Der voll­jäh­rig gewor­de­ne Sohn – und das Fami­li­en­asyl

Wenn ein als Flücht­ling aner­kann­ter Sohn zwar bei der Mel­dung sei­ner Eltern als Asyl­su­chen­de noch min­der­jäh­rig war, aber im Zeit­punkt der Gerichts­ver­hand­lung nicht mehr, besteht kein Anspruch auf Fami­li­en­asyl.

Der voll­jäh­rig gewor­de­ne Sohn – und das Fami­li­en­asyl

So hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer syri­schen Fami­lie ent­schie­den. Anfang 2016 sind ein syri­sches Ehe­paar und sei­ne 17-jäh­ri­ge Toch­ter über die Bal­kan­rou­te nach Deutsch­land ein­ge­reist und leben jetzt in Kre­feld. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge sprach ihnen im Okto­ber 2016 den soge­nann­ten sub­si­diä­ren Schutz wegen der auf Grund des Bür­ger­kriegs dro­hen­den Gefah­ren zu, ver­sag­te aber die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft. Ihr gemein­sam mit ihnen ein­ge­reis­ter Sohn bzw. Bru­der wur­de im Okto­ber 2016 hin­ge­gen als Flücht­ling aner­kannt. Nach­dem das Ver­wal­tungs­ge­richt Düs­sel­dorf [1] die Kla­gen der Ehe­leu­te und ihrer Toch­ter auf Flücht­lings­an­er­ken­nung abge­wie­sen hat­te, haben sie dage­gen Beru­fung ein­ge­legt.

Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len hät­ten die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen kei­nen Anspruch auf Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft unter dem Gesichts­punkt inter­na­tio­na­len Schut­zes für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge. Die Vor­aus­set­zun­gen lägen nicht vor, weil der Sohn bzw. Bru­der im Zeit­punkt der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Senat nicht min­der­jäh­rig gewe­sen sei, sogar noch nicht ein­mal mehr im Zeit­punkt der Ent­schei­dun­gen des Bun­des­am­tes über sei­nen Asyl­an­trag und den der Klä­ger. Zwar stel­le das Asyl­ge­setz für bestimm­te Fäl­le hin­sicht­lich der Merk­ma­le „min­der­jäh­rig“ und „ledig“ abwei­chend von dem all­ge­mei­nen Grund­satz nicht auf die Sach- und Rechts­la­ge im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung, son­dern auf den Zeit­punkt der Asyl­an­trag­stel­lung der Per­son ab, die Fami­li­en­schutz bean­spru­che, etwa bei min­der­jäh­ri­gen ledi­gen Kin­dern von inter­na­tio­nal Schutz­be­rech­tig­ten. Für die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung gebe es aber weder eine ent­spre­chen­de Rege­lung noch sei die­ser Zeit­punkt dem Zweck nach gebo­ten.

Ob Miss­brauchs­fäl­le, in denen die Behör­de das Ver­fah­ren bis zum Errei­chen der Alters­gren­ze zur Ver­hin­de­rung eines Fami­li­en­asylan­spruchs ver­zö­ge­re, anders zu behan­deln wären, kön­ne dahin­ste­hen, weil ein sol­cher hier nicht gege­ben sei. Die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen könn­ten auch nicht wegen eige­ner poli­ti­scher Ver­fol­gung die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft bean­spru­chen.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter hält an der Bewer­tung der tat­säch­li­chen Situa­ti­on in Syri­en fest, dass aus dem Aus­land zurück­keh­ren­den syri­schen Asyl­be­wer­bern, auch wenn sie Syri­en ille­gal ver­las­sen haben, kei­ne poli­ti­sche Ver­fol­gung wegen einer zuge­schrie­be­nen regi­me­feind­li­chen Gesin­nung dro­he. Dass die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen aus einem frü­her von Rebel­len beherrsch­ten Gebiet umge­zo­gen sei­en, begrün­de eben­so wenig die hin­rei­chen­de Wahr­schein­lich­keit poli­ti­scher Ver­fol­gung wie der Umstand, dass sie Sun­ni­ten sei­en. Die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen könn­ten sich fer­ner nicht mit Erfolg dar­auf beru­fen, dass ihre fünf Söh­ne Wehr­dienst­flucht began­gen hät­ten.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter hält des wei­te­ren – auch unter Ein­be­zie­hung den jüngs­ten Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 20. Novem­ber 2019 – an sei­ner Recht­spre­chung fest, dass es kei­ne tat­säch­li­chen Anhalts­punk­te dafür gebe, dass der syri­sche Staat dem Wehr­dienst­ent­zie­her eine regi­me­feind­li­che Gesin­nung unter­stel­le.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 13. März 2020 – 14 A 2778/​17.A

  1. VG Düs­sel­dorf – 13 K 12228/​16.A[]