Deut­sche Zustän­dig­keit Asyl­ver­fah­ren – wegen sys­te­mi­scher Män­gel in Ungarn

Das Asyl­ver­fah­ren und die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in Ungarn wei­sen nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart gegen­wär­tig sys­te­mi­sche Män­gel auf.

Deut­sche Zustän­dig­keit Asyl­ver­fah­ren – wegen sys­te­mi­scher Män­gel in Ungarn

Nach § 27a AsylVfG ist ein Asyl­an­trag unzu­läs­sig, wenn ein ande­rer Staat auf­grund von Rechts­vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft oder eines völ­ker­recht­li­chen Ver­tra­ges für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen aber nicht vor, wenn nach der Dub­lin-II-VO eine Zustän­dig­keit Ungarns besteht, da der Asyl­be­wer­ber im Fal­le einer Über­stel­lung nach Ungarn einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung i.S.v. Art. 4 GRCh aus­ge­setzt wäre.

Es obliegt den Mit­glied­staa­ten ein­schließ­lich der natio­na­len Gerich­te, einen Asyl­be­wer­ber nicht an den zustän­di­gen Mit­glied­staat im Sin­ne der Dub­lin II-Ver­ord­nung zu über­stel­len, wenn ihnen nicht unbe­kannt sein kann, dass die sys­te­mi­schen Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in die­sem Mit­glied­staat ernst­haf­te und durch Tat­sa­chen bestä­tig­te Grün­de für die Annah­me dar­stel­len, dass der Antrag­stel­ler tat­säch­lich Gefahr läuft, einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne von Art. 4 GRCh aus­ge­setzt zu wer­den1. Wird auf­ge­zeigt, dass sys­te­mi­sche Stö­run­gen dazu füh­ren, dass Asyl­an­trä­ge nicht ein­zeln, objek­tiv und unpar­tei­isch geprüft und ent­schie­den (Art. 8 Abs. 2 RL 2005/​85/​EG) sowie die nach Art. 10 RL 2005/​85/​EG gewähr­leis­te­ten Ver­fah­rens­ga­ran­ti­en für Antrag­stel­ler und das Recht auf eine wirk­sa­me Über­prü­fung ableh­nen­der Asy­l­ent­schei­dun­gen (Art. 23 RL 2005/​85/​EG) ver­letzt wer­den, han­delt der Mit­glied­staat, der den Asyl­su­chen­den gleich­wohl an die­sen Mit­glied­staat über­stellt, Art. 4 GRCh zuwi­der. Sind den Behör­den schwer­wie­gen­de Män­gel des Asyl­ver­fah­rens im zustän­di­gen Mit­glied­staat auf­grund zuver­läs­si­ger Berich­te inter­na­tio­na­ler und nicht­staat­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen bekannt, darf dem Asyl­su­chen­den nicht die voll­stän­di­ge Beweis­last dafür auf­er­legt wer­den, dass das dor­ti­ge Asyl­sys­tem nicht wirk­sam ist; unter die­sen Umstän­den darf sich der ersu­chen­de Mit­glied­staat nicht auf Zusi­che­run­gen des ersuch­ten Mit­glied­staa­tes, dass dem Asyl­su­chen­den dort kei­ne kon­ven­ti­ons­wid­ri­ge Behand­lung dro­hen wer­de, ver­las­sen2. Nach die­sen Grund­sät­zen umfasst die Dar­le­gungs­last des Asyl­su­chen­den den Hin­weis auf die zuver­läs­si­gen Quel­len. Macht der Asyl­su­chen­de unter Hin­weis auf Berich­te inter­na­tio­na­ler Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen sys­te­mi­sche Män­gel im Asyl­ver­fah­ren des zustän­di­gen Mit­glied­staa­tes gel­tend, ist der um Schutz gebe­te­ne Mit­glied­staat ver­pflich­tet nach­zu­wei­sen, dass das dor­ti­ge Asyl­ver­fah­ren wirk­sam und in der Lage ist, den Asyl­an­trag nach Maß­ga­be uni­ons­recht­li­cher Vor­ga­ben zu behan­deln. Kann der um Prü­fung des Asyl­an­trags gebe­te­ne Mit­glied­staat dies nicht bele­gen und über­stellt er gleich­wohl den Asyl­su­chen­den an den zustän­di­gen Mit­glied­staat, ver­letzt er Art. 4 GRCh.

Auch nach der Aus­kunfts­la­ge erfüllt Ungarn die ein­ge­gan­ge­nen Ver­pflich­tun­gen nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on, der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on nicht.

In der Ver­gan­gen­heit erfüll­te Ungarn die uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben hin­sicht­lich des Asyl­ver­fah­rens nicht. Aus dem UNHCR Posi­ti­ons­pa­pier vom 24.04.2012 und dem Bericht von Pro Asyl vom 15.03.2012 ergab sich, dass Miss­hand­lun­gen in der Haft und eine Ruhig­stel­lung von Flücht­lin­gen mit­tels Medi­ka­men­te an der Tages­ord­nung waren. Die nach der Dub­lin II-VO nach Ungarn über­stell­ten Asyl­be­wer­ber muss­ten mit ihrer Inhaf­tie­rung und Abschie­bung rech­nen.

