Ein straf­fäl­lig gewor­de­ner jüdi­scher Emi­grant aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on

Seit Inkraft­tre­ten des Zuwan­de­rungs­ge­set­zes am 1. Janu­ar 2005 gel­ten jüdi­sche Emi­gran­ten aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on, die von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land seit 1991 auf­ge­nom­men wor­den sind, nicht als Kon­tin­gent­flücht­lin­ge. Genau­so­we­nig besteht zu ihren Guns­ten auto­ma­tisch ein Abschie­bungs­schutz nach Art. 33 GFK bzw. § 60 Abs. 1 Auf­en­thG.

Ein straf­fäl­lig gewor­de­ner jüdi­scher Emi­grant aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on

So die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts im Fall eines 46 jäh­ri­gen rus­si­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, der 1997 als jüdi­scher Emi­grant aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on in Deutsch­land auf­ge­nom­men wor­den war. Im Dezem­ber 2003 wur­de er wegen Mor­des zu einer Frei­heits­stra­fe von 12 Jah­ren ver­ur­teilt. Die Straf­kam­mer ging von einer erheb­li­chen Ver­min­de­rung sei­ner Steue­rungs­fä­hig­keit wegen des Vor­lie­gens einer psy­chi­schen Erkran­kung aus. Die beklag­te Aus­län­der­be­hör­de wies den Klä­ger im Febru­ar 2006 aus und droh­te ihm die Abschie­bung in die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on an.

Die gegen die Aus­wei­sung gerich­te­te Kla­ge hat der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof abge­wie­sen; inso­weit ist sei­ne Ent­schei­dung rechts­kräf­tig. Die Abschie­bungs­an­dro­hung hat er auf­ge­ho­ben, da jüdi­sche Emi­gran­ten aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on auf­grund eines Beschlus­ses der Regie­rungs­chefs des Bun­des und der Län­der vom 9. Janu­ar 1991 die Rechts­stel­lung von Kon­tin­gent­flücht­lin­gen ent­spre­chend § 1 des Geset­zes über Maß­nah­men für im Rah­men huma­ni­tä­rer Hilfs­ak­tio­nen auf­ge­nom­me­ne Flücht­lin­ge – Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­setz – genie­ßen wür­den. Sie könn­ten sich auch ohne Vor­lie­gen eines Ver­fol­gungs­schick­sals auf das flücht­lings­recht­li­che Abschie­bungs­ver­bot (Art. 33 GFK bzw. § 60 Abs. 1 Auf­en­thG) beru­fen. Denn die Auf­nah­me die­ses Per­so­nen­krei­ses sei vor dem Hin­ter­grund der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus erfolgt. Zudem dür­fe der Klä­ger auch des­halb nicht abge­scho­ben wer­den, weil er herz­krank sei und die not­wen­di­ge medi­zi­ni­sche Behand­lung in der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on nicht finan­zie­ren kön­ne (§ 60 Abs. 7 Satz 1 Auf­en­thG). 1

Die­ser Auf­fas­sung ist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht gefolgt und hat die Ent­schei­dung des Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof auf­ge­ho­ben. In sei­nem Urteil hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt offen gelas­sen, ob die dem Klä­ger durch die Auf­nah­me im Jahr 1997 ver­mit­tel­te Rechts­stel­lung in ent­spre­chen­der Anwen­dung des Kon­tin­gent­flücht­lings­ge­set­zes das Abschie­bungs­ver­bot des Art. 33 GFK bzw. § 60 Abs. 1 Auf­en­thG umfasst hat. Denn jeden­falls mit Inkraft­tre­ten des Zuwan­de­rungs­ge­set­zes zum 1. Janu­ar 2005 hat der Gesetz­ge­ber die Rech­te die­ser Per­so­nen­grup­pe neu gere­gelt. Nach dem nun­mehr gel­ten­den § 23 Abs. 2 Auf­en­thG kann das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Inne­ren zur Wah­rung beson­ders gela­ger­ter poli­ti­scher Inter­es­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gegen­über dem Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge anord­nen, Aus­län­dern aus bestimm­ten Staa­ten oder bestimm­ten Aus­län­der­grup­pen eine Auf­nah­me­zu­sa­ge zu ertei­len. Die­sen wird nach der Ein­rei­se ein huma­ni­tä­rer Auf­ent­halts­ti­tel erteilt; Abschie­bungs­schutz nach Art. 33 GFK bzw. § 60 Abs. 1 Auf­en­thG genie­ßen sie nicht. Aus den Über­gangs­vor­schrif­ten des Auf­ent­halts­ge­set­zes ergibt sich, dass die Neu­re­ge­lung auch die zukünf­ti­ge Rechts­stel­lung der vor dem 1. Janu­ar 2005 auf­ge­nom­me­nen jüdi­schen Emi­gran­ten abschlie­ßend aus­for­men soll. Dage­gen bestehen auch aus dem Gesichts­punkt des Ver­trau­ens­schut­zes kei­ne Beden­ken, da die Betrof­fe­nen ein Dau­er­auf­ent­halts­recht besit­zen und ihnen die Mög­lich­keit ver­bleibt, bei Furcht vor Ver­fol­gung einen Asyl­an­trag zu stel­len.

Die Annah­me des Beru­fungs­ge­richts, wegen der Herz­er­kran­kung grei­fe das Abschie­bungs­ver­bot des § 60 Abs. 7 Satz 1 Auf­en­thG zuguns­ten des Klä­gers ein, ver­stößt eben­falls gegen Bun­des­recht. Sie ver­fehlt die Maß­stä­be, die bei der Pro­gno­se des künf­ti­gen Krank­heits­ver­laufs und der Erreich­bar­keit der not­wen­di­gen medi­zi­ni­schen Behand­lung anzu­le­gen sind. Zur Nach­ho­lung der dafür not­wen­di­gen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Sache an den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zurück­ver­wie­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 22. März 2012 – 1 C 3.11

  1. VGH Mün­chen, Beschluss vom 22.12.2010 – 19 B 09.824[]