Die Mei­nungs­äu­ße­rung einer Bun­des­mi­nis­te­rin

Auch außer­halb von Wahl­kampf­zei­ten erfor­dert der Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en die Beach­tung des Gebots staat­li­cher Neu­tra­li­tät.

Die Mei­nungs­äu­ße­rung einer Bun­des­mi­nis­te­rin

Die nega­ti­ve Bewer­tung einer poli­ti­schen Ver­an­stal­tung durch staat­li­che Orga­ne, die geeig­net ist, abschre­cken­de Wir­kung zu ent­fal­ten und dadurch das Ver­hal­ten poten­ti­el­ler Ver­an­stal­tungs­teil­neh­mer zu beein­flus­sen, greift in das Recht der betrof­fe­nen Par­tei auf Chan­cen­gleich­heit aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG ein.

Die Befug­nis der Bun­des­re­gie­rung zur Erläu­te­rung von ihr getrof­fe­ner Maß­nah­men und künf­ti­ger Vor­ha­ben schließt das Recht ein, sich mit dar­auf bezo­ge­nen kri­ti­schen Ein­wän­den sach­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ein "Recht auf Gegen­schlag" der­ge­stalt, dass staat­li­che Orga­ne auf unsach­li­che oder dif­fa­mie­ren­de Angrif­fe in glei­cher Wei­se reagie­ren dür­fen, besteht nicht.

Die nega­ti­ve Bewer­tung einer poli­ti­schen Ver­an­stal­tung einer Par­tei durch staat­li­che Orga­ne, die geeig­net ist, abschre­cken­de Wir­kung zu ent­fal­ten und dadurch das Ver­hal­ten poten­ti­el­ler Ver­an­stal­tungs­teil­neh­mer zu beein­flus­sen, greift in das Recht der betrof­fe­nen Par­tei auf Chan­cen­gleich­heit aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 des Grund­ge­set­zes ein. Dies gilt auch außer­halb von Wahl­kampf­zei­ten. Dabei schließt die Befug­nis der Bun­des­re­gie­rung zur Erläu­te­rung ihrer Maß­nah­men und Vor­ha­ben zwar das Recht ein, sich mit dar­auf bezo­ge­nen kri­ti­schen Ein­wän­den sach­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ein "Recht auf Gegen­schlag" der­ge­stalt, dass staat­li­che Orga­ne auf unsach­li­che oder dif­fa­mie­ren­de Angrif­fe in glei­cher Wei­se reagie­ren dür­fen, besteht jedoch nicht. Dies hat der Zwei­te Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes mit heu­te ver­kün­de­tem Urteil ent­schie­den und fest­ge­stellt, dass die Bun­des­mi­nis­te­rin für Bil­dung und For­schung durch die Ver­öf­fent­li­chung der Pres­se­mit­tei­lung 151/​2015 vom 04.11.2015 auf der Home­page ihres Minis­te­ri­ums die Par­tei "Alter­na­ti­ve für Deutsch­land" in ihrem Recht auf Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en ver­letzt hat.

Der Aus­gangs­sach­ver­halt

Die Par­tei, die Par­tei "Alter­na­ti­ve für Deutsch­land", war Ver­an­stal­te­rin einer in Ber­lin für den 7.11.2015 ange­mel­de­ten Ver­samm­lung unter dem Mot­to "Rote Kar­te für Mer­kel! – Asyl braucht Gren­zen!" Zu die­ser Ver­an­stal­tung ver­öf­fent­lich­te die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin, die dama­li­ge Bun­des­mi­nis­te­rin für Bil­dung und For­schung, am 4.11.2015 auf der Home­page des von ihr geführ­ten Minis­te­ri­ums eine Pres­se­mit­tei­lung, in der sie sich zu der geplan­ten Demons­tra­ti­on wie folgt äußer­te: "Die Rote Kar­te soll­te der AfD und nicht der Bun­des­kanz­le­rin gezeigt wer­den. Björn Höcke und ande­re Spre­cher der Par­tei leis­ten der Radi­ka­li­sie­rung in der Gesell­schaft Vor­schub. Rechts­ex­tre­me, die offen Volks­ver­het­zung betrei­ben wie der Pegi­da-Chef Bach­mann, erhal­ten damit uner­träg­li­che Unter­stüt­zung."

Zuläs­sig­keit des Organ­streit­ver­fah­rens

Der Antrag ist zuläs­sig.

Die Par­tei ist eine poli­ti­sche Par­tei, die regel­mä­ßig an Bun­des­tags- und Land­tags­wah­len teil­nimmt. Als sol­che ist sie im Organ­streit par­tei­fä­hig, soweit sie eine Ver­let­zung ihres Rechts auf gleich­be­rech­tig­te Teil­nah­me am poli­ti­schen Wett­be­werb gel­tend macht und sich damit auf ihren beson­de­ren, in Art. 21 GG umschrie­be­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Sta­tus beruft 1.

Die Par­tei­fä­hig­keit der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin ergibt sich aus Art. 93 Abs. 1 Nr. 1 GG in Ver­bin­dung mit § 63 BVerfGG. Bun­des­mi­nis­ter sind als Tei­le des obers­ten Staats­or­gans Bun­des­re­gie­rung im Grund­ge­setz (Art. 65 Satz 2 GG) sowie in der Geschäfts­ord­nung der Bun­des­re­gie­rung (§§ 9 bis 12, 14a GOB­Reg) mit eige­nen Rech­ten aus­ge­stat­tet und daher "ande­re Betei­lig­te" im Sin­ne von Art. 93 Abs. 1 Nr. 1 GG 2.

Die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin hat die Par­tei­fä­hig­keit im Organ­streit­ver­fah­ren nicht dadurch ver­lo­ren, dass ihr Amt als Bun­des­mi­nis­te­rin gemäß Art. 69 Abs. 2 GG mit dem Zusam­men­tritt des 19. Deut­schen Bun­des­ta­ges am 24.10.2017 endig­te. Maß­geb­lich für die Beur­tei­lung der Par­tei­fä­hig­keit eines Betei­lig­ten im Organ­streit ist grund­sätz­lich sein Sta­tus zu dem Zeit­punkt, zu dem der Ver­fas­sungs­streit anhän­gig gemacht wor­den ist 3.

Die Par­tei ist antrags­be­fugt, da nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin durch die streit­ge­gen­ständ­li­che Pres­se­er­klä­rung vom 04.11.2015 die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen der Äuße­rungs­be­fug­nis­se von Regie­rungs­mit­glie­dern über­schrit­ten und dadurch die Par­tei in ihrem Recht auf gleich­be­rech­tig­te Teil­nah­me am Pro­zess der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG ver­letzt hat.

Soweit die Par­tei in die­sem Zusam­men­hang auf eine Ver­let­zung ihres Rechts auf Ver­samm­lungs­frei­heit (Art. 8 GG) ver­weist, kann sie eine sol­che im Organ­streit nicht unmit­tel­bar rügen. Par­tei­en kön­nen im Organ­streit­ver­fah­ren nur Rech­te gel­tend machen, die sich aus ihrem beson­de­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Sta­tus erge­ben. In einem Organ­streit kann die gel­tend gemach­te Ver­let­zung eines Grund­rechts durch ein ande­res Ver­fas­sungs­or­gan daher allen­falls inso­weit erheb­lich sein, als die Par­tei damit eine die Grund­sät­ze der Staats­frei­heit und Chan­cen­gleich­heit ver­let­zen­de Son­der­be­hand­lung rügt 4.

Die­se Mög­lich­keit hat die Par­tei auf­ge­zeigt: Der ver­fas­sungs­recht­li­che Auf­trag der Par­tei­en zur Mit­wir­kung an der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG umfasst auch den Schutz der par­tei­ty­pi­schen Betä­ti­gung im kom­mu­ni­ka­ti­ven Bereich. Den Par­tei­en steht es frei, inner­halb der recht­lich vor­ge­ge­be­nen Gren­zen zu bestim­men, wel­cher Medi­en sie sich bei der Erfül­lung ihres Auf­trags zur Mit­wir­kung an der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung bedie­nen wol­len 5. Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG schützt dem­ge­mäß auch das Recht der Par­tei­en, im Wege einer Ver­samm­lung auf ihre poli­ti­schen Zie­le hin­zu­wei­sen, für die­se zu wer­ben und ihnen im öffent­li­chen Dis­kurs Beach­tung zu ver­schaf­fen. Hier­von aus­ge­hend ist es nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, dass die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin mit ihrer Pres­se­er­klä­rung vom 04.11.2015 auf die kom­mu­ni­ka­ti­ve Betä­ti­gung der Par­tei in einer Wei­se ein­ge­wirkt hat, die deren Recht auf Chan­cen­gleich­heit aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG ver­letzt.

