Effek­ti­ver Rechts­schutz im Asyl­ver­fah­ren

Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG gewähr­leis­tet nicht nur, dass jeder poten­ti­ell rechts­ver­let­zen­de Akt der Exe­ku­ti­ve in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht der rich­ter­li­chen Prü­fung unter­stellt ist. Viel­mehr müs­sen die Gerich­te den betrof­fe­nen Rech­ten auch tat­säch­li­che Wir­kung ver­schaf­fen 1.

Effek­ti­ver Rechts­schutz im Asyl­ver­fah­ren

Geht es in einem fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren um die Fra­ge, ob ein Fol­ge­an­trag gemäß § 71 AsylG wegen einer nach­träg­li­chen Ände­rung der Sach- oder Rechts­la­ge zuguns­ten des Betrof­fe­nen zuläs­sig ist, genügt es, wenn der Asyl­be­wer­ber eine Ände­rung der all­ge­mei­nen poli­ti­schen Ver­hält­nis­se oder Lebens­be­din­gun­gen im Hei­mat­staat oder der sein per­sön­li­ches Schick­sal bestim­men­den Umstän­de im Ver­hält­nis zu der der frü­he­ren Asy­l­ent­schei­dung zugrun­de geleg­ten Sach­la­ge glaub­haft und sub­stan­ti­iert vor­trägt. Es genügt mit­hin schon die Mög­lich­keit einer güns­ti­ge­ren Ent­schei­dung auf­grund der gel­tend gemach­ten Wie­der­auf­grei­fens­grün­de 2.

Nicht von Bedeu­tung ist, ob der neue Vor­trag im Hin­blick auf das glaub­haf­te per­sön­li­che Schick­sal des Antrag­stel­lers sowie unter Berück­sich­ti­gung der all­ge­mei­nen Ver­hält­nis­se im angeb­li­chen Ver­fol­ger­land tat­säch­lich zutrifft, die Ver­fol­gungs­furcht begrün­det erschei­nen lässt und die Annah­me einer rele­van­ten Ver­fol­gung recht­fer­tigt. Die­se Prü­fung hat im Rah­men eines neu­en, mit den Ver­fah­rens­ga­ran­ti­en des Asyl­ge­set­zes aus­ge­stat­te­ten mate­ri­el­len Aner­ken­nungs­ver­fah­rens zu erfol­gen. Ledig­lich wenn das Vor­brin­gen des Antrag­stel­lers zwar glaub­haft und sub­stan­ti­iert, jedoch von vorn­her­ein nach jeder ver­tret­ba­ren Betrach­tungs­wei­se unge­eig­net ist, zur Asyl­be­rech­ti­gung bezie­hungs­wei­se zur Zuer­ken­nung inter­na­tio­na­len Schut­zes zu ver­hel­fen, darf der Fol­ge­an­trag als unzu­läs­sig abge­lehnt bezie­hungs­wei­se die Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung gericht­lich bestä­tigt wer­den 3.

Dies zugrun­de gelegt, hal­ten in dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über­prüf­ten Ver­fah­ren die Erwä­gun­gen, mit denen das Ver­wal­tungs­ge­richt Cott­bus den Anspruch des Beschwer­de­füh­rers auf ein Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens ver­neint hat 4, einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Über­prü­fung nicht stand. Durch die Annah­me, eine für den Beschwer­de­füh­rer güns­ti­ge­re Ent­schei­dung erschei­ne nicht ein­mal mög­lich, hat das Ver­wal­tungs­ge­richt den Anwen­dungs­be­reich der Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung beim Fol­ge­an­trag unter Ver­let­zung des Gebots effek­ti­ven Rechts­schut­zes über­dehnt.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat es in den ange­grif­fe­nen Beschlüs­sen offen­ge­las­sen, ob die Homo­se­xua­li­tät des Beschwer­de­füh­rers glaub­haft ist und ob die Frist des § 51 Abs. 3 VwVfG einem Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens ent­ge­gen­steht. Es hat die Bestä­ti­gung der Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung des Bun­des­am­tes aus­schließ­lich dar­auf gestützt, dass jeden­falls kei­ne Mög­lich­keit einer güns­ti­ge­ren Ent­schei­dung für den Beschwer­de­füh­rer bestehe, weil ihm in Paki­stan kei­ne Ver­fol­gung wegen sei­ner Homo­se­xua­li­tät dro­he.

Dies wird den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen, nach denen ein Fol­ge­an­trag nach § 71 AsylG nur dann als unzu­läs­sig abge­lehnt bezie­hungs­wei­se die behörd­li­che Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung gericht­lich bestä­tigt wer­den darf, wenn das Fol­ge­an­trags­vor­brin­gen von vorn­her­ein nach jeder ver­tret­ba­ren Betrach­tungs­wei­se unge­eig­net ist, zur Asyl­be­rech­ti­gung bezie­hungs­wei­se zur Zuer­ken­nung inter­na­tio­na­len Schut­zes zu ver­hel­fen, nicht gerecht.

