Die Frank­fur­ter Sperr­zeit­ver­ord­nung für Spiel­hal­len

Eine Ver­ord­nung über die Rege­lung der Sperr­zeit für das Gebiet einer Stadt, die für Spiel­hal­len mehr als eine Stun­de Sperr­zeit täg­lich vor­sieht, darf von der ört­li­chen Ord­nungs­be­hör­de nicht vor­ge­nom­men wer­den, wenn es an Grün­den für ein Abwei­chen von der durch den Minis­ter des Innern und für Sport in sei­ner Sperr­zeit­ver­ord­nung all­ge­mein fest­ge­leg­ten Sperr­zeit fehlt. Soll das Grund­recht der Betrof­fe­nen aus Art. 12 Abs. 1 S. 2 GG durch ord­nungs­be­hörd­li­che Aus­nah­me­re­ge­lun­gen stär­ker beschränkt wer­den, ist dafür ein dies recht­fer­ti­gen­des erhöh­tes Gefah­ren­po­ten­ti­al im Zustän­dig­keits­be­reich der han­deln­den Ord­nungs­be­hör­de not­wen­dig.

Die Frank­fur­ter Sperr­zeit­ver­ord­nung für Spiel­hal­len

Mit die­ser Begrün­dung hat der Hes­si­sche Ver­wal­tugns­ge­richts­hof die am 1. Janu­ar 2012 in Kraft getre­te­ne Ver­ord­nung der Ober­bür­ger­meis­te­rin der Stadt Frank­furt am Main über die Rege­lung der Sperr­zeit für das Gebiet der Stadt Frank­furt am Main vom 1. Dezem­ber 2011 durch einst­wei­li­ge Anord­nung vor­läu­fig außer Voll­zug gesetzt. Die Ver­ord­nung ver­bie­tet als Aus­nah­me von der Sperr­zeit­ver­ord­nung des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums des Innern und für Sport, die lan­des­weit täg­lich auch für Spiel­hal­len nur eine Stun­de Sperr­zeit vor­sieht, seit 1. Janu­ar 2012 die Öff­nung sol­cher Ein­rich­tun­gen im Frank­fur­ter Stadt­ge­biet in der Zeit von 3.00 Uhr bis 11.00 Uhr. Hier­ge­gen haben eini­ge in Frank­furt am Main täti­ge Spiel­hal­len­be­trei­ber geklagt und Anträ­ge auf Aus­set­zung der Voll­zie­hung im Wege der einst­wei­li­gen Anord­nung gestellt.

Nach Auf­fas­sung des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs fehlt es im Frank­fur­ter Stadt­ge­biet an Grün­den für ein sol­ches Abwei­chen von der durch den Minis­ter des Innern und für Sport in sei­ner Sperr­zeit­ver­ord­nung all­ge­mein fest­ge­leg­ten Sperr­zeit. Nach dem Wort­laut die­ser Sperr­zeit­VO kann die zustän­di­ge ört­li­che Ord­nungs­be­hör­de inner­halb des jewei­li­gen Gemein­de­ge­biets „bei Vor­lie­gen eines öffent­li­chen Bedürf­nis­ses oder beson­de­rer ört­li­cher Ver­hält­nis­se die Sperr­zeit all­ge­mein ver­län­gern, ver­kür­zen oder auf­he­ben“. Wie der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof jetzt ent­schie­den hat, ist für bei­de Alter­na­ti­ven auf die loka­len Beson­der­hei­ten abzu­stel­len und für eine Aus­nah­me­re­ge­lung ein gegen­über dem Lan­des­durch­schnitt erhöh­tes loka­les Gefah­ren­po­ten­ti­al not­wen­dig. Denn nach dem Regel-Aus­nah­me-Prin­zip soll die all­ge­mei­ne Sperr­zeit­re­ge­lung durch­schnitt­li­chen Gefah­ren­po­ten­tia­len Rech­nung tra­gen. Soll das Grund­recht der Betrof­fe­nen aus Art. 12 Abs. 1 S. 2 GG durch ord­nungs­be­hörd­li­che Aus­nah­me­re­ge­lun­gen stär­ker beschränkt wer­den, bedarf es dafür eines dies recht­fer­ti­gen­den erhöh­ten Gefah­ren­po­ten­ti­als im Zustän­dig­keits­be­reich der han­deln­den Ord­nungs­be­hör­de. Dar­an fehlt es in Frank­furt am Main.

