Dienst­un­fall beim Besuch des Inte­gra­ti­ons­fach­diens­tes

Nimmt ein schwer­be­hin­der­ter Beam­ter auf eige­ne Initia­ti­ve – also ohne dienst­li­che Anord­nung oder Ver­ein­ba­rung etwa im Rah­men eines betrieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments nach § 84 SGB IX- die Unter­stüt­zung eines Inte­gra­ti­ons­fach­diens­tes in Anspruch, kann ein hier­bei erlit­te­ner Unfall nur in Aus­nah­me­fäl­len als Dienst­un­fall aner­kannt wer­den.

Dienst­un­fall beim Besuch des Inte­gra­ti­ons­fach­diens­tes

Die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eines Dienst­un­falls sind in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts geklärt. Danach umfasst der Dienst grund­sätz­lich alle Tätig­kei­ten, die der Beam­te im Rah­men der ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben des Dienst­pos­tens aus­übt.

Die Dienst­ge­schäf­te kön­nen dem Beam­ten durch Gesetz, durch Ver­ord­nung oder durch gene­rel­le und spe­zi­el­le dienst­li­che Wei­sun­gen über­tra­gen wer­den. Zum Dienst gehö­ren grund­sätz­lich auch Dienst­rei­sen, Dienst­gän­ge, dienst­li­che Ver­an­stal­tun­gen und bestimm­te Neben­tä­tig­kei­ten. Außer­halb des durch Dienst­zeit und Dienst­ort gepräg­ten Gesche­hens­ab­lau­fes ist hin­ge­gen von dem pri­va­ten Lebens­be­reich des Beam­ten als vor­ge­ge­ben aus­zu­ge­hen. Hier müs­sen neben der sub­jek­ti­ven Vor­stel­lung des Beam­ten, in Aus­übung oder im Inter­es­se des Diens­tes zu han­deln, beson­de­re objek­ti­ve Umstän­de fest­ge­stellt wer­den, die den Schluss recht­fer­ti­gen, dass die frag­li­che Ver­rich­tung des Beam­ten nicht der vor­ge­ge­be­nen Pri­vat­sphä­re, son­dern dem dienst­li­chen Bereich zuzu­rech­nen ist. Die­se Umstän­de müs­sen die wesent­li­che (objek­ti­ve) Ursa­che der Ver­rich­tung sein, bei der der Beam­te den Unfall erlei­det 1.

Das gesetz­li­che Merk­mal "in Aus­übung oder infol­ge des Diens­tes" ver­langt eine beson­ders enge ursäch­li­che Ver­knüp­fung des Ereig­nis­ses mit dem Dienst. Maß­ge­bend hier­für ist der Sinn und Zweck der beam­ten­recht­li­chen Unfall­für­sor­ge­re­ge­lung. Die­ser liegt in einem über die all­ge­mei­ne Für­sor­ge hin­aus­ge­hen­den beson­de­ren Schutz des Beam­ten bei Unfäl­len, die außer­halb sei­ner pri­va­ten (eigen­wirt­schaft­li­chen) Sphä­re im Bereich der in der dienst­li­chen Sphä­re lie­gen­den Risi­ken ein­tre­ten, also in dem Gefah­ren­be­reich, in dem der Beam­te ent­schei­dend auf­grund der Anfor­de­run­gen des Diens­tes tätig wird 2.

Aus­ge­hend vom Zweck der gesetz­li­chen Rege­lung und dem Kri­te­ri­um der Beherrsch­bar­keit des Risi­kos der Gescheh­nis­se durch den Dienst­herrn kommt dem kon­kre­ten Dienst­ort des Beam­ten eine her­aus­ge­ho­be­ne Rol­le zu. Der Beam­te steht bei Unfäl­len, die sich inner­halb des vom Dienst­herrn beherrsch­ba­ren räum­li­chen Risi­ko­be­reichs ereig­nen, unter dem beson­de­ren Schutz der beam­ten­recht­li­chen Unfall­für­sor­ge. Zu die­sem Bereich zählt der Dienst­ort, an dem der Beam­te sei­ne Dienst­leis­tung erbrin­gen muss, wenn die­ser Ort zum räum­li­chen Macht­be­reich des Dienst­herrn gehört. Risi­ken, die sich hier wäh­rend der Dienst­zeit ver­wirk­li­chen, sind dem Dienst­herrn zuzu­rech­nen, unab­hän­gig davon, ob die Tätig­keit, bei der sich der Unfall ereig­net hat, dienst­lich geprägt ist. Eine Aus­nah­me gilt nur für den Fall, dass die­se Tätig­keit vom Dienst­herrn ver­bo­ten ist oder des­sen wohl­ver­stan­de­nen Inter­es­sen zuwi­der­läuft 3.

