Die Pre­digt als Tat­sa­chen­be­haup­tung

Die reli­giö­se Äuße­rungs­frei­heit genießt, auch soweit es um eine Pre­digt geht, kei­nen abso­lu­ten Vor­rang vor den Belan­gen des Per­sön­lich­keits- und Ehren­schut­zes. Bei der gebo­te­nen Abwä­gung des reli­giö­sen Äuße­rungs­rechts mit den wider­strei­ten­den Belan­gen sind die ins­be­son­de­re in der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zum Aus­gleich von Mei­nungs­frei­heit und all­ge­mei­nem Per­sön­lich­keits­recht ent­wi­ckel­ten Gesichts­punk­te her­an­zu­zie­hen, die Kri­te­ri­en und Vor­zugs­re­geln für die kon­kre­te Abwä­gung vor­ge­ben.

Die Pre­digt als Tat­sa­chen­be­haup­tung

Das in Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG ver­an­ker­te all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht ergänzt die im Grund­ge­setz nor­mier­ten Frei­heits­rech­te und gewähr­leis­tet die enge­re per­sön­li­che Lebens­sphä­re und die Erhal­tung ihrer Grund­be­din­gun­gen. Zu den aner­kann­ten Inhal­ten die­ses Rechts gehö­ren das Ver­fü­gungs­recht über die Dar­stel­lung der eige­nen Per­son, die sozia­le Aner­ken­nung sowie die per­sön­li­che Ehre. Eine wesent­li­che Gewähr­leis­tung ist der Schutz vor Äuße­run­gen, die geeig­net sind, sich abträg­lich auf das Anse­hen der Per­son, ins­be­son­de­re ihr Bild in der Öffent­lich­keit, aus­zu­wir­ken. Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht schützt die Per­son ins­be­son­de­re vor ver­fäl­schen­den oder ent­stel­len­den Dar­stel­lun­gen, die von nicht ganz uner­heb­li­cher Bedeu­tung für die Per­sön­lich­keits­ent­fal­tung sind. Der grund­recht­li­che Schutz des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts legt dem Staat die Pflicht auf, den Ein­zel­nen vor Gefähr­dun­gen die­ses Rechts durch Drit­te zu schüt­zen 1.

Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht ist jedoch nicht vor­be­halt­los gewähr­leis­tet. Nach Art. 2 Abs. 1 GG wird es durch die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung ein­schließ­lich der Rech­te ande­rer beschränkt. Zu die­sen Rech­ten gehört neben der Frei­heit der Mei­nungs­äu­ße­rung aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG auch das ein­heit­li­che Grund­recht der Reli­gi­ons­frei­heit aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG 2, das die Bekennt­nis- und die Reli­gi­ons­aus­übungs­frei­heit und inso­weit – als gegen­über Art. 5 Abs. 1 GG spe­zi­el­le­re Gewähr­leis­tung – die Äuße­run­gen in einer Pre­digt umfasst 3. Auch die Reli­gi­ons­frei­heit ist indes­sen nicht schran­ken­los garan­tiert. Sie steht zwar nicht unter einem Geset­zes­vor­be­halt, fin­det aber nach dem Prin­zip der Ein­heit der Ver­fas­sung ihre (ver­fas­sungs­im­ma­nen­ten) Schran­ken in kol­li­die­ren­dem Ver­fas­sungs­recht, ins­be­son­de­re in Grund­rech­ten Drit­ter 4. Dabei ver­steht sich von selbst, dass die Grund­rech­te in der Aus­ge­stal­tung anzu­wen­den sind, die sie ins­be­son­de­re in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erfah­ren haben. Im Wege der prak­ti­schen Kon­kor­danz sind bei­de betrof­fe­nen Ver­fas­sungs­gü­ter zu einem scho­nen­den Aus­gleich zu brin­gen. Das erfor­dert eine Abwä­gung unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les, als deren Ergeb­nis das (Vorrang-)Verhältnis der von der Ver­fas­sung als Schutz­gü­ter aner­kann­ten Belan­ge zuta­ge tritt 5. Die Annah­me, die reli­giö­se Äuße­rungs­frei­heit, ins­be­son­de­re im Rah­men einer Pre­digt, genie­ße abso­lu­ten Vor­rang vor den Belan­gen des Per­sön­lich­keits- und Ehren­schut­zes, ist dem­nach ver­fehlt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 8. August 2011 – 7 B 41.11

  1. sie­he BVerfG, Beschlüs­se vom 03.06.1980 – 1 BvR 185/​77, BVerfGE 54, 148, 153 f. und vom 25.10.2005 – 1 BvR 1696/​98, BVerfGE 114, 339, 346 f., m.w.N.[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 16.10.1968 – 1 BvR 241/​66, BVerfGE 24, 236, 245[]
  3. sie­he auch BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 26.03.2001 – 2 BvR 943/​99NVwZ 2001, 908[]
  4. BVerfG, Urteil vom 24.09.2003 – 2 BvR 1436/​02, BVerfGE 108, 282, 297[]
  5. BVerfG, Beschlüs­se vom 27.11.1990 – 1 BvR 402/​87, BVerfGE 83, 130, 143, 146; und vom 16.05.1995 – 1 BvR 1087/​91, BVerfGE 93, 1, 21; BVerwG, Urtei­le vom 21.12.2000 – 3 C 20.00, BVerw­GE 112, 314, 318 = Buch­holz 418.35 § 3 BtMG Nr. 4 und vom 24.06.2004 – 2 C 45.03, BVerw­GE 121, 140, 148 = Buch­holz 237.0 § 9 BaWüLBG Nr. 1[]