Das auch im Organ­streit erfor­der­li­che Rechts­schutz­be­dürf­nis 6 liegt vor. Es ist weder durch den Erlass der einst­wei­li­gen Anord­nung vom 07.11.2015 und die dar­auf­hin erfolg­te Ent­fer­nung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Pres­se­er­klä­rung von der Home­page des Minis­te­ri­ums noch dadurch ent­fal­len, dass die in der Erklä­rung in Bezug genom­me­ne Demons­tra­ti­on der Par­tei zwi­schen­zeit­lich statt­ge­fun­den hat. Auch die Been­di­gung des Minis­ter­amts der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin gemäß Art. 69 Abs. 2 GG hat das Rechts­schutz­be­dürf­nis der Par­tei nicht ent­fal­len las­sen.

Die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin hat die Pres­se­mit­tei­lung 151/​2015 zwar von der Home­page des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und For­schung ent­fernt, nach­dem ihr dies durch die einst­wei­li­ge Anord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 07.11.2015 7 auf­ge­ge­ben wor­den war. Dies lässt das Rechts­schutz­be­dürf­nis der Par­tei jedoch nicht ent­fal­len, da die einst­wei­li­ge Anord­nung gemäß § 32 Abs. 7 Satz 2 BVerfGG nach einem Monat außer Kraft getre­ten ist und die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin ab die­sem Zeit­punkt nicht gehin­dert gewe­sen wäre, sich über die Par­tei erneut in einer der streit­ge­gen­ständ­li­chen Pres­se­er­klä­rung ent­spre­chen­den Wei­se zu äußern.

Der Par­tei fehlt das erfor­der­li­che Rechts­schutz­be­dürf­nis auch nicht des­halb, weil die in der Pres­se­er­klä­rung in Bezug genom­me­ne Demons­tra­ti­on am 7.11.2015 statt­ge­fun­den und sich der Anlass für die Äuße­rung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin damit erle­digt hat. Im Organ­streit­ver­fah­ren ent­fällt das Rechts­schutz­in­ter­es­se nicht allein dadurch, dass die bean­stan­de­te Rechts­ver­let­zung in der Ver­gan­gen­heit liegt und bereits abge­schlos­sen ist 8. Selbst wenn man in die­sen Fäl­len ein beson­de­res Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­in­ter­es­se for­dern woll­te, läge die­ses vor­lie­gend in der Form einer Wie­der­ho­lungs­ge­fahr und eines objek­ti­ven Klar­stel­lungs­in­ter­es­ses vor 9. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass sich Regie­rungs­mit­glie­der bei wei­te­ren Ver­samm­lun­gen oder sons­ti­gen Akti­vi­tä­ten der Par­tei erneut in einer der Pres­se­er­klä­rung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin ver­gleich­ba­ren Wei­se äußern. Für die Par­tei besteht daher ein erheb­li­ches Inter­es­se an der Klä­rung der Fra­ge, wel­che Äuße­rungs­be­fug­nis­se Regie­rungs­mit­glie­der in Bezug auf von ihr durch­ge­führ­te Demons­tra­tio­nen haben.

Schließ­lich steht dem Rechts­schutz­be­dürf­nis der Par­tei auch die Been­di­gung des Minis­ter­amts der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin nach dem Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht ent­ge­gen, ohne dass es auf die Ver­pflich­tung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin zur Fort­füh­rung der Geschäf­te gemäß Art. 69 Abs. 3 GG ankommt.

Mit dem Schrift­satz zur Ein­lei­tung des Haupt­sa­che­ver­fah­rens vom 27.01.2016 hat die Par­tei die Frist gemäß § 64 Abs. 3 BVerfGG gewahrt.

Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit poli­ti­scher Par­tei­en

Der Antrag ist begrün­det. Die Ver­öf­fent­li­chung der Pres­se­mit­tei­lung 151/​2015 auf der Home­page des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und For­schung ver­letzt die Par­tei in ihrem Recht auf chan­cen­glei­che Teil­nah­me am poli­ti­schen Wett­be­werb aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG.

Der aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG fol­gen­de Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit umfasst das Recht der Par­tei­en, durch Demons­tra­tio­nen und Ver­samm­lun­gen an der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung des Vol­kes mit­zu­wir­ken. Damit ist die ein­sei­ti­ge Ein­fluss­nah­me von Staats­or­ga­nen auf die Ankün­di­gung oder Durch­füh­rung poli­ti­scher Kund­ge­bun­gen grund­sätz­lich unver­ein­bar. Auch soweit die Bun­des­re­gie­rung von ihrer Befug­nis zur Infor­ma­ti­ons- und Öffent­lich­keits­ar­beit Gebrauch macht, hat sie das Gebot der Neu­tra­li­tät staat­li­cher Orga­ne zu beach­ten. Dies schließt zwar die Zurück­wei­sung der an ihrer Poli­tik geüb­ten Kri­tik nicht aus; dabei ist sie aber dar­auf beschränkt, in sach­li­cher Wei­se über ihre Arbeit zu infor­mie­ren und sich mit erho­be­nen Vor­wür­fen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Nichts ande­res gilt, soweit ein ein­zel­nes Mit­glied der Bun­des­re­gie­rung sich unter Inan­spruch­nah­me sei­ner Amts­au­to­ri­tät an einer der­ar­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung betei­ligt.

In der frei­heit­li­chen Demo­kra­tie des Grund­ge­set­zes geht alle Staats­ge­walt vom Vol­ke aus und wird von ihm in Wah­len und Abstim­mun­gen und durch beson­de­re Orga­ne der Gesetz­ge­bung, der voll­zie­hen­den Gewalt und der Recht­spre­chung aus­ge­übt (Art.20 Abs. 1 und 2 GG). Demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on im Sin­ne des Art.20 Abs. 2 GG ver­mö­gen Wah­len und Abstim­mun­gen aber nur zu ver­mit­teln, wenn sie frei sind. Dies setzt nicht nur vor­aus, dass der Akt der Stimm­ab­ga­be frei von Zwang und unzu­läs­si­gem Druck bleibt, son­dern auch, dass die Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler ihr Urteil in einem frei­en und offe­nen Pro­zess der Mei­nungs­bil­dung gewin­nen und fäl­len kön­nen 10.

In die­sem Pro­zess kommt in der moder­nen par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie poli­ti­schen Par­tei­en ent­schei­den­de Bedeu­tung zu 11. Art. 21 GG ver­leiht dem dadurch Aus­druck, dass Par­tei­en als ver­fas­sungs­recht­lich not­wen­di­ge Ein­rich­tun­gen für die poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung des Vol­kes aner­kannt und in den Rang einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Insti­tu­ti­on erho­ben wor­den sind. Par­tei­en sind frei gebil­de­te, im gesell­schaft­lich-poli­ti­schen Bereich wur­zeln­de Grup­pen, die in den Bereich der insti­tu­tio­na­li­sier­ten Staat­lich­keit hin­ein­wir­ken, ohne die­sem selbst anzu­ge­hö­ren 12. Ihnen kommt eine spe­zi­fi­sche Ver­mitt­lungs­funk­ti­on zwi­schen Staat und Gesell­schaft zu. Es han­delt sich um poli­ti­sche Hand­lungs­ein­hei­ten, derer die Demo­kra­tie bedarf, um die Wäh­ler zu poli­tisch akti­ons­fä­hi­gen Grup­pen zusam­men­zu­schlie­ßen und ihnen so einen wirk­sa­men Ein­fluss auf das staat­li­che Gesche­hen zu ermög­li­chen 13.

Um die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Offen­heit des Pro­zes­ses der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung zu gewähr­leis­ten, ist es uner­läss­lich, dass die Par­tei­en, soweit irgend mög­lich, gleich­be­rech­tigt am poli­ti­schen Wett­be­werb teil­neh­men. Von die­ser Ein­sicht her emp­fängt der Ver­fas­sungs­grund­satz der glei­chen Wett­be­werbs­chan­cen der poli­ti­schen Par­tei­en das ihm eige­ne Geprä­ge. Die For­ma­li­sie­rung des Gleich­heits­sat­zes im Bereich der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung des Vol­kes hat zur Fol­ge, dass auch der Ver­fas­sungs­grund­satz der Chan­cen­gleich­heit der poli­ti­schen Par­tei­en in dem glei­chen Sin­ne for­mal ver­stan­den wer­den muss 14. Art. 21 Abs. 1 GG garan­tiert den poli­ti­schen Par­tei­en nicht nur die Frei­heit ihrer Grün­dung und die Mög­lich­keit der Mit­wir­kung an der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung, son­dern auch, dass die­se Mit­wir­kung auf der Basis glei­cher Rech­te und glei­cher Chan­cen erfolgt 15.

