Die im Ver­wal­tungs­ge­richts­ver­fah­ren gesperr­ten Behör­den­ak­ten – und die Zuläs­sig­keit des In-Came­ra-Ver­fah­rens

Vor­aus­set­zung für die Zuläs­sig­keit eines Antra­ges nach § 99 Abs. 2 Satz 1 VwGO ist die ord­nungs­ge­mä­ße Beja­hung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der gesperr­ten Unter­la­gen für das Aus­gangs­ver­fah­ren1.

Die im Ver­wal­tungs­ge­richts­ver­fah­ren gesperr­ten Behör­den­ak­ten – und die Zuläs­sig­keit des In-Came­ra-Ver­fah­rens

Über die Fra­ge, ob Unter­la­gen der Vor­la­ge­pflicht des § 99 Abs. 1 Satz 1 VwGO unter­lie­gen, hat nach der Auf­ga­ben­ver­tei­lung zwi­schen dem Fach­se­nat und dem Gericht der Haupt­sa­che Letz­te­res zu befin­den2.

Hat das Gericht der Haupt­sa­che die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit ord­nungs­ge­mäß – in der Regel im Wege eines Beweis­be­schlus­ses oder einer ver­gleich­ba­ren förm­li­chen Äuße­rung – bejaht, ist der Fach­se­nat hier­an grund­sätz­lich gebun­den. Nur in Aus­nah­me­fäl­len ent­fällt die­se Bin­dungs­wir­kung und damit zugleich auch eine Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung für den Antrag nach § 99 Abs. 2 VwGO3. Dies kommt etwa in Betracht, wenn die Rechts­auf­fas­sung des Gerichts der Haupt­sa­che offen­sicht­lich feh­ler­haft ist.

Die Bin­dungs­wir­kung ent­fällt auch dann, wenn das Gericht der Haupt­sa­che sei­ner Ver­pflich­tung nicht genügt, die ihm nach dem Amts­er­mitt­lungs­grund­satz zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel zur Auf­klä­rung des Sach­ver­halts zu erschöp­fen, um auf die­ser Grund­la­ge über die Erfor­der­lich­keit der unge­schwärz­ten Akten­vor­la­ge zu ent­schei­den4.

Auch wenn das Gericht der Haupt­sa­che zunächst in aus­rei­chen­der Wei­se die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der ange­for­der­ten Akten ver­laut­bart, kann es ver­pflich­tet sein, alle oder ein­zel­ne Unter­la­gen nach Abga­be der Sper­r­erklä­rung noch­mals auf ihre Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit zu unter­su­chen. Gege­be­nen­falls ist auch zu prü­fen, ob und in wel­chem Umfang es der genau­en Kennt­nis des Inhalts der geschwärz­ten Tei­le der Doku­men­te bedarf5.

Hier­nach war der Antrag im hier ent­schie­de­nen Fall teil­wei­se unzu­läs­sig:

Aller­dings ver­lan­gen zwi­schen­zeit­li­che Ände­run­gen des Daten­schutz­rechts des Lan­des Nie­der­sach­sen nicht, dass das Gericht der Haupt­sa­che die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der gesperr­ten Unter­la­gen erneut prüft. Denn nach der nun­mehr gel­ten­den Rechts­la­ge, auf die es für das Ver­pflich­tungs­be­geh­ren des Klä­gers grund­sätz­lich ankommt, sind im Wesent­li­chen die­sel­ben recht­li­chen Gesichts­punk­te maß­geb­lich wie nach der alten Rechts­la­ge, nach der das Ver­wal­tungs­ge­richt die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Unter­la­gen geprüft hat.

Der Klä­ger hat sei­nen im Haupt­sa­che­ver­fah­ren ver­folg­ten Anspruch auf § 16 Abs. 1 Nie­der­säch­si­sches Daten­schutz­ge­setz (NDSG) in der Fas­sung vom 29.01.20026 gestützt. Die Aus­kunfts­er­tei­lung war unter Bezug­nah­me auf § 16 Abs. 4 NDSG a.F. teil­wei­se abge­lehnt wor­den. Auf die­se Norm nimmt auch die Ver­laut­ba­rung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit durch das Gericht der Haupt­sa­che Bezug.

