Die aktu­el­le Zusam­men­set­zung des Bun­des­ta­ges – und kei­ne einst­wei­li­ge Anord­nung aus Karls­ru­he

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb jetzt ein Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung bezüg­lich der Zusam­men­set­zung des 19. Deut­schen Bun­des­tags ohne Erfolg:

Die aktu­el­le Zusam­men­set­zung des Bun­des­ta­ges – und kei­ne einst­wei­li­ge Anord­nung aus Karls­ru­he

Der Antrag­stel­ler hat gegen die Wahl zum 19. Deut­schen Bun­des­tag am 24.09.2017 einen Ein­spruch ein­ge­legt, über den bis­her noch nicht ent­schie­den ist. In der Sache macht er eine Ver­let­zung von Art. 38 Abs. 1 GG gel­tend, den er durch Schaf­fung von 46 Über­hang- und 65 Aus­gleichs­man­da­ten sowie 19 wei­te­ren Man­da­ten, deren Rechts­grund­la­ge nicht nach­voll­zieh­bar sei, ver­letzt sieht. Die­se Man­da­te führ­ten zu einer Erhö­hung der Sitz­zahl im Deut­schen Bun­des­tag und ver­wirk­lich­ten nicht – wie vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 25.07.20121 gefor­dert – das Ziel, die Abge­ord­ne­ten zur Hälf­te per­so­nen­be­zo­gen zu legi­ti­mie­ren, son­dern lie­ßen Beein­träch­ti­gun­gen des föde­ra­len Pro­por­zes erwar­ten.

Mit sei­nem Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung gemäß § 32 BVerfGG begehrt der Antrag­stel­ler die Ver­pflich­tung des Deut­schen Bun­des­ta­ges, über sei­nen Wahl­ein­spruch inner­halb eines Monats nach dem Erlass der einst­wei­li­gen Anord­nung zu ent­schei­den.

Er sieht dadurch, dass der Bun­des­tag über sein Begeh­ren nicht ent­schie­den hat, die Rechts­weg­ga­ran­tie des Art.19 Abs. 4 GG ver­letzt. Die­se sei auf die Durch­füh­rung eines Gerichts­ver­fah­rens gerich­tet. Nach Art. 41 GG in Ver­bin­dung mit § 48 BVerfGG ste­he ihm – dem Antrag­stel­ler – das Recht zu, sofern der Ein­spruch gegen die Bun­des­tags­wahl 2017 vom Bun­des­tag ver­wor­fen wer­de, Beschwer­de beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu erhe­ben. Die­ses Recht wer­de mit jedem Tag, der ver­ge­he, ohne dass eine Ent­schei­dung erfol­ge, gemin­dert und sei letzt­lich gegen Ende der Legis­la­tur­pe­ri­ode des 19. Deut­schen Bun­des­ta­ges voll­ends ent­wer­tet. Nur die zeit­na­he Ent­schei­dung über den Ein­spruch gewähr­leis­te, dass das Recht der Wahl­an­fech­tung den damit ver­bun­de­nen Zweck erfül­len kön­ne. Die inso­fern bestehen­de Lücke des § 16 Wahl­prü­fungs­ge­setz sei mit Hil­fe einer sinn­ge­mä­ßen Anwen­dung des § 32 BVerfGG aus­zu­fül­len, damit Art. 41 GG nicht nahe­zu bedeu­tungs­los wer­den kön­ne. Den zu befürch­ten­den schwe­ren, anders nicht abwend­ba­ren Nach­teil im Sin­ne des § 32 BVerfGG sieht der Antrag­stel­ler in einem ille­gi­ti­men Bun­des­tag, der über Jah­re hin­weg die Staats­ge­walt aus­übe.

Der Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung ist abzu­leh­nen.

Nach § 32 Abs. 1 BVerfGG kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Streit­fall – auch schon vor Anhän­gig­keit eines Ver­fah­rens zur Haupt­sa­che2 – einen Zustand durch einst­wei­li­ge Anord­nung vor­läu­fig regeln, wenn dies zur Abwehr schwe­rer Nach­tei­le, zur Ver­hin­de­rung dro­hen­der Gewalt oder aus einem ande­ren wich­ti­gen Grund zum gemei­nen Wohl drin­gend gebo­ten ist. Dabei haben die Grün­de, die für die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des ange­grif­fe­nen Hoheits­ak­tes vor­ge­tra­gen wer­den, grund­sätz­lich außer Betracht zu blei­ben. Der Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung hat jedoch kei­nen Erfolg, wenn der Antrag in der Haupt­sa­che unzu­läs­sig oder offen­sicht­lich unbe­grün­det wäre3.

Nach die­sen Grund­sät­zen kommt der Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung vor­lie­gend nicht in Betracht, da ein zuläs­si­ger Antrag in der Haupt­sa­che nicht gestellt wer­den könn­te. Sowohl eine auf die Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Über­hang- und Aus­gleichs­man­da­te nach § 6 Abs. 4 bis 6 BWahlG gerich­te­te Wahl­prü­fungs­be­schwer­de als auch eine auf die Ver­let­zung der Garan­tie effek­ti­ven Rechts­schut­zes gestütz­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de wären unzu­läs­sig. Sons­ti­ge Anträ­ge in der Haupt­sa­che sind nicht ersicht­lich.

Eine auf die Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Über­hang- und Aus­gleichs­man­da­te nach § 6 Abs. 4 bis 6 BWahlG gerich­te­te Wahl­prü­fungs­be­schwer­de wäre unzu­läs­sig.