Im Rah­men der durch Art. 21 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­ten Hand­lungs­frei­heit bleibt es den Par­tei­en grund­sätz­lich selbst über­las­sen, unter Beach­tung der gesetz­li­chen Vor­ga­ben dar­über zu befin­den, wel­cher Medi­en oder sons­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten sie sich bei der Wahr­neh­mung des ihnen über­tra­ge­nen Ver­fas­sungs­auf­tra­ges bedie­nen 5. Daher umfasst der Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit auch das Recht der Par­tei­en, durch die Ver­an­stal­tung von Kund­ge­bun­gen am poli­ti­schen Wett­be­werb teil­zu­neh­men. Demons­tra­tio­nen sind in der frei­heit­li­chen Demo­kra­tie wesent­li­che Instru­men­te der Mei­nungs­kund­ga­be, die geeig­net sind, den Pro­zess der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung des Vol­kes in erheb­li­chem Umfang zu beein­flus­sen. Für die Par­tei­en stel­len sie – ins­be­son­de­re wenn die­se sich in der Oppo­si­ti­on befin­den – ein wich­ti­ges Mit­tel des poli­ti­schen Mei­nungs­kamp­fes dar.

Neu­tra­li­täts­pflicht staat­li­cher Orga­ne

Die chan­cen­glei­che Betei­li­gung an der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung des Vol­kes macht es erfor­der­lich, dass Staats­or­ga­ne im poli­ti­schen Wett­be­werb der Par­tei­en Neu­tra­li­tät wah­ren. Dem­ge­mäß wird in den Anspruch der Par­tei­en auf Chan­cen­gleich­heit gemäß Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG ein­ge­grif­fen, wenn staat­li­che Orga­ne auf die Ankün­di­gung oder Durch­füh­rung poli­ti­scher Kund­ge­bun­gen in ein­sei­tig par­tei­er­grei­fen­der Wei­se reagie­ren.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat bereits ent­schie­den, dass die staat­li­che Ein­wir­kung in den Wahl­kampf zuguns­ten oder zulas­ten einer poli­ti­schen Par­tei oder von Wahl­be­wer­bern dem aus Art. 21 Abs. 1 GG resul­tie­ren­den Sta­tus der Par­tei­en wider­spricht. Die Staats­or­ga­ne haben als sol­che allen zu die­nen und sich im Wahl­kampf neu­tral zu ver­hal­ten 16. Ein­sei­ti­ge Par­tei­nah­men wäh­rend des Wahl­kampfs ver­sto­ßen gegen die Neu­tra­li­tät des Staa­tes gegen­über poli­ti­schen Par­tei­en und ver­let­zen die Inte­gri­tät der Wil­lens­bil­dung des Vol­kes durch Wah­len und Abstim­mun­gen 17.

Auch außer­halb von Wahl­kampf­zei­ten erfor­dert der Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en die Beach­tung des Gebots staat­li­cher Neu­tra­li­tät 18. Denn der Pro­zess der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung ist nicht auf den Wahl­kampf beschränkt, son­dern fin­det fort­lau­fend statt. Die Wil­lens­bil­dung des Vol­kes und die Wil­lens­bil­dung in den Staats­or­ga­nen voll­zie­hen sich in viel­fäl­ti­ger und vor allem tag­täg­li­cher Wech­sel­wir­kung 19. Zwar mag der poli­ti­sche Wett­be­werb zwi­schen den Par­tei­en im Wahl­kampf mit erhöh­ter Inten­si­tät aus­ge­tra­gen wer­den; er herrscht aber auch außer­halb von Wahl­kämp­fen und wirkt auf die Wahl­ent­schei­dung der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler zurück. Ob in Zei­ten des Wahl­kampfs das Neu­tra­li­täts­ge­bot zu ver­schärf­ten Anfor­de­run­gen an das Ver­hal­ten staat­li­cher Orga­ne führt, kann dahin­ste­hen 20. Jeden­falls gilt das Gebot staat­li­cher Neu­tra­li­tät nicht nur für den Wahl­vor­gang und die Wahl­vor­be­rei­tung 21, son­dern für sämt­li­che Betä­ti­gun­gen der Par­tei­en, die auf die Erfül­lung des ihnen durch Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG zuge­wie­se­nen Ver­fas­sungs­auf­trags gerich­tet sind 22. Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG schützt das Recht der Par­tei­en auf Chan­cen­gleich­heit im poli­ti­schen Wett­be­werb in sei­ner Gesamt­heit 23.

Damit ist es grund­sätz­lich nicht zu ver­ein­ba­ren, wenn Staats­or­ga­ne die Ankün­di­gung oder Durch­füh­rung einer poli­ti­schen Kund­ge­bung zum Anlass neh­men, sich unter Miss­ach­tung des Neu­tra­li­täts­ge­bots ein­sei­tig mit der Kund­ge­bung oder der die­se ver­an­stal­ten­den Par­tei aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Dies ist der Fall, wenn das Han­deln staat­li­cher Orga­ne dar­auf gerich­tet ist, die Durch­füh­rung poli­ti­scher Demons­tra­tio­nen oder das Ver­hal­ten poten­ti­el­ler Teil­neh­mer zu beein­flus­sen. Ver­an­stal­tet eine Par­tei eine poli­ti­sche Kund­ge­bung, nimmt sie damit den ihr durch Art. 21 Abs. 1 GG zuge­wie­se­nen Ver­fas­sungs­auf­trag wahr. Staat­li­che Orga­ne sind ver­pflich­tet, dies im Rah­men der ihnen oblie­gen­den Neu­tra­li­täts­pflicht hin­zu­neh­men. Sie sind nicht dazu beru­fen, Bür­ge­rin­nen und Bür­ger zur Teil­nah­me oder Nicht­teil­nah­me an von einer Par­tei ange­mel­de­ten Demons­tra­tio­nen zu ver­an­las­sen 24. Ein Ein­griff in den Anspruch der Par­tei­en auf gleich­be­rech­tig­te Teil­nah­me am poli­ti­schen Wett­be­werb liegt dabei nicht erst vor, wenn Staats­or­ga­ne unmit­tel­bar zum Boy­kott einer bestimm­ten poli­ti­schen Kund­ge­bung auf­ru­fen 25 oder für den Fall der Teil­nah­me recht­li­che oder tat­säch­li­che Sank­tio­nen in Aus­sicht stel­len. Da jeg­li­che nega­ti­ve Bewer­tung einer poli­ti­schen Ver­an­stal­tung, die geeig­net ist, abschre­cken­de Wir­kung zu ent­fal­ten und dadurch das Ver­hal­ten poten­ti­el­ler Ver­an­stal­tungs­teil­neh­mer zu beein­flus­sen 26, die gleich­be­rech­tig­te Mit­wir­kung der Par­tei­en an der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung beein­träch­tigt, greift bereits ein der­ar­ti­ges Ver­hal­ten in das Recht der betrof­fe­nen Par­tei auf Chan­cen­gleich­heit aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG ein.

Dar­über hin­aus liegt ein Ein­griff in die­ses Recht auch vor, wenn staat­li­che Orga­ne aus Anlass einer poli­ti­schen Kund­ge­bung nega­ti­ve oder posi­ti­ve Wert­ur­tei­le über die ver­an­stal­ten­de Par­tei abge­ben. Auch inso­weit ver­langt der Grund­satz der Neu­tra­li­tät, dass staat­li­che Orga­ne sich der offe­nen oder ver­steck­ten Wer­bung für oder gegen ein­zel­ne mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­de Par­tei­en ent­hal­ten 27.

Infor­ma­ti­ons- und Öffent­lich­keits­ar­beit?

Auch wenn die Bun­des­re­gie­rung von ihrer Befug­nis zur Infor­ma­ti­ons- und Öffent­lich­keits­ar­beit Gebrauch macht, ent­bin­det sie dies nicht von der Beach­tung des Neu­tra­li­täts­ge­bots.