Eine dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof vor­lie­gen­de Stu­die zur Ange­bots­struk­tur der Spiel­hal­len und Geld­spiel­ge­rä­te in Hes­sen weist für Frank­furt am Main 633,18 Ein­woh­ner pro Spiel­ge­rät in Spiel­hal­len aus, wäh­rend der Durch­schnitt in Hes­sen bei 550,66 und in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bei 497,27 Ein­woh­nern je Gerät liegt. Vier wei­te­re hes­si­sche Groß­städ­te ver­zeich­nen ungüns­ti­ge­re Zah­len­ver­hält­nis­se als Frank­furt am Main, dar­un­ter Kas­sel mit 440,29 Ein­woh­nern pro Spiel­hal­len-Geld­spiel­ge­rät; dabei ist der Anfang 2011 erfolg­te explo­si­ons­ar­ti­ge Anstieg der Zahl der auf­ge­stell­ten Gerä­te in Kas­sel noch gar nicht berück­sich­tigt. Auch wenn man die in der Stu­die mit­ge­teil­ten Zah­len der in Gas­tro­no­mie­be­trie­ben auf­ge­stell­ten Geld­spiel­ge­rä­te ein­be­zie­he, lie­ge Frank­furt am Main mit 355,53 Ein­woh­nern je Gerät deut­lich unter dem Lan­des- und Bun­des­durch­schnitt (330,74 bzw. 294, 75 Ein­woh­ner je Gerät) und noch deut­li­cher hin­ter den Gefähr­dungs­po­ten­tia­len des hes­si­schen „Spit­zen­rei­ters“ Kas­sel (267,82 Ein­woh­ner je Gerät).

Im Gegen­satz zu Kas­sel, wo sich die Zahl der wegen Spiel­sucht oder Spiel­sucht­ge­fähr­dung the­ra­pier­ten Per­so­nen zwi­schen 2006 und 2010 um ca. 135 Pro­zent gestei­gert hat, sei­en in Frank­furt am Main auch kei­ne besorg­nis­er­re­gen­den Stei­ge­rungs­ra­ten bei der Zahl der Behand­lungs­fäl­le aus­zu­ma­chen. Wegen der Kas­se­ler Beson­der­hei­ten hat­te der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof eine Sperr­zeit­ver­ord­nung des dor­ti­gen Ober­bür­ger­meis­ters mit ähn­li­chem Inhalt im Sep­tem­ber 2011 unbe­an­stan­det gelas­sen.

Der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof sah aller­dings auch bei sei­ner die Frank­fur­ter Ver­ord­nung betref­fen­den Ent­schei­dun­gen einen brei­ten gesell­schaft­li­chen Kon­sens, dass im Inter­es­se des Jugend­schut­zes und der Sucht­prä­ven­ti­on der All­ge­gen­wart und jeder­zei­ti­gen Ver­füg­bar­keit von Spiel­hal­len wirk­sa­me Gren­zen zu set­zen sind. Damit sind die Vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen eines öffent­li­chen Bedürf­nis­ses für eine Sperr­zeit­ver­län­ge­rung lan­des­weit gege­ben. Gleich­wohl hat der Hes­si­sche Minis­ter des Innern und für Sport bei der Ver­län­ge­rung der Gel­tungs­dau­er der Sperr­zeit­ver­ord­nung im Novem­ber 2011 kei­nen Anlass gese­hen, die all­ge­mei­ne Sperr­zeit im Vor­griff auf die jetzt im Spiel­hal­len­ge­setz beab­sich­tig­te Rege­lung zu ver­län­gern, denn es ist ledig­lich das Datum des Außer-Kraft-Tre­tens auf den 31. Dezem­ber 2012 ver­än­dert und die Sperr­zeit bei einer Stun­de täg­lich belas­sen wor­den. Die­se Ent­schei­dung kann nun­mehr nicht durch Aus­nah­me­re­ge­lun­gen der ört­li­chen Ord­nungs­be­hör­de „nach­ge­bes­sert“ wer­den, sofern – wie in Frank­furt am Main – kei­ne ört­li­chen Beson­der­hei­ten ein über den Lan­des­durch­schnitt hin­aus erhöh­tes Gefah­ren­po­ten­ti­al begrün­den.

Hes­si­scher Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, Beschlüs­se vom 20. März 2012 – 8 B 2473/​11.N u.a.