Die Vor­ab­be­rück­sich­ti­gung von „Inklu­si­ons­schü­lern“ bei der Schul­aus­wahl­ent­schei­dung

Die gesetz­li­chen Rege­lun­gen über die Zuwei­sung der Inklu­si­ons­schü­ler an eine Schu­le haben Vor­rang vor den all­ge­mei­nen Ver­tei­lungs­re­ge­lun­gen für ande­re Schü­ler.

Die Vor­ab­be­rück­sich­ti­gung von „Inklu­si­ons­schü­lern“ bei der Schul­aus­wahl­ent­schei­dung

So das Ham­bur­gi­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in dem hier vor­lie­gen­den Fall, in dem sich eine Schü­le­rin dage­gen gewehrt hat, nicht an der von ihr gewünsch­ten Schu­le auf­ge­nom­men wor­den zu sein, weil u.a. Kin­der mit son­der­päd­ago­gi­schem För­der­be­darf vor­ab berück­sich­tigt wor­den waren. Mit Beschluss vom 23. Juli 2013 hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg die bean­trag­te einst­wei­li­ge Anord­nung erlas­sen: Die­se Vor­ab­be­rück­sich­ti­gung sei mit den gesetz­li­chen Vor­ga­ben des § 42 Abs. 7 Satz 2 und 3 HmbSG nicht zu ver­ein­ba­ren. § 12 HmbSG recht­fer­ti­ge kei­ne Abwei­chung von die­sen Vor­ga­ben. Die Antrag­stel­le­rin kön­ne im Hin­blick auf das feh­ler­haf­te Aus­wahl­ver­fah­ren die Zuwei­sung eines Plat­zes an ihrer Wunsch­schu­le bean­spru­chen. Gegen die­se Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts hat sich die Antrags­geg­ne­rin mit ihrer Beschwer­de gewandt.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Ham­bur­gi­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­führt, dass § 12 HmbSG Kin­dern mit son­der­päd­ago­gi­schem För­der­be­darf das Recht gewährt, anstel­le von Son­der­schu­len all­ge­mei­ne Schu­len zu besu­chen, und dort gemein­sam mit Schü­lern ohne son­der­päd­ago­gi­schen För­der­be­darf unter­rich­tet und beson­ders geför­dert zu wer­den. Glei­ches gilt für Kin­der, die wegen einer Behin­de­rung beson­de­rer Inte­gra­ti­ons­leis­tun­gen im Zusam­men­hang mit dem Schul­be­such bedür­fen, ohne dass sie einen son­der­päd­ago­gi­schen För­der­be­darf hät­ten (§ 12 Abs. 6 HmbSG). Die Vor­schrift dient der Umset­zung von Art. 24 des UN-Über­ein­kom­mens über die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­run­gen vom 13. Dezem­ber 2006 [1]. Hier­nach gewähr­leis­ten die Ver­trags­staa­ten im Rah­men der Aner­ken­nung des Rechts von Men­schen mit Behin­de­run­gen auf Bil­dung ein inte­gra­ti­ves Bil­dungs­sys­tem auf allen Ebe­nen („an inclu­si­ve edu­ca­ti­on sys­tem at all levels“).

