Die erfor­der­li­chen Minus­gra­de bei Eis­wein

Für die Zuer­ken­nung des Prä­di­kats Eis­wein wird vorraus­ge­setzt, dass die Wein­trau­ben bei der Lese und Kel­te­rung bei einer Min­dest­tem­pe­ra­tur von ‑7° C über einen län­ge­ren Zeit­raum von annä­hernd 10 bis 12 Stun­den gefro­ren sind.

Die erfor­der­li­chen Minus­gra­de bei Eis­wein

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz die Wei­ge­rung der Land­wirt­schafts­kam­mer Rhein­land-Pfalz als recht­mä­ßig ange­se­hen, für zwei Wei­ne des Jahr­gangs 2011 das Prä­di­kat Eis­wein zu ver­ge­ben und gleich­zei­tig die Beru­fung gegen ein gleich­lau­ten­des erst­in­stanz­li­ches Urteil zurück­ge­wie­sen. Die kla­gen­de Wein­kel­le­rei bean­trag­te für zwei Wei­ne des Jahr­gangs 2011 die Zuer­ken­nung des Prä­di­kats Eis­wein. Die zustän­di­ge Land­wirt­schafts­kam­mer ließ die ein­ge­reich­ten Pro­ben schon nicht zur sen­so­ri­schen Prü­fung zu. Sie berief sich dabei auf ein Gut­ach­ten des Lan­des­un­ter­su­chungs­am­tes, wonach ange­sichts der Tem­pe­ra­tu­ren zur Zeit der Lese und der Ana­ly­se­er­geb­nis­se Zwei­fel dar­an bestün­den, dass die Wein­trau­ben, wie erfor­der­lich, bei ihrer Lese und Kel­te­rung gefro­ren gewe­sen sei­en. Die hier­ge­gen erho­be­ne Kla­ge der Wein­kel­le­rei wies das Ver­wal­tungs­ge­richt ab. Mit dem Beru­fungs­ver­fah­ren ver­folgt die Wein­kel­le­rei ihr Ziel wei­ter.

Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Rhein­land-Pfalz setzt die Ver­ga­be des Prä­di­kats "Eis­wein" vor­aus, dass die Wein­trau­ben bei Lese und Kel­te­rung gefro­ren sind und das Gefrie­ren die wesent­li­che Ursa­che für die Kon­zen­trie­rung der Trau­ben­in­halts­stof­fe ist. Da das Vor­lie­gen bei­der Vor­aus­set­zun­gen hier von der Land­wirt­schafts­kam­mer unter Hin­weis auf die vom Lan­des­un­ter­su­chungs­amt in den ange­stell­ten Wei­nen fest­ge­stell­ten Inhalts­stof­fe (Gly­ce­rin und Glu­con­säu­re) ver­neint wor­den ist, hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten dar­über ein­ge­holt, ob die Ana­ly­se­er­geb­nis­se den Schluss recht­fer­ti­gen, dass die Wein­trau­ben zum Lese­zeit­punkt nicht gefro­ren sein konn­ten und die Kon­zen­trie­rung der Trau­ben­in­halts­stof­fe nicht wesent­lich auf dem Gefrie­ren der Bee­ren, son­dern auf einem hohen Befall des Lese­guts mit dem Botry­tis­pilz beruh­te.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­führt, dass für die Zuer­ken­nung des Prä­di­kats Eis­wein die Wein­trau­ben bei Lese und Kel­te­rung nur dann aus­rei­chend gefro­ren sei­en, wenn durch den Frost eine Kon­zen­trie­rung der Inhalts­stof­fe der ver­wen­de­ten Wein­trau­ben ein­ge­tre­ten sei. Gera­de der durch das Gefrie­ren bewirk­te Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zess mache die Beson­der­heit des Eis­weins aus und recht­fer­ti­ge die Eigen­stän­dig­keit die­ses Prä­di­kats neben ande­ren Prä­di­ka­ten wie Bee­ren- oder Tro­cken­bee­ren­aus­le­se, bei denen die Kon­zen­trie­rung auf Edel­fäu­le beru­he, ver­ur­sacht durch den Pilz Botry­tis cine­rea. Die für Eis­wein typi­sche Kon­zen­trie­rung erfor­de­re bei gesun­den Wein­trau­ben eine Min­dest­tem­pe­ra­tur von ‑7° C über einen län­ge­ren Zeit­raum von annä­hernd 10 bis 12 Stun­den. Dies habe der gericht­lich beauf­trag­te Sach­ver­stän­di­ge vom Lehr- und For­schungs­zen­trum für Wein­bau in Klos­ter­neu­burg (Öster­reich) über­zeu­gend dar­ge­legt. Er ste­he damit in Ein­klang mit der Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung und der Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on für Rebe und Wein (OIV). Die Ver­wen­dung edel­fau­ler Wein­trau­ben zur Her­stel­lung von Eis­wein sei zwar nicht gänz­lich aus­ge­schlos­sen. Die dadurch bereits ein­ge­tre­te­ne Kon­zen­trie­rung der Trau­ben­in­halts­stof­fe set­ze jedoch den Gefrier­punkt noch ein­mal her­ab. Bei einem Anteil edel­fau­ler Trau­ben von etwa 15 % schät­ze der Sach­ver­stän­di­ge die erfor­der­li­che Gefrier­tem­pe­ra­tur auf ‑9 bis ‑10° C.

Die von der Klä­ge­rin für die bei­den Wei­ne ver­wen­de­ten Wein­trau­ben sei­en nicht in dem erfor­der­li­chen Aus­maß gefro­ren gewe­sen. Bei der Lese am 17. und 18. Janu­ar 2012 sei zwar eine Tem­pe­ra­tur von ‑7° C und kurz­fris­tig sogar von ‑8° bis ‑9° C erreicht wor­den, jedoch nicht für eine aus­rei­chen­de Dau­er. Außer­dem sei durch die Ana­ly­se­er­geb­nis­se ein erheb­li­cher Botry­tis­be­fall belegt. Wie der Sach­ver­stän­di­ge über­zeu­gend aus­ge­führt habe, sprä­chen die fest­ge­stell­ten Wer­te für ein sol­ches Aus­maß an Edel­fäu­le, dass sich an die­ser Beur­tei­lung auch bei gering­fü­gi­gen Mess­un­ge­nau­ig­kei­ten nichts ände­re. Die objek­tiv vor­lie­gen­den Befun­de über den Tem­pe­ra­tur­ver­lauf wür­den auch durch die Zeu­gen­aus­sa­gen der betei­lig­ten Win­zer nicht in Fra­ge gestellt. Soweit die­se von einem "Kla­cken" der Wein­trau­ben beim Umfül­len in ande­re Behäl­ter und von einem Eis­kern in den Bee­ren berich­tet hät­ten, bele­ge dies nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen nicht, dass die Trau­ben in dem für die Eis­wein­her­stel­lung not­wen­di­gen Aus­maß gefro­ren gewe­sen sei­en. Da die Vorraus­set­zun­gen für die Zuer­ken­nung des Prä­di­kats Eis­wein nicht erfüllt sei­en, könn­ten die Wei­ne der Klä­ge­rin nicht als Eis­wein aner­kannt wer­den.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 7. Mai 2014 – 8 A 10489/​13.OVG