Am 25.05.2018 ist nach Art. 26 Satz 2 des Geset­zes zur Neu­ord­nung des nie­der­säch­si­schen Daten­schutz­rechts vom 16.05.20187 das alte Nie­der­säch­si­sche Daten­schutz­ge­setz außer Kraft getre­ten. Sei­ne Rege­lun­gen wur­den ab die­sem Zeit­punkt durch die Ver­ord­nung (EU) 2016/​679 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 27.04.2016 zum Schutz natür­li­cher Per­so­nen bei der Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten, zum frei­en Daten­ver­kehr und zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 95/​46/​EG – Daten­schutz-Grund­ver­ord­nung8 ersetzt und durch das am sel­ben Tage in Kraft getre­te­ne Nie­der­säch­si­sche Daten­schutz­ge­setz (NDSG) vom 16.05.20189 ergänzt. Neben den auf die Daten von Poli­zei­be­hör­den nach Art. 2 Abs. 2 Buchst. d DSGVO nicht anwend­ba­ren Aus­kunfts­an­spruch aus Art. 15 DSGVO sta­tu­iert § 51 NDSG n.F. Aus­kunfts­an­sprü­che betrof­fe­ner Per­so­nen. Dies setzt die Richt­li­nie (EU) 2016/​68010 um11 und regelt gemäß § 23 Abs. 1 Satz 1 NDSG n.F. Aus­kunfts­an­sprü­che gegen Behör­den, die zustän­dig sind für die Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten zur Ver­hü­tung, Ermitt­lung, Auf­de­ckung, Ver­fol­gung oder Ahn­dung von Straf­ta­ten, ein­schließ­lich des Schut­zes vor und der Abwehr von Gefah­ren für die öffent­li­che Sicher­heit.

§ 51 Abs. 3 NDSG n.F. ent­hält im Wesent­li­chen die­sel­ben Ein­schrän­kun­gen des Aus­kunfts­an­spru­ches wie schon zuvor § 16 Abs. 4 NDSG a.F.12. § 51 Abs. 3 Satz 1 NDSG n.F. eröff­net für den Fall des Vor­lie­gens der in den Wei­ge­rungs­grün­den nach § 51 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 bis 3 NDSG n.F. erfass­ten Gefah­ren wie schon § 16 Abs. 4 NDSG a.F. Ermes­sen bei der Ent­schei­dung über die Ableh­nung. Zwar schränkt er das Ermes­sen in einem zwei­ten Halb­satz anders als § 16 Abs. 4 NDSG a.F. aus­drück­lich ein. Hier­nach kön­nen Anträ­ge bei Vor­lie­gen der Wei­ge­rungs­grün­de abge­lehnt wer­den, es sei denn, das Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der betrof­fe­nen Per­son über­wiegt das Inter­es­se an der Ver­mei­dung die­ser Gefah­ren. Die Abwä­gung des Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­ses des Betrof­fe­nen mit den in den Wei­ge­rungs­grün­den geschütz­ten Ver­fah­ren war aber im Rah­men einer rechts­feh­ler­frei­en Aus­übung des Ermes­sens auch zuvor schon gebo­ten und ist aus­weis­lich der Sper­r­erklä­rung auch erfolgt.

Der Fach­se­nat des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts hat die Zuläs­sig­keit des Antra­ges man­gels aus­rei­chen­der Ver­laut­ba­rung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit durch das Gericht der Haupt­sa­che jedoch rechts­feh­ler­frei ver­neint, soweit auf Blatt 28 und 30 der Bei­ak­te zum Zwi­schen­ver­fah­ren 14 PS 3/​17 Spei­che­run­gen nicht-nie­der­säch­si­cher Behör­den in der Ver­bund­da­tei Inpol-Fall Inne­re Sicher­heit in Rede ste­hen. Dazu bedarf es schon im Hin­blick auf die Aus­füh­run­gen in der Sper­r­erklä­rung selbst ergän­zen­der Erwä­gun­gen des Gerichts der Haupt­sa­che, dass der Beklag­te auch inso­weit Ver­pflich­te­ter des Aus­kunfts­an­spru­ches ist. Hier­an hat sich durch die ange­führ­ten Ände­run­gen im nie­der­säch­si­schen Daten­schutz­recht nichts geän­dert.