Im Zusam­men­hang mit einem dia­gno­se­ge­stütz­ten För­der­plan (§12 Abs. 4 HmbSG) ist auch zusam­men mit den Eltern und soweit mög­lich dem betref­fen­den Kind die geeig­ne­te Schu­le – zunächst hin­sicht­lich der Schul­form – zu bestim­men. Dar­über hin­aus wird der „Lern­ort“ fest­ge­legt (§ 12 Abs. 4 Satz 5 HmbSG). Ent­ge­gen der Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts ist unter die­sem Begriff nicht die Form der Schu­le (Stadt­teil­schu­le, Gym­na­si­um, Son­der­schu­le) zu ver­ste­hen, son­dern die kon­kre­te Schu­le inner­halb der gewähl­ten Schul­form. Denn bei der Fest­le­gung des Lern­orts sol­len die in der Schu­le vor­han­de­nen bau­li­chen Gege­ben­hei­ten, die Erfah­rung der Schu­le im Umgang mit Schü­lern mit son­der­päd­ago­gi­schem För­der­be­darf, die Sicher­stel­lung einer hete­ro­ge­nen Zusam­men­set­zung der Schü­ler­schaft (mit und ohne son­der­päd­ago­gi­chen Förer­be­darf), die Aus­stat­tung der Schu­le mit Per­so­nal für die son­der­päd­ago­gi­sche För­de­rung d die Erreich­bar­keit der Schu­le unter dem Gesichts­punkt der Schü­ler­be­för­de­rung berück­sich­tigt wer­den. Fer­ner ist zu berück­sich­ti­gen, dass Schu­len je Klas­se eines Jahr­gangs durch­schnitt­lich mög­lichst nicht mehr als 4 Schü­ler mit son­der­päd­ago­gi­schem För­der­be­darf zuge­wie­sen wer­den; fer­ner ist eine gleich­mä­ßi­ge Ver­tei­lung der Schü­ler mit son­der­päd­ago­gi­schem För­der­be­darf über Schu­len der Regi­on anzu­stre­ben. Bei die­sem Ver­ständ­nis des Begriffs „Lern­ort“ ist eine Vor­ab­zu­wei­sung der „Inklu­si­ons­kin­der“ zwin­gend, wenn die Zie­le der Inklu­si­on unter Berück­sich­ti­gung der in § 12 HmbSG und § 15 AO-SF gere­gel­ten Zie­le und Maß­ga­ben im Inter­es­se sowohl der Schü­ler mit als auch der ohne son­der­päd­ago­gi­schen För­der­be­darf ver­wirk­licht wer­den sol­len.

Anders als das Ver­wal­tungs­ge­richt ist das Beschwer­de­ge­richt der Auf­fas­sung, dass für die Zuwei­sung von Schü­lern mit son­der­päd­ago­gi­schem För­der­be­darf die Vor­schrif­ten des § 12 Abs. 4 HmbSG und des § 15 AO-SF, der auf der gesetz­li­chen Ermäch­ti­gung durch § 12 Abs. 4 Satz 7 HmbSG beruht, eine aus­rei­chend kla­re Grund­la­ge dar­stel­len, die Vor­rang (im Sinn einer lex spe­cia­lis) vor der all­ge­mei­nen Rege­lung des § 42 Abs. 7 HmbSG hat. Dies bevor­zugt Inklu­si­ons­schü­ler nicht unge­recht­fer­tigt, da es ohne den gesetz­lich gere­gel­ten Vor­rang zu einer völ­lig unglei­chen Ver­tei­lung der Inklu­si­ons­schü­ler kom­men und dies zu einer Über­for­de­rung sämt­li­cher Betei­lig­ten füh­ren kann. Der Vor­rang ist not­wen­dig zur Errei­chung der mit dem Inklu­si­ons­ge­dan­ken ver­folg­ten Zie­le.

Ist somit die Kapa­zi­tät der MS mit den 138 (6 x 23) auf­ge­nom­me­nen Schü­lern (§ 87 Abs. 1 Satz 1 HmbSG) erschöpft, ist – auch bei vol­ler Prü­fung des Vor­brin­gens der Antrag­stel­le­rin im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren – nicht erkenn­bar, wor­aus ein Anspruch der Antrag­stel­le­rin her­zu­lei­ten sein soll­te, über die gesetz­li­che Soll­ka­pa­zi­tät hin­aus an der von ihr gewünsch­ten Schu­le auf­ge­nom­men zu wer­den. Dass im Fall der Antrag­stel­le­rin die Vor­aus­set­zun­gen eines Här­te­falls nicht gege­ben sind, hat das Ver­wal­tungs­ge­richt zutref­fend aus­ge­führt.

Aus die­sen dar­ge­leg­ten Grün­den sind der Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts abzu­än­dern und der Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung abzu­leh­nen. Der Antrag­stel­le­rin steht für die begehr­te einst­wei­li­ge Anord­nung kein Anord­nungs­an­spruch zu.

Ham­bur­gi­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 30. Juli 2013 – 1 Bs 231/​13

  1. Zustim­mungs­ge­setz vom 21.12.2008, BGBl. II S. 1419[]