Die Bun­des­re­gie­rung ist das obers­te Organ der voll­zie­hen­den Gewalt 28. Die ihr gemein­sam mit den ande­ren dazu beru­fe­nen Ver­fas­sungs­or­ga­nen oblie­gen­de Auf­ga­be der Staats­lei­tung 29 schließt als inte­gra­len Bestand­teil – und damit unab­hän­gig von einer geson­der­ten gesetz­li­chen Ermäch­ti­gung 30 – die Befug­nis zur Infor­ma­ti­ons- und Öffent­lich­keits­ar­beit ein 31. Die­se ist nicht nur ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig, son­dern not­wen­dig, um den Grund­kon­sens im demo­kra­ti­schen Gemein­we­sen leben­dig zu erhal­ten und die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger zur eigen­ver­ant­wort­li­chen Mit­wir­kung an der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung sowie der Bewäl­ti­gung vor­han­de­ner Pro­ble­me zu befä­hi­gen 32. Sie umfasst die Dar­le­gung und Erläu­te­rung der Regie­rungs­po­li­tik hin­sicht­lich getrof­fe­ner Maß­nah­men und künf­ti­ger Vor­ha­ben ange­sichts bestehen­der oder sich abzeich­nen­der Pro­ble­me sowie die sach­ge­rech­te, objek­tiv gehal­te­ne Infor­ma­ti­on über die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger unmit­tel­bar betref­fen­de Fra­gen und wich­ti­ge Vor­gän­ge auch außer­halb oder weit im Vor­feld der eige­nen gestal­ten­den poli­ti­schen Tätig­keit 33. Dabei kann die Bun­des­re­gie­rung auch Emp­feh­lun­gen und War­nun­gen aus­spre­chen 34.

Aller­dings ist zu berück­sich­ti­gen, dass die der Bun­des­re­gie­rung zukom­men­de Auto­ri­tät und die Ver­fü­gung über staat­li­che Res­sour­cen eine nach­hal­ti­ge Ein­wir­kung auf die poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung des Vol­kes ermög­li­chen, die das Risi­ko erheb­li­cher Ver­zer­run­gen des poli­ti­schen Wett­be­werbs der Par­tei­en und einer Umkeh­rung des Pro­zes­ses der Wil­lens­bil­dung vom Volk zu den Staats­or­ga­nen beinhal­tet 35.

Als Teil des poli­ti­schen Pro­zes­ses einer frei­heit­li­chen Demo­kra­tie, wie sie das Grund­ge­setz ver­steht, ist es daher zwar hin­zu­neh­men, dass das Regie­rungs­han­deln sich in erheb­li­chem Umfang auf die Wahl­chan­cen der im poli­ti­schen Wett­be­werb ste­hen­den Par­tei­en aus­wirkt 36. Davon ist aber der ziel­ge­rich­te­te Ein­griff der Bun­des­re­gie­rung in den Wett­be­werb der poli­ti­schen Par­tei­en zu unter­schei­den. Es ist der Bun­des­re­gie­rung, auch wenn sie von ihrer Befug­nis zur Infor­ma­ti­ons- und Öffent­lich­keits­ar­beit Gebrauch macht, von Ver­fas­sungs wegen ver­sagt, sich mit ein­zel­nen Par­tei­en zu iden­ti­fi­zie­ren und die ihr zur Ver­fü­gung ste­hen­den staat­li­chen Mit­tel und Mög­lich­kei­ten zu deren Guns­ten oder Las­ten ein­zu­set­zen 37.

Dem­ge­mäß endet die Zuläs­sig­keit der Öffent­lich­keits­ar­beit der Bun­des­re­gie­rung dort, wo Wer­bung für ein­zel­ne im poli­ti­schen Wett­be­werb ste­hen­de Par­tei­en beginnt. Der Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG lässt es nicht zu, dass die Bun­des­re­gie­rung die Mög­lich­kei­ten der Öffent­lich­keits­ar­beit nutzt, um Regie­rungs­par­tei­en zu unter­stüt­zen oder Oppo­si­ti­ons­par­tei­en zu bekämp­fen 38.

Kri­tik am Regie­rungs­han­deln – und die Reak­ti­on der Bun­des­re­gie­rung

Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Bun­des­re­gie­rung zwar berech­tigt, gegen ihre Poli­tik gerich­te­te Angrif­fe öffent­lich zurück­zu­wei­sen; dabei hat sie aber sowohl hin­sicht­lich der Dar­stel­lung des Regie­rungs­han­delns als auch hin­sicht­lich der Aus­ein­an­der­set­zung mit der hier­an geüb­ten Kri­tik die gebo­te­ne Sach­lich­keit zu wah­ren.

Die Befug­nis der Bun­des­re­gie­rung zur Erläu­te­rung von ihr getrof­fe­ner Maß­nah­men und künf­ti­ger Vor­ha­ben schließt das Recht ein, sich mit dar­auf bezo­ge­nen kri­ti­schen Ein­wän­den sach­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen. Die Bun­des­re­gie­rung muss es ins­be­son­de­re nicht hin­neh­men, wenn ihre Arbeit auf der Grund­la­ge unzu­tref­fen­der Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen oder in unsach­li­cher und dif­fa­mie­ren­der Wei­se ange­grif­fen wird. Andern­falls wäre das Ziel der Öffent­lich­keits­ar­beit, durch die Erläu­te­rung der Regie­rungs­po­li­tik den not­wen­di­gen Grund­kon­sens der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger im demo­kra­ti­schen Gemein­we­sen leben­dig zu erhal­ten 39, nicht oder nur unter erheb­lich erschwer­ten Bedin­gun­gen erreich­bar. Daher darf die Bun­des­re­gie­rung gegen ihre Poli­tik erho­be­ne Vor­wür­fe auf­grei­fen, feh­ler­haf­te Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen rich­tig­stel­len und unsach­li­che Angrif­fe zurück­wei­sen.

Dies gilt auch, soweit die Regie­rungs­po­li­tik durch poli­ti­sche Par­tei­en ange­grif­fen wird. Die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Regie­rungs­han­deln ist ein zen­tra­ler Bestand­teil des poli­ti­schen Wett­be­werbs. Der Grund­satz gleich­be­rech­tig­ter Teil­nah­me der Par­tei­en an die­sem Wett­be­werb führt indes nicht dazu, dass die Bun­des­re­gie­rung ver­pflich­tet wäre, par­tei­po­li­ti­sche Angrif­fe auf das Regie­rungs­han­deln aus­nahms­los hin­zu­neh­men. Viel­mehr besteht auch inso­weit das Recht der Bun­des­re­gie­rung, auf aus ihrer Sicht unge­recht­fer­tig­te Angrif­fe in ange­mes­se­ner Form öffent­lich zu reagie­ren. Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG schützt die poli­ti­schen Par­tei­en nicht vor einer sach­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung der Bun­des­re­gie­rung mit den gegen ihr Han­deln erho­be­nen Vor­wür­fen 40.

Das Neu­tra­li­täts­ge­bot ver­pflich­tet die Bun­des­re­gie­rung aller­dings auch in die­sen Fäl­len, ein­sei­tig par­tei­er­grei­fen­de Stel­lung­nah­men zuguns­ten oder zulas­ten ein­zel­ner poli­ti­scher Par­tei­en zu unter­las­sen. Die Erläu­te­rung ihrer Poli­tik und die Zurück­wei­sung der dar­auf zie­len­den Ein­wän­de darf sie nicht zum Anlass neh­men, für Regie­rungs­par­tei­en zu wer­ben oder Oppo­si­ti­ons­par­tei­en zu bekämp­fen. Statt­des­sen hat sie sich dar­auf zu beschrän­ken, ihre poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen zu erläu­tern und dage­gen vor­ge­brach­te Ein­wän­de in der Sache auf­zu­ar­bei­ten.

Wie jedes Staats­han­deln unter­liegt auch die Infor­ma­ti­ons- und Öffent­lich­keits­ar­beit der Bun­des­re­gie­rung dem Sach­lich­keits­ge­bot 41. Das schließt die kla­re und unmiss­ver­ständ­li­che Zurück­wei­sung feh­ler­haf­ter Sach­dar­stel­lun­gen oder dis­kri­mi­nie­ren­der Wert­ur­tei­le nicht aus. Dar­über hin­aus­ge­hen­de, mit der Kri­tik am Regie­rungs­han­deln in kei­nem inhalt­li­chen Zusam­men­hang ste­hen­de, ver­fäl­schen­de oder her­ab­set­zen­de Äuße­run­gen sind dem­ge­gen­über zu unter­las­sen 42. Der­art unsach­li­che, dis­kri­mi­nie­ren­de oder dif­fa­mie­ren­de Äuße­run­gen über Par­tei­en stel­len, auch wenn die­se nur als Reak­ti­on auf erho­be­ne Vor­wür­fe erfol­gen, eine unzu­läs­si­ge ein­sei­ti­ge Par­tei­nah­me im poli­ti­schen Wett­be­werb dar, die den Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG ver­letzt 43.

