Die Zustell­fik­ti­on im Asyl­ver­fah­ren

Die Zustel­lungs­fik­ti­on nach § 10 Abs. 2 Satz 4 AsylG setzt vor­aus, dass der Betrof­fe­ne gemäß § 10 Abs. 7 AsylG schrift­lich und gegen Emp­fangs­be­stä­ti­gung auf die Zustel­lungs­vor­schrif­ten hin­ge­wie­sen wor­den ist und ihm durch eine erläu­tern­de Beleh­rung mit der gebo­te­nen Deut­lich­keit vor Augen geführt wird, wel­che Oblie­gen­hei­ten ihn im Ein­zel­nen tref­fen und wel­che Fol­gen bei deren Nicht­be­ach­tung ent­ste­hen kön­nen.

Die Zustell­fik­ti­on im Asyl­ver­fah­ren

Grund­la­ge der Aus­rei­se­pflicht des Betrof­fe­nen ist der Bescheid des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge, in dem die Abschie­bung des Betrof­fe­nen nach Frank­reich ange­ord­net wur­de (§ 34a AsylG). Ob der Bescheid dem Betrof­fe­nen zuge­stellt und die Aus­rei­se­pflicht damit voll­zieh­bar war, hat das Beschwer­de­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall nicht näher geprüft. Viel­mehr ist es ohne wei­te­re Begrün­dung davon aus­ge­gan­gen, dass die Vor­aus­set­zun­gen für eine wirk­sa­me ver­wal­tungs­recht­li­che Zustel­lungs­fik­ti­on vor­lie­gen. Damit hat das Beschwer­de­ge­richt sei­ner Auf­klä­rungs­pflicht (§ 26 FamFG) nicht genügt.

Zwar kommt hier eine Zustel­lungs­fik­ti­on auf der Grund­la­ge von § 10 Abs. 2 Satz 4 AsylG in Betracht; denn nach dem Vor­brin­gen der Rechts­be­schwer­de ergibt sich aus der Aus­län­der­ak­te, dass der Bescheid des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge dem Betrof­fe­nen nicht zuge­stellt wer­den konn­te, weil die­ser laut Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de vom 19.01.2017 "unbe­kannt ver­zo­gen" war. Die Zustel­lungs­fik­ti­on setzt aber vor­aus, dass der Betrof­fe­ne gemäß § 10 Abs. 7 AsylG schrift­lich und gegen Emp­fangs­be­stä­ti­gung auf die Zustel­lungs­vor­schrif­ten hin­ge­wie­sen wor­den ist und ihm durch eine erläu­tern­de Beleh­rung mit der gebo­te­nen Deut­lich­keit vor Augen geführt wird, wel­che Oblie­gen­hei­ten ihn im Ein­zel­nen tref­fen und wel­che Fol­gen bei deren Nicht­be­ach­tung ent­ste­hen kön­nen 1.

Ob ein sol­cher Hin­weis erfolgt und der Betrof­fe­ne in der erfor­der­li­chen qua­li­fi­zier­ten Wei­se belehrt wor­den ist 2, hat das Beschwer­de­ge­richt nicht geprüft. Soweit die betei­lig­te Behör­de im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren unter Vor­la­ge einer Kopie der Beleh­rung für Erst­an­trag­stel­ler über Mit­wir­kungs­pflich­ten in deut­scher und ara­bi­scher Spra­che vor­trägt, dass der Betrof­fe­ne bei der Antrag­stel­lung am 9.06.2016 schrift­lich belehrt wor­den sei und die Beleh­rung eigen­hän­dig unter­schrie­ben habe, han­delt es sich um neu­en Tat­sa­chen­vor­trag, der im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren nicht berück­sich­tigt wer­den kann (vgl. § 74 Abs. 3 Satz 4 FamFG i.V.m. § 559 Abs. 1 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. August 2019 – V ZB 10/​19

  1. vgl. BVerfG, Beschluss vom 10.03.1994 – 2 BvR 2371/​13, NVwZBeil.1994, 25, 26; und Beschluss vom 08.07.1996 – 2 BvR 96/​95, NVwZBeil.1996, 81, 82; Säch­si­sches OVG, Beschluss vom 30.01.2019 – 3 A 862/​18 A 6 f.; OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 18.07.2000 – 2 L 158/​00; OVG Ber­lin, Beschluss vom 02.02.1999 – 3 N 71.97 4; Beck­OK AuslR/​Preisner [1.05.2019], § 10 AsylG Rn. 45; Bergmann/​Dienelt/​Bergmann, Aus­län­der­recht, 12. Aufl., § 10 Rn. 28; Marx, AsylG, 9. Aufl., § 10 Rn. 43; NKAuslR/​Bruns, 2. Aufl., § 10 Rn. 11; Erbs/​Kohlhaas/​Hadamitzky/​Senge, Straf­recht­li­che Neben­ge­set­ze [224. EL März 2019], § 10 AsylG Rn. 7[]
  2. zu den Anfor­de­run­gen an die Beleh­rung vgl. BVerfG, Beschluss vom 10.03.1994 – 2 BvR 2371/​13, NVwZBeil.1994, 25, 26 und Beschluss vom 08.07.1996 – 2 BvR 96/​95, NVwZBeil.1996, 81, 82[]