Der ver­sag­te Eil­rechts­schutz in Asyl­sa­chen – und das Recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz

Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG gewährt nicht nur das for­mel­le Recht, die Gerich­te anzu­ru­fen, son­dern auch die Effek­ti­vi­tät des Rechts­schut­zes [1]. Den Anfor­de­run­gen an die Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes müs­sen die Gerich­te auch bei der Aus­le­gung und Anwen­dung der Vor­schrif­ten über den ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Eil­rechts­schutz Rech­nung tra­gen [2].

Der ver­sag­te Eil­rechts­schutz in Asyl­sa­chen – und das Recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz

Dabei begeg­net es zwar grund­sätz­lich kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken, wenn sich die Fach­ge­rich­te an den Erfolgs­aus­sich­ten im Haupt­sa­che­ver­fah­ren ori­en­tie­ren und dann die Sach- und Rechts­la­ge im Rah­men der Prü­fung des Anord­nungs­an­spruchs ledig­lich sum­ma­risch prü­fen [3].

Eine umfas­sen­de­re Prü­fung des im Haupt­sa­che­ver­fah­ren in Rede ste­hen­den mate­ri­el­len Anspruchs bereits im Eil­ver­fah­ren kann aber von Ver­fas­sungs wegen gebo­ten sein, wenn dem Antrag­stel­ler im Fal­le der Ver­sa­gung einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes bereits eine end­gül­ti­ge Ver­let­zung sei­ner Rech­te droht und inso­weit auch Grund­rechts­po­si­tio­nen von Gewicht in Rede ste­hen [4].

Zwar ist in einem Eil­ver­fah­ren nach Ableh­nung eines Asyl­fol­ge­an­trags die Auf­klä­rungs­pflicht des Gerichts nach § 71 Abs. 4 in Ver­bin­dung mit § 36 Abs. 4 AsylG in ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se ein­ge­schränkt [5]. Dabei kann offen­blei­ben, ob dies auch gilt, wenn – wie hier – ein Antrag nach § 123 Abs. 1 VwGO zur Ver­hin­de­rung einer Mit­tei­lung des Bun­des­amts nach § 71 Abs. 5 Satz 2 AsylG gestellt wor­den ist. Denn auch im Fall einer nur ein­ge­schränk­ten Prü­fung gel­ten jeden­falls die Kri­te­ri­en, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Offen­sicht­lich­keits­prü­fung im Rah­men eines Eil­ver­fah­rens auf­ge­stellt hat. Danach darf sich das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht mit einer blo­ßen Pro­gno­se zur vor­aus­sicht­li­chen Rich­tig­keit des Offen­sicht­lich­keits­ur­teils begnü­gen, son­dern muss die Fra­ge der Offen­sicht­lich­keit – will es sie beja­hen – erschöp­fend, wenn­gleich mit Ver­bind­lich­keit allein für das Eil­ver­fah­ren klä­ren und inso­weit über eine ledig­lich sum­ma­ri­sche Prü­fung hin­aus­ge­hen [6].

Geht es in einem Eil­ver­fah­ren um die Fra­ge, ob nach Stel­lung eines Fol­ge­an­trags die Vor­aus­set­zun­gen für die Durch­füh­rung eines wei­te­ren Asyl­ver­fah­rens nach § 71 Abs. 1 AsylG in Ver­bin­dung mit § 51 Abs. 1 bis 3 VwVfG vor­lie­gen, muss das Ver­wal­tungs­ge­richt dies eben­falls erschöp­fend, wenn­gleich mit Ver­bind­lich­keit allein für das Eil­ver­fah­ren klä­ren und inso­weit über eine ledig­lich sum­ma­ri­sche Prü­fung hin­aus­ge­hen [7]. Das dabei erfor­der­li­che Maß an Rich­tig­keits­ge­wiss­heit darf nicht hin­ter den Anfor­de­run­gen zurück­blei­ben, die von Ver­fas­sungs wegen an die Abwei­sung einer asyl­recht­li­chen Kla­ge als offen­sicht­lich unbe­grün­det zu stel­len sind [8].

