Die feh­len­de EU-recht­li­che Noti­fi­ka­ti­on – und die Fol­gen

Die in der Ägä­is zwi­schen Grie­chen­land und der Tür­kei täti­gen Ret­tungs­schif­fe von Mare Liber­um benö­tig­ten unter der gel­ten­den Rechts­la­ge kein Schiffs­si­cher­heits­zeug­nis. Fehlt der vor­ge­nom­me­nen Ände­rung von Schiff­si­cher­heits­an­for­de­run­gen als tech­ni­sche Vor­schrift die Noti­fi­ka­ti­on gemäß der Euro­päi­schen Noti­fi­zie­rungs­richt­li­nie, führt die­ser Ver­stoß gegen die uni­ons­recht­li­che Noti­fi­zie­rungs­pflicht zur Unan­wend­bar­keit der geän­der­ten Vor­schrif­ten.

Die feh­len­de EU-recht­li­che Noti­fi­ka­ti­on – und die Fol­gen

So hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg in dem hier vor­lie­gen­den Fall einem Eil­an­trag des Ver­eins Mare Liber­um statt­ge­ge­ben und die auf­schie­ben­de Wir­kung der Wider­sprü­che gegen die für die Schif­fe „Mare Liber­um“ und „Sebas­ti­an K“ erlas­se­nen Fest­hal­te­ver­fü­gun­gen ange­ord­net.

Der Antrag­stel­ler, Mare Liber­um, ist ein gemein­nüt­zi­ger Ver­ein, der sich nach sei­ner Sat­zung u.a. die För­de­rung der Ret­tung Schiff­brü­chi­ger aus Lebens­ge­fahr zum Ziel gesetzt hat. Er nutzt zwei Schif­fe, die „Mare Liber­um“ und die „Sebas­ti­an K“, um die Ver­hält­nis­se in den Grenz­ge­wäs­sern zwi­schen Grie­chen­land und der Tür­kei in der Ägä­is zu beob­ach­ten. 

Die zustän­di­ge Behör­de unter­sag­te im Jahr 2019 das Aus­lau­fen und die Wei­ter­fahrt des Schif­fes „Mare Liber­um“ mit der Begrün­dung, dass dem Schiff das erfor­der­li­che Schiffs­si­cher­heits­zeug­nis feh­le. Da es nicht zu Sport- und Frei­zeit­zwe­cken ein­ge­setzt wer­de, sei es weder als Sport­boot noch als Klein­fahr­zeug im Sin­ne des Schiffs­si­cher­heits­rechts pri­vi­le­giert.

Dem hier­ge­gen gerich­te­ten Eil­an­trag gab das Ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg im Wesent­li­chen mit der Begrün­dung statt, dass der Begriff Frei­zeit­zwe­cke vor allem in Abgren­zung zu beruf­li­chen Zwe­cken ver­stan­den wer­den müs­se [1]. Dem­nach sei davon aus­zu­ge­hen, dass auch die Mare Liber­um für Frei­zeit­zwe­cke ver­wen­det wer­de. Die hier­ge­gen erho­be­ne Beschwer­de der Antrags­geg­ne­rin blieb vor dem Ham­bur­gi­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ohne Erfolg [2]

Da sich das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ver­kehr und digi­ta­le Infra­struk­tur hier­mit nicht zufrie­den geben woll­te, fass­te das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um im Rah­men der Ände­rung der Ver­ord­nungs­la­ge durch die Neun­zehn­te Schiff­si­cher­heits­an­pas­sungs­ver­ord­nung vom 3. März 2020 [3] den Begriff des Sport­boo­tes und Klein­fahr­zeu­ges nun­mehr so, dass dar­un­ter nur noch Schif­fe fal­len, die zu Erho­lungs- und Sport­zwe­cken genutzt wer­den. Mit Fest­hal­te­ver­fü­gun­gen vom 4. Sep­tem­ber 2020 unter­sag­te die Behör­de dar­auf­hin das Aus­lau­fen und die Wei­ter­fahrt der bei­den Schif­fe „Sebas­ti­an K“ und „Mare Liber­um“ und ord­ne­te die sofor­ti­ge Voll­zie­hung der Beschei­de an. Für den vom Ver­ein Mare Liber­um ver­folg­ten Zweck der Betei­li­gung an der Suche und Ret­tung Schiff­brü­chi­ger sowie der Beob­ach­tung der men­schen­recht­li­chen Lage auf der Flucht­rou­te zwi­schen der Tür­kei und Grie­chen­land benö­tig­ten die Schif­fe nach Auf­fas­sung der Behör­de nun­mehr ein Schiff­si­cher­heits­zeug­nis; das Zer­ti­fi­kat sei auch nicht ent­behr­lich, weil weder die „Mare Liber­um“ noch die „Sebas­ti­an K“ für Sport- und Erho­lungs­zwe­cke ver­wen­det wer­de. Gegen die­se Ent­schei­dung wehrt sich der Ver­ein Mare Liber­um mit sei­nem Eil­an­trag.

In sei­ner Ent­schei­dungs­be­grün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg nun aus­ge­führt, dass die Schif­fe des Antrag­stel­lers unter der gel­ten­den Rechts­la­ge kein Schiffs­si­cher­heits­zeug­nis benö­ti­gen.

Die mit der Neun­zehn­ten Schiff­si­cher­heits­an­pas­sungs­ver­ord­nung geän­der­te Begriffs­be­stim­mung von Sport­boo­ten und Klein­fahr­zeu­gen blei­be im vor­lie­gen­den Fall unan­wend­bar, weil sie gegen Euro­pa­recht ver­sto­ße. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ver­kehr und digi­ta­le Infra­struk­tur habe die Ände­run­gen nicht – wie es erfor­der­lich gewe­sen wäre – gemäß der Noti­fi­zie­rungs­richt­li­nie bei der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on noti­fi­ziert. Nach der Noti­fi­zie­rungs­richt­li­nie müss­ten die Mit­glied­staa­ten die Kom­mis­si­on über jeden Ent­wurf einer tech­ni­schen Vor­schrift vor deren Erlass unter­rich­ten. Die vor­ge­nom­me­ne Ände­rung von Schiff­si­cher­heits­an­for­de­run­gen stel­le eine tech­ni­sche Vor­schrift in die­sem Sin­ne dar.

Der Ver­stoß gegen die uni­ons­recht­li­che Noti­fi­zie­rungs­pflicht füh­re zur Unan­wend­bar­keit der geän­der­ten Vor­schrif­ten. 

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts sind die streit­ge­gen­ständ­li­chen Fest­hal­te­ver­fü­gun­gen somit nach der im Eil­ver­fah­ren gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung rechts­wid­rig und daher dem Eil­an­trag des Ver­eins Mare Liber­um statt­zu­ge­ben und die auf­schie­ben­de Wir­kung der Wider­sprü­che gegen die für die Schif­fe „Mare Liber­um“ und „Sebas­ti­an K“ erlas­se­nen Fest­hal­te­ver­fü­gun­gen anzu­ord­nen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 2. Okto­ber 2020 – 5 E 3819/​20

Die fehlende EU-rechtliche Notifikation - und die Folgen
  1. VG Ham­burg, Beschluss vom 13.05.2019 – 5 E 2040/​19[]
  2. OVG Ham­burg, Beschluss vom 05.09.2019 – 3 Bs 124/​19[]
  3. BGBl. I, S. 412[]