„Die Rich­ter haben schon mal gegen mich ent­schie­den!“

Ein Ableh­nungs­ge­such, wel­ches ledig­lich Aus­füh­run­gen ent­hält, die zur Begrün­dung der Besorg­nis der Befan­gen­heit gänz­lich unge­eig­net sind, ist unzu­läs­sig [1].

„Die Rich­ter haben schon mal gegen mich ent­schie­den!“

Dies war in dem hier ent­schie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren der Fall:

Der Beschwer­de­füh­rer begrün­det das Ableh­nungs­ge­such damit, dass die abge­lehn­te Rich­te­rin und die abge­lehn­ten Rich­ter bereits in zwei frü­he­ren Ver­fah­ren von ihm erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­den, die sich auf Ent­schei­dun­gen im Rah­men des­sel­ben ein­fach­recht­li­chen Rechts­streits bezo­gen, ohne Begrün­dung und trotz des Vor­lie­gens von Annah­me­grün­den nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men hät­ten.

Die Mit­wir­kung an Ent­schei­dun­gen in vor­an­ge­gan­ge­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren des­sel­ben Beschwer­de­füh­rers kann die Besorg­nis der Befan­gen­heit jedoch offen­sicht­lich nicht begrün­den [2]. Glei­ches gilt auf­grund der abschlie­ßen­den Rege­lung in § 18 Abs. 1 Nr. 2 BVerfGG hin­sicht­lich einer rich­ter­li­chen Vor­be­fas­sung mit einer im anhän­gi­gen Ver­fah­ren ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge, solan­ge die­se Vor­be­fas­sung nicht in einem frü­he­ren Rechts­zug erfolg­te und eine Mit­wir­kung an der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung zum Inhalt hat­te [3]. Dass der Beschwer­de­füh­rer die von der abge­lehn­ten Rich­te­rin und den abge­lehn­ten Rich­tern in frü­he­ren Ver­fah­ren getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen für falsch hält, ändert hier­an nichts. Denn ansons­ten lie­fe das Ver­fah­ren über die Rich­terab­leh­nung auf eine Feh­ler­kon­trol­le hin­aus. Die­sem Zweck dient es jedoch nicht [4]. Soweit der Beschwer­de­füh­rer sein Ableh­nungs­ge­such dar­auf stützt, dass die Nicht­an­nah­me sei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­den in den frü­he­ren Ver­fah­ren nicht begrün­det wur­de, ist die­ser Umstand zur Begrün­dung einer Besorg­nis der Befan­gen­heit eben­falls offen­sicht­lich unge­eig­net. Denn das Abse­hen von einer Begrün­dung der Nicht­an­nah­me­ent­schei­dung ist nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG zuläs­sig.

Bei einer offen­sicht­li­chen Unzu­läs­sig­keit des Ableh­nungs­ge­su­ches bedarf es kei­ner dienst­li­chen Stel­lung­nah­me des jewei­li­gen abge­lehn­ten Rich­ters oder der jewei­li­gen abge­lehn­ten Rich­te­rin. Auch ist die betref­fen­de Rich­te­rin bezie­hungs­wei­se der betref­fen­de Rich­ter bei der Ent­schei­dung über das offen­sicht­lich unzu­läs­si­ge Ableh­nungs­ge­such nicht aus­ge­schlos­sen [5].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 22. April 2020 – 1 BvR 635/​20

  1. BVerfGE 131, 239, 252; 133, 377, 405; BVerfG, Beschluss vom 03.06.2019 – 2 BvR 910/​19, Rn. 10[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 03.07.2013 – 1 BvR 782/​12, Rn. 7; BVerfG, Beschluss vom 27.01.2020 – 2 BvR 198/​18, Rn. 6[]
  3. BVerfGE 131, 239, 253; BVerfG, Beschluss vom 13.04.2017 – 1 BvR 610/​17, Rn. 7; BVerfG, Beschluss vom 16.11.2017 – 1 BvR 672/​17, Rn. 2; BVerfG, Beschluss vom 03.06.2019 – 2 BvR 910/​19, Rn. 14[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 03.06.2019 – 2 BvR 910/​19, Rn. 15[]
  5. BVerfGE 131, 239, 252 f.; 133, 377, 405[]