Die Regen­bo­gen­flag­ge vor dem Minis­te­ri­um

Aus der ver­wal­tungs­in­ter­nen Richt­li­nie zur Beflag­gung von Dienst­ge­bäu­den kann ein Bür­ger kei­ne eige­nen Rech­te ablei­ten. Das His­sen der Regen­bo­gen­flag­ge ver­stößt nicht gegen Grund­rech­te.

Die Regen­bo­gen­flag­ge vor dem Minis­te­ri­um

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den in dem hier vor­lie­gen­den Fall den Eil­an­trag gegen die Regen­bo­gen­flag­ge am Säch­si­sche Staats­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz und für Demo­kra­tie, Euro­pa und Gleich­stel­lung abge­lehnt. Am 9. Juni 2020 ver­öf­fent­lich­te das Minis­te­ri­um eine Pres­se­ein­la­dung unter dem Titel „Gleich­stel­lungs­mi­nis­te­rin Kat­ja Mei­er hisst die Regen­bo­gen­fah­ne“. In der Ein­la­dung für den 11. Juni 2020, 9:00 Uhr, wur­de aus­ge­führt, dass an die­sem Wochen­en­de ein Zei­chen für nicht-hete­ro­se­xu­ell leben­de und lie­ben­de Men­schen durch das His­sen der Regen­bo­gen­fah­ne vor dem Minis­te­ri­um gesetzt wer­den sol­le. Anlass sei, dass der geplan­te Demons­tra­ti­ons­zug des CSD (Chris­to­pher Street Day) Dres­den e.V. am kom­men­den Wochen­en­de auf­grund der Coro­nalage ver­scho­ben wer­den muss­te.

Gegen die­ses Vor­ha­ben hat sich ein Bür­ger am Nach­mit­tag des 10. Juni 2020 mit dem Eil­an­trag gewehrt. Er mach­te gel­tend, dass das His­sen einer Regen­bo­gen­fah­ne der gel­ten­den Ver­wal­tungs­vor­schrift der Säch­si­schen Staats­kanz­lei zur Beflag­gung von Dienst­ge­bäu­den wider­spre­che. Das Auf­zie­hen der Flag­ge ver­let­ze ihn zudem in Grund­rech­ten. Die Schwu­len- und Les­ben­be­we­gung mit ihrer alle Lebens­be­rei­che umfas­sen­den For­de­rung nach einer Gleich­stel­lung gleich­ge­schlecht­li­cher Bezie­hun­gen mit der her­kömm­li­chen Bezie­hung von Mann und Frau stel­le ein welt­an­schau­li­ches Bekennt­nis dar, das sich auch in der Füh­rung der Regen­bo­gen­fah­ne zei­ge. Wer­de die­se von einer staat­li­chen Stel­le ver­wen­det, lie­ge dar­in ein Ver­stoß gegen die staat­li­che Neu­tra­li­tät, der den Antrag­stel­ler in sei­nem Grund­recht auf „nega­ti­ve Welt­an­schau­ungs­frei­heit“ ver­let­ze. Zudem lie­ge eine Ver­let­zung des Schut­zes der Fami­lie (Art. 6 Abs. 1 GG) vor, da durch die Regen­bo­gen­fah­ne „auf meta­po­li­ti­scher Ebe­ne das Gesell­schafts­bild der hete­ro­nor­ma­tiv gepräg­ten Fami­lie dekon­stru­iert“ wer­den sol­le. Außer­dem stel­le das His­sen der Regen­bo­gen­fah­ne eine unzu­läs­si­ge Öffent­lich­keits­ar­beit dar.

In sei­ner Ent­schei­dungs­be­grün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den aus­ge­führt, dass nicht mehr über den ursprüng­li­chen Antrag – der Minis­te­rin bereits das His­sen der Flag­ge zu unter­sa­gen – ent­schie­den wer­den konn­te, da sich die­ser nach dem Auf­zie­hen der Regen­bo­gen­fah­ne am 11. Juni 2020 erle­digt habe und eine vor­he­ri­ge gericht­li­che Ent­schei­dung auf­grund der zeit­li­chen Umstän­de nicht mög­lich gewe­sen sei.

Soweit er nun­mehr das Abhän­gen der Flag­ge ange­ord­net haben wol­le, habe er mit die­sem Begeh­ren kei­nen Erfolg. Bei der Ver­wal­tungs­vor­schrift zur Beflag­gung von Dienst­ge­bäu­den han­de­le sich um eine ver­wal­tungs­in­ter­ne Richt­li­nie, aus der der Antrag­stel­ler kei­ne eige­nen Rech­te ablei­ten kön­ne. Sei­ne grund­recht­li­chen Beden­ken ver­moch­te die Kam­mer nicht zu tei­len. Die Regen­bo­gen­fah­ne sei nach der­zei­ti­gem gesell­schaft­li­chem Ver­ständ­nis ein Zei­chen der Tole­ranz und Akzep­tanz sowie der Viel­falt von Lebens­for­men. Hier­in sei kei­ne ganz­heit­li­che Stel­lung­nah­me zum Sinn des Welt­ge­sche­hens zu sehen. Selbst wenn man dies anders sehe, könn­te dies dem Antrag­stel­ler nicht wei­ter­hel­fen. Denn auch die „nega­ti­ve Welt­an­schau­ungs­frei­heit“ schüt­ze nicht ohne Wei­te­res vor der Begeg­nung mit frem­den Glau­bens­über­zeu­gun­gen, soweit die­sen aus­ge­wi­chen wer­den kön­ne. Hier sei nicht erkenn­bar, dass der Antrag­stel­ler vom His­sen der Regen­bo­gen­fah­ne unaus­weich­lich betrof­fen sei.

Mit dem His­sen der Regen­bo­gen­fah­ne wer­de auch nicht der Schutz­be­reich der Ehe und Fami­lie nach Art. 6 GG ange­grif­fen. Die dazu geäu­ßer­te Mei­nung des Antrag­stel­lers wer­de vom Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den nicht über­nom­men. Die Regen­bo­gen­fah­ne ste­he nach dem der­zei­ti­gen gesell­schaft­li­chen Ver­ständ­nis viel­mehr für Viel­falt und Tole­ranz. Gemein­hin wer­de damit die geziel­te Abschaf­fung der hete­ro­ge­nen Ehe nicht ver­bun­den. Außer­dem stel­le die Fah­ne ein über­par­tei­li­ches Sym­bol dar, des­sen Aus­sa­ge – Tole­ranz und Viel­falt – kei­ner bestimm­ten Par­tei exklu­siv zuge­ord­net wer­den kön­ne und offen­sicht­lich mit der Ver­fas­sung ver­ein­bar sei.

Ver­wal­tungs­ge­richt Dres­den, Beschluss vom 12. Juni 2020 – 6 L 402/​20