Die Gestal­tung einer Park­bucht – und die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht

Mit der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht bei der Gestal­tung einer Park­bucht hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof im Rah­men eines Amts­haf­tungs­pro­zes­ses zu befas­sen:

Die Gestal­tung einer Park­bucht – und die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht

Der Klä­ger macht gegen die beklag­te Stadt Scha­dens­er­satz­an­sprü­che wegen Ver­let­zung der Stra­ßen­ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht gel­tend. Er ist Eigen­tü­mer eines tie­fer­ge­leg­ten Fahr­zeugs Typ Audi A 5 Sport­back. Er fuhr in eine Park­ta­sche eines öffent­li­chen Park­plat­zes. Es war am Abend und dun­kel. Die Park­bucht war 5 m lang und 3, 5 m breit. Er kam mit dem vor­de­ren Karos­se­rie­teil sei­nes Fahr­zeu­ges über den stirn­sei­tig ange­brach­ten, min­des­tens 20 cm hohen Rand­stein des Park­plat­zes hin­aus und beschä­dig­te dabei die Ver­klei­dung des vor­de­ren Stoß­fän­gers. Es gab kei­ne Hin­wei­se auf die Höhe des Bord­steins. Die­se war so gewählt, da geplant war, den Bereich hin­ter dem Bord­stein zu bepflan­zen. Die vor­ge­se­he­ne Beleuch­tungs­an­la­ge war noch nicht fer­tig instal­liert, so dass der Park­platz zum Unfall­zeit­punkt unbe­leuch­tet war. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Hechin­gen hat der Kla­ge, mit der der Auto­hal­ter Erstat­tung der Repa­ra­tur­kos­ten begehr­te, statt­ge­ge­ben 1, auf die Beru­fung der Stadt hat dage­gen das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart das land­ge­richt­li­che Urteil auf­ge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen 2.

Der Bun­des­ge­richts­hof bestä­tig­te nun das kla­ge­ab­wei­sen­de Beru­fungs­ur­teil: Dem Auto­hal­ter steht kein Anspruch auf Zah­lung von Scha­dens­er­satz gemäß § 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG im Hin­blick auf eine Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht­ver­let­zung der Stadt zu.

Die Stadt ist ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­tig für die Park­bucht, in der das Unfall­ereig­nis statt­ge­fun­den hat. Die Stadt ist gemäß § 44 StrG BW Trä­ger der Stra­ßen­bau­last für Gemein­de­stra­ßen. Gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 1 Buchst. b StrG BW gehö­ren zur öffent­li­chen Stra­ße bezie­hungs­wei­se zum Stra­ßen­kör­per auch Park­plät­ze. Die mit der Über­wa­chung der Ver­kehrs­si­cher­heit der öffent­li­chen Stra­ßen zusam­men­hän­gen­den Pflich­ten oblie­gen den Orga­nen und Bediens­te­ten der damit befass­ten Kör­per­schaf­ten und Behör­den nach § 59 StrG BW als Amts­pflich­ten in Aus­übung hoheit­li­cher Tätig­keit. Die Stadt hat gemäß § 9 Abs. 1, § 44 StrG BW die Auf­ga­be, die Ver­kehrs­si­cher­heit der Gemein­de­stra­ßen zu gewähr­leis­ten. Die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht für öffent­li­che Stra­ßen steht selb­stän­dig neben den sons­ti­gen die­se Stra­ßen betref­fen­den Pflich­ten. Es han­delt sich bei ihr nur um einen Unter­fall der all­ge­mei­nen Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht, die auf dem Gedan­ken beruht, dass jeder, der in sei­nem Ver­ant­wor­tungs­be­reich eine Gefah­ren­quel­le oder einen gefahr­dro­hen­den Zustand schafft oder andau­ern lässt, die Pflicht hat, alle ihm zumut­ba­ren Maß­nah­men oder Vor­keh­run­gen zu tref­fen, um eine Schä­di­gung ande­rer zu ver­hin­dern 3. Ein Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ti­ger hat in geeig­ne­ter und objek­tiv zumut­ba­rer Wei­se alle, aber auch nur die­je­ni­gen Gefah­ren aus­zu­räu­men und erfor­der­li­chen­falls vor ihnen zu war­nen, die für den Benut­zer, der die erfor­der­li­che Sorg­falt wal­ten lässt, nicht oder nicht recht­zei­tig erkenn­bar sind und auf die er sich nicht oder nicht recht­zei­tig ein­zu­rich­ten ver­mag 4.

Die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht erstreckt sich (auch) bei Park­plät­zen nicht nur auf die Beschaf­fen­heit der Ver­kehrs­ein­rich­tung selbst, son­dern ganz all­ge­mein auf die Abwehr der­je­ni­gen Gefah­ren, die den Ver­kehrs­teil­neh­mern aus ihrer Benut­zung dro­hen. Sie umfasst den gesam­ten Park­platz bis zu der Stel­le, die dem Ver­kehrs­teil­neh­mer als Gren­ze äußer­lich erkenn­bar ist. Der Trä­ger der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht ist des­halb gehal­ten, die Gefah­ren aus­zu­räu­men, die der Zustand oder die kon­kre­te Beson­der­heit des Park­plat­zes bei sei­ner Benut­zung für den Ver­kehrs­teil­neh­mer in sich ber­gen, die die­ser nicht ohne wei­te­res erken­nen kann und auf die er sich nicht ohne wei­te­res ein­zu­stel­len und ein­zu­rich­ten ver­mag 5. Dabei kann der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ti­ge auch gehal­ten sein, ein nahe lie­gen­des Fehl­ver­hal­ten von Benut­zern zu berück­sich­ti­gen 6.

