Die fal­schen Per­so­na­li­en bei der Ein­bür­ge­rung

Eine Ein­bür­ge­rung wird auch dem­je­ni­gen wirk­sam bekannt gege­ben, der den Ein­bür­ge­rungs­an­trag unter Anga­be fal­scher Per­so­na­li­en (ein­schließ­lich der Staats­an­ge­hö­rig­keit) gestellt hat, auf die die Ein­bür­ge­rungs­ur­kun­de aus­ge­stellt wor­den ist. Eine unter Ver­wen­dung einer ande­ren Iden­ti­tät erschli­che­ne Ein­bür­ge­rung ist nicht im Sin­ne des § 44 Abs. 1 VwVfG nich­tig.

Die fal­schen Per­so­na­li­en bei der Ein­bür­ge­rung

Der zum Zeit­punkt hier zu beur­tei­len­den Ein­bür­gung im Jahr 2004 maß­geb­li­che § 16 Satz 1 RuS­tAG 1 sah vor, dass die Ein­bür­ge­rung mit der Aus­hän­di­gung der von der höhe­ren Ver­wal­tungs­be­hör­de hier­über aus­ge­fer­tig­ten Urkun­de wirk­sam wird. Die Lan­des­re­gie­run­gen waren nach Satz 2 der Vor­schrift ermäch­tigt, durch Rechts­ver­ord­nung die zustän­di­ge Behör­de abwei­chend von Satz 1 zu bestim­men und konn­ten gemäß Satz 3 die­se Ermäch­ti­gung auf obers­te Lan­des­be­hör­den über­tra­gen. Auf­grund die­ser Dele­ga­ti­ons­er­mäch­ti­gung war die Beklag­te gemäß § 1 der baden-würt­tem­ber­gi­schen Ver­ord­nung über Zustän­dig­kei­ten im Staats­an­ge­hö­rig­keits­recht vom 03.02.1976 2 als unte­re Ver­wal­tungs­be­hör­de für den Voll­zug des Reichs- und Staats­an­ge­hö­rig­keits­ge­set­zes zustän­dig.

Der Ein­ge­bür­ger­te hat die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit durch die ihm am 6.07.2004 aus­ge­hän­dig­te Ein­bür­ge­rungs­ur­kun­de erwor­ben. Gemäß § 41 Abs. 1 LVwVfG ist ein Ver­wal­tungs­akt dem­je­ni­gen Betei­lig­ten bekannt zu geben, für den er bestimmt ist oder der von ihm betrof­fen wird. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ist zu Recht davon aus­ge­gan­gen, dass die Ein­bür­ge­rungs­ur­kun­de aus Sicht der Beklag­ten allein für die Per­son des Ein­ge­bür­ger­ten bestimmt war. Denn damals woll­ten die Amts­trä­ger der Beklag­ten ihn – wenn auch irr­tums­be­dingt – ein­bür­gern, da er trotz der Iden­ti­täts­täu­schung Antrag­stel­ler und damit Betei­lig­ter des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens gemäß § 13 Abs. 1 Nr. 1 LVwVfG gewor­den ist. Für die ver­fah­rens­recht­li­che Betei­lig­ten­stel­lung ist letzt­lich auf die Per­son abzu­stel­len, die der Behör­de gegen­über­tritt und im eige­nen Namen für sich (eine Ent­schei­dung über) die bean­trag­te Maß­nah­me begehrt. Dem­zu­fol­ge ist durch den am 16.12 2003 vom Ein­ge­bür­ger­ten gestell­ten Ein­bür­ge­rungs­an­trag ein Ver­fah­rens­rechts­ver­hält­nis zwi­schen ihm und der Beklag­ten begrün­det wor­den; ihre Amts­wal­ter hat­ten bei Aus­hän­di­gung der Ein­bür­ge­rungs­ur­kun­de die Absicht, gegen­über die­ser Per­son eine Rege­lung zu tref­fen.

