Die Kos­ten für die Instan­t­hal­tung einer Kir­che

Dem Grun­de nach gilt die Kir­chen­bau­last bür­ger­li­cher Gemein­den für Kirch­tür­me, Kir­chen­uh­ren und Kir­chen­glo­cken nach dem Würt­tem­ber­gi­schen Kir­chen­ge­mein­de­ge­setz vom 14.06.1887 fort und begrün­det für die bür­ger­li­che Gemein­de eine antei­li­ge Kos­ten­tra­gungs­pflicht, die im Sin­ne einer varia­blen Grö­ße an das kon­kre­te Maß der Inan­spruch­nah­me von Turm, Turm­uhr sowie Glo­cken- und Läu­te­an­la­gen für Zwe­cke der bür­ger­li­chen Gemein­de anknüpft. Ob und in wel­chem Umfang einer bür­ger­li­chen Gemein­de eine Kos­ten­be­tei­li­gung heu­te noch zumut­bar ist, ist im Ein­zel­fall zu klä­ren. Wird mit der orts­bild­prä­gen­den Wir­kung des Kirch­turms gewor­ben und der Kirch­turm im Gemein­de­wap­pen geführt, ist es der Gemein­de zumut­bar, sich wei­ter mit einem Drit­tel an den Kos­ten der Instand­hal­tung von Turm, Turm­uhr sowie Glo­cken- und Läu­te­an­la­gen zu betei­li­gen.

Die Kos­ten für die Instan­t­hal­tung einer Kir­che

So die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall der Gemein­de Gin­gen, die ihre Betei­li­gungs­quo­te für die Instand­hal­tung der Johan­nes­kir­che in Gin­gen her­ab­ge­setzt haben woll­te. Die Johan­nes­kir­che in Gin­gen steht seit der recht­li­chen Ver­selb­stän­di­gung der evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de und der Aus­schei­dung des Kir­chen­ver­mö­gens aus der Stif­tungs­pfle­ge durch das Würt­tem­ber­gi­sche Kir­chen­ge­mein­de­ge­setz vom 14. Juni 1887 im Eigen­tum der Beklag­ten. Arti­kel 47 die­ses Geset­zes lau­tet: "An der bis­her übli­chen Benüt­zung der Kirch­tür­me, Kir­chen­uh­ren und Kir­chen­glo­cken … für Zwe­cke der bür­ger­li­chen Gemein­de tritt eine Ände­rung nicht ein. Die bür­ger­li­che Gemein­de ist ver­pflich­tet, einen dem Maße die­ser Benüt­zung ent­spre­chen­den Anteil an den Kos­ten der Instand­hal­tung die­ser Gegen­stän­de zu über­neh­men". Der Umfang der Benüt­zung für Zwe­cke der bür­ger­li­chen Gemein­de war jeweils durch ört­li­che Kol­le­gi­en zu ermit­teln. In Gin­gen wur­de eine Betei­li­gungs­quo­te von fünf Sechs­tel ver­ein­bart und in eine Aus­schei­dungs- und Abfin­dungs­ur­kun­de vom 10.02./18.03.1890 auf­ge­nom­men. Mit ihrer im Mai 2011 beim Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart erho­be­nen Kla­ge begehr­te die Klä­ge­rin, ihre Betei­li­gungs­quo­te her­ab­zu­set­zen; die welt­li­chen Funk­tio­nen von Turm, Turm­uhr und Glo­cken­ge­läut der Johan­nes­kir­che hät­ten sich wesent­lich geän­dert. Das Ver­wal­tungs­ge­richt wies die Kla­ge ab. Mit ihrer Beru­fung erstreb­te die Klä­ge­rin eine Her­ab­set­zung ihrer Betei­li­gungs­quo­te auf ein Fünf­tel.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg aus­ge­führt, dass die Bau­last­ver­pflich­tung der Klä­ge­rin zwar nach wie vor auf Arti­kel 47 des würt­tem­ber­gi­schen Kir­chen­ge­mein­de­ge­set­zes vom 14. Juni 1887 beru­he. Die­se Vor­schrift gel­te nach dem Würt­tem­ber­gi­schen Kir­chen­ge­setz vom 3. März 1924 bis heu­te fort; der Land­tag habe dies durch sei­ne Zustim­mung zum Evan­ge­li­schen Kir­chen­ver­trag Baden-Würt­tem­berg vom 17. Okto­ber 2007 aus­drück­lich bestä­tigt. Sie begrün­de für die bür­ger­li­che Gemein­de eine antei­li­ge Kos­ten­tra­gungs­pflicht, die im Sin­ne einer varia­blen Grö­ße an das kon­kre­te Maß der Inan­spruch­nah­me von Turm, Turm­uhr sowie Glo­cken- und Läu­te­an­la­gen für Zwe­cke der bür­ger­li­chen Gemein­de anknüp­fe. Inso­weit hät­ten 1887 ins­be­son­de­re in länd­li­chen Gegen­den Tageseinteilungs‑, Zeit­an­sa­ge- und Alar­mie­rungs­funk­tio­nen der Uhren und Glo­cken und mit­tel­bar der Kirch­tür­me als der Trä­ger die­ser Gegen­stän­de im Vor­der­grund gestan­den. Das habe auch für die Klä­ge­rin und ihre Ein­woh­ner zuge­trof­fen. Heu­te hät­ten jene Nut­zun­gen ihre Bedeu­tung aber nahe­zu voll­stän­dig ein­ge­büßt. Die­ser Ver­lust sei jeden­falls im Anwen­dungs­be­reich der gesetz­li­chen Kir­chen­bau­last nicht durch ande­re neu­ar­ti­ge Funk­ti­ons­ge­win­ne aus­gleich­bar. Mit der Ver­ein­ba­rung einer Betei­li­gungs­quo­te von fünf Sechs­tel in der Aus­schei­dungs- und Abfin­dungs­ur­kun­de vom 10.02./18.03.1890 sei auch kei­ne eigen­stän­di­ge ver­trag­li­che Ver­pflich­tung begrün­det , son­dern ledig­lich das Gesetz kon­kre­ti­siert und der dem dama­li­gen Maß der Benut­zung ent­spre­chen­de Kos­ten­an­teil ver­bind­lich fest­ge­legt wor­den.

