Die Flücht­lings­un­ter­kunft in der Nach­bar­schaft

Lie­gen eine geplan­te Flücht­lings­un­ter­kunft und das Grund­stück der sich dage­gen weh­ren­den Per­son nicht in dem­sel­ben Gebiet, kann die­se sich nicht auf einen soge­nann­ten Gebiets­be­wah­rungs­an­spruch beru­fen, der den Eigen­tü­mern von Grund­stü­cken in einem durch Bebau­ungs­plan fest­ge­setz­ten Bau­ge­biet das Recht gibt, sich gegen hin­sicht­lich der bau­li­chen Nut­zung nicht zuläs­si­ge Vor­ha­ben in dem Gebiet zur Wehr zu set­zen. Aber auch wenn man von einem ein­heit­lich zu betrach­ten­den fak­ti­schen all­ge­mei­nen oder gar rei­nen Wohn­ge­biet aus­geht, ist dort die Flücht­lings­un­ter­kunft als eine Anla­ge für sozia­le Zwe­cke zuläs­sig. Das Bau­recht gewähr­leis­tet kei­nen Milieu­schutz.

Die Flücht­lings­un­ter­kunft in der Nach­bar­schaft

So das Ver­wal­tungs­ge­richt Mainz in dem hier vor­lie­gen­den einst­wei­li­gen Rechts­schutz­ver­fah­ren gegen die bau­recht­li­che Geneh­mi­gung für eine Flücht­lings­un­ter­kunft in Mainz-Bret­zen­heim. Mit Bau­schein vom 10. Janu­ar 2014 hat die Stadt Mainz einer pri­vat­recht­li­chen Gesell­schaft die Geneh­mi­gung erteilt, eine bestehen­de Ver­wal­tungs- und Schu­lungs­stät­te in Mainz-Bret­zen­heim künf­tig als Anla­ge für sozia­le Zwe­cke (Flücht­lings­heim für 70 Per­so­nen) zu nut­zen.

Der Antrag­stel­ler hat gegen die Geneh­mi­gung Wider­spruch ein­ge­legt und beim Ver­wal­tungs­ge­richt bean­tragt, die auf­schie­ben­de Wir­kung sei­nes Wider­spruchs gegen die Bau­ge­neh­mi­gung anzu­ord­nen. Die Bau­ge­neh­mi­gung sei aus meh­re­ren Grün­den rechts­wid­rig, mach­te er gel­tend. Sie sei inhalt­lich unbe­stimmt und des­halb rechts­wid­rig, weil nach der Bau­ge­neh­mi­gung bzw. Bau­be­schrei­bung nicht hin­rei­chend klar sei, ob eine Flücht­lings­un­ter­kunft oder ein Asyl­be­wer­ber­heim geneh­migt wer­den sol­le. Fer­ner sei die im Bebau­ungs­plan für die Unter­kunft vor­ge­nom­me­ne Nut­zungs­fest­set­zung "Ein­rich­tung zum Gemein­be­darf" zu unbe­stimmt und damit unwirk­sam, so dass die Bau­ge­neh­mi­gung nicht auf sie gestützt wer­den kön­ne. Schließ­lich sei die Umge­bung der Unter­kunft als rei­nes Wohn­ge­biet anzu­se­hen; in die­ses füge sich die Unter­kunft aber nicht ein und ihre Geneh­mi­gung ver­sto­ße gegen das bau­recht­li­che Gebot der Rück­sicht­nah­me.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Mainz fest­ge­stellt, dass die Gebäu­de­nut­zung als Flücht­lings­un­ter­kunft geeh­migt wor­den sei, wie sich aus den maß­geb­li­chen Unter­la­gen – Bau­schein und geneh­mig­te Bau­un­ter­la­gen – erge­be. Der Antrag­stel­ler kön­ne sich nicht auf einen soge­nann­ten Gebiets­be­wah­rungs­an­spruch beru­fen, der den Eigen­tü­mern von Grund­stü­cken in einem durch Bebau­ungs­plan fest­ge­setz­ten Bau­ge­biet bzw. in einem fak­ti­schen Bau­ge­biet das Recht gebe, sich gegen hin­sicht­lich der bau­li­chen Nut­zung nicht zuläs­si­ge Vor­ha­ben in dem Gebiet zur Wehr zu set­zen. Die geplan­te Flücht­lings­un­ter­kunft und das Grund­stück des Antrag­stel­lers lägen näm­lich nicht in dem­sel­ben Gebiet; die Flücht­lings­un­ter­kunft lie­ge im Gel­tungs­be­reich des Bebau­ungs­plans "Wohn­ge­biet in der Frecht" (B 109), das Grund­stück des Antrag­stel­lers hin­ge­gen im angren­zen­den unbe­plan­ten Gebiet (sog. Immen­hof­sied­lung). Aber auch wenn der Bebau­ungs­plan 109 etwa wegen Unbe­stimmt­heit der Fest­set­zung "Ein­rich­tung zum Gemein­be­darf" unwirk­sam sein soll­te, stell­ten die Berei­che "In der Frecht" und die Immen­hof­sied­lung wegen der tren­nen­den Wir­kung der Wil­helm-Quetsch-Stra­ße kein ein­heit­li­ches Bau­ge­biet dar, das Grund­la­ge für einen Gebiets­er­hal­tungs­an­spruch sein könn­te.

Aber sogar wenn man von einem ein­heit­lich zu betrach­ten­den fak­ti­schen all­ge­mei­nen oder gar rei­nen Wohn­ge­biet aus­zu­ge­hen hät­te, wäre dort die Flücht­lings­un­ter­kunft als eine Anla­ge für sozia­le Zwe­cke zuläs­sig. Deren Geneh­mi­gung ver­letz­te fer­ner nicht das pla­nungs­recht­li­che Rück­sicht­nah­me­ge­bot. Die auf dem Vor­ha­ben­grund­stück zu erwar­ten­den Geräuschem­mis­sio­nen (z.B. Gesprä­che, Zuru­fe, Abspie­len von Musik­trä­gern) stell­ten Wohn­ge­räu­sche dar, die auch der Antrag­stel­ler hin­zu­neh­men habe, zumal sie nach der bau­li­chen Situa­ti­on nur in über­schau­ba­rem Maße auf sein Grund­stück ein­wir­ken dürf­ten. Es kön­ne auch nicht ange­nom­men wer­den, dass die Flücht­lin­ge auf­grund der beeng­ten Ver­hält­nis­se sowie ihrer sozia­len Situa­ti­on die Nach­bar­schaft stär­ker stö­ren wer­den, als dies bei sons­ti­ger ver­dich­te­ter Nut­zung eines Gebäu­des zu Wohn­zwe­cken oder sozia­len Zwe­cken – z.B. bei einem Stu­den­ten­wohn­heim – der Fall sei. Das Bau­recht gewähr­leis­te schließ­lich auch kei­nen Milieu­schutz in dem Sin­ne, dass die sozia­le Begeg­nung mit ande­ren Lebens­ge­wohn­hei­ten und Per­so­nen­grup­pen aus­ge­schlos­sen wer­den kön­ne.

Die Bau­ge­neh­mi­gung ver­let­ze kei­ne Rech­te des Antrag­stel­lers als Nach­bar. Daher ist der Antrag auf einst­wei­li­gen Rechts­schutz gegen die bau­recht­li­che Geneh­mi­gung für die Flücht­lings­un­ter­kunft in Mainz-Bret­zen­heim abge­lehnt wor­den.

Ver­wal­tungs­ge­richt Mainz, Urteil vom 14. März 2014 – 3 L 59/​14.MZ