Ein "Recht auf Gegen­schlag" der­ge­stalt, dass staat­li­che Orga­ne auf unsach­li­che oder dif­fa­mie­ren­de Angrif­fe in glei­cher Wei­se reagie­ren dür­fen, besteht nicht. Die Auf­fas­sung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin, reak­ti­ve Äuße­run­gen auf ver­ba­le Angrif­fe sei­en vom Neu­tra­li­täts­prin­zip gedeckt, soweit und solan­ge sie sich nach Form und Inhalt in dem Rah­men hiel­ten, der durch die kri­ti­sche Äuße­rung vor­ge­ge­ben wor­den sei, geht fehl. Sie hät­te zur Fol­ge, dass die Bun­des­re­gie­rung bei einem auf unwah­re Behaup­tun­gen gestütz­ten Angriff auf ihre Poli­tik ihrer­seits berech­tigt wäre, unwah­re Tat­sa­chen zu ver­brei­ten. Dem steht die Ver­pflich­tung staat­li­cher Orga­ne ent­ge­gen, in Bezug genom­me­ne Tat­sa­chen kor­rekt wie­der­zu­ge­ben 44. Auch der Hin­weis, die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung habe dazu geführt, dass nur das "laut­stark" Gesag­te Gehör fin­de, und dass es nicht sein kön­ne, dass eine poli­ti­sche Par­tei sich das Recht neh­me, dis­kre­di­tie­rend in der öffent­li­chen Debat­te zu agie­ren und gleich­zei­tig von staat­li­chen Orga­nen eine zurück­hal­ten­de Spra­che ein­zu­for­dern 45, ändert nichts dar­an, dass der Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG der abwer­ten­den Beur­tei­lung ein­zel­ner poli­ti­scher Par­tei­en durch staat­li­che Orga­ne grund­sätz­lich ent­ge­gen­steht. Die Bun­des­re­gie­rung ist dar­auf beschränkt, im Rah­men ihrer Öffent­lich­keits­ar­beit über das Regie­rungs­han­deln auf­zu­klä­ren, hier­ge­gen erho­be­ne Vor­wür­fe in der Sache auf­zu­ar­bei­ten und dif­fa­mie­ren­de Angrif­fe zurück­zu­wei­sen. Dar­über hin­aus­ge­hen­der wer­ten­der Ein­fluss­nah­men auf den poli­ti­schen Wett­be­werb und die an die­sem betei­lig­ten Par­tei­en hat sie sich – auch soweit es sich um bloß reak­ti­ve Äuße­run­gen han­delt – auf­grund der Gebo­te der Neu­tra­li­tät und Sach­lich­keit zu ent­hal­ten.

a)) Für die Äuße­rungs­be­fug­nis­se eines ein­zel­nen Mit­glieds der Bun­des­re­gie­rung kann nichts ande­res gel­ten als für die Bun­des­re­gie­rung als Gan­zes. Han­delt das Regie­rungs­mit­glied in Wahr­neh­mung sei­nes Minis­ter­amts, hat es gemäß Art.20 Abs. 3 GG in glei­cher Wei­se wie die Bun­des­re­gie­rung den ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­ten Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en zu beach­ten. Es ist ihm im Rah­men sei­ner Regie­rungs­tä­tig­keit von Ver­fas­sungs wegen unter­sagt, ein­sei­tig im poli­ti­schen Wett­be­werb ste­hen­de Par­tei­en zu bekämp­fen oder zu unter­stüt­zen 46.

Dies schließt aller­dings nicht aus, dass ein Regie­rungs­mit­glied außer­halb sei­ner amt­li­chen Funk­ti­on am poli­ti­schen Mei­nungs­kampf teil­nimmt. Die blo­ße Über­nah­me eines Regie­rungs­amts hat nicht zur Fol­ge, dass dem Amts­in­ha­ber die Mög­lich­keit par­tei­po­li­ti­schen Enga­ge­ments nicht mehr offen­steht, da die die Regie­rung tra­gen­den Par­tei­en ande­ren­falls in nicht gerecht­fer­tig­ter Wei­se benach­tei­ligt wür­den 47. Es muss aber sicher­ge­stellt sein, dass ein Rück­griff auf die mit dem Regie­rungs­amt ver­bun­de­nen Mit­tel und Mög­lich­kei­ten, die den poli­ti­schen Wett­be­wer­bern ver­schlos­sen sind, unter­bleibt.

Dem Neu­tra­li­täts­ge­bot steht nicht ent­ge­gen, dass der Inha­ber eines Regie­rungs­amts regel­mä­ßig in sei­ner Dop­pel­rol­le als Bun­des­mi­nis­ter und Par­tei­po­li­ti­ker wahr­ge­nom­men wird. Zwar mögen aus Sicht der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger auf­grund der Ver­schrän­kung von staat­li­chem Amt und par­tei­po­li­ti­scher Zuge­hö­rig­keit gegen­über dem ein­zel­nen Regie­rungs­mit­glied nur begrenz­te Neu­tra­li­täts­er­war­tun­gen bestehen 48, unab­hän­gig davon bleibt es aber ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten, den Pro­zess der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung vom Volk zu den Staats­or­ga­nen durch die chan­cen­glei­che Teil­nah­me der Par­tei­en am poli­ti­schen Wett­be­werb im wei­test mög­li­chen Umfang zu gewähr­leis­ten Rn. 42)). Des­halb führt der Umstand, dass eine strik­te Tren­nung der Sphä­ren des "Bun­des­mi­nis­ters", des "Par­tei­po­li­ti­kers" und der poli­tisch han­deln­den "Pri­vat­per­son" nicht mög­lich ist, nicht zur Unan­wend­bar­keit des Neu­tra­li­täts­ge­bots im minis­te­ri­el­len Tätig­keits­be­reich 49.

Viel­mehr ist davon aus­zu­ge­hen, dass bereits die Wahr­neh­mung der Auf­ga­be der Staats­lei­tung durch die Bun­des­re­gie­rung als Gan­zes eben­so wie durch ihre ein­zel­nen Minis­te­rin­nen und Minis­ter in viel­fäl­ti­ger Wei­se auf die poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung des Vol­kes ein­wirkt Rn. 52 ff.)). Auch wenn dies als Fol­ge der vor­ge­fun­de­nen Wett­be­werbs­la­ge im poli­ti­schen Pro­zess hin­zu­neh­men ist 50, hat eine dar­über hin­aus­ge­hen­de Beein­flus­sung die­ser Wett­be­werbs­la­ge durch staat­li­ches Han­deln zu unter­blei­ben 51. Eine Beein­träch­ti­gung der Chan­cen­gleich­heit im poli­ti­schen Wett­be­werb liegt daher vor, wenn Regie­rungs­mit­glie­der sich am poli­ti­schen Mei­nungs­kampf betei­li­gen und dabei auf durch das Regie­rungs­amt eröff­ne­te Mög­lich­kei­ten und Mit­tel zurück­grei­fen, über wel­che die poli­ti­schen Wett­be­wer­ber nicht ver­fü­gen 52. Dem­ge­mäß ver­stößt eine par­tei­er­grei­fen­de Äuße­rung eines Bun­des­mi­nis­ters im poli­ti­schen Mei­nungs­kampf gegen den Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en und ver­letzt die Inte­gri­tät des frei­en oder offe­nen Pro­zes­ses der Wil­lens­bil­dung vom Volk zu den Staats­or­ga­nen, wenn sie ent­we­der unter Ein­satz der mit dem Minis­ter­amt ver­bun­de­nen Res­sour­cen oder unter erkenn­ba­rer Bezug­nah­me auf das Regie­rungs­amt erfolgt, um ihr damit eine aus der Auto­ri­tät des Amts flie­ßen­de beson­de­re Glaub­wür­dig­keit oder Gewich­tung zu ver­lei­hen 52. Die aus dem Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit fol­gen­de Bin­dung der Mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung an das Neu­tra­li­täts­ge­bot in ihrem dienst­li­chen Tätig­keits­be­reich ent­spricht einem im Amts­eid gemäß Art. 64 Abs. 2, Art. 56 GG zum Aus­druck kom­men­den Amts­ver­ständ­nis, wonach das Minis­ter­amt unpar­tei­isch gegen­über jeder­mann und zum Woh­le des (gesam­ten) deut­schen Vol­kes wahr­zu­neh­men ist. Für eine par­tei­er­grei­fen­de Teil­nah­me am poli­ti­schen Wett­be­werb ist die spe­zi­fi­sche Inan­spruch­nah­me der Auto­ri­tät des Regie­rungs­amts oder der damit ver­bun­de­nen Res­sour­cen dage­gen aus Ver­fas­sungs­grün­den aus­ge­schlos­sen.