Die Klä­ge­rin kön­ne nach der Vor­schrift über die Anpas­sung öffent­lich-recht­li­cher Ver­trä­ge im Lan­des­ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­setz ver­lan­gen, dass die in der Aus­schei­dungs- und Abfin­dungs­ur­kun­de vom 10.02./18.03.1890 fest­ge­leg­te Betei­li­gungs­quo­te geän­dert wird. Denn infol­ge des im 20. Jahr­hun­dert ein­ge­tre­te­nen Bedeu­tungs­ver­lus­tes von Turm, Turm­uhr sowie Glo­cken- und Läu­te­an­la­gen der Johan­nes­kir­che für welt­li­che Zwe­cke sei eine wesent­li­che Ände­rung der Ver­hält­nis­se ein­ge­tre­ten. Auch sei der Klä­ge­rin ein Fest­hal­ten an der ursprüng­li­chen Betei­li­gungs­quo­te wegen eines untrag­ba­ren Miss­ver­hält­nis­ses zwi­schen Leis­tung und Gegen­leis­tung objek­tiv unzu­mut­bar. Da die Klä­ge­rin mit der orts­bild­prä­gen­den Wir­kung des Kirch­turms – auch in ihrem Inter­net­auf­tritt – für sich wer­be und den Kirch­turm in ihrem Gemein­de­wap­pen füh­re, sei ihr gleich­wohl zumut­bar, sich wei­ter­hin mit einem Anteil von einem Drit­tel an den Instand­hal­tungs­kos­ten zu betei­li­gen. Die Klä­ge­rin habe die Gel­tend­ma­chung ihres Anpas­sungs­be­geh­rens auch nicht ver­wirkt. Schließ­lich ver­sto­ße die Anpas­sung auch nicht gegen höher­ran­gi­ges Recht.

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ver­ur­teil­te die Beklag­te, einer Abän­de­rung der Betei­li­gungs­quo­te auf ein Drit­tel zuzu­stim­men; im Übri­gen wies er die Beru­fung zurück.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 14. Novem­ber 2013 – 1 S 2388/​12

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