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de der im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ange­grif­fe­ne Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts Leip­zig [9] – noch – gerecht. Das Ver­wal­tungs­ge­richt ist davon aus­ge­gan­gen, dass der Beschwer­de­füh­rer einen Anord­nungs­an­spruch nach § 123 Abs. 1 VwGO nicht glaub­haft gemacht habe, weil die Vor­aus­set­zun­gen für die Durch­füh­rung eines wei­te­ren Asyl­ver­fah­rens nach § 71 AsylG in Ver­bin­dung mit § 51 Abs. 1 bis 3 VwVfG nicht vor­lä­gen. Dabei hat sich das Ver­wal­tungs­ge­richt maß­geb­lich dar­auf gestützt, dass die vom Beschwer­de­füh­rer vor­ge­leg­te Vor­la­dung kein neu­es Beweis­mit­tel im Sin­ne des § 51 Abs. 1 Nr. 2 VwVfG dar­stel­le, weil es bereits nicht die not­wen­di­ge Über­zeu­gung habe gewin­nen kön­nen, dass es sich tat­säch­lich um ein von den Sicher­heits­be­hör­den aus­ge­stell­tes Doku­ment hand­le.

Nach der auch im Ver­wal­tungs­pro­zess grund­sätz­lich anzu­wen­den­den Rege­lung des § 438 Abs. 1 ZPO in Ver­bin­dung mit § 173 Satz 1 VwGO hat das Gericht nach den Umstän­den des Fal­les zu ermes­sen, ob eine Urkun­de, die sich als von einer aus­län­di­schen Behör­de oder von einer mit öffent­li­chem Glau­ben ver­se­he­nen Per­son des Aus­lan­des errich­tet dar­stellt, ohne nähe­ren Nach­weis als echt anzu­se­hen ist. Dabei ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht gebo­ten, den Nach­weis der Unecht­heit einer sol­chen Urkun­de in jedem Fall im Rah­men einer Beweis­auf­nah­me her­bei­zu­füh­ren [10]. Hat das Ver­wal­tungs­ge­richt jedoch Zwei­fel an der Echt­heit, so muss es sich durch wei­te­re Ermitt­lun­gen, etwa durch Ein­ho­lung einer Aus­kunft über das Aus­wär­ti­ge Amt, die erfor­der­li­che Über­zeu­gungs­ge­wiss­heit in dem einen oder ande­ren Sin­ne ver­schaf­fen [11]. In die­sem Fall kann es ange­zeigt sein, dem Antrag im einst­wei­li­gen Rechts­schutz statt­zu­ge­ben und die erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen im Rah­men des Haupt­sa­che­ver­fah­rens durch­zu­füh­ren.

Vor­lie­gend hat das Ver­wal­tungs­ge­richt im Eil­ver­fah­ren hin­rei­chend zum Aus­druck gebracht, dass es kei­ne ver­nünf­ti­gen Zwei­fel dar­an hat, dass die vom Beschwer­de­füh­rer vor­ge­leg­te Vor­la­dung unecht ist. Es hat zum einen dar­auf abge­stellt, dass kei­ne nach­voll­zieh­ba­ren Grün­de dafür ersicht­lich sei­en, war­um über sechs Jah­re nach Aus­rei­se des Beschwer­de­füh­rers ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen die­sen ein­ge­lei­tet wer­den soll­te, und zum ande­ren die Umstän­de, unter denen der Beschwer­de­füh­rer die Vor­la­dung erhal­ten haben will, für völ­lig unrea­lis­tisch gehal­ten. Damit bezieht sich das Ver­wal­tungs­ge­richt aus­schließ­lich auf sol­che Tat­sa­chen, die außer­halb der Urkun­de selbst lie­gen und somit auch durch eine Echt­heits­über­prü­fung nicht ohne Wei­te­res erschüt­tert wer­den könn­ten. Dies gilt vor­lie­gend ins­be­son­de­re des­halb, weil das Ver­wal­tungs­ge­richt in dem ange­grif­fe­nen Beschluss aus­ge­führt hat, dass es nach Aus­kunft des Aus­wär­ti­gen Amts in Russ­land mög­lich ist, Per­so­nen­stands­do­ku­men­te und ande­re Urkun­den wie Vor­la­dun­gen und Haft­be­feh­le zu kau­fen. Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt jeden­falls die sich aus Art.19 Abs. 4 GG erge­ben­den Erfor­der­nis­se und die durch Art. 3 Abs. 1 GG gezo­ge­nen Gren­zen fach­rich­ter­li­cher Sach­ver­halts­auf­klä­rung und ‑bewer­tung nicht über­schrit­ten.

