Die Wahl der Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he blieb jetzt Beset­zungs­rü­ge ohne Erfolg, wel­che die Wahl der Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter durch den Wahl­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges betraf.

Die Wahl der Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter

Im Rah­men einer Wahl­prü­fungs­be­schwer­de rüg­te der Beschwer­de­füh­rer die per­so­nel­le Beset­zung des Senats, weil die vom Deut­schen Bun­des­tag zu wäh­len­den Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter durch den hier­für vom Bun­des­tag ein­ge­rich­te­ten Wahl­aus­schuss gewählt wor­den sei­en. Die indi­rek­te Wahl ver­sto­ße gegen Art. 94 Abs. 1 Satz 2 GG, wonach die Hälf­te der Rich­ter vom Bun­des­tag zu wäh­len sei. Die per­so­nel­le Beset­zung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts als Ver­fas­sungs­or­gan erfor­de­re eine gestei­ger­te demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on und müs­se dem Ple­num des Bun­des­ta­ges vor­be­hal­ten sein.

Der Zwei­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat sei­ne ord­nungs­ge­mä­ße Beset­zung fest­ge­stellt und die Wahl­prü­fungs­be­schwer­de, soweit sie nicht im Hin­blick auf die Ent­schei­dung vom 9. Novem­ber 2011 für erle­digt erklärt wor­den ist, zurück­ge­wie­sen.

Nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass der Deut­sche Bun­des­tag die von ihm zu beru­fen­den Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gemäß § 6 BVerfGG in indi­rek­ter Wahl durch einen aus zwölf Abge­ord­ne­ten bestehen­den Wahl­aus­schuss wählt, des­sen Mit­glie­der der Ver­schwie­gen­heit unter­lie­gen und der mit Zwei-Drit­tel-Mehr­heit ent­schei­det. Die Vor­schrift des Art. 94 Abs. 1 Satz 2 GG, wonach die Mit­glie­der des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts je zur Hälf­te vom Bun­des­tag und vom Bun­des­rat gewählt wer­den, gibt den Wahl­mo­dus nicht vor, son­dern ist auf Aus­ge­stal­tung durch den Gesetz­ge­ber hin ange­legt. Der Wahl­re­ge­lung des § 6 BVerfGG liegt die Aus­le­gung zugrun­de, dass Art. 94 Abs. 1 Satz 2 GG für eine gesetz­li­che Gestal­tung des Wahl­ver­fah­rens auch inso­fern offen ist, als die Wahl­ent­schei­dung nicht not­wen­di­ger­wei­se im Ple­num zu tref­fen ist. Die­se Aus­le­gung ist durch den ver­fas­sungs­än­dern­den Gesetz­ge­ber bestä­tigt und vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bereits früh als ver­fas­sungs­ge­mäß erach­tet wor­den.

Die Über­tra­gung der Rich­ter­wahl auf den Aus­schuss gemäß § 6 BVerfGG ver­stößt auch nicht gegen die Reprä­sen­ta­ti­ons­funk­ti­on des Deut­schen Bun­des­ta­ges, die die­ser grund­sätz­lich in sei­ner Gesamt­heit wahr­nimmt. Die Rege­lung fin­det ihre Recht­fer­ti­gung in dem erkenn­ba­ren gesetz­ge­be­ri­schen Ziel, das Anse­hen des Gerichts und das Ver­trau­en in sei­ne Unab­hän­gig­keit zu fes­ti­gen und damit sei­ne Funk­ti­ons­fä­hig­keit zu sichern.

Der Senat hat sei­ne ord­nungs­ge­mä­ße Beset­zung zur Wah­rung des Anspruchs aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG von Amts wegen zu prü­fen, soweit Anlass hier­zu besteht 1. Die vier vom Deut­schen Bun­des­tag beru­fe­nen Senats­mit­glie­der sind von der Teil­nah­me an der Prü­fung nicht aus­ge­schlos­sen. Zwar erfolgt die Fest­stel­lung der rich­ti­gen Beset­zung eines erken­nen­den Gerichts regel­mä­ßig ohne Betei­li­gung des Rich­ters, des­sen Berech­ti­gung zur Mit­wir­kung zwei­fel­haft erscheint 2. Dies gilt auch dann, wenn die Ord­nungs­ge­mäß­heit sei­ner Wahl in Fra­ge gestellt wird 3. Indes sind hier mit vier Senats­mit­glie­dern der­art vie­le Rich­ter betrof­fen, dass die Beur­tei­lung der vor­schrifts­mä­ßi­gen Senats­be­set­zung der Fra­ge nach der ord­nungs­ge­mä­ßen Ein­rich­tung eines Spruch­kör­pers gleich­zu­set­zen ist, über die die­ser selbst befin­det 4. Dies fin­det für die vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on sei­ne Bestä­ti­gung in der Erwä­gung, dass ande­ren­falls eine bei diver­gie­ren­den Auf­fas­sun­gen der Sena­te her­bei­zu­füh­ren­de Ent­schei­dung des Ple­nums nicht erge­hen könn­te, weil die­ses nicht beschluss­fä­hig wäre (§ 16 Abs. 2 BVerfGG).