Der Zuläs­sig­keit steht der feh­len­de Abschluss des Wahl­ein­spruchs­ver­fah­rens vor dem Deut­schen Bun­des­tag ent­ge­gen. Gemäß Art. 41 Abs. 2 GG in Ver­bin­dung mit § 48 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG ist erst gegen den Beschluss des Deut­schen Bun­des­ta­ges die Beschwer­de an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zuläs­sig4. Dar­an fehlt es hier. Dabei kann dahin­ste­hen, ob etwas ande­res gilt, wenn dem Beschwer­de­füh­rer ein Abwar­ten der Ent­schei­dung des Deut­schen Bun­des­ta­ges über den ein­ge­leg­ten Wahl­ein­spruch nicht zuge­mu­tet wer­den kann. Dies könn­te in Betracht kom­men, wenn über einen Wahl­ein­spruch nicht in ange­mes­se­ner Frist ent­schie­den wird und dadurch die Gefahr besteht, dass das Wahl­prü­fungs­be­schwer­de­ver­fah­ren nicht mehr zeit- oder sach­ge­recht durch­ge­führt wer­den kann5. Der Antrag­stel­ler hat jedoch kei­ne Umstän­de vor­ge­tra­gen, die für die Unzu­mut­bar­keit des Abwar­tens der Ent­schei­dung des Deut­schen Bun­des­ta­ges spre­chen. Sol­che sind auch nicht in sons­ti­ger Wei­se ersicht­lich. Die bis­he­ri­ge Dau­er des Wahl­ein­spruchs­ver­fah­rens von weni­ger als einem Jahr kann nicht ohne Wei­te­res als unan­ge­mes­sen ange­se­hen wer­den6. Es ist auch nicht abseh­bar, dass die Ent­schei­dung des Bun­des­ta­ges erst zu einem Zeit­punkt erge­hen wird, der die Durch­füh­rung ord­nungs­ge­mä­ßer Wahl­prü­fungs­be­schwer­de­ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gefähr­det. Fer­ner sind kei­ne Grün­de erkenn­bar, die für ein vor­zei­ti­ges Ende der bestehen­den Regie­rungs­ko­ali­ti­on und eine vor­zei­ti­ge Auf­lö­sung des Deut­schen Bun­des­ta­ges spre­chen wür­den.

Auch eine noch zu erhe­ben­de, auf die Ver­let­zung der Garan­tie effek­ti­ven Rechts­schut­zes durch den Deut­schen Bun­des­tag gestütz­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de wäre unzu­läs­sig. Ent­schei­dun­gen und Maß­nah­men, die sich unmit­tel­bar auf das Wahl­ver­fah­ren bezie­hen, kön­nen nur mit den in den Wahl­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen Rechts­be­hel­fen und im Wahl­prü­fungs­ver­fah­ren ange­foch­ten wer­den7. Die Wahl­prü­fung obliegt gemäß Art. 41 Abs. 1 GG dem Deut­schen Bun­des­tag, gegen des­sen Ent­schei­dung gemäß Art. 41 Abs. 2 GG die Beschwer­de an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zuläs­sig ist. Damit wird die Kor­rek­tur etwai­ger Wahl­feh­ler ein­schließ­lich sol­cher, die Ver­let­zun­gen sub­jek­ti­ver Rech­te ent­hal­ten, dem Rechts­weg des Art.19 Abs. 4 GG ent­zo­gen8. Dar­an hat sich durch das Gesetz zur Ver­bes­se­rung des Rechts­schut­zes in Wahl­sa­chen9 nichts geän­dert10. Dem­ge­mäß ist für eine auf Art.19 Abs. 4 GG gestütz­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de im Wahl­prü­fungs­ver­fah­ren kein Raum11. Das Vor­brin­gen des Antrag­stel­lers bie­tet kei­ne Ver­an­las­sung, die­se Rechts­la­ge in Fra­ge zu stel­len.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 11. Sep­tem­ber 2018 – 2 BvQ 80/​18

  1. BVerfGE 131, 316 []
  2. vgl. BVerfGE 11, 339, 442; 27, 152, 156; 92, 130, 133 []
  3. vgl. BVerfGE 71, 158, 161; 111, 147, 152 f.; stRspr []
  4. vgl. BVerfGE 63, 73, 76; BVerfG, Beschluss vom 24.07.2018 – 2 BvQ 33/​18 7 []
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 24.07.2018 – 2 BvQ 33/​18 7; VerfGH Saar­land, Urteil vom 31.01.2011 – Lv 13/​10 83, 84 []
  6. vgl. BVerfGE 121, 266, 290; 123, 39, 65; BVerfG, Beschluss vom 24.07.2018 – 2 BvQ 33/​18 7 []
  7. vgl. BVerfGE 11, 329 f.; 14, 154, 155; 16, 128, 130; 28, 214, 219; 63, 73, 76; 83, 156, 158; BVerfG, Beschluss vom 24.07.2018 – 2 BvQ 33/​18 8 []
  8. vgl. BVerfGE 22, 277, 281; 34, 81, 94; 46, 196, 198; 66, 232, 234; BVerfG, Beschluss vom 24.07.2018 – 2 BvQ 33/​18 8 []
  9. BGBl I 2012 S. 1501 []
  10. vgl. BVerfGE 134, 135, 138 Rn. 5; BVerfG, Beschluss vom 24.07.2018 – 2 BvQ 33/​18 8 []
  11. vgl. BVerfGE 66, 232, 234; BVerfG, Beschluss vom 30.08.2017 – 2 BvQ 50/​17 1; BVerfG, Beschluss vom 24.07.2018 – 2 BvQ 33/​18 8 []