Die Kol­le­gi­al­ge­richts-Richt­li­nie im Amtshaftungsprozess

Die – ein Ver­schul­den des Amts­trä­gers aus­schlie­ßen­de – Kol­le­gi­al­ge­richts-Richt­li­nie ist auch anwend­bar, wenn im Amts­haf­tungs­pro­zess das mit drei Berufs­rich­tern besetz­te Land­ge­richt erst­in­stanz­lich eine Amts­hand­lung als recht­mä­ßig ansieht1.

Die Kol­le­gi­al­ge­richts-Richt­li­nie im Amtshaftungsprozess

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs trifft den Amts­trä­ger in der Regel kein Ver­schul­den, wenn ein mit meh­re­ren Berufs­rich­tern besetz­tes Kol­le­gi­al­ge­richt die Amts­tä­tig­keit als objek­tiv recht­mä­ßig ange­se­hen hat. Die­se soge­nann­te Kol­le­gi­al­ge­richts-Richt­li­nie beruht auf der Erwä­gung, dass von einem Beam­ten eine bes­se­re Rechts­ein­sicht als von einem mit meh­re­ren Rechts­kun­di­gen besetz­ten Kol­le­gi­al­ge­richt regel­mä­ßig nicht erwar­tet und ver­langt wer­den kann2.

Eine Ver­nei­nung des Ver­schul­dens ist aller­dings nur in den­je­ni­gen Fäl­len gerecht­fer­tigt, in denen das Kol­le­gi­al­ge­richt die Recht­mä­ßig­keit der Amts­tä­tig­keit nach sorg­fäl­ti­ger Prü­fung bejaht hat. Die Richt­li­nie greift daher nicht ein, wenn die Annah­me des Kol­le­gi­al­ge­richts, die Amts­hand­lung sei recht­mä­ßig gewe­sen, auf einer unzu­rei­chen­den tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Beur­tei­lungs­grund­la­ge beruht.

Das ist etwa dann der Fall, 

  • wenn das Gericht infol­ge unzu­rei­chen­der Tat­sa­chen­fest­stel­lung von einem ande­ren Sach­ver­halt als dem, vor den der Beam­te gestellt war, aus­ge­gan­gen ist, 
  • wenn es den fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt nicht sorg­fäl­tig und erschöp­fend gewür­digt hat, etwa für die Beur­tei­lung des Fal­les wesent­li­che Gesichts­punk­te unbe­rück­sich­tigt gelas­sen hat, 
  • wenn es sich bereits in sei­nem Aus­gangs­punkt von einer recht­lich oder sach­lich ver­fehl­ten Betrach­tungs­wei­se nicht hat frei­ma­chen kön­nen oder eine gesetz­li­che Bestim­mung „hand­greif­lich falsch“ aus­ge­legt hat3.
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Bauordnungsrechtliche Nutzungsuntersagungsverfügung - und die Veräußerung der Eigentumswohnung

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Juli 2020 – III ZR 245/​18

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urtei­le vom 04.11.2010 – III ZR 32/​10, BGHZ 187, 286; vom 18.11.2004 – III ZR 347/​03, NVwZRR 2005, 152; vom 13.07.2000 – III ZR 131/​99, NVwZ-RR 2000, 744; vom 18.06.1998 – III ZR 100/​97, NVwZ 1998, 1329; und vom 02.04.1998 – III ZR 111/​97, NVwZ 1998, 878[]
  2. zB BGH, Urtei­le vom 04.11.2010 – III ZR 32/​10, BGHZ 187, 286 Rn. 36 f; vom 18.11.2004 – III ZR 347/​03, NVwZ-RR 2005, 152, 153; vom 13.07.2000 – III ZR 131/​99, NVwZ-RR 2000, 744; vom 18.06.1998 – III ZR 100/​97, NVwZ 1998, 1329, 1330; und vom 02.04.1998 – III ZR 111/​97, NVwZ 1998, 878; BeckOGK/​Dörr, BGB, § 839 Rn. 465 ff [15.04.2020]; jew. mwN[]
  3. BGH, Urtei­le vom 21.02.2019 – III ZR 115/​18, NJW 2019, 1374 Rn.20; vom 18.11.2004 aaO; vom 24.01.2002 – III ZR 103/​01, NJW 2002, 1265, 1266; vom 13.07.2000 aaO; vom 02.04.1998 aaO; vom 21.10.1993 – III ZR 68/​92, NVwZ 1994, 825, 826; und vom 20.02.1992 – III ZR 188/​90, BGHZ 117, 240, 250; BeckOGK/​Dörr aaO[]

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