Die Wer­be­flä­che an der Haus­wand

Eine über­gro­ße Wer­be­flä­che an einer Haus­wand wider­spricht dem Ver­un­stal­tungs­ver­bot des Art. 8 Satz 2 Bay­BO. Nach die­ser Vor­schrift dür­fen bau­li­che Anla­gen das Stra­ßen, Orts- und Land­schafts­bild nicht ver­un­stal­ten.

Die Wer­be­flä­che an der Haus­wand

Eine sol­che Wer­be­an­la­ge ver­un­stal­tet das Orts- und Stra­ßen­bild i. S. d. Art. 8 Satz 2 Bay­BO durch die Ver­un­stal­tung des Gebäu­des selbst, an wel­chem sie ange­bracht wer­den soll und durch die hier­von aus­ge­hen­de Aus­wir­kung auf das umge­ben­de Stra­ßen­bild, da der erfor­der­li­che maß­vol­le Kon­trast zu vor­han­de­nen nähe­ren Umge­bung nicht gege­ben ist.

Die Umge­bung, die zur gestal­te­ri­schen Beur­tei­lung her­an­zu­zie­hen ist, bestimmt sich nach dem Umfang der gestal­te­ri­schen Aus­wir­kun­gen der bau­li­chen Anla­ge1.

Ver­un­stal­tung des Gebäu­des

In Bezug auf Wer­be­an­la­gen ent­spricht es der stän­di­gen Recht­spre­chung des BayVGH, wel­cher sich das Ver­wal­tungs­ge­richt anschließt, dass sie ihren Anbrin­gungs­ort ver­un­stal­ten, wenn sie die Gebäu­de­wand, an der sie ange­bracht wer­den sol­len, zu einem Wer­be­trä­ger umfunk­tio­nie­ren oder einem vor­han­de­nen ruhi­gen Erschei­nungs­bild einen Fremd­kör­per auf­set­zen und damit emp­find­lich stö­ren2.

Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen wür­de die streit­ge­gen­ständ­li­che Wer­be­an­la­ge in dem hier ent­schie­de­nen Fall die Gie­bel­flä­che des Wohn­hau­ses zu einem Wer­be­trä­ger umfunk­tio­nie­ren und dadurch das Gebäu­de ver­un­stal­ten. Die Wer­be­flä­che ist im Ver­hält­nis zur frei­en Fas­sa­den­flä­che zu groß.

Der geplan­te Anbrin­gungs­ort der streit­ge­gen­ständ­li­chen Wer­be­an­la­ge im Euro-For­mat soll die ver­blei­ben­de Gie­bel­flä­che mit­tig fast voll­stän­dig aus­fül­len. Damit steht die Wer­be­an­la­ge gestal­te­risch im Vor­der­grund und lässt das Erschei­nungs­bild des Gie­bels als Teil eines Wohn­hau­ses unan­ge­mes­sen zurück­tre­ten.

Außer­dem wür­de die ent­ste­hen­de Situa­ti­on das ästhe­ti­sche Emp­fin­den eines „gebil­de­ten Durch­schnitts­men­schen” ver­let­zen und als belas­tend oder Unlust erre­gend emp­fun­den wer­den3. Denn die Gie­bel­flä­che weist vier unter­schied­lich gro­ße Fens­ter­öff­nun­gen auf, die auf vier ver­schie­de­nen Höhen im Erd- und ers­ten Ober­ge­schoß auf der lin­ken Gie­bel­sei­te, im zwei­ten Ober­ge­schoß und im Dach­bo­den in der Mit­te der Gie­bel­flä­che lie­gen.

Die Wer­be­ta­fel befin­det sich zwi­schen dem Erd- und dem ers­ten Ober­ge­schoß auf der rech­ten Gie­bel­sei­te. Sie schafft damit hin­sicht­lich Form, Anbrin­gungs­hö­he und Flä­che einen fünf­ten, von den übri­gen Gestal­tungs­ele­men­ten wie­der­um abwei­chen­den Bezugs­punkt auf der Gie­bel­sei­te und ver­stärkt damit noch den ohne­hin unru­hi­gen und unsym­me­tri­schen Zustand der Fas­sa­de in nicht mehr hin­nehm­ba­rer Wei­se. Dabei gilt, dass es einen Rechts­satz des Inhalts „Was bereits ver­un­stal­tet ist, kann nicht mehr ver­un­stal­tet wer­den” nicht gibt4.

Die­se durch die streit­ge­gen­ständ­li­che Wer­be­an­la­ge ver­ur­sach­te Ver­un­stal­tung führt zu einer Ver­un­stal­tung des Stra­ßen­bil­des i. S. d. Art. 8 S. 2 Bay­BO.

