Die recht­lich unselb­stän­di­ge Stif­tung – und die Fra­ge der Pro­zess­fä­hig­keit

Eine fidu­zia­ri­sche (unselbst­stän­di­ge) Stif­tung ist im Ver­wal­tungs­pro­zess nicht betei­li­gungs­fä­hig.

Die recht­lich unselb­stän­di­ge Stif­tung – und die Fra­ge der Pro­zess­fä­hig­keit

Betei­li­gungs­fä­hig gemäß § 61 VwGO sind natür­li­che und juris­ti­sche Per­so­nen (Nr. 1) oder Ver­ei­ni­gun­gen, soweit ihnen ein Recht zuste­hen kann (Nr. 2). Die Fähig­keit, Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter zu sein, rich­tet sich damit grund­sätz­lich nach der Rechts­fä­hig­keit. Juris­ti­schen Per­so­nen ist durch die Rechts­ord­nung qua Gesetz oder aus­nahms­wei­se durch ande­ren Errich­tungs­akt eine eige­ne, von ihren Mit­glie­dern los­ge­lös­te Rechts­per­sön­lich­keit ver­lie­hen, die kon­se­quen­ter­wei­se die Rechts­fä­hig­keit nach sich zieht, an die die Betei­li­gungs­fä­hig­keit anknüpft. Auch ohne vol­le Rechts­fä­hig­keit zu besit­zen, sind Per­so­nen­ver­ei­ni­gun­gen betei­li­gungs­fä­hig, soweit sie kraft Geset­zes oder Gewohn­heits­rechts Trä­ger von sub­jek­tiv-öffent­li­chen Rech­ten sein kön­nen [1].

Eine Stif­tung des Pri­vat­rechts wird nach § 80 BGB rechts­fä­hig erst mit der Aner­ken­nung durch die zustän­di­ge Behör­de des Lan­des, in dem die Stif­tung ihren Sitz haben soll. Die­se Aner­ken­nung fehlt einer fidu­zia­ri­schen Stif­tung.

Eine ana­lo­ge Anwen­dung der §§ 80 f. BGB auf soge­nann­te unselbst­stän­di­ge Stif­tun­gen mit der Fol­ge, sie einer rechts­fä­hi­gen Stif­tung gleich­zu­stel­len, ist nicht gebo­ten. Eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke des Geset­zes ist nicht gege­ben. Der Gesetz­ge­ber hat im Rah­men der Novel­lie­rung des Stif­tungs­rechts aus­drück­lich dar­an fest­ge­hal­ten, dass das Ent­ste­hen einer rechts­fä­hi­gen Stif­tung neben dem Stif­tungs­ge­schäft den Ver­wal­tungs­akt der behörd­li­chen Aner­ken­nung vor­aus­setzt [2]. Eine Gleich­stel­lung der fidu­zia­ri­schen Stif­tung mit der rechts­fä­hi­gen Stif­tung hat der Gesetz­ge­ber gera­de nicht gewollt [3].

Da eine Stif­tung kei­ne ver­bands­mä­ßi­ge Orga­ni­sa­ti­on und damit kei­nen per­so­nel­len Zusam­men­schluss auf­weist, son­dern eine auf Aus­stat­tung mit einem Ver­mö­gen ange­leg­te, nicht in einem Ver­band bestehen­de Ver­mö­gens­mas­se dar­stellt, die zur Errei­chung eines dau­ern­den Zwecks vom Stif­ter bereit­ge­stellt wird [4], kann ihr auch kei­ne Betei­li­gungs­fä­hig­keit im Sin­ne von § 61 Nr. 2 VwGO zukom­men.

Fidu­zia­ri­sche Stif­tun­gen sind auch nicht etwa teil­rechts­fä­hig wie nicht rechts­fä­hi­ge Ver­ei­ne oder Per­so­nen­ge­sell­schaf­ten, die von Geset­zes wegen Trä­ger von Rech­ten und Pflich­ten sein kön­nen. Eine der­ar­ti­ge Gleich­stel­lung ist vom Gesetz nicht vor­ge­se­hen und auch nicht gewohn­heits­recht­lich aner­kannt. Soweit der Gesetz­ge­ber Per­so­nen­han­dels­ge­sell­schaf­ten und Gesell­schaf­ten des bür­ger­li­chen Rechts in § 1 Abs. 1 Satz 1 der Hand­werks­ord­nung (HwO) den selbst­stän­di­gen Betrieb eines zulas­sungs­pflich­ti­gen Hand­werks gestat­tet, han­delt es sich um eine spe­zi­al­ge­setz­li­che, abschlie­ßen­de Rege­lung. Glei­ches gilt für die Aus­nah­me­re­ge­lung zuguns­ten nicht ein­ge­tra­ge­ner und damit nicht rechts­fä­hi­ger Ver­ei­ne in § 2 GastG, wonach die Gast­stät­ten­er­laub­nis auch nicht rechts­fä­hi­gen Ver­ei­nen erteilt wer­den kann. Die Situa­ti­on einer fidu­zia­ri­schen Stif­tung ist mit einem mit­glied­schaft­lich orga­ni­sier­ten nicht rechts­fä­hi­gen Ver­ein nicht ver­gleich­bar, der im Unter­schied zur unselb­stän­di­gen Stif­tung als Gesamt­hand­ge­mein­schaft Trä­ger von Rech­ten und Pflich­ten sein kann [5].

