Die Per­so­nal­ak­te des Minis­ter­prä­si­den­ten

Nach § 4 des säch­si­schen Pres­se­ge­set­zes sind alle Behör­den ver­pflich­tet, den Ver­tre­tern der Pres­se und des Rund­funks, die sich als sol­che aus­wei­sen, die der Erfül­lung ihrer öffent­li­chen Auf­ga­be die­nen­den Aus­künf­te zu ertei­len, sofern nicht die­ses Gesetz oder all­ge­mei­ne Rechts­vor­schrif­ten dem ent­ge­gen­ste­hen. Die Aus­kunft darf nur ver­wei­gert wer­den, wenn und soweit Vor­schrif­ten über die Geheim­hal­tung und über den Per­sön­lich­keits­schutz ent­ge­gen­ste­hen, durch sie die sach­ge­mä­ße Durch­füh­rung eines schwe­ben­den Ver­fah­rens ver­ei­telt, erschwert, ver­zö­gert oder gefähr­det wer­den könn­te. durch sie ein über­wie­gen­des öffent­li­ches oder ein schutz­wür­di­ges pri­va­tes Inter­es­se ver­letzt wür­de oder ihr Umfang das zumut­ba­re Maß über­schrei­tet.

Die Per­so­nal­ak­te des Minis­ter­prä­si­den­ten

Wie weit die­se Ver­pflich­tung geht, zeigt aktu­ell eine Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Dres­den, in der die Säch­si­sche Staats­kanz­lei zur Ertei­lung von Aus­künf­ten aus der Per­so­nal­ak­te des Minis­ter­prä­si­den­ten Sta­nis­law Til­lich ver­pflich­tet wur­de. Dem Nach­rich­ten­ma­ga­zin DER SPIEGEL muss danach voll­um­fäng­lich und wahr­heits­ge­mäß in schrift­li­cher Form Aus­kunft zu bestimm­ten Fra­gen über die schriftliche(n) Erklärung(en) des säch­si­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Sta­nis­law Til­lich erteilt wer­den, die die­ser zu sei­nem Lebens­lauf und sei­ner Ver­gan­gen­heit in der ehe­ma­li­gen DDR seit dem Jahr 1999 vor den jewei­li­gen Ernen­nun­gen zum Staats­mi­nis­ter und sei­ner Ernen­nung zum Minis­ter­prä­si­den­ten abge­ge­ben hat. Den wei­ter­ge­hen­den Antrag des Maga­zins, Kopi­en die­ser schrift­li­chen Erklä­run­gen her­aus­zu­ge­ben, hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den dage­gen abge­lehnt.

Der zum Ver­fah­ren bei­gela­de­ne Minis­ter­prä­si­dent hat­te anläss­lich sei­ner erst­ma­li­gen Ernen­nung zum Säch­si­schen Staats­mi­nis­ter für Bun­des- und Euro­pa­an­ge­le­gen­hei­ten im Jahr 1999, der nach fol­gen­den Ernen­nung zum Staats­mi­nis­ter und Chef der Staats­kanz­lei im Jahr 2002, der Ernen­nung zum Staats­mi­nis­ter für Umwelt und Land­wirt­schaft im Jahr 2004, zum Staats­mi­nis­ter für Finan­zen im Jahr 2007 und der Ernen­nung zum Minis­ter­prä­si­den­ten des Frei­staa­tes Sach­sen Anga­ben zu sei­nem beruf­li­chen Wer­de­gang in der ehe­ma­li­gen DDR gemacht. Hier­zu hat­te er jeweils den für Mit­glie­der der Säch­si­schen Staats­re­gie­rung bestimm­ten Fra­ge­bo­gen aus­ge­füllt. Im Novem­ber 2008 wur­de in Pres­se­ver­öf­fent­li­chun­gen die beruf­li­che Rol­le des Minis­ter­prä­si­den­ten im Zusam­men­hang mit dem Staats­ap­pa­rat der ehe­ma­li­gen DDR unter­sucht. Dabei wur­den Vor­wür­fe laut, er habe bis­her sei­ne Bio­gra­phie und ins­be­son­de­re sei­ne Rol­le im Staats­ap­pa­rat der ehe­ma­li­gen DDR geschönt und in den genann­ten Fra­ge­bö­gen unge­naue Anga­ben gemacht. Der Minis­ter­prä­si­dent ist dem durch Ver­öf­fent­li­chung von Anga­ben zu sei­ner Bio­gra­phie und der ihn betref­fen­den Unter­la­gen der Bun­des­be­auf­trag­ten für die Unter­la­gen des Staats­si­cher­heits­diens­tes der ehe­ma­li­gen DDR (BStU) ent­ge­gen getre­ten. Die vom SPIEGEL von der Säch­si­schen Staats­kanz­lei unter Beru­fung auf den pres­se­recht­li­chen Aus­kunfts­an­spruch wei­ter­hin gefor­der­te Her­aus­ga­be der Erklä­run­gen, die der Minis­ter­prä­si­dent zu sei­nem Lebens­lauf abge­ge­ben hat­te, sowie die Ertei­lung wei­te­rer Aus­künf­te hat die Säch­si­sche Staats­kanz­lei abge­lehnt.

