Die in der Dis­ser­ta­ti­on nicht gekenn­zeich­ne­ten Zita­te

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat bestä­tigt, dass der Dok­tor­grad ent­zo­gen wer­den kann, wenn sich nach­träg­lich her­aus­stellt, dass der Pro­mo­vend zahl­rei­che Pas­sa­gen aus frem­den Wer­ken über­nom­men hat, ohne dies hin­rei­chend kennt­lich zu machen.

Die in der Dis­ser­ta­ti­on nicht gekenn­zeich­ne­ten Zita­te

In dem hier ent­schie­de­nen Fall wand­te sich eine Poli­tik­be­ra­te­rin gegen die Ent­zie­hung des ihr im Jahr 1986 ver­lie­he­nen Dok­tor­gra­des durch die Phi­lo­so­phi­sche Fakul­tät der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn. Nach der Ver­öf­fent­li­chung der Dis­ser­ta­ti­on wur­den Vor­wür­fe geäu­ßert, die Poli­tik­be­ra­te­rin habe gegen ihre wis­sen­schaft­li­che Pflicht ver­sto­ßen, Über­nah­men aus frem­den Wer­ken kennt­lich zu machen. Die dar­auf­hin von der Uni­ver­si­tät Anfang der 1990er Jah­re ein­ge­setz­te Kom­mis­si­on hat­te eine nicht gerin­ge Zahl von Ver­stö­ßen gegen das Zitier­ge­bot und gra­vie­ren­de metho­di­sche Män­gel fest­ge­stellt. Sie hielt der Poli­tik­be­ra­te­rin aber zugu­te, nicht mit Täu­schungs­vor­satz, son­dern nach­läs­sig gehan­delt zu haben. Auf­grund der Emp­feh­lung der Kom­mis­si­on sah der Fakul­täts­rat davon ab, gegen die Poli­tik­be­ra­te­rin mit dem Ziel der Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des vor­zu­ge­hen. Nach­dem eine Inter­net­platt­form im Jahr 2011 ver­öf­fent­licht hat­te, dass der Anteil nicht ange­ge­be­ner Über­nah­men von Fremd­tex­ten in der klä­ge­ri­schen Dis­ser­ta­ti­on fast die Hälf­te der Arbeit betref­fe, setz­te die Uni­ver­si­tät Bonn erneut eine Arbeits­grup­pe zur Prü­fung der Vor­wür­fe ein. Die­se bestä­tig­te den Befund der Inter­net­platt­form. Dar­auf­hin ent­zog die Uni­ver­si­tät Bonn der Poli­tik­be­ra­te­rin den Dok­tor­grad, da der nun­mehr fest­ge­stell­te Umfang der Ver­schleie­rung von Über­nah­men aus frem­den Tex­ten nur den Schluss zulas­se, dass die Poli­tik­be­ra­te­rin vor­sätz­lich getäuscht habe.

Die hier­ge­gen gerich­te­te Anfech­tungs­kla­ge ist in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Köln 1 und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter 2 erfolg­los geblie­ben.

Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts in Müns­ter kön­ne sich die Poli­tik­be­ra­te­rin nicht dar­auf beru­fen, dass Unter­su­chun­gen in den Jah­ren 1990/​91 nicht zur Ent­zie­hung geführt hät­ten. Die Fakul­tät habe das dama­li­ge Ver­fah­ren form­los been­det. Sie habe der Poli­tik­be­ra­te­rin nicht rechts­ver­bind­lich zuge­si­chert, dass ihr der Dok­tor­grad nicht ent­zo­gen wer­de. Der in der Pro­mo­ti­ons­ord­nung der Fakul­tät fest­ge­leg­te Ent­zie­hungs­tat­be­stand der Täu­schung bei einer Pro­mo­ti­ons­leis­tung beru­he auf einer hin­rei­chen­den gesetz­li­chen Grund­la­ge. Da das Pro­mo­ti­ons­we­sen zum Kern­be­reich der grund­recht­lich geschütz­ten Selbst­ver­wal­tung der Uni­ver­si­tät in Wis­sen­schafts­an­ge­le­gen­hei­ten gehö­re, habe sich der Lan­des­ge­setz­ge­ber dar­auf beschrän­ken dür­fen, den Hoch­schu­len inso­weit einen Rege­lungs­auf­trag zu ertei­len, der auch die Ent­zie­hung von Dok­tor­gra­den umfas­se. Die­se gesetz­li­che Ermäch­ti­gung sei in ihrer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung, nach der Ent­zie­hun­gen nur bei wis­sen­schafts­be­zo­ge­nem Fehl­ver­hal­ten in Betracht kämen, hin­rei­chend bestimmt. Die sich aus einer Ent­zie­hung erge­ben­den Nach­tei­le, ins­be­son­de­re Beein­träch­ti­gun­gen der Berufs­aus­übung, sei­en bei der Aus­übung des Ent­zie­hungs­er­mes­sens zu berück­sich­ti­gen. Glei­ches gel­te für die Zeit­span­ne, die seit der Ver­lei­hung des Dok­tor­gra­des ver­stri­chen sei. Die Grund­rech­te der Betrof­fe­nen gebö­ten kei­ne Fest­le­gung einer Aus­schluss- oder Ver­jäh­rungs­frist für die Ent­zie­hung. Die Exis­tenz der­ar­ti­ger Fris­ten für die Ent­zie­hung berufs­er­öff­nen­der aka­de­mi­scher Gra­de begrün­de kei­nen Ver­stoß gegen den Gleich­heits­satz.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun auch die Revi­si­on der Poli­tik­be­ra­te­rin gegen das Beru­fungs­ur­teil zurück­ge­wie­sen:

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat rechts­feh­ler­frei ange­nom­men, dass die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens im Jahr 1991 die Uni­ver­si­tät Bonn nicht hin­dert, den Dok­tor­grad zu ent­zie­hen. Die der Ent­zie­hung zugrun­de lie­gen­den Rege­lun­gen sind ver­fas­sungs­ge­mäß. Der Gesetz­ge­ber konn­te die Hoch­schu­len beauf­tra­gen, in der Pro­mo­ti­ons­ord­nung die Fol­gen von Ver­stö­ßen gegen Prü­fungs­vor­schrif­ten zu regeln. Dem­entspre­chend hat die Uni­ver­si­tät Bonn in § 20 Abs. 2 ihrer Pro­mo­ti­ons­ord­nung u.a. den Ent­zug des Dok­tor­gra­des wegen Täu­schung vor­se­hen kön­nen. Der gesetz­li­che Rege­lungs­auf­trag ist in der beru­fungs­ge­richt­li­chen Aus­le­gung, wonach nur wis­sen­schafts­be­zo­ge­nes Fehl­ver­hal­ten zu einer Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des füh­ren kann, inhalt­lich hin­rei­chend bestimmt. Eine detail­lier­te­re gesetz­li­che Rege­lung war nicht erfor­der­lich, weil das Pro­mo­ti­ons­we­sen wesent­li­cher Bestand­teil der von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG geschütz­ten aka­de­mi­schen Selbst­ver­wal­tung ist. Auch muss­te die Mög­lich­keit der Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des nicht gesetz­lich befris­tet wer­den, weil mit der Ver­lei­hung des Dok­tor­gra­des – anders als mit berufs­qua­li­fi­zie­ren­den Hoch­schul­ab­schlüs­sen – Erwar­tun­gen an das künf­ti­ge wis­sen­schafts­re­le­van­te Ver­hal­ten ver­bun­den sind.

Nach den bin­den­den beru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen hat die Poli­tik­be­ra­te­rin 327 Ver­stö­ße gegen das wis­sen­schaft­li­che Zitier­ge­bot began­gen, die 46 % ihrer Arbeit umfas­sen. Die Schluss­fol­ge­rung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, die Poli­tik­be­ra­te­rin habe daher bei ihrer Pro­mo­ti­ons­leis­tung getäuscht, ist revi­si­ons­ge­richt­lich nicht zu bean­stan­den. Davon aus­ge­hend begeg­net auch die Aus­übung des Ent­zie­hungs­er­mes­sens kei­nen Beden­ken. Die Abwä­gung der wider­strei­ten­den Belan­ge hält sich inner­halb des der Uni­ver­si­tät eröff­ne­ten Spiel­raums. Ange­sichts der Schwe­re der Ver­stö­ße fal­len die mit der Ent­zie­hung ver­bun­de­nen Nach­tei­le der Poli­tik­be­ra­te­rin und die seit der Pro­mo­ti­on ver­stri­che­ne Zeit nicht der­art ins Gewicht, dass die Uni­ver­si­tät Bonn von einer Ent­zie­hung zwin­gend hät­te abse­hen müs­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 21. Juni 2017 – 6 C 3.16

  1. VG Köln, Urteil vom 06.12.2012 – 6 K 2684/​12[]
  2. OVG NRW, Urteil vom 10.12.2015 – 19 A 254/​13[]