Die Erd­be­ben-Mess­sta­ti­on – und ihre Funk­ti­ons­fä­hig­keit als öffent­li­cher Belang

Die Funk­ti­ons­fä­hig­keit einer seis­mo­lo­gi­schen Mess­sta­ti­on kann einen öffent­li­chen Belang im Sin­ne von § 35 Abs. 3 Satz 1 Bau­GB darstellen.

Die Erd­be­ben-Mess­sta­ti­on – und ihre Funk­ti­ons­fä­hig­keit als öffent­li­cher Belang

§ 35 Abs. 3 Bau­GB ent­hält kei­ne abschlie­ßen­de Auf­zäh­lung der im Außen­be­reich zu beach­ten­den öffent­li­chen Belan­ge1. Die Norm soll die Außen­be­reichs­ver­träg­lich­keit von Vor­ha­ben am jewei­li­gen Stand­ort sicher­stel­len. Neben den benann­ten Belan­gen sind daher auch sons­ti­ge öffent­li­che Belan­ge rechts­er­heb­lich, sofern sie ein ähn­li­ches, wenn nicht stär­ke­res Gewicht wie die benann­ten Belan­ge besit­zen und von dem Leit­ge­dan­ken einer geord­ne­ten städ­te­bau­li­chen Ent­wick­lung unter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten ört­li­chen Ver­hält­nis­se mit­um­fasst sind2

Wann ein sons­ti­ger öffent­li­cher Belang vor­liegt, ist eine Fra­ge des Ein­zel­falls. Die Funk­ti­ons­fä­hig­keit einer seis­mo­lo­gi­schen Mess­sta­ti­on kann einen öffent­li­chen Belang im Sin­ne von § 35 Abs. 3 Satz 1 Bau­GB dar­stel­len. Dies ergibt sich bereits dar­aus, dass § 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 8 Bau­GB mit Funk­stel­len und Radar­an­la­gen ähn­li­che Ein­rich­tun­gen benennt. Das gilt beson­ders, wenn – wie vor­lie­gend – die seis­mo­lo­gi­sche Mess­sta­ti­on im Ver­bund mit wei­te­ren Sta­tio­nen der Vor­war­nung vor Erd­be­ben sowie der Ortung und Ein­schät­zung nuklea­rer und che­mi­scher Explo­sio­nen dient und damit die auch in § 1 Abs. 6 Nr. 10 Bau­GB genann­ten Belan­ge der Ver­tei­di­gung und des Zivil­schut­zes betrifft. Ob der boden­recht­li­che Kon­flikt ent­steht, weil eine Anla­ge ein „frei­es Blick­feld“ benö­tigt oder aus ande­ren Grün­den ein bestimm­ter Min­dest­ab­stand zu pri­vi­le­gier­ten Außen­be­reichs­vor­ha­ben ein­ge­hal­ten wer­den muss, ist uner­heb­lich. Mehr ist ver­all­ge­mei­nernd nicht auszuführen. 

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 23. März 2021 – 4 B 24.20

  1. stRspr, vgl. BVerwG, Urtei­le vom 19.10.1966 – 4 C 16.66, BVerw­GE 25, 161 <163> vom 15.05.1997 – 4 C 23.95 – ZfBR 1997, 322 &lt 16> und vom 13.03.2003 – 4 C 3.02 – ZfBR 2003, 469 &lt 31>[]
  2. BVerwG, Urtei­le vom 29.04.1964 – 1 C 30.62, BVerw­GE 18, 247 <250 ff.> vom 19.10.1966 – 4 C 16.66, BVerw­GE 25, 161 <163> und vom 22.09.2016 – 4 C 2.16, BVerw­GE 156, 148 Rn.19; Mitschang/​Reidt, in: Battis/​Krautzberger/​Löhr, Bau­GB, 14. Aufl.2019, § 35 Rn. 72[]