Die nächt­li­che Par­ty­mei­le und der Alko­hol

Geht von den Alko­hol kon­su­mie­ren­den Besu­chern einer Stra­ße in den Nacht­stun­den Lärm aus, der die Schwel­le zur schäd­li­chen Umwelt­ein­wir­kung für die Bewoh­ner über­schrei­tet, darf von der Stadt der Ver­kauf von Alko­hol durch in der Stra­ße befind­li­che Kios­ke in den Nacht­stun­den unter­sagt wer­den.

Die nächt­li­che Par­ty­mei­le und der Alko­hol

So hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver in den hier vor­lie­gen­den zwei Fäl­len ent­schie­den und die Eil­an­trä­ge zwei­er Kiosk­be­trei­ber abge­lehnt. Die Stadt Han­no­ver hat – gestützt auf das Immis­si­ons­schutz­ge­setz – den Ver­kauf von alko­ho­li­schen Geträn­ken in der Lim­mer­stra­ße durch die Kios­ke im Zeit­raum von 22 Uhr bis 6 Uhr im Som­mer­halb­jahr unter­sagt. Als Begrün­dung für die Beschei­de führt die Stadt an, dass die Kios­ke in den Nacht­stun­den der Som­mer­mo­na­te in bedeu­ten­dem Umfang alko­ho­li­sche Geträn­ke an Per­so­nen ver­kauf­ten, die anschlie­ßend in der unmit­tel­ba­ren Nähe ver­weil­ten und bei dem gemein­schaft­li­chen Kon­sum den Ein­woh­nern nicht mehr zumut­ba­re Lärm­im­mis­sio­nen ver­ur­sach­ten.

Dage­gen haben die Antrag­stel­ler Wider­sprü­che ein­ge­legt und zugleich einst­wei­li­gen Rechts­schutz vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt gesucht. Sie beru­fen sich im Wesent­li­chen dar­auf, dass es sich bei Lin­den-Nord um einen Sze­ne­stadt­teil mit einem umfang­rei­chen Ange­bot an Bars, Restau­rants und Nacht­clubs han­de­le und der sich des­we­gen in den Abend­stun­den ins­be­son­de­re bei jün­ge­ren Men­schen gro­ßer Beliebt­heit erfreue. Auf­grund der Viel­zahl der auf der Lim­mer­stra­ße vor­zu­fin­den­den Immis­si­ons­quel­len könn­ten ein­zel­ne Kios­ke für das von den Pas­san­ten ver­ur­sach­te Lärm­ge­sche­hen nicht ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Es han­de­le sich viel­mehr um ein all­ge­mei­nes Phä­no­men. Maß­nah­men gegen ein­zel­ne Kios­ke sei­en auch nicht das geeig­ne­te Mit­tel, um die Nacht­ru­he auf der Lim­mer­stra­ße nach­hal­tig wie­der­her­zu­stel­len, und ver­stie­ßen gegen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz.

In sei­ner Ent­schei­dung hat sich das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver auf die Recht­spre­chung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts gestützt, wel­che eben­falls die Fra­ge nach der immis­si­ons­schutz­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit eines Kiosks auf der Lim­mer­stra­ße für nächt­li­chen Lärm zum Gegen­stand hat­te. Für das Eil­ver­fah­ren ste­he mit hin­rei­chen­der Sicher­heit fest, dass von den Alko­hol kon­su­mie­ren­den Besu­chern der Lim­mer­stra­ße in den Nacht­stun­den Lärm aus­ge­he, der die Schwel­le zur schäd­li­chen Umwelt­ein­wir­kung für die Bewoh­ner über­schrei­te. Das Geschäfts­mo­dell der Kiosk­be­trei­ber sei auf die kon­ti­nu­ier­li­che nächt­li­che Ver­sor­gung der Kun­den mit Alko­hol aus­ge­legt und somit für die­sen Lärm mit­ver­ant­wort­lich.

Vom Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver ist aller­dings auch betont wor­den, dass in einem Haupt­sa­che­ver­fah­ren noch abschlie­ßend zu klä­ren wäre, ob die Regi­on Han­no­ver der loka­len Bedeu­tung der Lim­mer­stra­ße für die Bevöl­ke­rung als Aus­geh­mei­le und der dort vor­zu­fin­den­den und von der Lan­des­haupt­stadt aktiv bewor­be­nen „Kioskkul­tur“ in die­ser Nach­bar­schaft aus­rei­chend Rech­nung getra­gen habe. Denk­bar sei etwa eine Anpas­sung der durch das Ver­kaufs­ver­bot erfass­ten Zeit­räu­me, um einen ange­mes­se­ne­ren Inter­es­sen­aus­gleich zu erzie­len. Mit­tel­fris­tig sei auch die Ent­wick­lung eines Immis­si­ons­schutz­kon­zep­tes von der Regi­on zu for­dern, wel­ches ins­be­son­de­re dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz Rech­nung tra­ge und die Kiosk­be­trei­ber nicht gegen­über den benach­bar­ten Gas­tro­no­mie­be­trie­ben und Super­märk­ten unge­recht­fer­tigt benach­tei­li­ge.

In der Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts fand auch die in den letz­ten Wochen zu beob­ach­ten­de Ent­wick­lung des nächt­li­chen Immis­si­ons­ge­sche­hens auf der Lim­mer­stra­ße Berück­sich­ti­gung: Auch bedingt durch die mit der Covid-19-Pan­de­mie ver­bun­de­nen Ein­schrän­kun­gen für das Nacht­le­ben ver­wan­de­le sich die Fuß­gän­ger­zo­ne ins­be­son­de­re zu spä­te­ren Stun­den in eine Par­ty­mei­le. Nicht nur die Anzahl der sich inzwi­schen dort auf­hal­ten­den Per­so­nen über­stei­ge signi­fi­kant die Erfah­rungs­wer­te. Auch die Dau­er und Inten­si­tät des Auf­ent­halts habe stark zuge­nom­men und den regel­mä­ßi­gen Ein­satz des städ­ti­schen Ord­nungs­diens­tes und eng­ma­schi­ge Poli­zei­kon­trol­len not­wen­dig gemacht. Die­se Ent­wick­lung sei auch den Kiosk­be­trei­bern zure­chen­bar, deren Geschäfts­mo­dell den der­zeit zu beob­ach­ten­den auch exzes­si­ven nächt­li­chen Alko­hol­kon­sum im öffent­li­chen Raum begüns­ti­ge. Ein Ein­schrei­ten zum Schut­ze der Nacht­ru­he der Bewoh­ner erschei­ne in Anbe­tracht der aktu­el­len Zustän­de gebo­ten.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Beschlüs­se vom 7. August 2020 – 4 B 3598/​2 und 4 B 3123/​20