Die Umsied­lung des Amei­sen­bläu­lings

Ist nicht zu erwar­ten, dass die Umsie­de­lung zwei­er Schmet­ter­lings­ar­ten von einer im Bau­ge­biet sich befin­den­den Wie­sen­flä­che auf ein ande­res Wie­sen­ge­biet zu einer Ver­schlech­te­rung des Erhal­tungs­zu­stands der Popu­la­tio­nen der bei­den Schmet­ter­lings­ar­ten führt, steht einer Umsied­lung nichts ent­ge­gen.

Die Umsied­lung des Amei­sen­bläu­lings

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Gie­ßen in dem hier vor­lie­gen­den Eil­ver­fah­ren den Antrag des NABU abge­lehnt, mit dem ver­hin­dert wer­den soll­te, dass im Bau­ge­biet „In der Roos“ in Röd­gen mit den Vor­be­rei­tun­gen für die Erschlie­ßungs­ar­bei­ten in Gestalt der Umsied­lung zwei­er geschütz­ter Schmet­ter­lings­ar­ten begon­nen wird. Der Hel­le und der Dunk­le Wie­sen­knopf-Amei­sen­bläu­ling, zwei Schmet­ter­lings­ar­ten mit einem sehr kom­ple­xen Lebens­rhyth­mus, sol­len gefan­gen und umge­sie­delt wer­den. Sie sind zur Fort­pflan­zung nicht nur auf eine bestimm­te Pflan­ze, näm­lich den Gro­ßen Wie­sen­knopf, ange­wie­sen, son­dern benö­ti­gen zur Ver­meh­rung auch bestimm­te Amei­sen­ar­ten (Myr­mi­ca sca­b­ri­no­dis, Myrim­ca rubra und Myr­mi­ca samane­ti), in deren Bau sich die Rau­pen ein­nis­ten und ver­sor­gen las­sen.

Mit sei­nem Antrag wand­te sich der NABU gegen die Umsie­de­lung und mach­te gel­tend, ein „Ver­grä­men“ der Schmet­ter­lin­ge durch Mähen der Wie­sen, was aller­dings bis zu zwei Jah­re in Anspruch neh­men wür­de, sei für die Popu­la­ti­on scho­nen­der. Die Stadt berief sich dem­ge­gen­über auf die Ein­schät­zung von Sach­ver­stän­di­gen, wonach dies das Über­le­ben der nur in einem klei­nen Umkreis umher­flie­gen­den Schmet­ter­lin­ge nicht gewähr­leis­tet hät­te, weil auf dem Weg zu neu­en Habi­ta­ten kei­ne aus­rei­chen­den Flug­kor­ri­do­re bestün­den.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Gie­ßen sei die Ein­schät­zung der Stadt Gie­ßen nicht zu bean­stan­den. Zudem bestehe ein unab­weis­ba­res öffent­li­ches Inter­es­se für die Ver­wirk­li­chung des Bau­vor­ha­bens, da in Röd­gen kaum mehr Bau­land­re­ser­ven zur Ver­fü­gung stün­den, es aber in die­sem Stadt­teil eine anhal­ten­de Nach­fra­ge nach Bau­plät­zen gebe. Hin­zu kom­me, dass ein öffent­li­ches Inter­es­se dar­an bestehe, zunächst die gege­be­nen Innen- und Nach­ver­dich­tungs­po­ten­zia­le zu nut­zen, bevor Außen­be­reichs­flä­chen her­an­ge­zo­gen wer­den.

Außer­dem sei nach Mei­nung des Ver­wal­tungs­ge­richts Gie­ßen nicht zu erwar­ten, dass die Umsie­de­lung der Schmet­ter­lin­ge von der betrof­fe­nen Wie­sen­flä­che auf die „Krebs­wie­sen“ zu einer Ver­schlech­te­rung des Erhal­tungs­zu­stands der Popu­la­tio­nen der bei­den Schmet­ter­lings­ar­ten füh­re. Denn auf der Aus­weich­flä­che, habe sich der Bestand des Dunk­len Amei­sen­bläu­ling gut ent­wi­ckelt hat, wäh­rend der Hel­le Amei­sen­bläu­ling spär­li­cher vor­han­den sei. Die viel­fach grö­ße­re Aus­weich­flä­che wer­de seit vie­len Jah­ren unter Beach­tung von Natur­schutz­grün­den gemäht, sodass dort der Wie­sen­knopf zahl­reich anzu­tref­fen sei und so gute Stand­ort­be­din­gun­gen herrsch­ten.

Ver­wal­tungs­ge­richt Gie­ßen, Beschluss vom 14. Juli 2020 – 1 L 2397/​20.GI