Dem­ge­gen­über kann nicht dar­auf ver­wie­sen wer­den, die Anwen­dung des Neu­tra­li­täts­grund­sat­zes auf regie­rungs­amt­li­che Äuße­run­gen erschwe­re den Mit­glie­dern der Bun­des­re­gie­rung die Wahr­neh­mung ihrer par­la­men­ta­ri­schen Ver­ant­wort­lich­keit und füh­re zu einer "Ent­po­li­ti­sie­rung" des Regie­rungs­han­delns 53. Eine sol­che Argu­men­ta­ti­on lässt außer Betracht, dass das Neu­tra­li­täts­ge­bot die Bun­des­re­gie­rung und ihre Mit­glie­der nicht dar­an hin­dert, über poli­ti­sche Vor­ha­ben und Maß­nah­men zu infor­mie­ren sowie unter Beach­tung des Sach­lich­keits­ge­bots Angrif­fe und Vor­wür­fe zurück­zu­wei­sen. Die Wahr­neh­mung par­la­men­ta­ri­scher Ver­ant­wort­lich­keit und das Füh­ren der poli­ti­schen Sach­de­bat­te sind daher auch bei Gel­tung des Neu­tra­li­täts­grund­sat­zes nicht infra­ge gestellt. Die Mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung sind durch das Neu­tra­li­täts­ge­bot ledig­lich dar­an gehin­dert, im Rah­men der Aus­übung der Regie­rungs­tä­tig­keit ein­sei­tig Par­tei zu ergrei­fen oder bei der Teil­nah­me am all­ge­mei­nen poli­ti­schen Wett­be­werb auf die spe­zi­fi­schen Mög­lich­kei­ten und Mit­tel des Minis­ter­amts zurück­zu­grei­fen.

Der Ein­wand, die Abgren­zung zwi­schen minis­te­ri­el­len Äuße­run­gen, die dem Neu­tra­li­täts­ge­bot unter­fal­len, und sol­chen, bei denen dies nicht der Fall ist, wir­ke nicht nur kon­stru­iert und lebens­fremd, son­dern kön­ne auch nicht mit einem hin­rei­chen­den Maß an Rechts­si­cher­heit erfol­gen 54, geht fehl. Ob die Äuße­rung eines Mit­glieds der Bun­des­re­gie­rung in Aus­übung des Minis­ter­amts statt­ge­fun­den hat, ist nach den Umstän­den des jewei­li­gen Ein­zel­fal­les zu bestim­men 55. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat dazu Kri­te­ri­en ent­wi­ckelt, die die Unter­schei­dung zwi­schen einer Inan­spruch­nah­me der Auto­ri­tät des Regie­rungs­amts und der damit ver­bun­de­nen Res­sour­cen einer­seits und der blo­ßen Betei­li­gung am poli­ti­schen Mei­nungs­kampf ande­rer­seits ermög­li­chen 56. Dabei hat er ins­be­son­de­re klar­ge­stellt, dass die Amts­au­to­ri­tät in Anspruch genom­men wird, wenn der Amts­in­ha­ber sich durch amt­li­che Ver­laut­ba­run­gen in Form offi­zi­el­ler Publi­ka­tio­nen, Pres­se­mit­tei­lun­gen sowie auf der offi­zi­el­len Inter­net­sei­te sei­nes Geschäfts­be­reichs erklärt oder wenn Staats­sym­bo­le und Hoheits­zei­chen ein­ge­setzt wer­den 57. Bei sons­ti­gen öffent­li­chen Äuße­run­gen ist es dem Amts­in­ha­ber im Übri­gen unbe­nom­men, klar­stel­lend dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es sich um Bei­trä­ge im poli­ti­schen Mei­nungs­kampf jen­seits der minis­te­ri­el­len Tätig­keit han­delt.

Der Boy­kott­auf­ruf der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin

Nach die­sen Maß­stä­ben hat die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin mit ihrer Pres­se­mit­tei­lung 151/​2015 vom 04.11.2015 die Par­tei in ihrem Recht auf Chan­cen­gleich­heit aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG ver­letzt. Durch die Ver­öf­fent­li­chung auf der Home­page des von ihr geführ­ten Minis­te­ri­ums hat sie die­se Erklä­rung mit der Auto­ri­tät ihres Minis­ter­amts unter­legt. Der Inhalt der Erklä­rung miss­ach­tet das Recht der Par­tei auf gleich­be­rech­tig­te Teil­nah­me am poli­ti­schen Wett­be­werb. Die­ser Ein­griff ist durch das Recht der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin auf öffent­li­che Dar­le­gung und Ver­tei­di­gung des Regie­rungs­han­delns nicht gerecht­fer­tigt.

Die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin hat bei der Abga­be der Pres­se­mit­tei­lung 151/​2015 vom 04.11.2015 in Wahr­neh­mung ihres Regie­rungs­amts gehan­delt. Sie hat die Erklä­rung unter Ver­wen­dung des Dienst­wap­pens auf der Home­page des von ihr geführ­ten Minis­te­ri­ums ver­öf­fent­licht und damit ihr auf­grund des Minis­ter­amts zuste­hen­de Res­sour­cen in Anspruch genom­men. Mit der Ein­stel­lung der Pres­se­mit­tei­lung auf der offi­zi­el­len Inter­net­sei­te des Minis­te­ri­ums sowie der Ver­wen­dung des Dienst­wap­pens hat sie in spe­zi­fi­scher Wei­se auf die Auto­ri­tät die­ses Amts zurück­ge­grif­fen.

Einem Han­deln in amt­li­cher Funk­ti­on steht nicht ent­ge­gen, dass die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin im Text der Pres­se­mit­tei­lung nicht aus­drück­lich auf ihr Minis­ter­amt Bezug genom­men, son­dern sich nur unter ihrem bür­ger­li­chen Namen geäu­ßert hat. Die Home­page eines Bun­des­mi­nis­te­ri­ums dient der Ver­laut­ba­rung von Mit­tei­lun­gen zu Ange­le­gen­hei­ten in sei­nem Zustän­dig­keits­be­reich. Daher stellt sich die Pres­se­mit­tei­lung vom 04.11.2015 nach ihrem objek­ti­ven Erschei­nungs­bild als Ver­laut­ba­rung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin in ihrer Eigen­schaft als Bun­des­mi­nis­te­rin für Bil­dung und For­schung dar. Der Ver­zicht auf die Amts­be­zeich­nung reicht nicht aus, um ein Han­deln in nicht­amt­li­cher Funk­ti­on zu doku­men­tie­ren. Außer­dem erkennt die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin selbst an, dass sie bei der Ver­öf­fent­li­chung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Pres­se­mit­tei­lung in amt­li­cher Funk­ti­on gehan­delt hat, wenn sie dar­auf ver­weist, dass sie als Mit­glied der Bun­des­re­gie­rung in Aus­übung ihres Minis­ter­amts einen Angriff auf die Regie­rungs­po­li­tik unter Ein­satz ihrer Amts­res­sour­cen zurück­ge­wie­sen habe.

Die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin hat durch die Ver­brei­tung ihrer Pres­se­er­klä­rung auf der Home­page des von ihr geführ­ten Minis­te­ri­ums den Grund­satz der Neu­tra­li­tät staat­li­cher Orga­ne im poli­ti­schen Wett­be­werb miss­ach­tet und dadurch das Recht der Par­tei aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG ver­letzt. Die Pres­se­er­klä­rung beinhal­tet sowohl ein­sei­tig nega­ti­ve Bewer­tun­gen der Par­tei als auch den Ver­such, das Ver­hal­ten poten­ti­el­ler Teil­neh­mer an der für den 7.11.2015 geplan­ten Demons­tra­ti­on zu beein­flus­sen.