Das vom SPIEGEL ange­ru­fe­ne Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den führt in sei­nem Beschluss aus, dass im vor­lie­gen­den Ein­zel­fall dem pres­se­recht­li­chen Aus­kunfts­an­spruch kei­ne über­wie­gen­den öffent­li­chen Inter­es­sen oder schutz­wür­di­ge pri­va­te Inter­es­sen ent­ge­gen stün­den. Dem Aus­kunfts­an­spruch einer frei­en Pres­se, die ein Wesens­ele­ment eines frei­heit­li­chen Staa­tes und für eine moder­ne Demo­kra­tie unent­behr­lich sei, stün­de hier das öffent­li­che Inter­es­se des Frei­staa­tes Sach­sen als Dienst­herrn des Minis­ter­prä­si­den­ten an dem Schutz der Ver­trau­lich­keit von Per­so­nal­ak­ten sowie das pri­va­te Inter­es­se des Minis­ter­prä­si­den­ten zur Wah­rung sei­nes all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts und sei­nes Rechts auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung gegen­über. In die­sem Span­nungs­feld sei eine umfas­sen­de Abwä­gung der betrof­fe­nen Rechts­gü­ter und Inter­es­sen vor­zu­neh­men, die hier zuguns­ten des pres­se­recht­li­chen Aus­kunfts­an­spruchs aus­ge­he. Die Pres­se habe in der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie u.a. die Auf­ga­be, an der poli­ti­schen Mei­nungs­bil­dung mit­zu­wir­ken. Hier­zu sei sie dar­auf ange­wie­sen, sich Infor­ma­tio­nen auch aus nicht all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len zu ver­schaf­fen. An den vom SPIEGEL nach­ge­frag­ten Infor­ma­tio­nen bestün­de ange­sichts des unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Land­tags­wahl­kamp­fes ein erheb­li­ches öffent­li­ches Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se. Dem­ge­gen­über habe das Recht des Minis­ter­prä­si­den­ten auf Schutz sei­nes all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts hier zurück­zu­ste­hen, weil mit den anläss­lich der Minis­ter­er­nen­nun­gen durch Fra­ge­bö­gen gestell­ten Fra­gen eben­falls ein öffent­li­ches Kon­troll­be­dürf­nis erfüllt wer­de. Zudem sei von Belang, dass die in den Fra­ge­bö­gen gestell­ten Fra­gen nicht den rein pri­va­ten Bereich, son­dern die beruf­li­che und poli­ti­sche Ver­gan­gen­heit des Erklä­ren­den beträ­fen. Für einen Vor­rang des öffent­li­chen Infor­ma­ti­ons­an­spruchs spre­che die her­aus­ge­ho­be­ne Amts­stel­lung des Minis­ter­prä­si­den­ten, der als Spit­zen­kan­di­dat der größ­ten Regie­rungs­par­tei in den bevor­ste­hen­den Land­tags­wahl­kampf gehe, und der im Übri­gen selbst bereits wei­te Tei­le nicht nur sei­ner pri­va­ten Bio­gra­phie, son­dern auch die­je­ni­ge sei­ner Fami­li­en­mit­glie­der öffent­lich gemacht habe.

Ein Anspruch auf Her­aus­ga­be von Kopi­en aus der Per­so­nal­ak­te des Minis­ter­prä­si­den­ten oder auf Ein­sicht­nah­me in die Akte bestün­de dage­gen nicht, so die Dresd­ner Ver­wal­tungs­rich­ter, weil der pres­se­recht­li­che Aus­kunfts­an­spruch dies allen­falls aus­nahms­wei­se vor­se­hen kön­ne. Hier sei nicht erkenn­bar, dass der an Recht und Gesetz gebun­de­ne Frei­staat Sach­sen auf­grund der durch das Gericht aus­ge­spro­che­nen Ver­pflich­tung zur Aus­kunfts­er­tei­lung die­ser nicht wahr­heits­ge­mäß oder nicht voll­stän­dig nach­kom­men wer­de.

Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den, Beschluss vom 7. Mai 2009 – 5 L 42/​09