Im rele­van­ten Umge­bungs­be­reich fin­det sich ein ein­heit­lich aus Wohn- und land­wirt­schaft­li­chen Neben­ge­bäu­den bestehen­des, sehr gleichartig/​gleichmäßig wir­ken­des Stra­ßen­bild, das sich in die­sem Bereich ent­lang der … Stra­ße als eine sehr ruhi­ge „unspek­ta­ku­lä­re” Bebau­ung dar­stellt.

Die­ses unauf­fäl­li­ge Stra­ßen­bild wür­de nach Über­zeu­gung der Ver­wal­tungs­ge­richt – so das Ergeb­nis des durch­ge­führ­ten Augen­scheins – durch die in Bezug auf die geplan­te Wer­be­an­la­ge fest­ge­stell­te Ver­un­stal­tung der Gie­bel­flä­che des Gebäu­des von einem für ästhe­ti­sche Ein­drü­cke offe­nen Durch­schnitts­be­trach­ter nicht nur als beein­träch­ti­gend, son­dern als mas­siv belas­tend emp­fun­den wer­den, ins­be­son­de­re des­halb, weil die Fas­sa­de des unmit­tel­bar west­lich gele­ge­nen Gara­gen­ge­bäu­des auf dem Grund­stück FlNr. …fens­ter­los, dörf­lich und sehr ruhig gestal­tet ist.

Das Tat­be­stands­merk­mal der Ver­un­stal­tung i. S. d. Art. 8 Satz 2 Bay­BO ist damit erfüllt.

Ver­un­stal­tung der Umge­bung

Dar­über hin­aus wür­de im hier vom Ver­wal­tungs­ge­richt Ans­bach ent­schie­de­nen Fall das vor­ge­fun­de­ne Stra­ßen­bild nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts urch die streit­ge­gen­ständ­li­che Anla­ge auch dann ver­letzt wer­den i. S. d. Art. 8 Satz 2 Bay­BO, wenn man kei­ne Ver­un­stal­tung der Gie­bel­flä­che anneh­men woll­te.

Eine Wer­be­an­la­ge ist dazu bestimmt auf­zu­fal­len. Der dafür nöti­ge Kon­trast zur Umge­bung muss maß­voll sein, um das Gesamt­bild nicht zu stö­ren.

Die­ses wird beein­träch­tigt, wenn die Wer­be­an­la­ge so auf­dring­lich wirkt, dass sie als wesens­frem­des Gebil­de zu ihrer Umge­bung in kei­ner­lei Bezug mehr steht5.

Nach die­sen Maß­stä­ben ist vor­lie­gend eine Ver­un­stal­tung des Stra­ßen­bil­des (unmit­tel­bar) durch die geplan­te Wer­be­an­la­ge gege­ben. Bis­her ist das hier rele­van­te Stra­ßen­bild ent­lang der … Stra­ße frei von Fremd­wer­bung. Die streit­ge­gen­ständ­li­che Wer­be­an­la­ge bräch­te (erst­mals) gestal­te­ri­sche Unru­he in die­se Umge­bung, die bis­her kei­ner­lei Ent­spre­chung fin­det und in ästhe­ti­scher Hin­sicht zu erheb­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen der bau­li­chen Situa­ti­on füh­ren wür­de.

Der geplan­te Wer­be­trä­ger wür­de im vor­han­de­nen unauf­fäl­li­gen, sehr ein­heit­li­chen Stra­ßen­bild als stö­ren­der Fremd­kör­per erschei­nen.

Aus all­dem folgt, dass die bean­trag­te Bau­ge­neh­mi­gung wegen Ver­sto­ßes gegen das Ver­un­stal­tungs­ver­bot in Art. 8 Satz 2 Bay­BO zu Recht nicht erteilt wur­de.

Ver­wal­tungs­ge­richt Ans­bach, Urteil vom 9. Juni 2016 – – AN 3 K 15.01175

  1. vgl. BayVGH vom 16.02.2016, – 2 ZB 15.2503
  2. vgl. BayVGH U. v. 11.11.2014 – 15 B 12.2765 – juris m. w. N.; BayVGH B. v. 16.02.2016 a. a. O.
  3. BVerwG, U. v. 28.06.1955 – I C 146.53, BVerw­GE 2, 172; Simon/​Busse/​Dirnberger, Bay­BO, Art. 8 Rn. 54, 59 m. w. N.
  4. OVG NRW, U. v.06.02.1992 – 11 A 2235/​89, NVwZ 1993, 89; Simon/​Busse/​Dirnberger, a. a. O. Rn. 55
  5. vgl. z. B. BayVGH vom 16.09.2005, 26 B 04.3258