Die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin spricht sich in ihrer Erklä­rung dafür aus, der Par­tei die "Rote Kar­te" zu zei­gen. Zur Begrün­dung ver­weist sie dar­auf, dass Spre­cher der Par­tei "der Radi­ka­li­sie­rung in der Gesell­schaft Vor­schub leis­ten". Außer­dem wird der Par­tei aus­drück­lich ange­las­tet, dass durch das Ver­hal­ten von Björn Höcke und ande­ren Spre­chern der Par­tei "Rechts­ex­tre­me, die offen Volks­ver­het­zung betrei­ben, wie der Pegi­da-Chef Bach­mann, uner­träg­li­che Unter­stüt­zung erhal­ten". Die in die­sen Aus­sa­gen ent­hal­te­ne abwer­ten­de Qua­li­fi­zie­rung der Par­tei als eine Par­tei, die den Rechts­ex­tre­mis­mus und die Radi­ka­li­sie­rung der Gesell­schaft för­dert, ist geeig­net, deren Posi­ti­on im poli­ti­schen Mei­nungs­kampf zu beein­träch­ti­gen. Die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin for­dert durch die Ver­wen­dung der Meta­pher der "Roten Kar­te" erkenn­bar dazu auf, sich von der Par­tei zu distan­zie­ren, und wirkt dadurch ein­sei­tig zu deren Las­ten auf den poli­ti­schen Wett­be­werb ein.

Dane­ben ist die Pres­se­er­klä­rung dar­auf gerich­tet, das Ver­hal­ten poten­ti­el­ler Teil­neh­mer an der von der Par­tei für den 7.11.2015 geplan­ten Demons­tra­ti­on zu beein­flus­sen.

Sie ent­hält zwar kei­nen aus­drück­li­chen Auf­ruf zum Boy­kott der von der Par­tei ange­kün­dig­ten Demons­tra­ti­on. Auch wer­den poten­ti­el­len Ver­samm­lungs­teil­neh­mern weder Sank­tio­nen ange­droht, noch wird ihre Teil­nah­me fak­tisch behin­dert oder in sons­ti­ger Wei­se unmög­lich gemacht.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin ent­hält sich die Pres­se­er­klä­rung aber kei­nes­wegs einer Bewer­tung der Teil­nah­me an die­ser Ver­samm­lung. Viel­mehr wird die geplan­te Demons­tra­ti­on aus­drück­lich als Anlass für die Pres­se­mit­tei­lung aus­ge­wie­sen. Zugleich kommt erkenn­bar die Auf­fas­sung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin zum Aus­druck, dass mit der Teil­nah­me an die­ser Ver­samm­lung eine Par­tei gestärkt wür­de, deren Spre­cher der Radi­ka­li­sie­rung in der Gesell­schaft Vor­schub leis­te­ten und Rechts­ex­tre­me unter­stütz­ten. Die For­de­rung, einer sol­chen Par­tei die "Rote Kar­te" zu zei­gen, stellt sich vor die­sem Hin­ter­grund zumin­dest als mit­tel­ba­re Auf­for­de­rung dar, der geplan­ten Demons­tra­ti­on fern­zu­blei­ben. Eine der­ar­ti­ge Auf­for­de­rung miss­ach­tet das Gebot der Neu­tra­li­tät staat­li­cher Orga­ne im poli­ti­schen Wett­be­werb.

Der durch die Pres­se­mit­tei­lung vom 04.11.2015 bewirk­te Ein­griff in das Recht der Par­tei auf Chan­cen­gleich­heit ist nicht durch die Befug­nis der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin zur öffent­li­chen Erläu­te­rung des Regie­rungs­han­delns und zur Zurück­wei­sung hier­ge­gen gerich­te­ter Angrif­fe gerecht­fer­tigt.

Dabei kann dahin­ste­hen, ob einer Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs in das Recht der Par­tei aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG bereits ent­ge­gen­steht, dass der streit­ge­gen­ständ­li­chen Pres­se­er­klä­rung vom 04.11.2015 ein inhalt­li­cher Bezug zu dem von der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin gelei­te­ten Geschäfts­be­reich fehlt.

Grund­sätz­lich setzt die Befug­nis staat­li­cher Orga­ne zur Öffent­lich­keits­ar­beit die Beach­tung der bestehen­den Kom­pe­tenz­ord­nung vor­aus 58. Für die Bun­des­re­gie­rung ergibt sich dabei die Ver­tei­lung der Zustän­dig­kei­ten aus Art. 65 GG. Eine Beru­fung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin auf Art. 65 Satz 2 GG kommt hier nicht in Betracht, da die streit­ge­gen­ständ­li­che Pres­se­mit­tei­lung jeg­li­chen Bezug zu dem ihr über­tra­ge­nen Geschäfts­be­reich der Bil­dungs- und For­schungs­po­li­tik ver­mis­sen lässt. Ob der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin auch dar­über hin­aus als Mit­glied des Kol­le­gi­al­or­gans Bun­des­re­gie­rung eine eigen­stän­di­ge Befug­nis zukommt, Angrif­fe auf die Regie­rungs­po­li­tik und ins­be­son­de­re auf das Han­deln der Bun­des­kanz­le­rin zurück­zu­wei­sen, kann dem Wort­laut von Art. 65 GG nicht ohne Wei­te­res ent­nom­men wer­den.

Unab­hän­gig davon steht einer Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin in das Recht der Par­tei auf gleich­be­rech­tig­te Teil­nah­me am poli­ti­schen Wett­be­werb jeden­falls ent­ge­gen, dass die Pres­se­mit­tei­lung 151/​2015 die sich aus den Gebo­ten der Neu­tra­li­tät und Sach­lich­keit erge­ben­den Gren­zen regie­rungs­amt­li­cher Öffent­lich­keits­ar­beit über­schrei­tet. Weder hat die Pres­se­er­klä­rung die Infor­ma­ti­on über das Regie­rungs­han­deln zum Gegen­stand, noch wer­den hier­ge­gen erho­be­ne Vor­wür­fe in sach­li­cher Form zurück­ge­wie­sen.

Zwar wird in der Pres­se­mit­tei­lung auf die von der Par­tei für den 7.11.2015 ange­kün­dig­te und gegen die Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung gerich­te­te Demons­tra­ti­on Bezug genom­men. Zugleich sind der Pres­se­mit­tei­lung aber kei­ner­lei erläu­tern­de Infor­ma­tio­nen über das Han­deln der Bun­des­re­gie­rung in der Flücht­lings­po­li­tik oder in einem sons­ti­gen Poli­tik­be­reich zu ent­neh­men. Zudem fehlt es an jeg­li­cher sach­li­cher Auf­ar­bei­tung von gegen das Han­deln der Bun­des­re­gie­rung oder der Bun­des­kanz­le­rin gerich­te­ten Vor­wür­fen. Statt­des­sen beschränkt sich die Pres­se­mit­tei­lung auf den Vor­wurf an die Par­tei, deren Spre­cher leis­te­ten der Radi­ka­li­sie­rung in der Gesell­schaft Vor­schub und gewähr­ten Rechts­ex­tre­men uner­träg­li­che Unter­stüt­zung. Hin­zu kommt die Auf­for­de­rung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin, der Par­tei die "Rote Kar­te" zu zei­gen, und damit jeden­falls mit­tel­bar der Auf­ruf, der Demons­tra­ti­on am 7.11.2015 fern­zu­blei­ben. Infor­ma­tio­nen über poli­ti­sche Maß­nah­men und Vor­ha­ben der Bun­des­re­gie­rung oder eine Zurück­wei­sung hier­ge­gen gerich­te­ter Vor­wür­fe ent­hält die Pres­se­er­klä­rung der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin dage­gen nicht. Viel­mehr stellt sie einen par­tei­er­grei­fen­den Angriff auf die Par­tei im poli­ti­schen Wett­be­werb aus Anlass der Ankün­di­gung einer poli­ti­schen Kund­ge­bung dar. Damit über­schrei­tet die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin die Gren­zen zuläs­si­ger Öffent­lich­keits­ar­beit der Bun­des­re­gie­rung und ihrer Mit­glie­der.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus dem Ein­wand der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin, die Ver­öf­fent­li­chung der Pres­se­mit­tei­lung auf der Home­page des Minis­te­ri­ums sei für sie die ein­zi­ge Mög­lich­keit gewe­sen, am poli­ti­schen Mei­nungs­kampf teil­zu­neh­men, da sie nicht über ein Bun­des­tags­man­dat ver­fügt habe. Die­ses Argu­ment ver­kennt Bedeu­tung und Funk­ti­on des aus dem Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en flie­ßen­den Neu­tra­li­täts­ge­bots grund­le­gend. Dass die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin nicht über ein Bun­des­tags­man­dat ver­fügt hat, recht­fer­tigt nicht die Beein­träch­ti­gung eines chan­cen­glei­chen Wett­be­werbs zwi­schen den poli­ti­schen Par­tei­en durch den Rück­griff auf die Res­sour­cen des von ihr aus­ge­üb­ten Regie­rungs­amts. Der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin ist es unbe­nom­men, sich der den Par­tei­en zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel und Mög­lich­kei­ten im poli­ti­schen Mei­nungs­kampf zu bedie­nen. Ein Rück­griff auf staat­li­che Res­sour­cen hat jedoch zu unter­blei­ben, da ansons­ten einer mit Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG unver­ein­ba­ren Ver­fäl­schung der vor­ge­fun­de­nen Wett­be­werbs­la­ge Tür und Tor geöff­net wäre.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 27. Febru­ar 2018 – 2 BvE 1/​16