Soweit das Ver­wal­tungs­ge­richt sei­ne Ent­schei­dung aller­dings dane­ben selb­stän­dig tra­gend dar­auf stützt, dass die Vor­la­dung auch bei unter­stell­ter Echt­heit kei­ne für den Beschwer­de­füh­rer güns­ti­ge­re Ent­schei­dung her­bei­ge­führt haben wür­de, weil es sich bei einer Vor­la­dung in einem Ver­fah­ren im Rah­men der Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung um eine zuläs­si­ge Maß­nah­me hand­le, wird dies vor dem Hin­ter­grund der vom Beschwer­de­füh­rer im ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren dar­ge­leg­ten Sicher­heits­la­ge in Dage­stan den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die gericht­li­che Sach­auf­klä­rung offen­sicht­lich nicht gerecht. Aus dem vom Beschwer­de­füh­rer im ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren in Bezug genom­me­nen Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amts vom 16.12.2019 ergibt sich, dass in Dage­stan mit der Bekämp­fung des isla­mis­ti­schen Unter­grunds zahl­rei­che Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen durch loka­le und föde­ra­le Sicher­heits­be­hör­den ein­her­ge­hen, dar­un­ter Ent­füh­run­gen und spur­lo­ses Ver­schwin­den­las­sen von Per­so­nen. Vor die­sem Hin­ter­grund durf­te das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht ohne jede tat­säch­li­che Grund­la­ge davon aus­ge­hen, dass dem Beschwer­de­füh­rer auch im Fal­le der Echt­heit der Vor­la­dung als Beschul­dig­ter wegen des Ver­dachts der Unter­stüt­zung ter­ro­ris­ti­scher Hand­lun­gen in Dage­stan kei­ne men­schen­rechts­wid­ri­ge Behand­lung dro­hen wür­de. Die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung hat aller­dings nach dem oben zur Echt­heit des vor­ge­leg­ten Beweis­mit­tels Aus­ge­führ­ten auch unab­hän­gig von die­sem zuletzt genann­ten Aspekt Bestand.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Juli 2020 – 2 BvR 939/​20

  1. vgl. BVerfGE 93, 1 <13> stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 79, 69 <74>[]
  3. vgl. BVerfGK 5, 237 <242> 16, 233 <238>[]
  4. vgl. BVerfGE 69, 315 <363 f.> BVerfGK 1, 292 <296> 5, 237 <242> 16, 233 <238>[]
  5. vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 16.03.1999 – 2 BvR 2131/​95; Beschluss vom 07.03.2002 – 2 BvR 191/​02, Rn. 4[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 25.02.2019 – 2 BvR 1193/​18, Rn. 21[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 12.11.1991 – 2 BvR 1216/​91, Rn. 10[]
  8. vgl. BVerfGE 67, 43 <56 f., 60 ff.> BVerfG, Beschluss vom 25.02.2019 – 2 BvR 1193/​18, Rn. 21[]
  9. VG Leip­zig, Beschluss vom 03.04.2020 – 6 L 122.20.A[]
  10. vgl. BVerfG, Beschluss vom 11.02.1992 – 2 BvR 1003/​91, Rn. 7; Beschluss vom 07.03.2002 – 2 BvR 191/​02, Rn. 5[]
  11. vgl. BVerwG, Beschluss vom 28.06.2010 – 5 B 49.09 4[]