Die "Eigen­art der nähe­ren Umge­bung" – und die Grund­stücks­flä­che, die über­baut wer­den soll.

Die nähe­re Umge­bung ist für die in § 34 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB bezeich­ne­ten Kri­te­ri­en jeweils geson­dert abzu­gren­zen. Die Annah­me, hin­sicht­lich des Merk­mals der "Grund­stücks­flä­che, die über­baut wer­den soll", erfas­se die nähe­re Umge­bung im Sin­ne des § 34 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB in der Regel einen klei­ne­ren Bereich als hin­sicht­lich des Merk­mals der Art der bau­li­chen Nut­zung, ent­bin­det jeden­falls nicht von einer Wür­di­gung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se im Ein­zel­fall.

Die "Eigen­art der nähe­ren Umge­bung" – und die Grund­stücks­flä­che, die über­baut wer­den soll.

Maß­stabs­bil­dend im Sin­ne des § 34 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB ist die Umge­bung, inso­weit sich die Aus­füh­rung eines Vor­ha­bens auf sie aus­wir­ken kann und inso­weit, als die Umge­bung ihrer­seits den boden­recht­li­chen Cha­rak­ter des Bau­grund­stücks prägt oder doch beein­flusst 1. Dabei ist die nähe­re Umge­bung für die in § 34 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB bezeich­ne­ten Kri­te­ri­en jeweils geson­dert abzu­gren­zen 2. Denn die Merk­ma­le, nach denen sich ein Vor­ha­ben im Sin­ne von § 34 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB in die Eigen­art die­ser nähe­ren Umge­bung ein­fü­gen muss, sind jeweils unab­hän­gig von­ein­an­der zu prü­fen 3. So hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zu § 34 BBauG ange­nom­men, dass bei der Bestim­mung des zuläs­si­gen Maßes der bau­li­chen Nut­zung eines Grund­stücks der Umkreis der zu beach­ten­den vor­han­de­nen Bebau­ung "in der Regel" enger zu begren­zen sein wer­de als bei der Ermitt­lung des Gebiets­cha­rak­ters 4.

Mit dem in § 34 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB ver­wen­de­ten Begriff der Grund­stücks­flä­che, die über­baut wer­den soll, ist die kon­kre­te Grö­ße der Grund­flä­che der bau­li­chen Anla­ge und ihre räum­li­che Lage inner­halb der vor­han­de­nen Bebau­ung gemeint. Es geht also um den Stand­ort im Sin­ne des § 23 BauN­VO 5. Die Instanz­ge­rich­te nei­gen dazu, hin­sicht­lich die­ses Merk­mals einen klei­ne­ren Umgriff der nähe­ren Umge­bung anzu­neh­men als bei der Art der bau­li­chen Nut­zung; dies gel­te "in der Regel" 6 oder "im Regel­fall" 7.

Ob die­se Annah­me "im Regel­fall" oder – bezo­gen auf das Stra­ßen­ge­viert "ten­den­zi­ell" – zutrifft, ist nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Denn sie bezeich­net nur einen gedank­li­chen Aus­gangs­punkt, der jeden­falls von einer Wür­di­gung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se im Ein­zel­fall nicht ent­bin­det und die sich rechts­grund­sätz­li­cher Klä­rung ent­zieht. Hin­zu tritt, dass der von der Beschwer­de zum Ver­gleich her­an­ge­zo­ge­ne Umgriff der nähe­ren Umge­bung im Hin­blick auf die Art der bau­li­chen Nut­zun­gen sich eben­falls nur im Ein­zel­fall, aber nicht rechts­grund­sätz­lich bestim­men lässt, da er unter ande­rem von der Art der jewei­li­gen bau­li­chen Nut­zung abhängt. Soweit die Beschwer­de als Bezugs­punkt das "Stra­ßen­ge­viert" benennt, schei­det eine rechts­grund­sätz­li­che Klä­rung schon wegen der Viel­ge­stal­tig­keit sol­cher Stra­ßen­ge­vier­te aus.

Auch die Fra­ge, ob es bei der Aus­le­gung des Begriffs der "nähe­ren Umge­bung" im Sin­ne des § 34 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB und der dabei erfor­der­li­chen Ermitt­lung, was sich auf das Bau­grund­stück noch "prä­gend" aus­wirkt, allein auf den Blick­win­kel eines (ste­hen­den) Men­schen ankommt oder ob – zumin­dest ergän­zend – ein Blick­win­kel von oben (Vogel­per­spek­ti­ve) erfor­der­lich ist, sieht das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt als im erfor­der­li­chen Umfang geklärt an:

Die für die Bestim­mung des Bebau­ungs­zu­sam­men­hangs erfor­der­li­che wer­ten­de und bewer­ten­de Betrach­tung der kon­kre­ten tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se kann nach dem Sach­zu­sam­men­hang, in den sie ein­ge­bet­tet ist, nur an äußer­lich erkenn­ba­re, also mit dem Auge wahr­nehm­ba­re Gege­ben­hei­ten der vor­han­de­nen Bebau­ung und der übri­gen Gelän­de­ver­hält­nis­se anknüp­fen 8. Dies kann auf die Abgren­zung der nähe­ren Umge­bung im Sin­ne des § 34 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB über­tra­gen wer­den 9. Zur Ermitt­lung kön­nen auch Lage­plä­ne ver­wen­det wer­den 10, die ein Bild "von oben" ver­mit­teln. Dabei kann die für § 34 Abs. 1 Satz 1 Bau­GB kenn­zeich­nen­de wech­sel­sei­ti­ge Beein­flus­sung auch über ein den opti­schen Zusam­men­hang unter­bre­chen­des Hin­der­nis noch ein­tre­ten 11.

Aus der Betrach­tung der nähe­ren Umge­bung sind sol­che bau­li­chen Anla­gen aus­zu­son­dern, die von ihrem quan­ti­ta­ti­ven Erschei­nungs­bild (Aus­deh­nung, Höhe, Zahl usw.) nicht die Kraft haben, die Eigen­art der nähe­ren Umge­bung zu beein­flus­sen, die der Betrach­ter also nicht oder nur am Ran­de wahr­nimmt 12.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 13. Mai 2014 – 4 B 38.2013 -

  1. stRspr; BVerwG, Urtei­le vom 26.05.1978 – 4 C 9.77, BVerw­GE 55, 369, 380 = Buch­holz 406.11 § 34 BBauG Nr. 63 S. 48; vom 21.11.1980 – 4 C 30.78, Buch­holz 406.11 § 34 BBauG Nr. 79 S. 85; und vom 05.12 2013 – 4 C 5.12, NVwZ 2014, 370 Rn. 10 – zur Ver­öf­fent­li­chung in BVerw­GE vor­ge­se­hen[]
  2. allg. Mei­nung, vgl. Bra­cher, in: Bracher/​Reidt/​Schiller, Bau­pla­nungs­recht, 8. Aufl.2014, Rn. 2197; Mitschang/​Reidt, in: Battis/​Krautzberger/​Löhr, Bau­GB, 12. Aufl.2014, § 34 Rn. 21; Rie­ger, in: Schröd­ter, Bau­GB, 7. Aufl.2006, § 34 Rn. 26; Dürr, in: Brü­gel­mann, Bau­GB, Bd. 3, Stand Okto­ber 2013, § 34 Rn. 25; Span­now­sky, in: Spannowsky/​Uechtritz, Bau­GB, 2. Aufl.2014, § 34 Rn. 32.3[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 06.11.1997 – 4 B 172.97, Buch­holz 406.11 § 34 Bau­GB Nr. 188 S. 57[]
  4. BVerwG, Urteil vom 19.09.1969 – 4 C 18.67, Buch­holz 406.11 § 34 BBauG Nr. 25 S. 58[]
  5. BVerwG, Beschluss vom 28.09.1988 – 4 B 175.88, Buch­holz 406.11 § 34 BBauG/​BauGB Nr. 128 S. 29[]
  6. so OVG Mag­de­burg, Beschluss vom 04.07.2012 – 2 L 94/​11 – BRS 79 Nr. 101; VGH Mün­chen, Beschluss vom 25.04.2005 – 1 CS 04.3461 18 und Urteil vom 07.03.2011 – 1 B 10.3042 22; VGH Mann­heim, Urteil vom 23.09.1993 – 8 S 1281/​93 22 und Beschluss vom 15.12 2005 – 5 S 1847/​05 8[]
  7. OVG Baut­zen, Beschluss vom 29.12 2010 – 1 A 710/​09 6; OVG Müns­ter, Urtei­le vom 16.11.2001 – 7 A 1143/​00 29; und vom 09.09.2010 – 2 A 508/​09 37[]
  8. BVerwG, Urteil vom 12.12 1990 – 4 C 40.87, Buch­holz 406.11 § 34 Bau­GB Nr. 138 S. 55[]
  9. BVerwG, Beschluss vom 20.08.1998 – 4 B 79.98, Buch­holz 406.11 § 34 Bau­GB Nr.191 S. 76[]
  10. BVerwG, Beschluss vom 03.12 2008 – 4 BN 26.08 – BRS 73 Nr. 91 Rn. 3[]
  11. BVerwG, Beschluss vom 27.05.1988 – 4 B 71.88, Buch­holz 406.11 § 34 BBauG/​BauGB Nr. 127 S. 27[]
  12. BVerwG, Urteil vom 15.02.1990 – 4 C 23.86, BVerw­GE 84, 322, 325 und Beschluss vom 16.06.2009 – 4 B 50.08BRS 74 Nr. 95 Rn. 6; stRspr[]