Dub­lin-Rege­lun­gen zum Min­der­jäh­ri­gen­schutz – und der Anspruch auf ihre Ein­hal­tung

Ein unbe­glei­te­ter Min­der­jäh­ri­ger hat einen Anspruch dar­auf, dass über sei­nen Asyl­an­trag in dem Staat ent­schie­den wird, der nach den Dub­lin-Bestim­mun­gen für ihn zustän­dig ist. Inso­weit sind die Bestim­mun­gen der Dub­lin-Ver­ord­nun­gen indi­vi­du­al­schüt­zend.

Dub­lin-Rege­lun­gen zum Min­der­jäh­ri­gen­schutz – und der Anspruch auf ihre Ein­hal­tung

Die­ser Ent­schei­dung des­Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts lag der Fall eines ira­ki­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen zugrun­de, der Anfang 2010 als Min­der­jäh­ri­ger in Deutsch­land einen Asyl­an­trag stell­te. Zuvor hat­te er in Bel­gi­en ohne Erfolg um Asyl nach­ge­sucht. Nach­dem die bel­gi­schen Behör­den einer Wie­der­auf­nah­me des Flücht­lings im Rah­men des Dub­lin-Ver­fah­rens zuge­stimmt hat­ten, lehn­te das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) den Asyl­an­trag im April 2011 wegen ander­wei­ti­ger inter­na­tio­na­ler Zustän­dig­keit als unzu­läs­sig ab und ord­ne­te die Abschie­bung des Flücht­lings nach Bel­gi­en an.

Sei­ne Kla­ge hat­te in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt 1 und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richts des Saar­lands 2 Erfolg. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des Saar­lan­des begrün­de­te die Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Bescheids damit, dass Deutsch­land nach den Dub­lin-Bestim­mun­gen die Prü­fung des Asyl­an­trags oblie­ge, weil der Flücht­ling bei Antrag­stel­lung min­der­jäh­rig gewe­sen sei. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die­se Ent­schei­dung bestä­tigt und die Revi­si­on des BAMF zurück­ge­wie­sen:

Nach Art. 6 der Dub­lin II-Ver­ord­nung ist, soweit kein Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger anwe­send ist, der Mit­glied­staat zustän­dig, in dem der Min­der­jäh­ri­ge sei­nen Asyl­an­trag gestellt hat.

Die­se Vor­schrift dient – im Gegen­satz zu ande­ren in der Dub­lin II-Ver­ord­nung fest­ge­leg­ten Zustän­dig­keits­kri­te­ri­en – nicht nur der orga­ni­sa­to­ri­schen Abwick­lung des Dub­lin-Ver­fah­rens zwi­schen den Mit­glied­staa­ten, son­dern auch dem Min­der­jäh­ri­gen­schutz.

Der Asyl­su­chen­de hat daher einen Anspruch auf Ein­hal­tung die­ser (auch) dem Grund­rechts­schutz die­nen­den Zustän­dig­keits­be­stim­mung. Hat ein Min­der­jäh­ri­ger – wie hier – in meh­re­ren Staa­ten um Asyl nach­ge­sucht, ist nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on in sei­nem Urteil vom 06.06.2013 3 der Staat zustän­dig, in dem sich der Min­der­jäh­ri­ge auf­hält, nach­dem er dort einen Asyl­an­trag gestellt hat. Dies gilt nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts auch, wenn der Min­der­jäh­ri­ge nach Abschluss eines Asyl­ver­fah­rens erneut in einem ande­ren Mit­glied­staat Asyl bean­tragt. In die­sem Fall ist es dem Auf­ent­halts­mit­glied­staat aller­dings nicht ver­wehrt, den Zweit­an­trag aus ande­ren Grün­den als unzu­läs­sig zu behan­deln, etwa weil es sich um einen iden­ti­schen Antrag ohne neue Grün­de han­delt.

Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen hier vor­lie­gen, konn­te offen blei­ben. Denn das Bun­des­amt hat den Asyl­an­trag wegen ander­wei­ti­ger inter­na­tio­na­ler Zustän­dig­keit nach § 27a AsylG als unzu­läs­sig abge­lehnt.

Die­se Ent­schei­dung kann im Gerichts­ver­fah­ren wegen der ungüns­ti­ge­ren Rechts­fol­gen nicht in eine die Durch­füh­rung eines (wei­te­ren) Asyl­ver­fah­rens ableh­nen­de Zweit­an­trags­ent­schei­dung nach § 71a AsylG umge­deu­tet wer­den. Denn eine Ent­schei­dung nach § 27a AsylG führt zur Über­stel­lung des Asyl­su­chen­den in einen ande­ren – zur Prü­fung sei­nes Asyl­an­trags zustän­di­gen – "siche­ren" Dub­lin-Staat. Mit einer nega­ti­ven Ent­schei­dung nach § 71a AsylG endet hin­ge­gen das Asyl­ver­fah­ren, und der Betrof­fe­ne kann – bei Vor­lie­gen der wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen – grund­sätz­lich in jeden auf­nah­me­be­rei­ten Staat ein­schließ­lich sei­nes Her­kunfts­staats abge­scho­ben wer­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 16. Novem­ber 2015 – 1 C 42015

  1. VG Saar­land, Urteil vom 20.07.2012 – 6 K 457/​11[]
  2. OVG Saar­land, Urteil vom 09.12.2014 – 2 A 313/​13[]
  3. BVerwG, Urteil vom 06.06.2013 – C‑648/​11, M. A. u.a.[]