Die geschlos­se­nen Fit­ness­stu­di­os in Hamburg

Die Coro­na­vi­rus-Ein­däm­mungs­ver­ord­nung in der aktu­ell gül­ti­gen Fas­sung unter­sagt den Betrieb von Sport- und Fit­ness­stu­di­os und ist rechtmäßig.

Die geschlos­se­nen Fit­ness­stu­di­os in Hamburg

So hat das Ham­bur­gi­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in dem hier vor­lie­gen­den Fall auf die Beschwer­de der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg eine vor­an­ge­gan­ge­ne Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Ham­burg [1] geän­dert und den Eil­an­trag der Betrei­be­rin eines Fit­ness­stu­di­os ins­ge­samt abge­lehnt, mit dem sich die­se gegen die aus der Coro­na­vi­rus-Ein­däm­mungs­ver­ord­nung fol­gen­de Schlie­ßung ihres Stu­di­os gewandt hat­te. Die Coro­na­vi­rus-Ein­däm­mungs­ver­ord­nung in der aktu­ell gül­ti­gen Fas­sung unter­sagt den Betrieb von Sport- und Fit­ness­stu­di­os. Aus­nah­men von die­sem Ver­bot sieht die Ver­ord­nung bis­her nicht vor.

Nach Mei­nung des Ver­wal­tungs­ge­richts Ham­burg ver­stößt die in der Coro­na­vi­rus-Ein­däm­mungs­ver­ord­nung gere­gel­te aus­nahms­lo­se Schlie­ßung von Fit­ness- und Sport­stu­di­os bei gleich­zei­ti­ger Öff­nungs­mög­lich­keit von Über­nach­tungs­an­ge­bo­ten, Betrie­ben des Fri­seur­hand­werks und Dienst­leis­tungs­be­trie­ben der Kör­per­pfle­ge, ins­be­son­de­re Kos­me­tik­stu­di­os, Nagel­stu­di­os, Mas­sa­ge­sa­lons, Tat­too-Stu­di­os und ähn­li­chen Betrie­ben sowie Gast­stät­ten vor­aus­sicht­lich gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz. Die Erwä­gun­gen der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg zur Recht­fer­ti­gung der Ungleich­be­hand­lung, bei dem Betrieb von Fit­ness- und Sport­stu­di­os bestehe u.a. eine beson­de­re Anste­ckungs­ge­fahr wegen des gestei­ger­ten Atem­ver­hal­tens unter kör­per­li­cher Belas­tung und des damit ver­bun­de­nen ver­stärk­ten und wei­ter­rei­chen­den Aus­sto­ßes von – mög­li­cher­wei­se infek­tiö­sen – Aero­so­len, rei­chen nach der Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts nicht aus, um eine aus­nahms­lo­se Schlie­ßung von Fit­ness- und Sport­stu­di­os im Gegen­satz zur Öff­nungs­mög­lich­keit bei den ande­ren Gewer­be­be­trie­ben zu recht­fer­ti­gen. Die Freie und Han­se­stadt Ham­burg hat nicht dar­ge­legt und es ist dem Gericht auch sonst nicht ersicht­lich, dass der Betrieb von Fit­ness- und Sport­stu­di­os auch bei der Anord­nung stren­ger Auf­la­gen ein höhe­res Infek­ti­ons­ri­si­ko beinhal­tet, als der Betrieb von Fri­seur­be­trie­ben, Dienst­leis­tungs­be­trie­be der Kör­per­pfle­ge oder Gaststätten.

Aller­dings kann die Antrag­stel­le­rin nicht ver­lan­gen, dass die Coro­na­vi­rus-Ein­däm­mungs­ver­ord­nung in ihrem Sin­ne dahin­ge­hend geän­dert wird, dass der Betrieb von Fit­ness­stu­di­os erlaubt sein kann. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat dazu aus­ge­führt, dass es dem Ver­ord­nungs­ge­ber über­las­sen bleibt, ob er den ange­nom­me­nen Gleich­heits­ver­stoß durch eine Aus­deh­nung der Aus­nah­me­re­ge­lun­gen auf Fit­ness- und Sport­stu­di­os, durch nach sach­ge­rech­ten Kri­te­ri­en dif­fe­ren­zie­ren­de Vor­schrif­ten oder durch eine grund­le­gend anders kon­zi­pier­te Ver­bots­re­ge­lung ausräumt.

