Die Über­tra­gung von Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lun­gen im Inter­net

Mit der Ein­schrän­kung der Rund­funk- und Medi­en­frei­heit durch die Bestim­mun­gen der Hes­si­schen Gemein­de­ord­nung ver­stößt der Gesetz­ge­ber nicht gegen höher­ran­gi­ges Recht, ins­be­son­de­re nicht gegen die in Art. 5 vom Grund­ge­setz garan­tier­te Pres­se- und Rund­funk­frei­heit. Durch die Bestim­mung der Geschäfts­ord­nung einer Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung zur sog. Medi­en­öf­fent­lich­keit von Sit­zun­gen wird die­se schon nach den Bestim­mun­gen der Hes­si­schen Gemein­de­ord­nung kraft Geset­zes bestehen­de Ein­schrän­kung der Rund­funk- und Medi­en­frei­heit bei Sit­zun­gen von Gemein­de­ver­tre­tun­gen nicht ver­schärft.

Die Über­tra­gung von Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lun­gen im Inter­net

So hat der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den und die Nor­men­kon­troll­an­trä­ge der Frak­ti­on "Die Lin­ke" in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung der Uni­ver­si­täts­stadt Gie­ßen und deren Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den gegen eine Bestim­mung der Geschäfts­ord­nung der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung abge­lehnt. Die Nor­men­kon­troll­an­trä­ge rich­ten sich gegen eine Bestim­mung zur sog. Medi­en­öf­fent­lich­keit von Sit­zun­gen der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung in der am 11. Okto­ber 2013 neu gefass­ten Geschäfts­ord­nung. Die Bestim­mung hat fol­gen­den Wort­laut:

"In den Sit­zun­gen ist nur der bei der Stadtverordnetenvorsteherin/​dem Stadt­ver­ord­ne­ten­vor­ste­her ange­mel­de­ten Pres­se das Foto­gra­fie­ren gestat­tet. Ton­auf­nah­men sind ledig­lich zum Zwe­cke der Schrift­füh­rung erlaubt (§ 35). Film­auf­nah­men sind nicht zuläs­sig."

Mit ihren am 15. Janu­ar 2013 beim Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof gestell­ten Nor­men­kon­troll­an­trä­gen begeh­ren die Antrag­stel­ler, die­se Bestim­mung für ungül­tig zu erklä­ren. Zur Begrün­dung machen sie im Wesent­li­chen gel­tend, die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Öffent­lich­keit der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung sei auf­grund der ange­grif­fe­nen Bestim­mung der Geschäfts­ord­nung nicht effek­tiv gewähr­leis­tet. Durch die von einem Mit­glied ihrer Frak­ti­on beab­sich­tig­te Video­do­ku­men­ta­ti­on der Sit­zun­gen der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung wer­de deren ord­nungs­ge­mä­ßer Ablauf auch nicht beein­träch­tigt, wie sich am Bei­spiel des Deut­schen Bun­des­ta­ges zei­ge, des­sen Ple­nar­sit­zun­gen live ins Inter­net über­tra­gen und anschlie­ßend in einer Media­thek zum Abruf bereit­ge­stellt wür­den.

Nach Auf­fas­sung des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs sei­en die Antrag­stel­ler durch die von ihnen ange­grif­fe­ne Bestim­mung der Geschäfts­ord­nung der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung der Stadt Gie­ßen weder in ihren eige­nen Rech­ten ver­letzt noch könn­ten sie ein Rechts­schutz­be­dürf­nis für die von ihnen begehr­te Erklä­rung der Ungül­tig­keit die­ser Bestim­mung der Geschäfts­ord­nung gel­tend machen. Die ange­grif­fe­ne Bestim­mung der Geschäfts­ord­nung bzw. ihre Anwen­dung beein­träch­ti­ge die Antrag­stel­ler nicht in der Wahr­neh­mung ihres poli­ti­schen Man­dats. Durch die Auf­nah­me die­ser Vor­schrift wer­de im Übri­gen die schon nach den Bestim­mun­gen der Hes­si­schen Gemein­de­ord­nung kraft Geset­zes bestehen­de Ein­schrän­kung der Rund­funk- und Medi­en­frei­heit bei Sit­zun­gen von Gemein­de­ver­tre­tun­gen nicht ver­schärft. Auch hät­ten Gemein­de­ver­tre­ter und die von ihnen gebil­de­ten Frak­tio­nen kein wehr­fä­hi­ges Recht auf Her­stel­lung der Rund­funk- und Medi­en­öf­fent­lich­keit wäh­rend der öffent­li­chen Sit­zun­gen der Gemein­de­ver­tre­tung bzw. Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung.

Mit der Ein­schrän­kung der Rund­funk- und Medi­en­frei­heit durch die Bestim­mun­gen der Hes­si­schen Gemein­de­ord­nung ver­sto­ße der Gesetz­ge­ber auch nicht gegen höher­ran­gi­ges Recht, ins­be­son­de­re nicht gegen die in Art. 5 vom Grund­ge­setz garan­tier­te Pres­se- und Rund­funk­frei­heit. Da im Fall einer von den Antrag­stel­lern begehr­ten Ungül­tig­keits­er­klä­rung der ange­grif­fe­nen Bestim­mung in der Geschäfts­ord­nung der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung das aus den Bestim­mun­gen der Hes­si­schen Gemein­de­ord­nung von Geset­zes wegen fol­gen­de Ver­bot der von ihnen ange­streb­ten Fil­mund Ton­auf­nah­men wäh­rend der Sit­zun­gen der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung im Übri­gen wei­ter­hin bestehen blie­be, feh­le auch das für einen Nor­men­kon­troll­an­trag erfor­der­li­che Rechts­schutz­be­dürf­nis.

Zwar eröff­ne die Hes­si­sche Gemein­de­ord­nung den Städ­ten und Gemein­den grund­sätz­lich die Mög­lich­keit durch eine ent­spre­chen­de Rege­lung in ihren Haupt­sat­zun­gen Film- und Ton­auf­nah­men von öffent­li­chen Sit­zun­gen ihrer Gre­mi­en zuzu­las­sen. Von die­ser Mög­lich­keit habe die Stadt Gie­ßen jedoch aus­drück­lich kei­nen Gebrauch gemacht.

Hes­si­scher Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, Urteil vom 31. Okto­ber 2013 – 8 C 127/​13.N