  1. vgl. BVerfGE 4, 27, 30 f.; 11, 239, 241 f.; 14, 121, 129; 20, 18, 22 f.; 24, 260, 263; 24, 300, 329; 44, 125, 136 f.; 60, 53, 61; 73, 40, 65; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 45, 1, 28; 90, 286, 338; 138, 102, 107 Rn. 22[]
  3. vgl. BVerfGE 4, 144, 152; 102, 224, 231; 108, 251, 270 f.; 136, 277, 299 f. Rn. 60; 139, 194, 220 Rn. 96; 140, 115, 138 Rn. 55; BVerfG, Urteil vom 07.11.2017 – 2 BvE 2/​11 162[]
  4. vgl. BVerfGE 84, 290, 299[]
  5. vgl. BVerfGE 121, 30, 57[][]
  6. vgl. BVerfGE 62, 1, 33; 67, 100, 127; 68, 1, 77; 119, 302, 307 f.; 124, 78, 113; 140, 115, 146 Rn. 80; BVerfG, Urteil vom 07.11.2017 – 2 BvE 2/​11 178[]
  7. BVerfGE 140, 225[]
  8. vgl. BVerfGE 10, 4, 11; 49, 70, 77; 121, 135, 152; 131, 152, 193[]
  9. vgl. dazu BVerfGE 119, 302, 308 f.; 121, 135, 152; 131, 152, 193 f.; 137, 185, 230 Rn. 127; BVerfG, Urteil vom 07.11.2017 – 2 BvE 2/​11 187[]
  10. vgl. BVerfGE 20, 56, 97; 44, 125, 139; 138, 102, 109 Rn. 27[]
  11. vgl. BVerfGE 44, 125, 145; 138, 102, 110 Rn. 29[]
  12. vgl. BVerfGE 20, 56, 101; 44, 125, 145; 52, 63, 82 f.; 73, 40, 85; 104, 14, 19[]
  13. vgl. BVerfGE 11, 266, 273; 69, 92, 110; 73, 40, 85; 107, 339, 358 f.; 121, 30, 53 f.[]
  14. vgl. BVerfGE 24, 300, 340 f.; 44, 125, 146; 138, 102, 110 Rn. 30[]
  15. vgl. BVerfGE 44, 125, 139; 138, 102, 110 Rn. 29[]
  16. BVerfGE 44, 125, 144[]
  17. vgl. BVerfGE 44, 125, 144; 136, 323, 333 Rn. 28; 138, 102, 110 f. Rn. 31[]
  18. vgl. BVerfGE 140, 225, 227 Rn. 9[]
  19. vgl. BVerfGE 138, 102, 111 Rn. 32[]
  20. vgl. VerfGH Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 23.10.2006 – VGH O 17/​0520, 25; Thü­rin­ger VerfGH, Urteil vom 03.12 2014 – VerfGH 2/​14 65 m.w.N.[]
  21. vgl. BVerfGE 14, 121, 132 f.; 44, 125, 146; 104, 14, 19 f.; 138, 102, 110 Rn. 30[]
  22. vgl. für Par­tei­spen­den BVerfGE 8, 51, 64 f.[]
  23. vgl. BVerfGE 140, 225, 227 Rn. 9; Thü­rin­ger VerfGH, Urteil vom 08.06.2016 – VerfGH 25/​15 69; so auch Bar­c­zak, NVwZ 2015, S. 1014, 1018; Klie­gel, in: Scheffczyk/​Wolter, Lini­en der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, 2017, S. 413, 436 f.; Payan­deh, Der Staat 55, 2016, S. 519, 540[]
  24. vgl. Thü­rin­ger VerfGH, Urteil vom 03.12 2014 – VerfGH 2/​14 72[]
  25. vgl. Thü­rin­ger VerfGH, Urteil vom 08.07.2016 – VerfGH 38/​15 43[]
  26. vgl. BVerfGE 140, 225, 228 Rn. 11[]
  27. vgl. BVerfGE 44, 125, 149[]
  28. vgl. BVerfGE 9, 268, 282; 138, 102, 113 Rn. 39[]
  29. vgl. BVerfGE 11, 77, 85; 26, 338, 395 f.; 105, 252, 270; 105, 279, 301[]
  30. vgl. dazu BVerfGE 105, 252, 270; 105, 279, 304 f.[]
  31. vgl. BVerfGE 138, 102, 114 Rn. 40[]
  32. vgl. BVerfGE 44, 125, 147; 105, 252, 269; 105, 279, 302[]
  33. vgl. BVerfGE 20, 56, 100; 44, 125, 147; 63, 230, 243; 105, 252, 269; 105, 279, 302[]
  34. vgl. BVerfGE 105, 252, 271; 105, 279, 306 f.[]
  35. vgl. BVerfGE 138, 102, 115 Rn. 45[]
  36. vgl. BVerfGE 44, 125, 140; 138, 102, 114 f. Rn. 44[]
  37. vgl. BVerfGE 44, 125, 141 ff.; 138, 102, 115 Rn. 45[]
  38. vgl. BVerfGE 44, 125, 148 ff.; 63, 230, 243 f.; 138, 102, 115 Rn. 46[]
  39. vgl. BVerfGE 44, 125, 147; 138, 102, 114 Rn. 40[]
  40. vgl. Thü­rin­ger VerfGH, Urteil vom 08.06.2016 – VerfGH 25/​15 101[]
  41. vgl. BVerfGE 57, 1, 8; 105, 252, 272[]
  42. vgl. BVerfGE 44, 125, 149 f.; 105, 252, 272 f.[]
  43. vgl. VerfGH des Saar­lan­des, Urteil vom 08.07.2014 – Lv 5/​14 36; Thü­rin­ger VerfGH, Urteil vom 08.06.2016 – VerfGH 25/​15 101[]
  44. vgl. BVerfGE 57, 1, 8[]
  45. vgl. VerfGH des Saar­lan­des, Urteil vom 08.07.2014 – Lv 5/​14 42, 45[]
  46. vgl. BVerfGE 138, 102, 116 f. Rn. 49[]
  47. vgl. BVerfGE 44, 125, 141; 63, 230, 243; 138, 102, 117 Rn. 50 ff.; VerfGH Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 21.05.2014 – VGH A 39/​14 22[]
  48. dazu Krü­per, JZ 2015, S. 414, 416; Payan­deh, Der Staat 55, 2016, S. 519, 532 ff.; Put­zer, DÖV 2015, S. 417, 422 f.; Tanneberger/​Nemeczek, NVwZ 2015, S. 215, 216[]
  49. vgl. BVerfGE 138, 102, 117 f. Rn. 53 f.[]
  50. vgl. BVerfGE 44, 125, 140; 138, 102, 115 Rn. 44[]
  51. vgl. BVerfGE 73, 40, 89; 78, 350, 358; 85, 264, 287[]
  52. vgl. BVerfGE 138, 102, 118 Rn. 55[][]
  53. vgl. Tanneberger/​Nemeczek, NVwZ 2015, S. 215, 215 f.[]
  54. vgl. Krü­per, JZ 2015, S. 414, 417; Put­zer, DÖV 2015, S. 417, 423; Man­del­artz, DÖV 2015, S. 326, 329[]
  55. vgl. BVerfGE 138, 102, 118 Rn. 56; VerfGH Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 21.05.2014 – VGH A 39/​14 25[]
  56. vgl. BVerfGE 138, 102, 118 ff. Rn. 57 ff.[]
  57. vgl. BVerfGE 138, 102, 118 f. Rn. 57; sie­he auch VerfGH Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 21.05.2014 – VGH A 39/​14 25; Thü­rin­ger VerfGH, Urteil vom 03.12 2014 – VerfGH 2/​14 58, und Urteil vom 08.07.2016 – VerfGH 38/​15 33; Bar­c­zak, NVwZ 2015, S. 1014, 1016; Klie­gel, in: Scheffczyk/​Wolter, Lini­en der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, 2017, S. 413, 432 f.; Put­zer, DÖV 2015, S. 417, 423[]
  58. vgl. BVerfGE 44, 125, 149; 105, 252, 270[]