Eine Gleich­stel­lung der fidu­zia­ri­schen Stif­tung mit rechts­fä­hi­gen Stif­tun­gen ist auch nicht wegen deren Steu­er­pflicht gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 5 BVerwGtG gebo­ten. Die­se Vor­schrift unter­wirft nicht rechts­fä­hi­ge Stif­tun­gen und ande­re Zweck­ver­mö­gen (§ 3 Abs. 1 BVerwGtG) einer begrenz­ten Steu­er­pflicht, wenn ihr Ein­kom­men weder nach die­sem Gesetz noch nach dem Ein­kom­men­steu­er­ge­setz unmit­tel­bar bei einem ande­ren Steu­er­pflich­ti­gen zu ver­steu­ern ist. Damit knüpft der Steu­er­tat­be­stand gera­de nicht an die Rechts­fä­hig­keit des jewei­li­gen Steu­er­sub­jekts an, son­dern an des­sen Ein­kom­mens­si­tua­ti­on (§§ 7 f. BVerwGtG). Dem­entspre­chend stellt die Finanz­ge­richts­ord­nung nicht auf die Betei­li­gungs­fä­hig­keit im Sin­ne des § 61 VwGO ab, son­dern bestimmt, dass Betei­lig­te am Ver­fah­ren der Klä­ger, der Beklag­te, der Bei­ge­la­de­ne und die Behör­de, die dem Ver­fah­ren bei­getre­ten ist, sind (§ 57 FGO).

Schließ­lich folgt eine Betei­li­gungs­fä­hig­keit der fidu­zia­ri­schen Stif­tung auch nicht aus einem „Grund­recht auf Stif­tung“. Weder aus Art. 14 Abs. 1 GG noch aus Art. 2 Abs. 1 GG ergibt sich ein der­ar­ti­ges Grund­recht auf Errich­tung einer gewer­be­recht­lich teil­rechts­fä­hi­gen fidu­zia­ri­schen Stif­tung. Die Eigen­tums­frei­heit des Art. 14 Abs. 1 GG ist norm­ge­prägt und umfasst alle Befug­nis­se, die die Rechts­ord­nung einem Eigen­tü­mer zu einem belie­bi­gen Zeit­punkt zuweist [6]. Sie schützt die vom Stif­tungs- und Erbrecht ein­ge­räum­te Mög­lich­keit einer dau­er­haf­ten Ver­mö­gensper­p­etu­ie­rung in den gesetz­lich gere­gel­ten For­men [7]. Auch die durch Art. 2 Abs. 1 GG geschütz­te all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit gewährt nur die Befug­nis, die von der Pri­vat­rechts­ord­nung bereit­ge­stell­ten Rechts­for­men zu nut­zen [8]. Kon­kre­te Ansprü­che des Ein­zel­nen auf bestimm­te Rechts­for­men las­sen sich hier­aus jedoch nicht ablei­ten.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Rechts­fä­hig­keit nach aus­län­di­schem Recht errich­te­ter Gesell­schaf­ten ist nicht ein­schlä­gig. Aus ihr folgt nicht, dass einer fidu­zia­ri­schen Stif­tung Rechts­fä­hig­keit im Sin­ne des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs zuzu­spre­chen wäre. Die Ent­schei­dung vom 14.03.2005 [9] ver­hält sich zur Aner­ken­nung der Rechts­fä­hig­keit eines nach eng­li­schem Recht wirk­sam begrün­de­ten rechts­fä­hi­gen Unter­neh­mens in einem ande­ren Ver­trags­staat. Das Urteil vom 19.09.2005 [10] befasst sich mit Fra­gen der Rechts- und Par­tei­fä­hig­keit einer im Fürs­ten­tum Liech­ten­stein wirk­sam gegrün­de­ten Kapi­tal­ge­sell­schaft. Aus der Aner­ken­nung der Rechts­fä­hig­keit nach aus­län­di­schem Recht gegrün­de­ter Rechts­sub­jek­te folgt jeden­falls nicht, dass die nach deut­schem Recht errich­te­te fidu­zia­ri­sche Stif­tung als rechts­fä­hig oder teil­rechts­fä­hig anzu­se­hen wäre.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 9. April 2014 – 8 C 23.12

  1. vgl. Czy­bul­ka, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. Aufl.2010, § 61 Rn. 22 f.[]
  2. BT-Drs. 14/​8765 S. 8[]
  3. BT-Drs. 14/​3043 S. 1, Ple­nar­pro­to­koll 14/​96 S. 8920[]
  4. BVerwG, Urteil vom 12.02.1998 – 3 C 55.96, BVerw­GE 106, 177, 181[]
  5. BGH, Urteil vom 19.10.1987 – II ZR 43/​87NJW 1988, 552[]
  6. BVerfG, Beschluss vom 15.07.1981 – 1 BvL 77/​78, BVerfGE 58, 300, 330[]
  7. vgl. Jarass, in: Jarass/​Pieroth, GG, 12. Aufl.2012, Art. 14 Rn. 18; Depen­heu­er, in: v. Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, 6. Aufl.2010, Art. 14 Rn. 522[]
  8. Di Fabio, in: Maunz/​Dürig, GG, Bd. 1, Stand Mai 2013, Art. 2 Abs. 1 Rn. 101[]
  9. BGH, Urteil vom 14.03.2005 – II ZR 5/​03, NJW 2005, 1648[]
  10. BGH, Urteil vom 19.09.2005 – II ZR 372/​03, NJW 2005, 3351[]