Ehe­schlie­ßung nach der Flucht – und der Nach­zug zum sub­si­di­är schutz­be­rech­tig­ten Ehegatten

Einem Nach­zug des Ehe­gat­ten eines sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten steht der Umstand, dass die Ehe nicht bereits vor der Flucht geschlos­sen wur­de, nicht ent­ge­gen, wenn der beson­de­re Schutz von Ehe und Fami­lie die Gestat­tung einer Wie­der­auf­nah­me der fami­liä­ren Lebens­ge­mein­schaft im Bun­des­ge­biet gebietet.

Ehe­schlie­ßung nach der Flucht – und der Nach­zug zum sub­si­di­är schutz­be­rech­tig­ten Ehegatten

Dies hat jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig im Fall einer Syrie­rin ent­schie­den, die die Ertei­lung eines Visums zum Zwe­cke des Fami­li­en­nach­zugs zu ihrem sub­si­di­är schutz­be­rech­tig­ten Ehe­mann bzw. Vater des im März 2016 gebo­re­nen gemein­sa­men Soh­nes begehr­te. Die­ser floh eige­nen Anga­ben zufol­ge im Jahr 2012 gemein­sam mit sei­ner spä­te­ren Ehe­frau aus Syri­en nach Jor­da­ni­en. Dort schlos­sen sie im Juli 2014 die Ehe. Im Sep­tem­ber 2015 reis­te der Ehe­mann in das Bun­des­ge­biet ein. Nach Zuer­ken­nung des sub­si­diä­ren Schutz­sta­tus wur­de ihm im Novem­ber 2017 eine Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 2 Alt. 2 Auf­en­thG erteilt. Im März 2019 erteil­te ihm die Bun­des­re­pu­blik ein natio­na­les Visum zum Fami­li­en­nach­zug. Ein ent­spre­chen­der Antrag blieb ohne Erfolg.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin hat die inso­weit erho­be­ne Kla­ge abge­wie­sen1. Auf die Sprung­re­vi­si­on hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin auf­ge­ho­ben und das Ver­fah­ren an die­ses zurückverwiesen:

Ein Anspruch des Ehe­gat­ten auf Ertei­lung eines Visums zum Zwe­cke des Fami­li­en­nach­zugs zum sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten schei­det gemäß § 36a Abs. 3 Nr. 1 Auf­en­thG in der Regel aus, wenn die Ehe nicht bereits vor der Flucht geschlos­sen wur­de. Dies ist der Fall, wenn sie erst nach Ver­las­sen des Her­kunfts­lan­des ein­ge­gan­gen wur­de. Eine Aus­nah­me von die­sem Regel­aus­schluss­grund kann sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts nicht allein aus Situa­tio­nen erge­ben, die ihren Grund unmit­tel­bar in der all­ge­mei­nen Lage im Her­kunfts­land des sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten haben. Der beson­de­re Schutz von Ehe und Fami­lie gebie­tet es viel­mehr, das Inter­es­se an der Wie­der­her­stel­lung der fami­liä­ren Lebens­ge­mein­schaft mit dem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten bereits bei der Prü­fung eines Aus­nah­me­fal­les ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen. Dabei ist von maß­geb­li­cher Bedeu­tung, ob der Fami­lie eine Fort­dau­er der räum­li­chen Tren­nung zumut­bar und eine Wie­der­auf­nah­me der fami­liä­ren Lebens­ge­mein­schaft in dem Auf­ent­halts­staat des den Nach­zug begeh­ren­den Ehe­gat­ten mög­lich und zumut­bar ist. Bei der Bemes­sung der zumut­ba­ren Tren­nungs­dau­er ist dem Wohl eines gemein­sa­men Klein­kin­des beson­de­res Gewicht bei­zu­mes­sen. Dem Ver­wal­tungs­ge­richt war daher Gele­gen­heit zu geben, die inso­weit erfor­der­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen nachzuholen.

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Mit Blick auf die in § 36a Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG vor­ge­se­he­ne Beschrän­kung der Ertei­lung von monat­lich höchs­tens 1 000 Visa kann es zudem gebo­ten sein, die Bun­des­re­pu­blik zugleich für den Fall einer Nicht­be­rück­sich­ti­gung bei der Aus­wahl­ent­schei­dung nach § 36a Abs. 2 Satz 1 Auf­en­thG zur Ertei­lung eines Visums zum Zwe­cke einer Auf­nah­me aus dem Aus­land nach Maß­ga­be des § 22 Satz 1 Auf­en­thG zu ver­pflich­ten, sofern der Schutz von Ehe und Fami­lie ver­fas­sungs­recht­lich ein sol­ches Gewicht erreicht, dass der Nach­zug im kon­kre­ten Ein­zel­fall aus­nahms­wei­se gebo­ten ist.

Dem­ge­gen­über steht der Ertei­lung eines Visums zum Zwe­cke des Nach­zugs zu dem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten nach Maß­ga­be des § 36 Abs. 2 Satz 1 Auf­en­thG ent­ge­gen, dass der Ehe­gat­te nicht sons­ti­ger Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger im Sin­ne der Norm ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 17. Dezem­ber 2020 – 1 C 30.19

  1. VG Ber­lin, Urteil vom 28.06.2019 – 38 K 43.19 V[]

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