Dienst­ort im dienst­un­fall­recht­li­chen Sin­ne ist der­je­ni­ge Ort, an dem der Beam­te die ihm über­tra­ge­nen dienst­li­chen Auf­ga­ben zu erle­di­gen hat. Sind dem Beam­ten für gewis­se Zeit Auf­ga­ben zuge­wie­sen, die er nicht an sei­nem übli­chen Dienst­ort, ins­be­son­de­re nicht an sei­nem Arbeits­platz in einem Dienst­ge­bäu­de, son­dern an einem ande­ren Ort wahr­neh­men muss, so wird die­ser Ort für die Dau­er der Auf­ga­ben­er­le­di­gung vor­über­ge­hend Dienst­ort 4.

Mit dem Merk­mal "infol­ge des Diens­tes" wer­den die Fäl­le erfasst, in denen die den Dienst­un­fall kenn­zeich­nen­de Kau­sal­ket­te zwi­schen dem den Scha­den aus­lö­sen­den Ereig­nis und dem Ein­tritt des Kör­per­scha­dens zwar wäh­rend der Erfül­lung der Dienst­ob­lie­gen­hei­ten durch den Beam­ten begon­nen, aber erst nach deren Abschluss ihr Ende gefun­den hat 5.

Durch die aus­drück­li­che Auf­füh­rung der dienst­li­chen Ver­an­stal­tung hat der Gesetz­ge­ber den gesetz­li­chen Dienst­un­fall­be­griff nicht erwei­tert. Es soll­te ledig­lich klar­ge­stellt wer­den, dass neben dem eigent­li­chen Dienst auch dienst­li­che Ver­an­stal­tun­gen zum Dienst gehö­ren 6.

Ver­an­stal­tun­gen sind kol­lek­ti­ve – für alle Beam­ten des Dienst­herrn oder einer Behör­de oder für einen bestimm­ten Kreis von Bediens­te­ten – geschaf­fe­ne Maß­nah­men oder Ein­rich­tun­gen. Die Ver­an­stal­tung muss for­mell und mate­ri­ell dienst­be­zo­gen sein 7. Um ihre ent­schei­den­de Prä­gung durch die dienst­li­che Sphä­re zu erhal­ten, muss eine Ver­an­stal­tung im Zusam­men­hang mit dem Dienst ste­hen, dienst­li­chen Inter­es­sen die­nen und, sei es unmit­tel­bar oder mit­tel­bar, von der Auto­ri­tät eines Dienst­vor­ge­setz­ten getra­gen und damit in den wei­sungs­ge­bun­de­nen Dienst­be­reich ein­be­zo­gen sein 8. Für die mate­ri­el­le Dienst­be­zo­gen­heit kommt es ent­schei­dend auf den Zusam­men­hang der Ver­an­stal­tung mit den eigent­li­chen Dienst­auf­ga­ben und dabei wie­der­um wesent­lich dar­auf an, ob die Ver­an­stal­tung dienst­li­chen Inter­es­sen dient. For­mell muss die Ver­an­stal­tung vom Dienst­herrn in die dienst­li­che Sphä­re ein­be­zo­gen und damit unmit­tel­bar oder mit­tel­bar von der Auto­ri­tät eines Dienst­vor­ge­setz­ten des Beam­ten getra­gen und in den wei­sungs­ge­bun­de­nen Bereich ein­be­zo­gen sein. Das erfor­dert nicht in jedem Fal­le, dass die Ver­an­stal­tung vom Dienst­vor­ge­setz­ten selbst getra­gen und durch­ge­führt wird; er kann damit auch ande­re Per­so­nen beauf­tra­gen 9.

Hier­aus wird deut­lich, dass bei der Fra­ge, ob eine – hier allein in Betracht kom­men­de – dienst­li­che Ver­an­stal­tung im Sin­ne des Dienst­un­fall­rechts vor­liegt, stets eine Ein­zel­fall­prü­fung unter Berück­sich­ti­gung der in der ange­führ­ten Recht­spre­chung genann­ten Kri­te­ri­en statt­zu­fin­den hat. Das gilt auch für das Auf­su­chen eines Inte­gra­ti­ons­fach­diens­tes durch einen Beam­ten.

