Ein­heit­li­che Maß­stä­be bei Wider­ruf der Flücht­lings­an­er­ken­nung

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat heu­te ent­schie­den, dass f

Ein­heit­li­che Maß­stä­be bei Wider­ruf der Flücht­lings­an­er­ken­nung

Für den Wider­ruf der Flücht­lings­an­er­ken­nung wegen Ände­rung der poli­ti­schen Ver­hält­nis­se im Her­kunfts­land gel­ten ein­heit­li­che Maß­stä­be bei der Beur­tei­lung der Gefahr künf­ti­ger Ver­fol­gung. Es kommt mit­hin nicht dar­auf an, ob der Aus­län­der wegen im Hei­mat­land erlit­te­ner Vor­ver­fol­gung oder aus­schließ­lich wegen Nach­flucht­ak­ti­vi­tä­ten in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aner­kannt wor­den ist.

Dies beton­te jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in dem Fall eines tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen kur­di­scher Volks­zu­ge­hö­rig­keit, der wegen sei­ner exil­po­li­ti­schen Akti­vi­tä­ten in Deutsch­land als Flücht­ling aner­kannt wur­de. Im Jahr 2008 wider­rief das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge die­se Aner­ken­nung. Auf­grund der geän­der­ten Ver­hält­nis­se in der Tür­kei habe der Klä­ger wegen sei­ner Nach­flucht­ak­ti­vi­tä­ten poli­ti­sche Ver­fol­gung nicht mehr mit der erfor­der­li­chen beacht­li­chen Wahr­schein­lich­keit zu befürch­ten.

Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ver­wal­tungs­ge­richt hat die hier­ge­gen erho­be­ne Kla­ge abge­wie­sen 1. Auf die Beru­fung des Klä­gers hat ihr dage­gen das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt statt­ge­ge­ben, weil eine poli­ti­sche Ver­fol­gung des Klä­gers trotz des Wan­dels in der Tür­kei – gemes­sen an einem her­ab­ge­stuf­ten Wahr­schein­lich­keits­maß­stab – nicht hin­rei­chend sicher aus­ge­schlos­sen sei2.

Auf die Revi­si­on des Bun­des­am­tes hat nun das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und den Rechts­streit an das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen. Im Anschluss an sein Urteil vom 24. Febru­ar 2011 3 hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt klar­ge­stellt, dass die in § 73 Abs. 1 Satz 2 und 3 AsylVfG gere­gel­ten Wider­rufs­vor­aus­set­zun­gen im Lich­te der Art. 11 Abs. 2 und Art. 14 Abs. 2 der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie 2004/​83/​EG aus­zu­le­gen sind.

Die Been­di­gung der Flücht­lings­ei­gen­schaft ist hier­nach grund­sätz­lich das Spie­gel­bild der Aner­ken­nung: Die­se Eigen­schaft ent­fällt schon dann, wenn die poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen der Umstän­de im Her­kunfts­land des Flücht­lings so erheb­lich und nicht nur vor­über­ge­hend sind, dass sei­ne Furcht vor Ver­fol­gung nicht län­ger als begrün­det ange­se­hen wer­den kann. Dies hat das Bun­des­amt nach­zu­wei­sen.

Nach die­ser beweis­recht­li­chen Kon­zep­ti­on der Richt­li­nie, die auch der Wie­der­ho­lungs­ver­mu­tung für Vor­ver­folg­te in Art. 4 Abs. 4 bei der Flücht­lings­an­er­ken­nung zugrun­de liegt, ist nicht mehr an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung fest­zu­hal­ten. Die­se hat­te für den Wider­ruf der Flücht­lings­an­er­ken­nung ver­langt, dass eine Wie­der­ho­lung der für die Flucht maß­geb­li­chen Ver­fol­gungs­maß­nah­men mit hin­rei­chen­der Sicher­heit aus­ge­schlos­sen ist. Aus­rei­chend ist nun­mehr, dass sich die Lage im Her­kunfts­land im Ver­gleich zum Zeit­punkt der Aner­ken­nung erheb­lich, d.h. deut­lich und wesent­lich geän­dert hat, und infol­ge der Ver­än­de­run­gen der poli­ti­schen Ver­hält­nis­se kei­ne beacht­li­che Wahr­schein­lich­keit einer Ver­fol­gung mehr besteht. Die der Flücht­lings­an­er­ken­nung zugrun­de lie­gen­den Umstän­de müs­sen dabei dau­er­haft besei­tigt sein; ver­langt wird eine Pro­gno­se sta­bi­ler Ver­hält­nis­se auf abseh­ba­re Zeit. Da das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Ver­fol­gungs­pro­gno­se einen unzu­tref­fen­den Maß­stab zugrun­de gelegt hat, hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Sache zur erneu­ten Prü­fung an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 1. Juni 2011 – 10 C 10.10

  1. Schles­wig-Hol­stei­ni­sches VG, Urteil vom 07.04.2009 – 2 A 99/​08[]
  2. Schles­wig-Hol­stei­ni­sches OVG, Urteil vom 09.02.2010 – 4 LB 9/​09[]
  3. BVerwG, Urteil vom 242.02.2011 – 10 C 3.10[]