Dub­lin III – und die Über­stel­lungs­frist in Corona-Zeiten

Der EuGH soll es rich­ten: Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Vor­ab­ent­schei­dung des Klä­rung ange­ru­fen, ob eine behörd­li­che Aus­set­zung der Voll­zie­hung einer Abschie­bungs­an­ord­nung wegen tat­säch­li­cher Unmög­lich­keit der Abschie­bung infol­ge der COVID 19-Pan­de­mie geeig­net ist, den Lauf der in Art. 29 Abs. 1 Dub­lin III-Ver­ord­nung vor­ge­se­he­nen Über­stel­lungs­frist zu unterbrechen.

Dub­lin III – und die Über­stel­lungs­frist in Corona-Zeiten

Dem liegt der Fall eines nach eige­nen Anga­ben nige­ria­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen zugrun­de. Die­ser war über Ita­li­en ein­ge­reist, das sich Ende August 2019 zur Über­nah­me des Flücht­lings bereit erklärt hat­te. Sei­nen Asyl­an­trag lehn­te das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) dar­auf­hin mit Bescheid vom 29. August 2019 als unzu­läs­sig ab und ord­ne­te sei­ne Abschie­bung nach Ita­li­en an.

Hier­ge­gen erhob der Flücht­ling Kla­ge. Sei­nen Antrag auf Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes lehn­te das Ver­wal­tungs­ge­richt Aachen Anfang Okto­ber 2019 ab1. Im Febru­ar 2020 teil­te das ita­lie­ni­sche Innen­mi­nis­te­ri­um mit, auf­grund der durch die COVID 19-Pan­de­mie aus­ge­lös­ten Gesund­heits­si­tua­ti­on erfolg­ten kei­ne Über­stel­lun­gen von und nach Ita­li­en mehr. Dar­auf­hin setz­te das BAMF mit Schrei­ben an den Flücht­ling vom 5. März 2020 die Voll­zie­hung der Abschie­bungs­an­ord­nung gemäß § 80 Abs. 4 VwGO i.V.m. Art. 27 Abs. 4 Dub­lin III-VO bis auf Wei­te­res aus, weil im Hin­blick auf die COVID 19-Pan­de­mie der­zeit Dub­lin-Über­stel­lun­gen nicht mög­lich sei­en. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben, weil die sechs­mo­na­ti­ge Über­stel­lungs­frist (Art. 29 Abs. 2 Dub­lin III-VO) abge­lau­fen und die Zustän­dig­keit für die Prü­fung des Asyl­ge­suchs auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­ge­gan­gen sei. Die behörd­li­che Aus­set­zung der Voll­zie­hung der Abschie­bungs­an­ord­nung habe uni­ons­recht­lich nicht zu einer Unter­bre­chung der Über­stel­lungs­frist geführt, weil die Dub­lin III-VO kei­ne vom Abschluss des kon­kre­ten Rechts­mit­tels los­ge­lös­te Aus­set­zung der Voll­zie­hung vorsehe.

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Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sieht in die­sem Fall – genau­so wie in einem wei­te­ren Fall mit ver­gleich­ba­rem Sach­ver­halt2 – uni­ons­recht­li­chen Klä­rungs­be­darf hin­sicht­lich der Fra­ge, ob eine behörd­li­che Aus­set­zung der Voll­zie­hung der Über­stel­lungs­ent­schei­dung, die an eine pan­de­mie­be­ding­te tat­säch­li­che Unmög­lich­keit einer Über­stel­lung anknüpft, den Lauf der Dub­lin-Über­stel­lungs­frist unterbricht.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Janu­ar 2021 – 1 C 52.20

  1. VG Aachen, Urteil vom 10.06.2020 – 9 K 2584/19.A[]
  2. BVerwG – 1 C 53.20[]
  3. Hess. VGH, Beschluss vom 22.10.2020 – 7 B 1913/​20[]

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