Das Flücht­lings­hoch­kom­mis­sa­ri­at der Ver­ei­nig­ten Natio­nen (UNHCR) führ­te aller­dings in einem Bericht vom Dezem­ber 2012 aus, das unga­ri­sche Par­la­ment habe im Novem­ber 2012 Geset­zes­än­de­run­gen ver­ab­schie­det, denen zufol­ge Asyl­be­wer­ber nicht ohne sach­li­che Prü­fung des Asyl­an­trags nach Ser­bi­en oder in die Ukrai­ne abge­scho­ben und nicht inhaf­tiert wür­den, wenn sie den Asyl­an­trag unver­züg­lich nach der Ein­rei­se ein­reich­ten; Dub­lin-Rück­keh­rer wür­den nicht inhaf­tiert und erhiel­ten die Mög­lich­keit, ein noch nicht in der Sache geprüf­tes Asyl­ver­fah­ren zu Ende zu brin­gen.

Die­se Ent­wick­lung ist aber mitt­ler­wei­le über­holt durch die Ände­rung des unga­ri­schen Asyl­rechts zum 01.07.2013. Seit dem 01.07.2013 ist nach dem unga­ri­schen Asyl­ge­setz die Ver­hän­gung von Asyl­haft mög­lich. Als Haft­grün­de gel­ten u.a., dass der Antrag­stel­ler unter­ge­taucht ist oder die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens auf ande­re Art und Wei­se behin­dert oder um Infor­ma­tio­nen zu erhal­ten, die zur Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens not­wen­dig sind, wenn gewich­ti­ge Grün­de für die Annah­me vor­lie­gen, dass der Antrag­stel­ler die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens ver­zö­gern oder behin­dern oder unter­tau­chen wür­de oder der Antrag­stel­ler wie­der­holt sei­nen Ver­pflich­tun­gen nicht nach­ge­kom­men ist, an Ver­fah­rens­hand­lun­gen teil­zu­neh­men und damit die Durch­füh­rung des Dub­lin-Ver­fah­rens behin­dert. Auf­grund die­ser geän­der­ten Rechts­la­ge ist erneut mit stei­gen­den Inhaf­tie­rungs­zah­len zu rech­nen. Dies wird bestä­tigt durch den Bericht der Arbeits­grup­pe über will­kür­li­che Inhaf­tie­run­gen des „United Nati­ons Human Rights Office of the High Com­mis­sio­ner” über einen Besuch in Ungarn vom 23.09. bis zum 02.10.2013. In die­sem Bericht stellt die Arbeits­grup­pe eine signi­fi­kan­te Kon­zen­tra­ti­on auf die Inhaf­tie­rung von Asyl­be­wer­bern fest, die Besorg­nis erre­gend sei. Wei­ter wird berich­tet von einem Sys­tem der Ver­län­ge­rung der Haft ohne ange­mes­se­ne Berück­sich­ti­gung der Ein­ga­ben des Rechts­an­walts und der indi­vi­du­el­len Ver­hält­nis­se des Häft­lings. Die Arbeits­grup­pe kri­ti­siert wei­ter feh­len­de effek­ti­ve Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten.

Der Klä­ger des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens ist nach der Stel­lung­nah­me der unga­ri­schen Behör­den vom 17.12.2013 wäh­rend des lau­fen­den Asyl­ver­fah­rens aus Ungarn nach Deutsch­land wei­ter­ge­reist. Es ist des­halb mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit davon aus­zu­ge­hen, dass die unga­ri­schen Behör­den dies als Ver­zö­ge­rung oder Ver­ei­te­lung des Asyl­ver­fah­rens in Ungarn anse­hen und den Klä­ger auf­grund der neu­en Geset­zes­la­ge im Fal­le der Über­stel­lung in Haft neh­men. Hin­zu­kommt, dass der Klä­ger kei­ne Aus­rei­se­do­ku­men­te vor­le­gen kann, so dass auch eine Inhaf­tie­rung zur Fest­stel­lung der Iden­ti­tät beacht­lich wahr­schein­lich ist.

Die neue Geset­zes­la­ge in Ungarn begrün­det hin­rei­chend deut­lich die Annah­me, dass das Asyl­ver­fah­ren und die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in Ungarn wei­ter­hin sys­te­mi­sche Män­gel auf­wei­sen mit der dar­aus resul­tie­ren­den Gefahr für den Klä­ger, dort im Fal­le der Über­stel­lung einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­de Behand­lung im Sin­ne des Art. 4 GRCh aus­ge­setzt zu sein.

Da der Klä­ger man­gels Zustän­dig­keit Ungarns aus recht­li­chen Grün­den nicht nach dort­hin über­stellt wer­den kann, erweist sich auch die auf der Grund­la­ge von § 34a Abs. 1 Satz 1 AsylVfG ange­ord­ne­te Abschie­bung als rechts­wid­rig.

Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 26. Juni 2014 – A 11 K 387/​14

  1. vgl. EuGH, Urteil vom 21.12.2011 – C‑411/​10 und – C‑493/​10
  2. vgl. EGMR, Urteil vom 21.01.2011 – 30696/​09, NVwZ 2011, 413
  3. EuGH, Urteil vom 21.12.2011 – C‑411/​10 und 493/​10