Es ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass der Deut­sche Bun­des­tag die von ihm zu beru­fen­den Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in indi­rek­ter Wahl durch einen aus zwölf Abge­ord­ne­ten bestehen­den Wahl­aus­schuss (§ 6 BVerfGG) wählt.

Nach Art. 94 Abs. 1 Satz 2 GG wer­den die Mit­glie­der des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts je zur Hälf­te vom Bun­des­tag und vom Bun­des­rat gewählt. Die Vor­schrift gibt den Wahl­mo­dus nicht vor, son­dern ist – wie dies bei den Bestim­mun­gen über die Judi­ka­ti­ve (Art. 92 ff. GG) ins­ge­samt der Fall ist – auf Aus­ge­stal­tung durch den Gesetz­ge­ber hin ange­legt. Der Wahl­re­ge­lung des § 6 BVerfGG, nach der die vom Bun­des­tag zu beru­fen­den Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts mit Zwei­drit­tel­mehr­heit (§ 6 Abs. 5 BVerfGG) von einem Aus­schuss des Bun­des­ta­ges (§ 6 Abs. 1, 2 BVerfGG) gewählt wer­den, liegt die Aus­le­gung zugrun­de, dass Art. 94 Abs. 1 Satz 2 GG für eine gesetz­li­che Gestal­tung des Wahl­ver­fah­rens auch inso­fern offen ist, als die Wahl­ent­schei­dung nicht not­wen­di­ger­wei­se im Ple­num zu tref­fen ist. Die­se Aus­le­gung ist durch den ver­fas­sungs­än­dern­den Gesetz­ge­ber bestä­tigt wor­den. Die­ser hat die immer wie­der geüb­te Kri­tik an der Zuläs­sig­keit der indi­rek­ten Wahl 5 nicht zum Anlass genom­men, bei den mehr­fach erfolg­ten Ände­run­gen der Arti­kel 92 bis 94 GG und ins­be­son­de­re bei der Ein­fü­gung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de in das Grund­ge­setz 6 eine Kor­rek­tur her­bei­zu­füh­ren.

Auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat sich bereits früh in sei­nen Bemer­kun­gen zu dem Rechts­gut­ach­ten von Pro­fes­sor Richard Tho­ma 7 zur Offen­heit des Gestal­tungs­auf­tra­ges aus Art. 94 Abs. 1 Satz 2 GG aus­ge­spro­chen und die vom Gesetz­ge­ber vor­ge­se­he­ne mit­tel­ba­re Wahl als ver­fas­sungs­ge­mäß erach­tet. Die­se Auf­fas­sung liegt der Recht­spre­chung bei­der Sena­te durch­ge­hend zugrun­de. Etwai­gen Zwei­feln hät­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jeden­falls in der Ent­schei­dung des Zwei­ten Senats vom 03.12.1975 8 zur Wie­der­wahl des Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ters Dr. Zeid­ler, der vom Bun­des­tag beru­fen wor­den war, Aus­druck ver­lei­hen müs­sen. Auch wenn die Fra­ge nach der Zuläs­sig­keit der Wie­der­wahl Dr. Zeid­lers im Vor­der­grund stand, so hät­te das Ver­fah­ren dem Senat aus­rei­chend Anlass gebo­ten, die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der mit­tel­ba­ren Wahl neu zu beur­tei­len, wenn er der zuvor geäu­ßer­ten Rechts­an­sicht des Gerichts nicht mehr hät­te fol­gen wol­len. Glei­ches gilt im Hin­blick auf die Ent­schei­dung des Ers­ten Senats zur Wahl des Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ters Dr. Hen­schel 9. Dr. Hen­schel war zwar vom Bun­des­rat gewählt wor­den, doch äußer­te der Ers­te Senat kei­ne Beden­ken gegen­über der Berech­ti­gung sei­ner vier vom Bun­des­tag gewähl­ten Mit­glie­der zur Mit­wir­kung an der Ent­schei­dungs­fin­dung.

Die Über­tra­gung der Rich­ter­wahl auf den Aus­schuss gemäß § 6 BVerfGG ver­stößt auch nicht gegen die Reprä­sen­ta­ti­ons­funk­ti­on des Deut­schen Bun­des­ta­ges. Die Reprä­sen­ta­ti­ons­funk­ti­on nimmt der Deut­sche Bun­des­tag grund­sätz­lich in sei­ner Gesamt­heit wahr, durch die Mit­wir­kung aller sei­ner Mit­glie­der. Dies setzt glei­che Mit­wir­kungs­be­fug­nis­se aller Abge­ord­ne­ten vor­aus, zu denen das Recht zählt, sich an den vom Par­la­ment vor­zu­neh­men­den Wah­len zu betei­li­gen 10. Durch die indi­rek­te Wahl der Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sind all die­je­ni­gen Abge­ord­ne­ten in ihren Mit­wir­kungs­rech­ten ein­ge­schränkt, die nicht dem Wahl­aus­schuss ange­hö­ren.