Nach­dem der Eil­an­trag der Betrei­be­rin eines Fit­ness­stu­di­os vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg [1] teil­wei­se erfolg­reich gewe­sen war, hat die Freie und Han­se­stadt Ham­burg sich dage­gen mit der Beschwer­de gewehrt.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Ham­bur­gi­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­führt, dass sich die Schlie­ßung von Sport- und Fit­ness­stu­di­os nach der im Eil­ver­fah­ren gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung als recht­mä­ßig erwei­se. Der ham­bur­gi­sche Ver­ord­nungs­ge­ber bewe­ge sich im Rah­men sei­nes Ein­schät­zungs­spiel­raums, wenn er zum einen davon aus­ge­he, dass der Betrieb von Fit­ness­stu­di­os eine ver­gleichs­wei­se hohe Infek­ti­ons­ge­fahr mit dem Coro­na­vi­rus in sich ber­ge. Die dort in geschlos­se­nen Räum­lich­kei­ten natur­ge­mäß häu­fig auf­tre­ten­de hohe Atem­fre­quenz der Kun­den bedin­ge durch das inten­si­ve Aus­at­men mit hoher Wahr­schein­lich­keit eine ent­spre­chend erhöh­te Aero­sol­be­las­tung der Raumluft.

Zum ande­ren blei­be der Ver­ord­nungs­ge­ber im Rah­men sei­nes Ein­schät­zungs­spiel­raums, wenn er das Infek­ti­ons­ri­si­ko auch durch Schutz­vor­ga­ben für nicht hin­rei­chend kon­trol­lier­bar und daher momen­tan die Schlie­ßung der Fit­ness­stu­di­os wei­ter­hin für erfor­der­lich hal­te, um das Ziel der Ein­däm­mung einer erhöh­ten Infek­ti­ons­ge­fahr durch das Coro­na­vi­rus zu errei­chen. Nach Ein­schät­zung des Beschwer­de­ge­richts bie­ten Schutz­kon­zep­te der Art, wie sie etwa in Nord­rhein-West­fa­len vor­ge­se­hen sind, kei­ne voll­kom­men siche­re Gewähr, dass es nicht zu Aero­sol­be­las­tun­gen in den geschlos­se­nen Räum­lich­kei­ten kommt, die im Fal­le der Teil­nah­me (uner­kannt) infi­zier­ter Kun­den zu einer deut­lich erhöh­ten Infek­ti­ons­ge­fahr und der Gefahr schwe­rer Erkran­kungs­ver­läu­fe führen.

In die­sem Zusam­men­hang sei auch die im Grund­satz nicht zu bean­stan­den­de Stra­te­gie der Antrags­geg­ne­rin von Bedeu­tung, durch schritt­wei­se Locke­run­gen der Beschrän­kun­gen bei stän­di­ger Über­prü­fung ihrer mög­li­chen Aus­wir­kun­gen auf die Infek­ti­ons­zah­len einer­seits und der Berück­sich­ti­gung des Gewichts der ver­blei­ben­den Grund­rechts­ein­grif­fe ande­rer­seits in mög­lichst vie­len Berei­chen eine zuneh­men­de Annä­he­rung an die Situa­ti­on vor Beginn der Coro­na-Pan­de­mie zu errei­chen. Die­se Vor­ge­hens­wei­se bedin­ge es, die in Betracht kom­men­den Locke­run­gen nach und nach vor­zu­neh­men, und es sei plau­si­bel, sol­che Locke­run­gen zeit­lich wei­ter nach hin­ten zu ver­la­gern, mit denen ein spe­zi­fisch höhe­res Infek­ti­ons­ri­si­ko ver­bun­den sei. Die zuletzt deut­lich gesun­ke­nen Infek­ti­ons­zah­len auch im Ham­bur­ger Stadt­ge­biet ver­pflich­ten den Ver­ord­nungs­ge­ber nicht zur Auf­ga­be des Prin­zips der schritt­wei­sen Locke­rung; er darf auch wei­ter­hin vor­sich­tig bleiben.

Nach Ein­schät­zung des Ham­bur­gi­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts ste­hen die mit der aktu­ell noch bis zum 31. Mai 2020 ange­ord­ne­ten Schlie­ßung von Fit­ness­stu­di­os ein­her­ge­hen­den Belas­tun­gen schließ­lich nicht außer Ver­hält­nis zu dem mit der Schlie­ßung ange­streb­ten Zweck. Dar­über hin­aus ist in der unter­schied­li­chen Behand­lung von Fit­ness­stu­di­os gegen­über Gast­stät­ten, Fri­seu­ren und ande­ren Betrie­ben der Kör­per­pfle­ge kein Ver­stoß gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz zu sehen. Es han­delt sich um Sach­ver­hal­te, die im Hin­blick auf die jewei­li­ge Gefahr von Infek­tio­nen und schwe­ren Krank­heits­ver­läu­fen unter­schied­lich zu wür­di­gen sind.

Ham­bur­gi­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 22. Mai 2020 – 5 Bs 77/​20

  1. VG Ham­burg, Beschluss vom 14.05.2020 – 20 E 2029/​20[][]