Deutsch­land statt Grie­chen­land – im Asyl­ver­fah­ren

Bei Asyl­su­chen­den in der Euro­päi­schen Uni­on bestimmt die Ver­ord­nung (EG) Nr. 343/​2003 des Rates vom 18. Febru­ar 2003, die soge­nann­te Dub­lin-II-Ver­ord­nung, wel­ches EU-Mit­glieds­land für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist. Typi­scher­wei­se ist dies das Land, in das der Asyl­su­chen­de zuerst ein­ge­reist ist. Reist also etwa ein Asyl­su­chen­der über Grie­chen­land nach Deutsch­land ein und bean­tragt hier Asyl, ist für die­ses Asyl­ver­fah­ren nicht Deutsch­land zustän­dig, son­dern Grie­chen­land. Der Asyl­su­chen­de ist hier von Deutsch­land nach Grie­chen­land "über­stellt". Soweit die para­gra­phene Theo­rie, die auch von einer Gleich­wer­tig­keit der Asyl­ver­fah­ren in allen Mit­glieds­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on aus­geht. Die Wirk­lich­keit sieht frei­lich anders aus, auch was die "Qua­li­tät" des grie­chi­schen Asy­ver­fah­rens betrifft.

Deutsch­land statt Grie­chen­land – im Asyl­ver­fah­ren

Doch die Dub­lin-II-Ver­ord­nung sieht für den Ein­zel­fall noch eine ande­re Mög­lich­keit vor, näm­lich die Mög­lich­keit des Selbst­ein­tritts des Auf­ent­halts­staa­tes, in dem der Asyl­su­chen­de sei­nen Asyl­an­trag gestellt hat. In die­sem Fall über­nimmt also der eigent­lich nicht zustän­di­ge Mit­glieds­staat den Asyl­an­trag in sein natio­na­les Asyl­ver­fah­ren. Und die­se eigent­lich als Aus­nah­me gedach­te Rege­lung wird nun für Asyl­ver­fah­ren, in denen der Asyl­su­chen­de eigent­lich nach Grie­chen­land zu über­stel­len wäre, der Regel­fall – zumin­dest für das nächs­te Jahr. Denn das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern hat das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge ange­wie­sen, Asyl­su­chen­de im Rah­men des Dub­lin-II-Ver­fah­rens nicht mehr nach Grie­chen­land zu über­stel­len, son­dern die Asyl­ver­fah­ren in der Bun­des­re­pu­blik durch­zu­füh­ren. Die­se Wei­sung ist zunächst bis zum 12. Janu­ar 2012 befris­tet.

Anlass die­ser Rege­lung ist eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de, die die Ver­sa­gung einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes gegen die Anord­nung der Abschie­bung eines asyl­su­chen­den Ira­kers nach Grie­chen­land auf der Grund­la­ge der Dub­lin-II-Ver­ord­nung betraf und über die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat am 28. Okto­ber 2010 ver­han­delt hat.

Bereits unmit­tel­bar nach der münd­li­chen Ver­hand­lung hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beim Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern ange­regt zu prü­fen, ob von dem Selbst­ein­tritts­recht Gebrauch gemacht und damit das Ver­fah­ren erle­digt wer­den könn­te. Da die mit der Über­for­de­rung des Asyl­sys­tems eines Mit­glied­staats der Euro­päi­schen Uni­on ver­bun­de­nen trans­na­tio­na­len Pro­ble­me vor­nehm­lich auf der Ebe­ne der Euro­päi­schen Uni­on zu bewäl­ti­gen sind, und in Anbe­tracht der vom Bun­des­mi­nis­ter des Innern in der münd­li­chen Ver­hand­lung über­zeu­gend dar­ge­stell­ten Anstren­gun­gen, Defi­zi­te des grie­chi­schen Asyl­sys­tems in naher Zukunft zu behe­ben, erschien dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Erle­di­gung des Ver­fah­rens ohne Urteil sach­an­ge­mes­sen.

Im Klar­text: Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um "gebe­ten", eine Rege­lung zu tref­fen, die es Karls­ru­he erspart eine Ent­schei­dung zu fäl­len, in der die Miß­stän­de des grie­chi­schen Asyl­sys­tems deut­lich hät­ten the­ma­ti­siert wer­den müs­sen.

Und das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um hat hier­auf nun mit der erwähn­ten gene­rel­len Wei­sung reagiert. In Umset­zung die­ser Wei­sung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern hat sodann das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge zuguns­ten des Beschwer­de­füh­rers von die­sem Selbst­ein­tritts­recht Gebrauch gemacht und den Bescheid, mit dem es sei­ne Abschie­bung nach Grie­chen­land ange­ord­net hat, auf­ge­ho­ben. Das Bun­des­amt wird dar­über hin­aus bis zum 12. Janu­ar 2012 in allen Fäl­len, in denen eine Über­stel­lung von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen nach Grie­chen­land in Betracht kommt, das Selbst­ein­tritts­recht aus­üben, die Betrof­fe­nen nicht nach Grie­chen­land über­stel­len und die Asyl­ver­fah­ren durch­füh­ren.

Der Beschwer­de­füh­rer hat dar­auf­hin sei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de für erle­digt erklärt und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt konn­te das Ver­fah­ren – auf Kos­ten der Bun­des­re­pu­blik – ein­stel­len, da es kei­nen Anlass sah, das Ver­fah­ren zur Klä­rung ledig­lich abs­trak­ter, gegen­wär­tig nicht aktu­el­ler Fra­gen des natio­na­len Ver­fas­sungs­rechts fort­zu­füh­ren.

Man­gel beho­ben. Oder so ähn­lich. Deutsch­land zahlt. Euro­pa live.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Janu­ar 2011 – 2 BvR 2015/​09