Dar­über hin­aus ist der Antrag des Klä­gers, die Rechts­wid­rig­keit der Sper­r­erklä­rung fest­zu­stel­len, auch unzu­läs­sig, soweit er sich auf Blatt 4, 5, 17, 18, 26 und 54 der Bei­ak­te zum Zwi­schen­ver­fah­ren 14 PS 3/​17 bezieht. Im Hin­blick auf die­se Akten­be­stand­tei­le ist der Fach­se­nat der Vor­in­stanz zu Unrecht davon aus­ge­gan­gen, an die vom Ver­wal­tungs­ge­richt auf für Blatt 4, 5, 17, 18, 26 und 54 der Bei­ak­te zum Zwi­schen­ver­fah­ren 14 PS 3/​17 bejah­te Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit gebun­den zu sein; denn das Ver­wal­tungs­ge­richt hat die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der ange­for­der­ten Akten nicht ord­nungs­ge­mäß bejaht.

Bei den geschwärz­ten Inhal­ten han­delt es sich aus dem les­ba­ren Kon­text der teil­wei­se geschwärzt vor­ge­leg­ten Unter­la­gen ersicht­lich um die Namen wei­te­rer Per­so­nen, die par­al­lel zum Klä­ger Aus­kunfts­er­su­chen zu den sie betref­fen­den Daten gestellt haben. Es erschließt sich nicht ohne wei­te­re Dar­le­gun­gen, inwie­fern die­se Anga­ben für die Ent­schei­dung des Rechts­streits des Klä­gers erheb­lich sein könn­ten. Das mit der Kla­ge ver­folg­te Aus­kunfts­be­geh­ren bezieht sich aus­schließ­lich auf beim Beklag­ten gespei­cher­te Daten zur Per­son des Klä­gers. Um sol­che Daten geht es bei den geschwärz­ten Pas­sa­gen an den genann­ten Stel­len offen­kun­dig nicht13.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 8. März 2019 – 20 F 8.17

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 21.01.2016 – 20 F 2.15, NVwZ 2016, 467 Rn. 3 []
  2. BVerwG, Beschlüs­se vom 09.02.2016 – 20 F 11.15ZD 2016, 239 Rn. 6; und vom 24.11.2003 – 20 F 13.03, BVerw­GE 119, 229, 230 []
  3. vgl. BVerwG, Beschluss vom 21.01.2016 – 20 F 2.15, NVwZ 2016, 467 Rn. 3 ff. m.w.N. []
  4. BVerwG, Beschluss vom 21.01.2016 – 20 F 2.15, NVwZ 2016, 467 Rn. 4 m.w.N. []
  5. BVerwG, Beschlüs­se vom 21.01.2016 – 20 F 2.15, NVwZ 2016, 467 Rn. 6; und vom 28.06.2017 – 20 F 12.16 5 []
  6. Nds. GVBl. S. 22 – im Fol­gen­den: NDSG a.F. []
  7. Nds. GVBl.2018, S. 94 []
  8. ABl. L 119 vom 04.05.2015, S. 1 – 88, im Fol­gen­den: DSGVO []
  9. Nds. GVBl.2018, S. 66 – im Fol­gen­den: NDSG n.F. []
  10. ABl. L 119 vom 04.05.2016, S. 89 []
  11. vgl. Nds LT-Drs. 18/​901 S. 1, 6, 18 f. []
  12. vgl. Nds LT-Drs. 18/​901 S.19 []
  13. vgl. BVerwG, Beschluss vom 12.09.2017 – 20 F 11.16 9 []