Der Ruf des Muez­zins und die Nach­bar­k­la­ge

Der Muez­zin­ruf stellt kei­ne recht­lich erheb­li­che Beläs­ti­gung nach dem Lan­des-Immis­si­ons­schutz­ge­setz dar.Die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit ver­mit­telt kein Recht dar­auf, von ande­ren Glau­bens­be­kun­dun­gen ver­schont zu blei­ben.

Der Ruf des Muez­zins und die Nach­bar­k­la­ge

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge gegen eine Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung für den Muez­zin­ruf abge­wie­sen und damit gleich­zei­tig der Beru­fung der Stadt Oer-Erken­schwick gegen die Auf­he­bung der Geneh­mi­gung durch das Ver­wal­tungs­ge­richt Gel­sen­kir­chen stattgegeben.Die Klä­ger woh­nen in einer Ent­fer­nung von knapp 900 m zur Moschee. Sie wen­den sich gegen die dem Ditib Tür­kisch Isla­mi­sche Gemein­de zu Oer-Erken­schwick e. V. durch die Stadt Oer-Erken­schwick am 25. Janu­ar 2017 erteil­te Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung nach dem Lan­des-Immis­si­ons­schutz­ge­setz, frei­tags zwi­schen 12.00 Uhr und 14.00 Uhr für maxi­mal 15 Minu­ten den isla­mi­schen Gebets­ruf über einen Laut­spre­cher mit regle­men­tier­ter Laut­stär­ke durch­zu­füh­ren. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Gel­sen­kir­chen [1], hat die Geneh­mi­gung auf­ge­ho­ben, weil die Stadt ihr Ermes­sen unzu­rei­chend aus­ge­übt habe. Dage­gen hat sich die Stadt mit der Beru­fung gewehrt.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len aus­ge­führt, dass die Klä­ger durch die Ertei­lung der immis­si­ons­schutz­recht­li­chen Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung nicht in eige­nen Rech­ten ver­letzt sei­en. Der Muez­zin­ruf stel­le im vor­lie­gen­den Ein­zel­fall kei­ne recht­lich erheb­li­che Beläs­ti­gung nach dem Lan­des-Immis­si­ons­schutz­ge­setz dar. Die für all­ge­mei­ne und sogar rei­ne Wohn­ge­bie­te nach der Tech­ni­schen Anlei­tung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) maß­geb­li­chen Lärm­richt­wer­te wür­den am Wohn­haus der Klä­ger sicher ein­ge­hal­ten; der Gebets­ruf des Muez­zins sei bei geneh­mi­gungs­kon­for­mem Betrieb des Laut­spre­chers an ihrem Haus noch wahr­nehm­bar. Dies stel­le bei objek­ti­ver Wür­di­gung auch nicht des­we­gen eine unzu­mut­ba­re Beläs­ti­gung für die Klä­ger dar, weil es sich um einen Gesang in ara­bi­scher Spra­che mit spe­zi­el­ler Melo­die und reli­giö­sem Inhalt han­de­le.

Nach Mei­nung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts sei die­ser den Klä­gern bei einer Gesamt­wür­di­gung der Ein­zel­fall­um­stän­de unter Berück­sich­ti­gung der Neben­be­stim­mun­gen des Geneh­mi­gungs­be­schei­des – Begren­zung von Laut­stär­ke und Zeit­dau­er des Laut­spre­cher­be­triebs – zuzu­mu­ten.

Wei­ter ver­weist das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt dar­auf, dass die von den Klä­gern ange­führ­te nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit kein Recht dar­auf ver­mitt­le, von ande­ren Glau­bens­be­kun­dun­gen ver­schont zu blei­ben, son­dern bewah­re den Ein­zel­nen davor, gegen sei­nen Wil­len an reli­giö­sen Übun­gen teil­neh­men zu müs­sen. Damit sei das blo­ße Hören einer reli­giö­sen Aus­sa­ge ein­mal pro Woche in so gerin­ger Laut­stär­ke wie am Haus der Klä­ger nicht ver­gleich­bar.

Dar­über hin­aus kom­me es man­gels erheb­li­cher Beläs­ti­gung der Klä­ger nicht dar­auf an, ob die Ermes­sens­ent­schei­dung der beklag­ten Stadt den Anfor­de­run­gen gerecht gewor­den sei, die an eine sol­che Ent­schei­dung zu stel­len sei­en.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 23. Sep­tem­ber 2020 – 8 A 1161/​18

  1. VG Gel­sen­kir­chen, Ent­schei­dung vom 01.02.2018 – 8 K 2964/​15[]