Die Beglei­tung zum Arzt als Regel­leis­tung des Heims

Einer Heim­trä­ge­rin kann von der Heim­auf­sicht nicht vor­ge­schrie­ben wer­den, als Regel­leis­tung Heim­be­woh­ner zum Arzt­be­such außer­halb des Pfle­ge­heims zu beglei­ten.

Die Beglei­tung zum Arzt als Regel­leis­tung des Heims

So hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Betrei­be­rin eines Pfle­ge­heims für voll­sta­tio­nä­re Pfle­ge­leis­tun­gen, der vom zustän­di­gen Land­rats­amt die Anord­nung erhielt, die Arzt­be­glei­tung als Regel­leis­tung sicher­zu­stel­len, ent­schie­den. Die Heim­ver­trä­ge der Klä­ge­rin nach dem Wohn- und Betreu­ungs­ver­trags­ge­setz (WBVG) erklä­ren auch Rege­lun­gen des “Rah­men­ver­trags für voll­sta­tio­nä­re Pfle­ge gemäß § 75 Abs. 1 SGB XI für das Land Baden-Würt­tem­berg“ vom 12.12.1996 (mit spä­te­ren Ände­run­gen) für ver­bind­lich. Die­ser Rah­men­ver­trag zählt zu den Regel­leis­tun­gen auch "Hil­fen bei der Mobi­li­tät" und beschreibt die­se wie folgt:

"das Ver­las­sen und Wie­der­auf­su­chen der Pfle­ge­ein­rich­tung; dabei sind sol­che Ver­rich­tun­gen außer­halb des Pfle­ge­hei­mes zu unter­stüt­zen, die für die Auf­recht­erhal­tung der Lebens­füh­rung not­wen­dig sind und das per­sön­li­che Erschei­nen des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen erfor­dern (z. B. Orga­ni-sie­ren und Pla­nen des Zahn­arzt­be­su­ches)"

Die Klä­ge­rin bie­tet Heim­be­woh­nern eine Beglei­tung zum Arzt außer­halb des Pfle­ge­heims nicht als Regel­leis­tung an, son­dern rech­net dafür zusätz­lich Kos­ten ab. Das Land­rats­amt ord­ne­te unter Hin­weis auf die nach Heim- und Rah­men­ver­trag zu gewähr­leis­ten­den "Hil­fen bei der Mobi­li­tät" an, die Klä­ge­rin habe die Arzt­be­glei­tung als Regel­leis­tung sicher­zu­stel­len. Hier­ge­gen ist vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Kla­ge erho­ben wor­den. Nach­dem die Kla­ge gegen die Anord­nung des Land­rats­amts Ost­alb­kreis vom Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart abge­wie­sen wor­den ist, ver­folgt die Klä­ge­rin ihr Ziel wei­ter mit der Beru­fung.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg ermäch­ti­ge das Lan­des­heim­ge­setz (LHeimG) die Heim­auf­sichts­be­hör­de schon nicht, Pflich­ten aus einem Heim­ver­trag i. S. des WBVG hoheit­lich durch­zu­set­zen. Zwar sei es bis­lang zuläs­sig gewe­sen, zivil­recht­li­che Pflich­ten eines Heim­trä­gers zu Guns­ten von Heim­be­woh­nern durch die Heim­auf­sicht fest­zu­set­zen. Nach der Neu­ver­tei­lung der Gesetz­ge­bungs­kom­pe­ten­zen auf dem Gebiet des Heim­rechts infol­ge der Föde­ra­lis­mus­re­form sei das aber jeden­falls seit Inkraft­tre­ten des WBVG am 01.09.2009 aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den nicht mehr mög­lich. Denn der Bun­des­ge­setz­ge­ber habe mit dem WBVG als Ver­brau­cher­schutz­ge­setz das Heim­ver­trags­recht detail­liert und abschlie­ßend gere­gelt. Inso­weit ste­he Heim­be­woh­nern der Zivil­rechts­weg offen; dane­ben könn­ten nur Ver­brau­cher-schutz­ver­bän­de kla­gen. Die ord­nungs­recht­li­che Befug­nis der Heim­auf­sichts­be­hör­de nach dem LHeimG sei daher nun­mehr ver­fas­sungs­kon­form ein­schrän­kend aus­zu­le­gen. Die Behör­de dür­fe danach zwar einem Heim­trä­ger vor­schrei­ben, dass er Heim­be­woh­ner zum Arzt beglei­ten las­se, nicht aber, dass dies als all­ge­mei­ne Pfle­ge­leis­tung, also ohne geson­der­tes Ent­gelt, zu gesche­hen habe. Das betref­fe alle ab dem 01.09.2009 neu geschlos­se­nen Heim­ver­trä­ge sowie älte­re Heim­ver­trä­ge ab dem 01.05.2010.

Glei­ches gel­te für Ver­pflich­tun­gen aus einem Rah­men­ver­trag im Pfle­ge­ver­si­che­rungs­recht, wenn die Ver­trags­part­ner zu einer umstrit­te­nen Fra­ge kei­ne über­ein-stim­men­de Aus­le­gung erzielt hät­ten. Das sei beim Rah­men­ver­trag vom 12.12.1996 der Fall, soweit es dar­um gehe, ob die Arzt­be­glei­tung zu den "Hil­fen bei der Mobi­li­tät" gehö­re. Unbe­scha­det des­sen erge­be sich aus die­sem Rah­men­ver­trag aber auch kei­ne Ver­pflich­tung des Heim­trä­gers, Heim­be­woh­ner ohne geson­der­tes Ent­gelt zum Arzt beglei­ten zu las­sen. Das sei nach Wort­laut, Sys­te­ma­tik, Ent­ste­hungs­ge­schich­te und Zweck des Rah­men­ver­trags kei­ne zum “Gesamt­pa­ket“ der all­ge­mei­nen Pfle­ge­leis­tun­gen gehö­ren­de Leis­tung.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 9. Juli 2012 – 6 S 773/​11