Aus­ge­hend von die­sem Maß­stab ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof eine Haf­tung der Stadt:

Der Park­platz ist ent­spre­chend den tech­ni­schen Rege­lun­gen ein­ge­rich­tet und her­ge­stellt wor­den. Rand­stei­ne die­nen der Begren­zung der eigent­li­chen Park­flä­che. Sie sind – was jeder Ver­kehrs­teil­neh­mer weiß oder wis­sen muss – schon ent­spre­chend ihrer Begren­zungs­funk­ti­on nicht ohne Wei­te­res stets zum "Dar­über-Fah­ren" oder auch nur zum "Über­hang­par­ken" mit den vor­de­ren Fahr­zeug­ka­ros­se­rie­tei­len durch Anfah­ren der Fahr­zeu­ge mit den Rädern bis zur Bord­stein­kan­te geeig­net bezie­hungs­wei­se kon­zi­piert. Dem­ge­mäß bestehen auch kei­ne gene­rel­len Amts­pflich­ten der ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ti­gen Kör­per­schaft, für ein gefahr­lo­ses "Über­hang­par­ken" Sor­ge zu tra­gen oder vor Gefah­ren beim frei­ga­be­wid­ri­gen Über­hang­par­ken zu war­nen 7.

Vor­lie­gend ist die stirn­sei­ti­ge Begren­zung der Park­buch­ten durch das Anbrin­gen der 20 cm hohen Rand­stei­ne und die Bepflan­zung so aus­ge­stal­tet, dass ein "Über­hang­par­ken" ersicht­lich nicht statt­fin­den kann bezie­hungs­wei­se nicht statt­fin­den soll. Nach den rechts­feh­ler­frei getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts waren die mit der Höhe der Rand­stei­ne ver­bun­de­nen Gefah­ren und Risi­ken für einen durch­schnitt­lich auf­merk­sa­men Kraft­fah­rer unge­ach­tet der zum Unfall­zeit­punkt noch feh­len­den Bepflan­zung ohne wei­te­res erkenn­bar und beherrsch­bar. Dies war nach der Wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts trotz der eben­falls noch nicht funk­ti­ons­fä­hi­gen Beleuch­tungs­ein­rich­tun­gen auch bei Dun­kel­heit der Fall, wenn ein Fah­rer sein Fahr­ver­hal­ten – wie gebo­ten – den herr­schen­den Licht­ver­hält­nis­sen anpass­te.

Ob trotz die­ser Bewer­tung der Gefah­ren­la­ge (jeden­falls) bis zur Fer­tig­stel­lung des Pflanz­strei­fens vor­lie­gend beson­de­re Warn­pflich­ten bestan­den, weil es vor dem streit­ge­gen­ständ­li­chen Scha­dens­er­eig­nis bereits zu ver­gleich­ba­ren Unfäl­len mit ver­gleich­ba­ren Schä­di­gun­gen gekom­men ist, kann offen­blei­ben. Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch stün­de dem Auto­hal­ter gleich­wohl nicht zu, denn ihn trä­fe ein so über­wie­gen­des Mit­ver­schul­den, dass dane­ben der Haf­tungs­an­teil der Stadt zu ver­nach­läs­si­gen wäre: Der Auto­hal­ter wuss­te, dass er ein tie­fer­ge­leg­tes Fahr­zeug mit einer Boden­frei­heit von nur ca. 10 cm hat­te. Bei die­ser Sach­la­ge muss­te er der Höhe der vor­han­de­nen Rand­stei­ne sein ganz beson­de­res Augen­merk wid­men. Sein Fahr­zeug konn­te auch ohne ein Über­hang­par­ken in der fünf Meter lan­gen Park­bucht abge­stellt wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Juli 2014 – III ZR 550/​13

  1. LG Hechin­gen, Urteil vom 26.07.2013 – 1 O 71/​13[]
  2. OLG Stutt­gart, Urteil vom 18.12.2013 – 4 U 188/​13[]
  3. st. Rspr., zuletzt BGH, Urteil vom 21.11.2013 – III ZR 113/​13, NVwZ-RR 2014, 252 Rn. 13 mwN[]
  4. st. Rspr., zuletzt BGH, Urteil vom 05.07.2012 – III ZR 240/​11, NVwZ-RR 2012, 831 Rn. 11 mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 14.02.1966 – III ZR 126/​64, VersR 1966, 562, sowie Beschluss vom 27.04.1989 – III ZR 193/​88, BGHR BGB § 823 Abs. 1 Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht 23[]
  6. BGH, Urteil vom 24.01.2002 – III ZR 103/​01, NJW 2002, 1265 f; BGH, Urteil vom 12.11.1982 – III ZR 159/​81, VersR 1982, 854 zur Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht bei Trep­pen[]
  7. a. A. wohl OLG Hamm, NZV 2008, 405: Bord­stei­ne von 1823 cm Höhe stel­len eine "abhil­fe­be­dürf­ti­ge Gefah­ren­quel­le" dar[]
  8. vom 26.11.2008, BGBl. I S. 2242[]