Soweit Abge­ord­ne­te durch die Über­tra­gung von Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen auf einen beschlie­ßen­den Aus­schuss von der Mit­wir­kung an der par­la­men­ta­ri­schen Ent­schei­dungs­fin­dung aus­ge­schlos­sen wer­den, ist dies nur zum Schutz ande­rer Rechts­gü­ter mit Ver­fas­sungs­rang und unter strik­ter Wah­rung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zuläs­sig. Es bedarf eines beson­de­ren Grun­des, der durch die Ver­fas­sung legi­ti­miert und von einem Gewicht ist, das der Gleich­heit der Abge­ord­ne­ten die Waa­ge hal­ten kann. Einen der­ar­ti­gen Grund kann die Wah­rung der Ver­trau­lich­keit einer Ange­le­gen­heit bil­den 11. Fer­ner muss der Grund­satz der Spie­gel­bild­lich­keit gewahrt wer­den, der ver­langt, dass der Aus­schuss die Zusam­men­set­zung des Ple­nums in sei­ner kon­kre­ten, durch die Frak­tio­nen gepräg­ten Gestalt abbil­det. Zudem dür­fen die Infor­ma­ti­ons- und Unter­rich­tungs­mög­lich­kei­ten für die nicht betei­lig­ten Abge­ord­ne­ten nicht über das unab­ding­bar not­wen­di­ge Maß hin­aus beschränkt wer­den 12.

Die Über­tra­gung der Wahl der Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter auf einen Wahl­aus­schuss, des­sen Mit­glie­der der Ver­schwie­gen­heits­pflicht unter­lie­gen (§ 6 Abs. 4 BVerfGG), fin­det ihre Recht­fer­ti­gung in dem erkenn­ba­ren gesetz­ge­be­ri­schen Ziel, das Anse­hen des Gerichts und das Ver­trau­en in sei­ne Unab­hän­gig­keit zu fes­ti­gen und damit sei­ne Funk­ti­ons­fä­hig­keit zu sichern. Die Ein­schät­zung, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Funk­ti­ons­ein­bu­ßen erlei­den könn­te, wenn die Wahl sei­ner Mit­glie­der im Bun­des­tag nicht in einer Ver­trau­lich­keit wah­ren­den Wei­se statt­fän­de, mag nicht in dem Sin­ne gebo­ten sein, dass sie den Gesetz­ge­ber hin­der­te, ande­re Moda­li­tä­ten der Rich­ter­wahl zu bestim­men. Das vom Gesetz­ge­ber ver­folg­te Anlie­gen ist aber von hin­rei­chen­dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewicht, um den Ver­zicht auf eine Wahl der Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im Ple­num zuguns­ten eines Wahl­män­ner­gre­mi­ums, das mit Zwei­Drit­tel­Mehr­heit ent­schei­det (vgl. § 6 Abs. 5 BVerfGG) und des­sen Erör­te­run­gen der Ver­trau­lich­keit unter­lie­gen, zu legi­ti­mie­ren.

Ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken bestehen auch nicht gegen­über dem in § 6 Abs. 2 BVerfGG gere­gel­ten Ver­fah­ren zur Beset­zung des Wahl­aus­schus­ses. Vor­ge­se­hen ist die Anwen­dung des Höchst­zahl­ver­fah­rens nach d'Hondt. Auf die­ses Ver­fah­ren darf der Gesetz­ge­ber zur Siche­rung der Spie­gel­bild­lich­keit grund­sätz­lich zurück­grei­fen 13, und es ist nicht ersicht­lich, war­um hier ande­res gel­ten könn­te.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. Juni 2012 – 2 BvC 2/​10

  1. vgl. BVerfGE 65, 152, 154 m.w.N.[]
  2. vgl. BVerfGE 82, 286, 298 m.w.N.[]
  3. vgl. BVerfGE 40, 356; 65, 152[]
  4. vgl. zur Kam­mer­be­set­zung BVerfG, Beschlüs­se vom 27.04.1989 – 1 BvR 268/​88, NJW 1990, 39; und vom 26.06.1989 – 2 BvR 1484/​88, NJW 1990, 39[]
  5. vgl. Pie­per, Ver­fas­sungs­rich­ter­wah­len, 1998, S. 29 ff., m.w.N.[]
  6. BGBl I 1969 S. 97[]
  7. Tho­ma JöR n.F. Bd. 6, 1957, S.194, 202 Fn. 26[]
  8. BVerfGE 40, 356[]
  9. BVerfGE 65, 152[]
  10. BVerfG, Urteil vom 28.02.2012 – 2 BvE 8/​11, NVwZ 2012, 495, 496 f., Rn. 102 ff. m.w.N.[]
  11. BVerfG, Urteil vom 28.02.2012, a.a.O., S. 499 f., 501 f., Rn. 124, 143[]
  12. BVerfG, Urteil vom 28.02.2012, a.a.O., S. 499 f., 503, Rn. 125 f., 154[]
  13. vgl. BVerfG, Urteil vom 28.02.2012, a.a.O., S. 500, Rn. 129[]