Davon zu tren­nen ist die mate­ri­ell­recht­li­che Ein­bür­ge­rungs­vor­aus­set­zung der geklär­ten und fest­ste­hen­den Iden­ti­tät des Bewer­bers, die in § 85 Aus­lG 1990 3 – wie dem heu­te gel­ten­den § 10 StAG – zwar nicht aus­drück­lich erwähnt wird, aber den­noch eine not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung und einen unver­zicht­ba­rer Bestand­teil der Prü­fung der gesetz­lich gere­gel­ten Ein­bür­ge­rungs­vor­aus­set­zun­gen und Aus­schluss­grün­de bil­det 4. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beklag­ten stel­len Irr­tü­mer und Fehl­vor­stel­lun­gen der Amts­trä­ger über das Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Ein­bür­ge­rungs­vor­aus­set­zun­gen, auch wenn sie den zen­tra­len Punkt der Iden­ti­tät des Ein­bür­ge­rungs­be­wer­bers betref­fen, nicht des­sen ver­fah­rens­recht­li­che Betei­lig­ten­stel­lung infra­ge. Des­halb hat die gegen­über dem Ein­ge­bür­ger­ten als Antrag­stel­ler wil­lent­lich erfolg­te Bekannt­ga­be der Ein­bür­ge­rung ihn als Per­son in den deut­schen Staats­ver­band auf­ge­nom­men. Die Ein­bür­ge­rung ist trotz des Iden­ti­täts­irr­tums und der dar­auf beru­hen­den feh­ler­haf­ten Per­so­nen­be­zeich­nung in der Urkun­de dem Ein­ge­bür­ger­ten gegen­über wirk­sam gewor­den (§ 43 Abs. 1 Satz 2 LVwVfG).

Die Ein­bür­ge­rung erweist sich auch nicht infol­ge Nich­tig­keit als unwirk­sam (§ 43 Abs. 3 LVwVfG). Sie ist nicht aus einem der in § 44 Abs. 2 LVwVfG auf­ge­führ­ten Grün­de nich­tig; ins­be­son­de­re greift die Nr. 2 nicht, denn dem Ein­ge­bür­ger­ten wur­de die gemäß § 16 Satz 1 RuS­tAG erfor­der­li­che Ein­bür­ge­rungs­ur­kun­de über­ge­ben. Die Nich­tig­keit könn­te sich daher nur aus § 44 Abs. 1 LVwVfG erge­ben. Danach ist ein Ver­wal­tungs­akt nich­tig, soweit er an einem beson­ders schwer­wie­gen­den Feh­ler lei­det und dies bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung aller in Betracht kom­men­den Umstän­de offen­sicht­lich ist.

Bezugs­punkt der Offen­sicht­lich­keit nach § 44 Abs. 1 LVwVfG ist das Vor­lie­gen eines beson­ders schwer­wie­gen­den Feh­lers. Beson­ders schwer­wie­gend ist nur ein Man­gel, der den Ver­wal­tungs­akt als schlech­ter­dings uner­träg­lich, d.h. mit tra­gen­den Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en oder der Rechts­ord­nung imma­nen­ten wesent­li­chen Wert­vor­stel­lun­gen unver­ein­bar erschei­nen lässt 5. Die an eine ord­nungs­ge­mä­ße Ver­wal­tung zu stel­len­den Anfor­de­run­gen müs­sen in einem so erheb­li­chem Maße ver­letzt sein, dass von nie­man­dem erwar­tet wer­den kann, den Ver­wal­tungs­akt als ver­bind­lich anzu­er­ken­nen 6. Für die­se Beur­tei­lung ist grund­sätz­lich auf den Erlass­zeit­punkt abzu­stel­len 7. Ein der­art schwer­wie­gen­der Feh­ler haf­te­te der am 6.07.2004 erfolg­ten Ein­bür­ge­rung des Ein­ge­bür­ger­ten nicht an.

Zwar hat­te der Ein­ge­bür­ger­te die Beklag­te über sei­ne Iden­ti­tät und Staats­an­ge­hö­rig­keit arg­lis­tig getäuscht, so dass sei­ne Ein­bür­ge­rung wegen eines wesent­li­chen ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Man­gels rechts­wid­rig ist. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on ist sie aber des­we­gen nicht man­gels exis­tie­ren­den Bezugs­ob­jekts nich­tig. Denn die Ein­bür­ge­rung bezog sich nicht auf eine nicht­vor­han­de­ne oder ande­re Per­son, son­dern auf die Per­son des Ein­ge­bür­ger­ten unter fal­schem Namen auf­grund fal­scher Anga­ben 8.