Inte­gra­ti­ons­fach­diens­te sind Diens­te, die bei der Durch­füh­rung von Maß­nah­men zur Teil­ha­be schwer­be­hin­der­ter Men­schen am Arbeits­le­ben betei­ligt wer­den (§ 109 Abs. 1 SGB IX). Sie kön­nen sowohl die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als auch die Arbeit­ge­ber bera­ten (§ 110 Abs. 1 SGB IX). Sie wer­den tätig im Auf­trag der Inte­gra­ti­ons­trä­ger oder der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger (§ 111 Abs. 1 Satz 1 SGB IX) und arbei­ten ins­be­son­de­re mit der Bun­des­agen­tur für Arbeit und dem Arbeit­ge­ber zusam­men (§ 111 Abs. 3 SGB IX). Im Auf­trag legen Auf­trag­ge­ber und Inte­gra­ti­ons­fach­dienst Art, Umfang und Dau­er des im Ein­zel­fall not­wen­di­gen Ein­sat­zes sowie das Ent­gelt fest (§ 111 Abs. 2 SGB IX). Die bei den frei­en Trä­gern ange­sie­del­ten Inte­gra­ti­ons­fach­diens­ten sol­len die gesetz­li­chen Leis­tungs­trä­ger bei der Bera­tung und Betreu­ung im Vor­feld der Arbeits­auf­nah­me, bei der Erstel­lung von Leis­tungs­pro­fi­len, bei der Arbeits­platz­su­che, im Bewer­bungs­ver­fah­ren und nach der Arbeits­auf­nah­me bei der Sta­bi­li­sie­rung und Siche­rung der Arbeits­ver­hält­nis­se unter­stüt­zen (vgl. § 110 Abs. 2 SGB IX) 10.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann die auf eige­ner Initia­ti­ve beru­hen­de Inan­spruch­nah­me der Unter­stüt­zung eines Inte­gra­ti­ons­fach­diens­tes durch einen Beam­ten – also ohne dienst­li­che Anord­nung oder Ver­ein­ba­rung etwa im Rah­men eines betrieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments nach § 84 SGB IX 11 – allen­falls in einem beson­de­ren Aus­nah­me­fall die dar­ge­leg­ten Anfor­de­run­gen eines Dienst­un­falls erfül­len. Es bedarf stets der – hier vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt vor­ge­nom­me­nen – Ein­zel­fall­prü­fung an Hand der dar­ge­leg­ten Kri­te­ri­en.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Juli 2014 – 2 B 652.2013 -

  1. stRspr; Urteil vom 03.11.1976 – 6 C 203.73, BVerw­GE 51, 220, 222 m.w.N.; Beschluss vom 22.06.2005 – 2 B 107.04[]
  2. BVerwG, Urteil vom 29.08.2013 – 2 C 1.12, NVwZ-RR 2014, 152 Rn. 10 m.w.N.[]
  3. BVerwG, Urteil vom 29.08.2013 a.a.O. Rn. 11 m.w.N.[]
  4. BVerwG, Urteil vom 29.08.2013 a.a.O. Rn. 12 m.w.N.[]
  5. BVerwG, Urteil vom 29.08.2013 a.a.O. Rn. 13 m.w.N.[]
  6. BVerwG, Urteil vom 29.08.2013 a.a.O. Rn. 16 m.w.N.[]
  7. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 19.04.1967 – 6 C 96.63, Buch­holz 232 § 135 BBG Nr. 32; vom 13.08.1973 – 6 C 26.70, Buch­holz 232 § 135 BBG Nr. 51; und vom 31.01.1974 – 2 C 7.73, Buch­holz 232 § 135 BBG Nr. 52[]
  8. BVerwG, Urteil vom 29.08.2013 a.a.O. Rn. 17 m.w.N.[]
  9. BVerwG, Urteil vom 23.02.1989 – 2 C 38.86, BVerw­GE 81, 265, 267[]
  10. Ernst, in: Ernst/​Adlhoch/​Seel, SGB IX Stand Janu­ar 2014, Vor § 109 SGB IX, Rn. 1[]
  11. vgl. zum betrieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment bei Beam­ten: BVerwG, Urteil vom 05.06.2014 – 2 C 22.13[]