. 465.2[]
  8. BGBl. I 2001, 2970[]
  9. Dick­mann, Heim­recht, 11. Aufl., A Rn. 27, 29[]
  10. vgl. Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Aus­schus­ses für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend vom 21.06.2001 zum Ent­wurf eines Drit­ten Geset­zes zur Ände­rung des Heim­ge­set­zes, BT-Drs. 14/​6366, S. 33[]
  11. BVerwG, NZS 2014, 667 Rn. 6, 9; VGH Baden-Würt­tem­berg, PflR 2012, 666, 670[]
  12. OVG NRW, PflR 2005, 510, 514; Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung vom 23.02.2001 zum Ent­wurf eines Drit­ten Geset­zes zur Ände­rung des Heim­ge­set­zes, BT-Drs. 14/​5399, S. 26[]
  13. vgl. OVG NRW, aaO; VGH BW, PflR 2013, 582, 591 mwN[]
  14. BSGE 112, 1[]
  15. VG Sig­ma­rin­gen, PflR 2007, 398, 403[]
  16. BGBl. I 2424[]
  17. vgl. Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Aus­schus­ses für Gesund­heit vom 11.11.2015, BT-Drs. 18/​6688, S. 128, 146[]
  18. Thü­rO­LG, a.a.O.[]
  19. sie­he hier­zu zB BGH, Urtei­le vom 08.10.1992 – III ZR 220/​90, BGHZ 119, 365, 370; vom 14.12.2000 – III ZR 151/​99, BGHZ 146, 153, 165; und vom 21.04.2005 – III ZR 264/​04, NVwZ 2006, 245, 246[]
  20. vgl. BGH, Urteil vom 21.04.2005 aaO, mwN[]
  21. Buchberger/​Rachor in Lis­ken-Den­nin­ger, Hand­buch des Poli­zei­rechts, 6. Aufl., M Rn. 71; eben­so Stein in Möstl/​Bäuerle, Beck­OK Poli­zei- und Ord­nungs­recht Hes­sen, Stand: 10.07.2019, § 64 HSOG Rn. 27 zum nahe­zu wort­laut­glei­chen § 64 HSOG[]
  22. Ebert/​Seel, Thü­rin­ger Gesetz über die Auf­ga­ben und Befug­nis­se der Poli­zei, 7. Aufl., § 68 Rn. 10; Buchberger/​Rachor aaO M Rn. 101 ff[]

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  • Pfle­ge­heim: Gun­du­la Vogel