Trotz des täu­schungs­be­ding­ten Iden­ti­täts­irr­tums auf Sei­ten der Beklag­ten, der einen schwer­wie­gen­den Man­gel begrün­det, erwies sich die Ein­bür­ge­rung des Ein­ge­bür­ger­ten nicht als schlech­ter­dings uner­träg­lich, d.h. mit tra­gen­den Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en oder der Rechts­ord­nung imma­nen­ten wesent­li­chen Wert­vor­stel­lun­gen als unver­ein­bar. Denn zum einen lässt bereits die Rege­lung in § 48 Abs. 2 Satz 3 Nr. 1 LVwVfG erken­nen, dass der Gesetz­ge­ber selbst durch arg­lis­ti­ge Täu­schung erwirk­te Ver­wal­tungs­ak­te nicht als nich­tig, son­dern nur als rück­nehm­bar ansieht. Zum ande­ren hat­te der Ein­ge­bür­ger­te, auch wenn ihm die für sei­ne Ein­bür­ge­rung maß­geb­li­chen Auf­ent­halts­ti­tel nur auf­grund der Täu­schung über sei­ne Staats­an­ge­hö­rig­keit und das dar­auf­hin fest­ge­stell­te Abschie­bungs­ver­bot erteilt wor­den waren, unter sei­nem Ali­as-Namen im Bun­des­ge­biet gelebt und – mit Aus­nah­me der tat­be­stand­lich eine Rück­nah­me recht­fer­ti­gen­den Iden­ti­täts­täu­schung – die für eine Ein­bür­ge­rung erfor­der­li­chen sprach­li­chen und sons­ti­gen Inte­gra­ti­ons­leis­tun­gen in eige­ner Per­son erbracht. Schließ­lich wur­de bereits vor Schaf­fung der spe­zi­el­len staats­an­ge­hö­rig­keits­recht­li­chen Rück­nah­me­be­fug­nis in § 35 StAG (durch das Gesetz zur Ände­rung des Staats­an­ge­hö­rig­keits­ge­set­zes vom 05.02.2009 9) durch­weg die Auf­fas­sung ver­tre­ten, eine erschli­che­ne Ein­bür­ge­rung sei selbst bei Iden­ti­täts­täu­schung nur ein­fach rechts­wid­rig und daher – wenn über­haupt – rück­nehm­bar, nicht aber nich­tig 10.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 9. Sep­tem­ber 2014 – 1 C 10.2014 -

  1. i.d.F. des § 194 Nr. 2 BBG vom 14.07.1953, BGBl I S. 551[]
  2. GBl S. 245[]
  3. i.d.F. des Geset­zes zur Reform des Staats­an­ge­hö­rig­keits­rechts vom 15.07.1999, BGBl I S. 1618[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 01.09.2011 – 5 C 27.10, BVerw­GE 140, 311 = Buch­holz 130 § 10 StAG Nr. 6, jeweils Rn. 11 ff.[]
  5. BVerwG, Urteil vom 22.02.1985 – 8 C 107.83DVBl 1985, 624 = Buch­holz 406.11 § 134 BBauG Nr. 6[]
  6. BVerwG, Urteil vom 17.10.1997 – 8 C 1.96, NVwZ 1998, 1061, 1062 = Buch­holz 401.0 § 125 AO Nr. 1 S. 3 f.; Beschluss vom 11.05.2000 – 11 B 26.00, NVwZ 2000, 1039, 1040 = Buch­holz 316 § 44 VwVfG Nr. 12 S. 4[]
  7. BVerwG, Beschluss vom 05.04.2011 – 6 B 41.10, Buch­holz 316 § 44 VwVfG Nr. 102[]
  8. vgl. BVerwG, Urteil vom 08.03.1977 – 1 C 15.73, Buch­holz 132.0 § 24 1. StAR­egG Nr. 1 S. 1, 4[]
  9. BGBl I S. 158[]
  10. vgl. OVG NRW, Beschluss vom 12.11.2002 – 19 B 2187/​02; OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 19.10.2006 – OVG 5 B 1.05, OVGE BE 27, 224; Nds. OVG, Urteil vom 27.09.2007 – 11 LB 108/​07; BVerwG, Urtei­le vom 14.02.2008 – 5 C 4.07, BVerw­GE 130, 209 = Buch­holz 316 § 48 VwVfG Nr. 121; und vom 30.06.2008 – 5 C 32.07, Buch­holz 11 Art. 16 GG Nr. 79; vgl. auch für den Fall der Flücht­lings­an­er­ken­nung bei Täu­schung über Iden­ti­tät, Staats­an­ge­hö­rig­keit sowie Ver­fol­gungs­schick­sal: BVerwG, Urteil vom 19.11.2013 – 10 C 27.12, BVerw­GE 148, 254[]