Die Fra­ge, ob homo­se­xu­el­le Män­ner in Paki­stan von staat­li­cher oder nicht­staat­li­cher Ver­fol­gung bedroht sind, ist weder höchst­rich­ter­lich geklärt noch wird sie in der Recht­spre­chung ein­heit­lich beur­teilt 5.

Die Klä­rung, ob die – unstrei­tig exis­tie­ren­de – staat­li­che und nicht­staat­li­che Ver­fol­gung und Dis­kri­mi­nie­rung von Homo­se­xu­el­len in Paki­stan eine hin­rei­chen­de Ver­fol­gungs­dich­te erreicht, um die Regel­ver­mu­tung eige­ner Ver­fol­gung zu recht­fer­ti­gen, muss im wie­der­auf­zu­neh­men­den Asyl­ver­fah­ren statt­fin­den. Der vom Ver­wal­tungs­ge­richt auf­ge­stell­te Ober­satz, Vor­aus­set­zung für die Durch­füh­rung eines wei­te­ren Asyl­ver­fah­rens gemäß § 51 Abs. 1 VwVfG sei, dass sich die dem Ver­wal­tungs­akt zugrun­de­lie­gen­de Sach- oder Rechts­la­ge nach­träg­lich zuguns­ten des Betrof­fe­nen geän­dert habe oder neue Beweis­mit­tel vor­lä­gen, "die eine dem Betrof­fe­nen güns­ti­ge­re Ent­schei­dung her­bei­ge­führt haben wür­den", geht fehl.

Die Bestä­ti­gung der Unzu­läs­sig­keit des Asyl­fol­ge­an­trags im gericht­li­chen Eil­ver­fah­ren bringt für den Beschwer­de­füh­rer erheb­li­che ver­fah­rens­recht­li­che Nach­tei­le mit sich (Ent­behr­lich­keit einer per­sön­li­chen Anhö­rung gemäß § 71 Abs. 3 Satz 3 AsylG; Voll­zieh­bar­keit der Abschie­bung ab der Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung bzw. deren gericht­li­cher Bestä­ti­gung im einst­wei­li­gen Rechts­schutz­ver­fah­ren gemäß § 74 Abs. 4, 5 AsylG). Auch die­ser Umstand steht einer weit­ge­hen­den Ver­la­ge­rung der Bewer­tung einer unkla­ren Tat­sa­chen­la­ge in die Ent­schei­dung über die Fra­ge, ob ein Fol­ge­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren ist, ent­ge­gen.

Hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de schon wegen der Ver­let­zung des Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG Erfolg, bedarf es kei­ner Ent­schei­dung, ob die wei­ter gel­tend gemach­ten Grund­rechts­ver­stö­ße vor­lie­gen.

Die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se beru­hen auf der fest­ge­stell­ten Grund­rechts­ver­let­zung. Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass das Ver­wal­tungs­ge­richt bei hin­rei­chen­der Berück­sich­ti­gung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben zu einer ande­ren, für den Beschwer­de­füh­rer güns­ti­ge­ren Ent­schei­dung gelangt wäre.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Dezem­ber 2019 – 2 BvR 1600/​19

  1. vgl. BVerfGE 35, 263, 274; 40, 272, 275; 67, 43, 58; 84, 34, 49; stRspr[]
  2. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 13.03.1993 – 2 BvR 1988/​92, Rn. 23; vom 11.05.1993 – 2 BvR 2245/​92, Rn. 22; und vom 03.03.2000 – 2 BvR 39/​98, Rn. 32; Dick­ten, in: Kluth/​Heusch, Beck­OK Aus­län­der­recht, 23. Edi­ti­on, Stand 01.08.2019, § 71 AsylG Rn. 18[]
  3. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 13.03.1993 – 2 BvR 1988/​92, Rn. 23; vom 11.05.1993 – 2 BvR 2245/​92, Rn. 22; und vom 03.03.2000 – 2 BvR 39/​98, Rn. 32[]
  4. VG Cott­bus, Beschluss vom 06.08.2019 – VG 4 L 290/19.A; und vom 30.08.2019 – VG 4 L 437/​19.A[]
  5. Beja­hung von Ver­fol­gung: VG Trier, Urteil vom 23.11.2017 – 2 K 9945/​16.TR, juris; VG Frei­burg, Urteil vom 05.10.2017 – A 6 K 4389/​16, S. 14; VG Han­no­ver, Urteil vom 14.11.2018 – 11 A 5244/​17, juris; VG Ber­lin, Urteil vom 28.06.2018 – VG 6 K 1614.16.A, S. 14; VG Pots­dam, Urteil vom 21.03.2017 – VG 11 K 250/15.A, S. 15; VG Gel­sen­kir­chen, Urteil vom 14.10.2016 – 2a K 5150/​16.A., juris; VG Augs­burg, Urteil vom 31.10.2014 – Au 3 K 14.3022, juris; Ver­nei­nung von Ver­fol­gung: VG Mün­chen, Urteil vom 18.10.2018 – M 10 K 17.30550, juris; VG Olden­burg, Urteil vom 20.03.2017 – 5 A 3921/​15, MiLO; VG Cott­bus, Urteil vom 02.08.2018 – 4 K 726/​18.A.[]