Die geplan­te Rei­se nach Afgha­ni­stan – und der Rei­se­pass

Die zustän­di­ge Pass­be­hör­de kann den Gel­tungs­be­reich eines Pas­ses im Hin­blick auf die Aus­rei­se in ein Land beschrän­ken, wenn in die­sem das kon­kret und indi­vi­du­ell auf den Pas­sin­ha­ber bezo­ge­ne Risi­ko einer Ent­füh­rung besteht und mit einer anschlie­ßen­den Erpres­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch die Ent­füh­rer zu rech­nen ist.

Die geplan­te Rei­se nach Afgha­ni­stan – und der Rei­se­pass

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te die Vor­sit­zen­de eines Ver­eins geklagt, der sich der huma­ni­tä­ren Hil­fe für Men­schen in Afgha­ni­stan wid­met. Sie plan­te im Herbst des Jah­res 2016, im Rah­men ihrer Tätig­keit für den Ver­ein in die afgha­ni­sche Regi­on Kun­duz zu rei­sen. Der zustän­di­gen Pass­be­hör­de lagen Infor­ma­tio­nen des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes und des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes vor, die das in Afgha­ni­stan und in der Pro­vinz Kun­duz für Aus­län­der bestehen­de hohe Risi­ko, Opfer einer Ent­füh­rung zu wer­den, sowie die Gefahr einer Erpres­sung der Her­kunfts­staa­ten der Betrof­fe­nen durch die Ent­füh­rer betra­fen. Zudem lagen Hin­wei­se vor, dass kon­kret die Ver­eins­vor­sit­zen­de dort ent­führt wer­den soll­te. Unter Beru­fung auf die­se Infor­ma­tio­nen beschränk­te die Pass­be­hör­de den Gel­tungs­be­reich ihres Rei­se­pas­ses der­ge­stalt, dass die­ser nicht zur Aus­rei­se nach Afgha­ni­stan berech­ti­ge. Wegen der im Fall ihrer Ent­füh­rung dro­hen­den erpres­se­ri­schen Löse­geld­for­de­rung gegen­über dem Her­kunfts­staat sei­en sons­ti­ge erheb­li­che Belan­ge der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land i.S.d. § 7 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 3 PassG gefähr­det. Die Pass­be­hör­de befris­te­te die Beschrän­kung zunächst auf ein Jahr.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Braun­schweig hat der gegen den Bescheid gerich­te­ten Anfech­tungs­kla­ge statt­ge­ge­ben 1. Auf die Beru­fung der Pass­be­hör­de hat das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Lüne­burg die­ses Urteil geän­dert und die Kla­ge abge­wie­sen 2. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat das kla­ge­ab­wei­sen­de Urteil bestä­tigt und die Revi­si­on der Klä­ge­rin zurück­ge­wie­sen:

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat, so das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, zutref­fend ent­schie­den, dass der von der Pass­be­hör­de auf der Grund­la­ge von § 8 i.V.m. § 7 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 3 und Abs. 2 Satz 1 PassG erlas­se­ne Beschrän­kungs­be­scheid recht­mä­ßig war. Nach die­sen bun­des­recht­li­chen Vor­schrif­ten kann der räum­li­che Gel­tungs­be­reich eines Pas­ses beschränkt wer­den, wenn bestimm­te Tat­sa­chen die Annah­me begrün­den, dass der Pas­sin­ha­ber sons­ti­ge erheb­li­che Belan­ge der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (d.h. ande­re als die inne­re oder äuße­re Sicher­heit i.S.v. § 7 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 1 und 2 PassG) gefähr­det. Die­se Vor­schrift schränkt die durch Art. 2 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­te Aus­rei­se­frei­heit in ver­fas­sungs­ge­mä­ßer Wei­se ein. Ein sons­ti­ger erheb­li­cher Belang ist die Siche­rung der Ent­schei­dungs- und Hand­lungs­frei­heit der für die Gestal­tung der Außen­po­li­tik ver­ant­wort­li­chen Orga­ne der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Die­ser Belang war im vor­lie­gen­den Fall in dem für die gericht­li­che Beur­tei­lung maß­geb­li­chen Zeit­punkt des Erlas­ses des Beschrän­kungs­be­scheids gefähr­det.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die der Ent­schei­dung der Pass­be­hör­de zu Grun­de lie­gen­den Tat­sa­chen auf der Grund­la­ge der durch das Ver­wal­tungs­ge­richt durch­ge­führ­ten Beweis­auf­nah­me für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bin­dend fest­ge­stellt. Danach lag ein trag­fä­hi­ger Hin­weis auf die Absicht einer Grup­pe von afgha­ni­schen Auf­stän­di­schen vor, die Ver­eins­vor­sit­zen­de zu ent­füh­ren. Des Wei­te­ren war ihr wirk­sa­mer Schutz vor einer sol­chen Ent­füh­rung nicht gege­ben und es wäre eine Erpres­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu erwar­ten gewe­sen. Die dar­auf gestütz­te Annah­me einer Gefähr­dung ist aus revi­si­ons­ge­richt­li­cher Sicht nicht zu bean­stan­den.

Der ange­grif­fe­ne Bescheid ist nicht des­halb rechts­wid­rig, weil nicht schon die Bür­ge­rin mit ihrer Aus­rei­se, son­dern erst Drit­te durch die Ent­füh­rung die genann­te Gefahr unmit­tel­bar ver­ur­sacht hät­ten. Denn die Vor­schrift des § 7 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 3 PassG ent­hält eine spe­zi­al­ge­setz­li­che Rege­lung der Ver­ant­wort­lich­keit, die den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des Poli­zei- und Ord­nungs­rechts über die Stö­rer­haf­tung vor­geht. Dies ergibt sich v.a. aus dem Sinn und Zweck der Norm. Die­se ver­la­gert aus Grün­den der effek­ti­ven Gefah­ren­ab­wehr den Rechts­gü­ter­schutz vor, weil deut­sche Stel­len in dem Zeit­punkt, in dem sich die Gefähr­dung im Aus­land rea­li­siert, wegen des völ­ker­recht­li­chen Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zips und fak­tisch an einem Ein­schrei­ten mit ver­gleich­ba­rer Wirk­sam­keit gehin­dert sind.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 29. Mai 2019 – 6 C 8.18

  1. VG Braun­schweig, Urteil vom 04.04.2017 – 4 A 383/​16[]
  2. Nds. OVG, Urteil vom 23.02.2018 – 11 LC 177/​17[]