Die NPD und das Holo­caust-Geden­ken

Die Stadt Trier hat nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zu Unrecht ange­ord­net, eine für den 27. Janu­ar 2012 ange­mel­de­te Ver­samm­lung der NPD dür­fe nicht an die­sem Holo­caust-Gedenk­tag statt­fin­den.

Die NPD und das Holo­caust-Geden­ken

Die ange­mel­de­te Ver­samm­lung soll­te unter dem Mot­to ste­hen „Von der Finanz- zur Euro­kri­se – zurück zur D‑Mark heißt unse­re Devi­se!“. Als Anlass der Ver­samm­lung war ange­ge­ben, ein Bör­sen­ex­per­te hal­te am sel­ben Tag im Bischöf­li­chen Pries­ter­se­mi­nar einen Vor­trag zu dem The­ma „Von der Finanz- zur Euro­kri­se“. Die beklag­te Stadt Trier ord­ne­te die Ver­le­gung der Ver­samm­lung vom 27. auf den 28. Janu­ar an: Die Ver­samm­lung der NPD am 27. Janu­ar, dem Holo­caust-Gedenk­tag, sei als Pro­vo­ka­ti­on zu bewer­ten, durch die grund­le­gen­de sozia­le und ethi­sche Anschau­un­gen und Emp­fin­dun­gen ver­letzt wür­den. Die NPD sei nach ihrem eige­nen Selbst­ver­ständ­nis dem rechts­ex­tre­men poli­ti­schen Spek­trum zuzu­ord­nen. Sie las­se in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung die not­wen­di­ge Distanz zu dem Unrechts­re­gime ver­mis­sen, das die Opfer zu ver­ant­wor­ten habe, derer am 27. Janu­ar gedacht wer­den sol­le. Nicht ent­schei­dend sei, dass das Mot­to der Ver­samm­lung sich nicht mit den Opfern des Natio­nal­so­zia­lis­mus aus­ein­an­der­set­ze.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Trier hat die Kla­ge der NPD auf Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit die­ser ver­samm­lungs­recht­li­chen Ver­fü­gung abge­wie­sen, das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz hat die Beru­fung der NPD zurück­ge­wie­sen: Die öffent­li­che Ord­nung sei unmit­tel­bar gefähr­det gewe­sen. Von der Ver­samm­lung wäre eine das sitt­li­che Emp­fin­den der Bür­ger erheb­lich beein­träch­ti­gen­de Pro­vo­ka­ti­ons­wir­kung aus­ge­gan­gen. Die Klä­ge­rin habe das von ihr ange­ge­be­ne The­ma der Ver­samm­lung ledig­lich als Auf­hän­ger gewählt, wäh­rend die dahin­ter ste­hen­de Moti­va­ti­on von der Bevöl­ke­rung dar­in gese­hen wor­den wäre, an einem zen­tra­len Ort in der Innen­stadt Prä­senz zu zei­gen und nach außen zu doku­men­tie­ren, dass man als rechts­ex­tre­me Par­tei trotz des Holo­caust-Gedenk­tags „Flag­ge zei­gen“ kön­ne.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat der Revi­si­on der Klä­ge­rin statt­ge­ge­ben. § 15 Abs. 1 VersG erlaubt Ver­samm­lungs­be­schrän­kun­gen bei unmit­tel­ba­rer Gefähr­dung der öffent­li­chen Ord­nung. Eine sol­che ist gege­ben, wenn einem bestimm­ten Tag – wie dem Holo­caust-Gedenk­tag – ein in der Gesell­schaft ein­deu­ti­ger Sinn­ge­halt mit gewich­ti­ger Sym­bol­kraft zukommt, der bei der Durch­füh­rung einer Ver­samm­lung an die­sem Tag in einer Wei­se ange­grif­fen zu wer­den droht, dass dadurch zugleich grund­le­gen­de sozia­le oder ethi­sche Anschau­un­gen in erheb­li­cher Wei­se ver­letzt wür­den. Nicht aus­rei­chend ist jedoch, dass die Durch­füh­rung der Ver­samm­lung an dem Gedenk­tag in irgend­ei­nem belie­bi­gen Sin­ne als dem Geden­ken zuwi­der­lau­fend beur­teilt wer­den könn­te. Viel­mehr ist die Fest­stel­lung erfor­der­lich, dass von der kon­kre­ten Art und Wei­se der Durch­füh­rung der Ver­samm­lung Pro­vo­ka­tio­nen aus­ge­hen wür­den, die das sitt­li­che Emp­fin­den der Bür­ger erheb­lich beein­träch­tig­ten. Eine sol­che Fest­stel­lung setzt vor­aus, dass die Ver­samm­lung eine den Umstän­den nach ein­deu­ti­ge Stoß­rich­tung gegen das Geden­ken erken­nen lässt, etwa weil sie die Sinn­haf­tig­keit oder die Wer­tig­keit des Geden­kens negiert oder in ande­rer Wei­se dem Anspruch der Mit­bür­ger ent­ge­gen­wirkt, sich unge­stört dem Geden­ken an die­sem Tag wid­men zu kön­nen. Die­se Schwel­le war durch die von der Klä­ge­rin geplan­te Ver­samm­lung noch nicht über­schrit­ten. Die Ver­samm­lung soll­te ein aktu­el­les all­ge­mein-poli­ti­sches The­ma auf­grei­fen und die hier­zu ent­wi­ckel­ten pro­gram­ma­ti­schen Vor­stel­lun­gen der Klä­ge­rin kund­tun. Für die Annah­me des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, der Klä­ge­rin sei es in Wahr­heit ledig­lich um eine – dem Gedenk­an­lie­gen der Mit­bür­ger demons­tra­tiv ent­ge­gen wir­ken­de – öffent­li­che Prä­senz um ihrer selbst wil­len gegan­gen, lie­gen schon kei­ne hin­rei­chen­den tat­säch­li­chen Anhalts­punk­te vor.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 26. Febru­ar 2014 – 6 C 1.2013